Mit dem Mond im Gespräch

Heute Abend erzählt mir der Mond, aus einem Buch, einem herausscheinenden, einem gesprächigen, einem unendlich guten Buch. ›Der Mond. Eine Phantasie‹ von Jiří Mahen. Ich blinzle durch das Fenster in die Dunkelheit, fixiere den Nachthimmel, lege meinen Fokus auf ihn, den Ewigen. Ich warte. Auf seine Geschichten. Seine sonderbar schönen, schimmernden Geschichten.

›Hallo, was machst du heute?‹

›Was, siehst du mich denn nicht? Ich stehe am Fenster und sehe, wie du langsam über den Häusergiebeln auftauchst, bedächtig und scheu die Wolken schiebst […].‹

›Ja, so gefällst du mir – sitzt schön in der Ecke eines dämmrigen Kämmerchens und wartest brav auf mich.‹

›Wer bist du und wer bin ich? Was weißt du darüber?‹

›Meine silberne Welt hat ihre Gesetze, aber soll ich sie dem Menschen verständlich machen, muss ich ein wenig gesprächig werden, gerate dann in das Knäuel meiner Phantasie, das schwer zu entwirren ist.‹

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Der Mond, wie er wandert. Wie er kommt und geht, wie er zurückkehrt. Wie er sich wiederholt. Wie er immer und immer und immer…ist.

›Gestern mitten in den arabischen Wüsten – schläfst du?‹

›Du versteckst dich schon den vierten Tag vor mir – ich döse.‹

›Umso besser! Im Halbschlummer erzählt man sich die schönsten Sachen, scheinbar ohne Inhalt und scheinbar ohne Idee, aber dafür schöner…‹

›Guten Abend!‹

›Wie geht´s dir heute?‹

›Ich glaube, schon viel besser als gestern, das war aber nicht so einfach, wie ich es mir vorgestellt hatte […] ich bin voller Gedanken, jeder von ihnen beginnt mit einer Frage und endet mit einer Frage, deshalb sitze ich hier, wo ich sitze […] sonderbar angenehm zerfließt die Zeit…‹

›Guten Abend!‹

›Endlich sehen wir uns also wieder!‹

›Endlich? Verdross es dich, am anderen Ende der Welt zu philosophieren und dir literarische Geschichten auszudenken?‹

›Was denn, ist Literatur nicht das Leben?‹

Ein ewiges Zwiegespräch mit dem Mond. Mein ewiges Zwiegespräch mit dem Mond.

Guten Abend. Guten Abend. Guten Abend.

›Guten Abend! Was schaust du mich so an?‹

 

 

›Der Mond. Eine Phantasie‹ von Jiří Mahen; Guggolz Verlag; Originaltitel (1920): Měsíc; aus dem Tschechischen und mit einem Nachwort von Eduard Schreiber; mit zwölf Zeichnungen von Valeria Gordeew; 133 Seiten; 19 Euro.


Eine Geschichte nimmt ihren Lebenslauf

 

»Agnes ist tot. Eine Geschichte hat sie getötet.«

 

Es ist unmöglich, nicht weiterzulesen, wenn ein Roman einen Anfang macht wie diesen. Es war mir unmöglich, Agnes von Peter Stamm, einmal begonnen, nicht in einem Zug zu Ende zu lesen. Die Geschichte hat mich den Sonntag lang begleitet, vom Küchentisch in ein Café in die U-Bahn auf den Dielenboden mit dem Rücken an den Heizkörper gelehnt, weil es mich ab und an fröstelte, während ich die 36 kurzen Kapitel las. Ein angenehmer Schauder. Eine zärtliche Geschichte, und eine traurige, eine heimlich unheimliche.

Sie werden in einer Bibliothek aufeinander aufmerksam, Agnes und der Erzähler des Romans. Als sie sich näher kennengelernt haben, bittet Agnes ihn, eine Geschichte über sie zu schreiben. Es wird die Geschichte zweier Menschen, die sich lieben und die sich nicht lieben. Die miteinander leben und aneinander vorbeileben. Die ihre Beziehung entlang einer Geschichte hangeln, die gemeinsam verfassen, vorlesen, verwerfen und vorwerfen, die den Zeilen vor- und nachleben. Die sich von einer Geschichte schreiben lassen.

»Ich lese nicht mehr viel«, sagte Agnes , »vielleicht deshalb. Weil ich nicht mehr wollte, daß Bücher Gewalt über mich haben. Es ist wie ein Gift. Ich habe mir eingebildet, ich sei jetzt immun. Aber man wird nicht immun. Im Gegenteil.«

»Es muss etwas passieren, damit die Geschichte interessanter wird«, sagte ich endlich zu Agnes. »Bist du nicht glücklich, so wie wir es haben?« »Doch«, sagte sie, »aber das Glück macht keine guten Geschichten. Glück läßt sich nicht beschreiben. Es ist wie Nebel, wie Rauch, durchsichtig und flüchtig. Hast du jemals einen Maler gesehen, der Rauch malen konnte?«

Die Handlung verstrickt sich in Realem und Erfundenem, sie hinterlässt ein zwiespältiges Gefühl. Es wird nacherzählt und vorweggenommen. Das Ende ist – wissentlich über Agnes´ Tod – zu erwarten, und dennoch schleicht es sich ein, es versteckt sich hinter beiläufigen Sätzen. Die Geschichte nimmt ihren Lauf, ohne Rücksicht auf das Leben. Auch das Schneetreiben vor meinem Fenster passte sich ihr unverfroren an.

»Stell dir vor, in wenigen Wochen liegt hier Schnee, und dann kommt für Monate niemand hierher, und alles ist ganz still und verlassen.«

 

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Agnes von Peter Stamm; Fischer TaschenBibliothek; 154 Seiten.

 


verdichtet

 

 

auf ein wort

im versgeflecht verdichtet

bin ich buchstäblich benommen

von silben aus gold

will ich mir keinen reim daraus machen

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»I should probably read more books« Jonas Alaska sound so.

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2017 beginnt mit einem Blick in den Rückspiegel, auf die Rückbank – In the Backseat mit Jonas Alaska. Der 28jährige Singer-Songwriter stammt nicht aus Alaska, aber aus ebenso kalten Gefilden; aus Norwegen. Dort ist er mit seinen drei Alben Jonas Alaska (2011),  If only as a ghost (2013) und Younger (2015) längst bekannt. Letztens war Jonas Alaska in Berlin, im Auster Club. Meine Fragen beantwortete er vor dem Konzert spontan per E-Mail. Seine Musik klingt nicht nach kalt, sie klingt nach warm, nach Umherhüpfen, nach Kopfwippen, nach Füßewackeln. Nach beschwingt in ein neues Jahr tanzen. Nach sich selbst nahe sein: In the backseat, you can find out who you are…

schreibstation: Why do you make music?

Jonas Alaska: Because I like doing it. I’ve always liked music and I’ve always liked creating things.

schreibstation: Do you write the lyrics yourself?

Jonas Alaska: Yes, I write them myself.

schreibstation: What make great lyrics for you?

Jonas Alaska: When people find a new angle to a common theme. And I like people who are good with hidden rhymes and stuff like that.

schreibstation: How do you come up with the lyrics?

Jonas Alaska: In different ways. It’s usually when I see a different angle to something I’ve been thinking about for a while. I write down new words and sayings when I hear them in movies and series. The best lyrics just show up out of nowhere though.

schreibstation: What is the importance of lyrics in your music?

Jonas Alaska: I think it is very important. And I like that it is a big part of my act but I need good chords and melodies for the lyrics to work.

schreibstation: Does literature influence your writing?

Jonas Alaska: It does, to some degree I think. I’m reading Madame Bovary by Flaubert at the moment, not sure if there is gonna come any song from that. But I’m sure reading books expands my imagination. I should probably read more books.

schreibstation: What is the story behind In the Backseat?

Jonas Alaska: I wrote it when I was living in Liverpool. The chorus just popped into my head and I wrote the verses around that. I’ve always, since I was a child, liked sitting in the backseat of a car and collect my thoughts. It’s the perfect place to do that.

schreibstation: Is there a favourite line in the song?

Jonas Alaska: It’s a long time since I wrote it so it’s hard to remember what I was thinking but I kind of like the second verse with the liars, the losers and everyone playing in bands.

In the Backseat – reinhören und rauslesen:

I’ve been a lot to the movies lately
The last one ruined my heart
I saw the world go down and under,
Everything just fell apart

But in the backseat,
In the backseat of the car
What a place to think things through
In the backseat,
You can find out who you are,
And decide what you should do

When a horrible night is over,
And I’ve got dirt on my hands
I’m so sick of the liars,
The losers and everyone playing in band

But in the backseat,
In the backseat of the car
What a place to think things through
In the backseat,
You can find out who you are,
And decide what you should do

Oooh, oh, oh, oh, oooooooh
Oooh, oh, oh, oh

Been alone for a long, long time now
I’ve been sleeping all day
I’ve been sitting on my bed
Alone without anything good to say

But in the backseat,
In the backseat of the car
What a place to think things through
In the backseat,
You can find out who you are,
And decide what you should do

Foto: Jesper Spanning


»Ersticke deine verrückten Träume nicht.« Anaïs Nin, ein Tagebuch

Zwischen den Jahren eine Brise Anaïs Nin. Aus einem Tagebuch, einem ihrer frühen Tagebücher, das mir in einem Berliner Antiquariat unverhofft in die Hände gefallen ist. Von Sommer 1920 bis Sommer 1921 geht es; nun ist Winter 1920. Ein halbes Jahr habe ich in den letzten Tagen eilig verinnerlicht, ein halbes Jahr liegt noch vor mir. Philosophisch ist es, sensibel, melancholisch, sarkastisch und gewitzt. Immerzu verträumt. Die richtige Stimmung, ein Jahr zu beenden, ein neues zu beginnen. Anaïs Nin ist 17 Jahre, sie klingt danach und doch älter. Sie liest und schreibt viel, sie beobachtet die Bohème ihrer Zeit, sie tanzt Tanz um Tanz. Sie widmet sich ihren Träumen, nicht jenen, die sie nachts durchlebt. Jenen, die sie in sich trägt, die sie festhält, an denen sie wächst. Ein Appell. Es ist wieder einmal eine Freude in ihre Gedanken, ihre Welt einzutauchen; Satz um Satz in das Hier und Jetzt zu streuen und einen Vorsatz daraus zu ziehen: wieder Tagebuch zu schreiben.

10.Juli

»Aber so lange, bis ich alt und weise und müde bin, werde ich nicht aufhören, mich über so vieles zu wundern.«

13.Juli

»Viele Gedanken tummeln sich in meinem törichten Kopf, und ich muß schreiben, bis zum Schlafengehen.«

19.Juli

»Auf meiner kleinen Bühne, auf der die Vorkommnisse des Tages sich abspielen, stehen viele merkwürdige und interessante Figuren […].«

20. Juli

»Nein, ich bereue diese Stunden nicht, die ich damit verbringe, diese weißen Seiten mit meiner redseligen Tinte zu füllen.«

22. Juli

»Zweifelsohne sehe ich auf dem Bild sehr intelligent aus, aber in Wirklichkeit bin ich nach wie vor ein Wirrkopf.«

3. August

»[…] das Leben, das Leben. Heute Nacht fliest mein Herz über.«

21. August

»Folgende Eigenschaften scheinen für einen zukünftigen Autor unverzichtbar: Phantasie, Fleiß, Ausdauer, Geduld.«

22. August

»Nur die unglücklichen Leute, die keine Phantasie haben, haben kein Flugzeug und müssen zu Fuß gehen.«

10. September

»Und all das ist Unsinn, weil es stimmt, daß wir den größten Teil unseres Glücks selbst in der Hand halten, und was ich jetzt mache, ist Schatten suchen, statt Sonnenschein.«

13. September

»Aber tote Träume lasten schwer.«

14. September

»Gestern Abend war ich die melodramatische, bombastische, redselige und sentimentale Närrin, nichts weiter.«

»Lieber bin ich das einsamste Mädchen auf der Welt, als daß ich Leute empfange, die ich nicht bewundere.«

19. September

»Glück ist töricht, aber Kummer ist unverzeihlich.«

»Neuer Tag, neue Hoffnungen; das ewige Geschenk des Einen, der nie schläft.«

26. September

»Ein Wort ist oft der Schlüssel zu tausend anderen Worten, die miteinander verbunden ein vollständiges Bild in uns erzeugen.«

27. September

»Solche Tage sind so selten im Leben, und meine Seele ist empfindlicher als jede andere den kleinsten Dingen gegenüber.«

»Denn ich fühle, daß ich mich selbst ständig, ununterbrochen und so streng kontrolliere, daß es wirklich wehtut, wenn ich nachts schließlich zu mir selbst sage: Tu, was du tun willst.«

»[…] mein Verstand befindet sich wirklich in einem traurigen Zustand: lauter Widersprüche, Ekstasen und Zweifel.«

»Manchmal kann ich meine Gedanken und Gefühle nicht genau ausdrücken, und ich spüre, daß sie sich in meinem Inneren streiten, lachend, mal schluchzend, mal gegen die Gefängnistür meines Kopfes pochend, laut ihre Freiheit fordernd, doch immer mit einem Ziel: […] zu fliegen?«

5. Oktober

»Ich liebe das Leben, aber das Leben liebt mich nicht. Es will mich enttäuschen, doch meine Träume und ich , wir werden uns niemals trennen.«

6. Oktober

»Was für ein seltsamer Tag! Normalerweise kehre ich die Pflicht von innen nach außen, stelle sie auf den Kopf, mische sie mit meinen Freuden, meinen Studien, meinem Gesang und meinen Meditationen, und die Pflicht läßt mit sich spielen. Heute war es die Pflicht, die mich um den Finger wickelte, unnachgiebig, unbeugsam, mit eisernem Griff […].«

7. Oktober

»Ich wache allerdings nicht weiser auf aus meinen strebsamen Träumen!

11. Oktober

»Es ist, als ob man sich an einer Wolke festhält, damit sie nicht für immer verschwindet.«

19. Oktober

»[…] ich habe den ganzen Tag gesungen, damit ich nicht zuviel denke, denn immer wenn ich denke, stelle ich mir zu viele Fragen!«

27. Oktober

»Oh, wie weit meine Gedanken wandern in einer Nacht wie dieser – wie ich es liebe, so allein zu sitzen und dabei der Geschichte meines großen Abenteuers ein Kapitel hinzuzufügen.«

28. Oktober

»Ersticke deine verrückten Träume nicht.

2. November

»[…] was ich mag – die schöpferischen, einfallsreichen, phantasievollen und poetischen Züge – die Exzentrik, die wechselhaften Stimmungen, die Launen, die komplizierte und verwirrende Seele, das Künstlerherz, das weder treu noch unbeständig ist.«

»Wohin treibt diese Welt?«

16. November

»[…] dieses glänzende lärmende Leben […]«

»Ich bin eine Mischung von unverträglichen  Elementen.«

17. November

»Vielleicht bin ich von Natur aus flatterhaft, und dabei hasse ich Flatterhaftigkeit bei anderen.«

9. Dezember

»Ich glaube, daß es eine Lektion war – einfach, um mir zu zeigen, daß wir auf dieser verwirrenden Welt sind, um sie besser zu machen und dann weiterzugehen.«

11. Dezember

»[…] und ich sitze hier, um zu schreiben, und staune, warum ich mir so oft Sorgen mache über das Leben, das doch so einfach und harmlos erscheint.«

16. Dezember

»Irgendwie habe ich durch dies und das in einen anderen kleinen Winkel der Welt geblickt und es sehr komisch gefunden.«

20. Dezember

»Wenn man seine Fehler kennt, hat man sie schon halb besiegt, sagt man.«

26. Dezember

»Oh Wunder dieses Weihnachtstages! Er begann sehr früh, um sieben Uhr, denn wir mußten zur Messe gehen. Etwa eine Stunde später waren wir alle um den Baum versammelt. Der Baum reichte bis zur Decke und war schwer von Lametta und Schnee und Kerzen – doch wer kann schon einen Weihnachtsbaum beschreiben? «

 31. Dezember

»Jahr für Jahr trage ich meine Abenteuer in die Welt […].«

 

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Anaïs Nin: Tagebücher 1920-1921, dtv, 366 Seiten.

 

 

 


umnachtet

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»It´s always night

otherwise we wouldn´t need

light.«

(Thelonious Monk)

 

Mit der Nacht

durch die Nacht

in die Nacht mit Etel Adnan, *1925 in Beirut, Libanon.

 

»Schlafen nicht als Abwesenheit von Wachsein, sondern als das Betreten einer anderen Welt […] Die Nacht ist das Reich der Träume, und Träume sind die größten Expansionen unseres Geistes.«

»Von allen Energien, die wir atmen, ist es am besten, jenen zu folgen, die Träumen entspringen.«

»Worten haftet eine Jenseitigkeit an.«

»[…] Bewegung auf Bewegung, Welle auf Welle, Atem für Atem, Beteuerung für Beteuerung.«

»Ich verbringe Stunden damit, auf die nächste Stunde zu warten.«

»Ein Passagier besteigt ein Schiff. Lasst uns leben, ehe wir sterben.«

»Übrigens sind wir nur ein Fenster zur Welt.«

»Keine Angst vor Widersprüchen […] heutzutage nähren sie meine Gedanken.«

»Heute Nacht habe ich meinen Schatten eingeladen.«

»Nacht ist eine samtene Erfahrung [..] Es handelt sich auch um eine Welt, in der die Sicht […] am größten ist. Dies ist das Gewebe des interstellaren Raums.«

 

Nacht

um Nacht

um Nacht. umnachtet.

 

Nacht von Etel Adnan, Edition Nautilus, 92 Seiten.


Vom Leben überwältigt. Jean-Philippe Blondels Roman Zweiundzwanzig

Noch bin ich etwas sprachlos über eine Sprache wie diese. Über diese Zeilen, mit welchen ich gereist bin, von Frankreich nach Amerika, auf unzähligen Wegen und Umwegen, bis nach Mexiko über Kalifornien, dann Morro Bay. Und danach ging das Leben weiter, wo es doch für den Erzähler in Jean-Philippe Blondels Roman Zweiundzwanzig vorbei zu sein schien.

»Ich bin zweiundzwanzig […] Ich könnte das Leben noch vor mir haben. Das Problem ist, dass ich es schon hinter mir habe. «

Er ist alles andere als normal, denn er hat so gut wie alles verloren. Da ist dieses Wunschkonzert, das seinen Kopf bespielt (»Ich bin normal. Ich bin stinknormal. Ich bin so was von normal.«), das jedoch in dem leeren Raum verhallt, den seine Familie hinterlassen hat: Seine Mutter, sein Bruder und sein Vater starben bei Autounfällen. Nun ist er auf sich allein gestellt, auch wenn da noch Laure und Samuel sind, und dieser gemeinsame Weg ins Ungewisse.

»[…] dass es ganz bestimmt vollkommen normal und gesellschaftlich akzeptiert ist, Tausende Kilometer von zu Hause ziellos herumzureisen in Begleitung der zwei Menschen, die einem am meisten bedeuten, einer Exfreundin, die vielleicht gar nicht mal so Ex ist, eines besten Freundes, der vielleicht mehr ist als das […]. «

Die Welt steht ihm offen, doch er will sie nicht haben. Weil es niemanden mehr interessiert, was er tut. Da ist nur noch dieser Song, der ihn antreibt: Rich von Lloyd Cole. Der ihm einen einzigen Anhaltspunkt gibt: Morro Bay.

So waste away to Morro Bay

You never got around to yesterday

»Dieses Stück, mit seinem Ungestüm, seiner Bissigkeit und auch seinem Mitgefühl, dieses Stück war mein Rettungsanker.«

Er schwimmt zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart und einer Zukunft, die er sich kaum vorstellen kann. Er droht, zu ertrinken. Der Roman ist von Zerrissenheit durchdrängt, er erzählt vom Aufgeben und Dranbleiben, auch wenn es »so Dinge gibt, die man nie durchzieht

Ein einziges Schleudertrauma.

» Da gibt es einen Zustand der Lähmung – und anschließend einen wilden Wiederaufbauwahn – bis zum nächsten Tsunami.«

Ein Ankommen, wenn auch im Widerspruch.

»Wir sind am Ende der Welt angekommen. Da ist eine Teerstraße, die in einen Weg übergeht, der zu einem Strand führt – und danach nichts als Wasser. Ruhiges, warmes Wasser. Dann gibt es noch eine löchrige Schotterpiste, die sich allmählich auflöst und in eine von Felsen gesäumte kleine Bucht mündet – und danach nichts als Wasser. Wildes Wasser. «

Ein Weitermachen, auch wenn nicht klar ist, für was.

»Ich bin mit aller Macht ans Leben gefesselt. […] Das will ich jetzt. Eine Bejahung des Daseins.«

Er bezeichnet seine Geschichte schlussendlich als Hommage – an jene, die gegangen sind, aber mehr noch an die, die es [ihm] ermöglicht haben, zu bleiben. Und ich denke mir, wenn das Ende der Welt so aussieht, dann mache ich mich auf den Weg. Ich folge ihm und Laure und Samuel. Ich geselle mich zu ihnen, am Strand von Morro Bay, den Sound von Lloyd Cole im Nacken, das Leben vor mir.

 

 

Zweiundzwanzig von Jean-Philippe Blondel; aus dem Französischen von Sophia Hungerhoff; mare Verlag; 160 Seiten.

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