Vom Schreiben und der Einsamkeit

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» […] das Gegengift zu Einsamkeit ist nicht das wahllose Zusammensein mit irgendwelchen Leuten. «

Nur ein Satz und ich habe aufgehorcht. Abgespeichert und aufgehoben. Immer wieder an ihn gedacht. Er stammt von Benedict Wells, aus seinem neuen Roman Vom Ende der Einsamkeit. Beim internationalen literaturfestival berlin hat er daraus gelesen – aus drei Stellen; eine dauerte 15 Minuten, eine sieben Minuten und eine 40 Sekunden. Die schleichendschnelle Zeit der Einsamkeit.

Nun lese ich die Seiten zwischen den Ausschnitten; viele sind es nicht mehr. Ich hatte es eilig. Wollte dem Ende der Einsamkeit nachspüren. Nicht etwa, weil ich einsam bin. Weil mich neugierig macht, wie Einsamkeit entsteht. Wie sie gelebt wird. Wie sie bleibt und wie sie geht. Ob sie ein Ende findet. Und: Wie sie beschrieben werden kann und auch, wie sie zum Schreiben führt.

Drei Geschwister, ein Schicksalsschlag. Die Eltern sterben bei einem Unfall, die behütete Kindheit ist mit einem Schlag vorbei. Jules, Liz und Marty wachsen im Internat auf. Jeder kämpft auf eigene Faust. Sie gehen in verschiedene Richtungen und begegnen sich doch immer wieder – denn auch als Erwachsene holt sie die Vergangenheit ein…

Ich mag die Geschichte, es steckt viel drin. Einiges hat mich überrumpelt, meine Neugier ist hellwach. Die letzten Seiten kann ich mir kaum aufheben.

» Man schreibt manchmal, um die Welt einen Tick zu korrigieren «, meinte Benedict an diesem Abend im Heimathafen Neukölln. Was er über das Schreiben sagte, ging mir nahe. Man schreibt manchmal, um die eigene Welt einen Tick zu korrigieren, dachte ich. Um sie für sich geradezurücken.

Bald möchte ich mehr von ihm wissen. Benedict bekommt ein paar Fragen von mir. Und ihr bekommt das Interview. Bis dahin lese ich Vom Ende der Einsamkeit zu Ende.

 

Benedict Wells – Vom Ende der Einsamkeit; Diogenes Verlag, 368 Seiten.


Sommerlang im Garten mit Mercè Rodoreda

Ich war im Garten, den Sommer über. Ich saß  unter den Magnolienbäumen, bei den Gladiolen, den Wildrosen und ich konnte es spüren, das sanfte Gras unter meinen Füßen, die Sträucher, die mich an den Beinen kitzelten. Ich konnte sie riechen, die vielen Blumen. Und ich konnte es sehen, das Meer, unter mir. Ich war nicht allein. Senyore Francesc und Senyoreta Rosamaria gehörte das Herrenhaus. Ihre Freundinnen Eulália und Maragda waren da. Auch die Köchin Quima, Miranda das Dienstmädchen und immer neue Gäste. Und Feliu, der wieder und wieder das Meer malte. Seestücke nannte er seine Bilder. Wir alle waren dort, auf diesem Anwesen in Spanien, unweit von Barcelona in den späten Zwanzigerjahren. Wir tranken Wein und Kognak und Wermut. Vor allem Wermut. Wir feierten Partys, jagten ein Äffchen, streichelten einen kleinen Löwen, ritten aus. Wir sprangen ins Wasser, sonnten uns. Und der Gärtner sah uns dabei zu, auch wenn er so tat, als würde er arbeiten. Er sah einfach alles. Kein Wunder, dass diese Geschichte nur aus seiner Sicht erzählt werden konnte. Seit Jahrzehnten wohnte er dort, inmitten seiner Blumenzwiebeln und Samen und erlebte, wie Francesc und Rosamaria Sommer für Sommer wiederkehren und wie sich ihre Geschichten und die ihrer Begleiter ineinander verstrickten. Er war unser aller Verbündeter. Auch dann, als wir keine Verbündeten mehr waren.

» Ich habe schon immer gerne erfahren, was den Leuten so alles passiert, und das nicht etwa, weil ich neugierig wäre…Eher, weil ich Menschen mag […]. «

Eine Villa wurde auf dem Grundstück nebenan gebaut, eine große mit einem noch größeren Garten. Niemand aber konnte unserem Garten über dem Meer das Wasser reichen.

» Der Garten ist ein bisschen verrückt «, sagte sie. » Alles wächst durcheinander. Lilien, Malven und Bohnenranken. «

Doch wie der Garten, wuchsen auch wir wild ineinander und voneinander weg. Senyore Bellom wurde unser Nachbar und mit ihm zogen seine Tochter Maribel und deren Mann Eugeni ein. Er war die Jugendliebe von Senyora Rosamaria. Als er über die Buchsbaumhecke kletterte, geriet unser Idyll aus den Fugen. Was blieb, waren ungeschminkte Wahrheiten. Und ein Blumenstrauß, der auf der Rückbank eines Autos landete. Und das Meer, das mit uns spielte, immerzu.

» Die Wellen wischten über den Sand, auf und ab, auf und ab…wusch! Gischt und Rückzug, und wieder nach vorn und wusch! […] immer wieder kehren die Wellen zu ihrem Wasser zurück, das sie loslässt und doch nicht hergibt, immer tun sie so, als kämen sie zu einem, sommers wie winters, hier habt ihr zwei Muscheln, seht doch zu, ob ihr uns fangt…«

Schon La plaça del Diamant von der katalanischen Schriftstellerin Mercè Rodoreda (1908-1983) hat mich beeindruckt. Ich wollte weitere ihrer Romane lesen. Der Garten über dem Meer ließ mich flanieren, ausgiebig, in meinen Gedanken. Dort, wo der Mond das Meer einschläfert. Sommerlang im Garten, Geschichten lauschend.

» Sehen Sie sich den Garten an […] Sehen Sie, wie die Blätter zittern und uns lauschen? Sie lachen…Wenn Sie eines Nachts unter den Bäumen spazieren gehen, werden Sie schon hören, was Ihnen dieser Garten alles zu erzählen hat…«

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» […] denn jetzt war alles wieder dunkel, und man konnte nichts erkennen: nur die weite, tintenschwarze Fläche und das Kommen und Gehen der Wellen. Auf, auf…wir kommen, wir gehen…«

 

Mercè Rodoreda – Der Garten über dem Meer; mareverlag; aus dem Katalanischen von Kirsten Brandt; 239 Seiten mit einem Nachwort von Roger Willemsen.

 


Lesend in die Ferne

Der Sommer beginnt und hält etwas Besonderes für uns Lesende bereit: Ein Schmuckstück im digitalen Buchhandel hat seine Türen geöffnet, oder besser: sein Postfach.

Fernlese – Die Onlinebuchhandlung für Reiselektüre.

Ausgewählte Literatur für ein individuelles Fern(weh)gefühl;  hübsche Buchbündel für Städte und Länder – die Lesewelt mit goldener Kordel geschnürt. Gestartet mit Australien, Italien und Spanien. Weitere folgen. Ich bin neugierig!

Mitreisend, mitlesend, mitfreudig.

»Für Ausreißer, Tagträumer, Nachtwächter. Für Wortmaler, Kartenleser, Sternegucker.«

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Foto: Cindy Ruch – alle Fotos auf fernlese.de ebenso


»So meerisch« Mein Hiddensee von Ulrike Draesner

»Wiesenland, wegeloses Grasmeer. Der feine scharfe Strahl des Glückes, hier anzukommen, schießt durch sie hinduch, links oben zwischen Schulter und Herz. Sie fühlt sich noch benommen von der Reise; die Gerüche und die Seeluft ziehen an ihr, sie kennt das und vergisst es von Mal zu Mal.«

Ein Buch, so luftig leicht und dennoch konzentriert zu lesen, ist, was mir zu Ulrike Draesners Mein Hiddensee auf Anhieb einfällt, was mir auffällt, mit Staunen und mit Sehnen. Mit Se(e)hnsucht. So viele Sätze kommen mir entgegen, und ein Gefühl, das mich letzten Sommer schon entführt hat. Zur See gebannt. Das Wandeln im Wind, das Stapfen auf Sanddünen, hinauf und hinab, das wilde Meer in den widerspenstigen Haaren.

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Nun träume ich wieder. See. Ostsee. Hiddensee. Sämtliche Insellebenswelt eröffnet sich im Buch. Nie zuvor habe ich gelesen, dass ein Stück Land, inmitten der Fluten – »So schmal, so meerisch, so entfernt von alltäglichen Abläufen und Verrichtungen, von Geschwindigkeit« – derart feinbefühlt bedacht, beschrieben werden kann. In alle Einzelheiten zerlegt, bis auf den letzten Sandkorn, den kleinsten Grashalm ergründet. Wundersame Wortspalterei. Mein Bleistift fährt behutsam über das Papier. Ich komme nicht umher, anzustreichen, herauszuschreiben. Vom ersten Absatz an:

»Die Feldlerchen schreien, lassen sich fallen, die dünne Haut der Welt bekommt einen Riss – hinter ihm steht ein großes elektrisches Strahlen. Hart fasst der Wind zu, drückt, Regenwolken hängen am Himmel, alles zeigt sich in sich unterschieden, klar und einzeln geformt. Gräser, den Hang hinauf gepresst, kleeähnlich, doch stattlicher als Klee, helllila strahlende Bergjasionen, weit gebreitet die Fächer der Staubblätter, neben kleinblütigem, duftendem Kraut. Gebeugte Rispen. Zwergenwuchs.«

Ein Spiel mit Formulierungen. Eines, das der Autorin gut liegt und mir gefällt. Die Geschichte, ein Hauch der Vergangenheit, vermischt mit dem Hier, dem Jetzt, zusammenhangslos und doch verbunden – stets auf der Insel. Eine Frau, ein Mann und ein Kind. Inselbesuche, Jahre über. »Bei jeder Ankunft ist die Insel anders als erinnert.« Ich hänge ihr noch nach, ein paar Kapitel habe ich noch zu lesen. Glücklicherweise. Doch wollte ich schon jetzt darüber schreiben. Über Stellen wie diese:

»Der Wald steht da und schläft…Dann wieder Stille – eingekreist von dem Rauschen der Birken und Sanddornbüsche, dem Rascheln der Gräser, den vereinzelten dlr-dlr-dlr-Rufen eines Vogels.«

»Ein Morgensatz, gedacht noch halb aus den Kissen.«

»Was sie zwischen Wasser, Sand und Wind bestens kann: Sie denkt an nichts.«

Das Buch ist »für Lucia, Inselkind«. Ich fühle mich selbst wie das Inselkind, möchte hin, dorthin. Hiddensee soll auch Mein Hiddensee werden. »Die Insel wirkt ähnlich auf sie: Sie erleichtert ihr das Eintauchen in sich selbst.“

»Hat man Glück, hängt man schon nach einem Tag selbst ein wenig so im Leben, wie das Land Richtung Meer hängt: schief, aber gehalten, leicht überspült, halb beträumt, halb tangbedeckt, in eigener Zeit.“

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Titel: Mein Hiddensee; Autorin: Ulrike Draesner; mare Verlag, 198 Seiten.

Foto oben: Cindy Ruch


Kein Aber, ein Muss.

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Lesen gehört dazu. Ich und ein Buch, das muss einfach so sein; in diesen bewussten Momenten und in all diesen Zwischenzeiten. Ich lese in Berlin, noch nicht allzu lange, mal mehr mal weniger, immerfort. Und aufs Neue bin ich auf der Suche nach Orten, an denen es sich am besten lesen lässt. Etwas inspiriert mich dabei:

Ein Leseplan in Kartenformat von Kein & Aber. Einmal, zweimal, dreimal viermal, fünfmal, sechsmal aufgeklappt – da liegt Berlin meiner Leseliebelei zu Füßen. Auf Mauern und Treppen, auf Barhockern, Bänken und Bäumen, hinter Pflanzen und Pfeilern, an Straßen, auf Sofas, am Fluss…»Auf einem Steinpoller auf der Admiralbrücke«.

Mit der Zeit kommen die liebsten Leseorte. Noch habe ich sie nicht gefunden, aber ich bin dabei. Ich lese in der Ringbahn, während die Stadt an mir vorbeizieht. Am Schlachtensee, in Cafés, in Parks, auf dem Tempelhofer Feld. Auf meiner Couch, besonders dann, wenn sie gegen Abend von der Sonne erobert wird.

Und nun geh ich raus und probiere neue Leseorte aus. Ich habe einen Plan.

Kein Aber, ein Muss.

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schreibnummer 26

»…zu schreiben, wie man denkt, in der Ordnung und Unordnung, in der man denkt und fühlt, Eindrücken zu folgen und absurden Wechselbeziehungen zwischen Ereignissen und Bildern, vertrauensvoll einzutreten in Bereiche, in die sie uns führen. Der Kult des Wunderbaren.«

(Die Tagebücher der Anaïs Nin)

 

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vierzehn vor neun

kurbel an verspultem band. ein wahres unterfangen nicht zum trotz am laufen halten, was zum erliegen kam. daher klebt wie kaugummi nicht vom fleck. puls zuckt. im überschuss fließt es so dahin. strippenzieher. fast wärs zu weit in gang gekommen. das sieht dann gleich so anders aus. schon möglich, dass bei all dem geplänkel niemals etwas angekommen ist. also folgen auch die taten nicht. auf ein wort. wenn sich diese uhr nicht ewig auf dem zeiger stehen würde, wär vierzehn vor neun doch ganz passabel. um nicht zu sagen gut. volle beidseite.

im sekundentak tak tak.

 

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