»Im Kampfe mit der Prosa des Lebens«

alltagsmenschen

Elisabeth, die Protagonistin in Carry Brachvogels Roman »Alltagsmenschen«, ist »schön, jung, reich, gefeiert, begehrt« – eine Dame von Welt und: auf der Suche nach der großen Leidenschaft. Denn, wie ihre Mutter schon zu sagen pflegte: »Jede Frau erlebt ihren Roman!« Und weil Mutti immer (oder zumindest meistens) Recht hat, erblüht in dem Mädchen der stürmische Drang den spießbürgerlichen Norm- und Sittenkatalog im Gesellschaftsregal des ausgehenden 19. Jahrhunderts an Ort und Stelle zu lassen und lieber zu einem dicken, vor Romantik triefenden und nach Abenteuer riechenden, Wälzer zu greifen. Denn dieses »Lilienaufdemfelddasein« der bürgerlichen Frau, soll heißen der alltägliche Trott aus »Toilette, Spazierengehen, ein bisschen Lesen, ein bisschen Porzellanmalen, Besuche[n], Theater, Bälle[n]« – also den Tag möglichst unnütz zu vertrödeln und das Leben freundlich winkend an sich vorbeispazieren zu lassen – das ist nichts für das junge Ding. Elisabeth ist keine Lilie. Sie ist vielmehr ein Krokuss, der in allen möglichen Farben wild aus dem Boden sprießt.

»Elisabeth, eine etwas phantastisch veranlagte Natur, die auch ihr klarer Verstand nicht immer völlig zu meistern vermochte, war so verklärt von Liebe und Glück, daß sie fast etwas Heiliges an sich hatte.«

Und wer sie pflücken möchte, der sollte schon »ein Ideal, ein Held, ein Gott« sein – denn Jedermann kann Jede! Elisabeth trifft Mr. »Dieser oder Keiner« wie Aschenputtel auf einem Ball. Nur verliert sie beim Anblick von Friedrich, dem breitschultrigen, hübschen »Dr. jur«, keinen gläsernen Schuh, sondern ihre Dame von Welt-Karte. Die wird schnell zugeklappt und das erste Kapitel ihres Lebens- und Liebesromans hoffnungsvoll aufgeschlagen. Und wie es zunächst scheint, hat sie Glück! »Denn die Beiden ha[b]en einander wirklich lieb«,, was damals nicht unbedingt für eine Ehe nötig war. Friede, Freude, Hochzeitstorte! So weit…so ungut. Denn das Unheil nimmt ab hier seinen Lauf.

Der schöne Jüngling, der mit Elisabeth durch die duftenden, sattgoldenen Felder der »Maientage« tanzt, wird bald zum gewöhnlichen Amtsrichter, der jeden Abend mit einer stinkenden Zigarre im Lehnsessel sitzt. Auch die »ritterlich demütigen Huldigungen« (dabei passt der Name Friedrich so gut zu einem Ritter) verklingen bald schnell zu Schall und Rauch. Und weil die Liebe dort bröckelt, wo der Minnesang aufhört, fühlt sich die Braut bald wie eine Prinzessin im Turm.

»Ihr schien´s zuweilen, als sei ein schweres, eisernes Thor unversehens hinter ihr ins Schloss gefallen und banne sie nun grausam vom hellen blühenden Leben weg in einen düsteren, einsamen Burghof, zu dem die glänzenden, funkelnden Sonnenstrahlen von draußen wohl niemals den Weg fanden.«

Oder wie Friedrich die Ehe seinerseits formuliert: »Man liebt eben seine Frau anders wie seine Braut«, worauf Elisabeth nur entgegnen kann: »Ja ja, man liebt sie unpoetisch.« Und auf dieses »Ja ja« folgt, dass sie eben einen anderen Mann begehrt, als ihren Mann. Denn Friedrich, der nette Gatte, eignet sich höchstens als verlässliche Buchstütze. Aber was nützt die Stütze, wenn der Roman ohne Inhalt bleibt? Die Seiten müssen gefüllt werden! In Elisabeths Fall heißt der Füller Max Heßling. Zwar nicht so gut gebaut, erscheint er der Gelangweilten aber doch als ein so viel größerer Mann von Welt als Friedrich; wie »ein Adler, der kühn der Sonne entgegen[fliegt]« und sie, die zu diesem Zeitpunkt bereits Mutter von klein Lieschen ist, aus der trügerischen Familienidylle hinfort trägt – auf und davon in Richtung Affäre. Eine kuriose »ménage à trois« beginnt zwischen dem treudoofen Friedrich, der nicht auf die Hinweise aus seinem Umfeld hören will, der träumerischen Elisabeth, die glaubt einen Weg aus ihrem »verderblichen Dahindämmern« gefunden zu haben und Max, dem scheinbar höflichen Familienfreund, der eigentlich nur auf eine Spielerei mit der Dame des Hauses aus ist. Was folgt sind Schäferstündchen der besten Sorte. Doch Elisabeth merkt schnell, dass sie für diese »herrlich, heißersehnten Märchenstunden« einen zu hohen Preis bezahlt. Und auch Max will die Tändelei ohne viel Tam Tam beenden. Es war einmal! Und so versuchen die beiden Sittenlosen sich einander auf gesittete Weise vom Hals schaffen.

»Zum Henker auch, sie wollte doch nun wieder eine anständige Frau sein.«

Aber weil es doch so viel zu einfach wäre, endet das Ganze in einem großen Brimbamborium: Elisabeth wird schwanger, Friedrich öffnet endlich die Augen und Max zieht sich, im wahrsten Sinne des Wortes, aus der Affäre. Ein kurzes »Ma chère, je suis au bout de mon latin« und weg ist er. Eben doch nur ein Alltagsmensch, der Max. Elisabeth ist die Verräterin und Friedrich der Gehörnte. Die gesellschaftliche Norm verlangt eigentlich, dass er sie aus dem Haus jagt…

»Wohl sprachen ihm göttliches und meschliches Gesetz das Recht zu, die schuldige Frau aus seinem Haus zu treiben.«

Ein zu plattes Ende, für so eine Geschichte? Ich finde nicht. Der Roman zeichnet in beachtlich kunstvollem Schreibstil drei Charaktere, die in ihrer Interaktion – und jede für sich – interessant zu ergründen und amüsant zu lesen sind. Elisabeth und Max teilen sich das Aufbegehren gegen ein Leben als Alltagsmensch. Beide haben ein sprunghaftes Gemüt, was zur Folge hat, dass ihre  Gedanken und Handlungen nur schlecht voraus zu sehen sind. Friedrich hingegen tritt als stetiger Charakter auf, der keine großen Überraschungen birgt. Zumindest nicht auf den ersten Blick! Doch gerade durch ihn erhält die Geschichte eine unerwartete Wendung, die für die damalige Zeit alles andere als alltäglich ist…

Ein weiterer Aspekt, der »Alltagsmenschen« zu einem lesenswerten Roman macht, ist die Beschreibung der bürgerlichen Gesellschaft Münchens um 1900 an sich. Das fein säuberliche Netz, das sie auf Elisabeth, Friedrich und Max auswirft, verleiht der Geschichte diesen heimtückischen Rahmen, der am unüberlesbar sarkastischen Tonfall der Autorin aufgehängt ist:

»Es liegt etwas mephistophelisches in der neugierigen Freude, mit der sie zusieht, wie unerlaubte Beziehungen sich anspinnen und etwas unglaubliche feiges in ihrer Entrüstung, mit der sie sich von dem »sündigen Paar“ zurückzieht, sobald der Skandal öffentlich geworden ist, derselbe Skandal, den sie vorher sorgsam beschützt und langsam ausgebrütet hat.«

Die Gesellschaft braucht das Laster zum Lästern!

Über die Autorin

Caroline, Carry, Brachvogel wurde am 16. Juni 1864 als Tochter eines jüdischen Kaufmanns in die bürgerliche Gesellschaft Münchens hineingeboren. Ihr Erstlingswerk »Alltagsmenschen« (1895) öffnete der Schriftstellerin gleich zu Beginn ihrer jungen Karriere die Tür zum damals renommiertesten Verlag in Deutschland: dem S. Fischer Verlag in Berlin. Carry Brachvogel war zu ihren Lebzeiten eine der erfolgreichsten deutschen Schriftstellerinnen und stellte eine schillernde Person in der literarischen Öffentlichkeit Münchens dar. Über viele Jahre leitete sie den, über die Grenzen der bayerischen Hauptstadt hinaus bekannten, »Teesalon am Siegestor«, dem einige große Persönlichkeiten der damaligen Literaturwelt, beispielsweise Rainer Maria Rilke, einen Besuch abstatteten. Ebenso war sie in der bürgerlichen Frauenbewegung Münchens verankert. 1903 trat sie der »Gesellschaft zur Förderung geistiger Interessen der Frau«, dem heutigen Verein für Fraueninteressen e.V., bei. Ihr spezielles Engagement galt ihren literarischen Mitstreiterinnen. 1913 wurde sie zur Mitbegründerin des Vereins Münchner Schriftstellerinnen e.V., der sich vor allem für eine angemessene Bezahlung einsetzte. Bis zur ihrer beruflichen und gesellschaftllichen Isolation durch den Nationalsozialismus verfasste Carry Brachvogel über 40 Werke, darunter Romane, Theaterstücke, Novellen, Erzählungen, Legenden und Biografien historisch bedeutsamer Frauen, wie Katharina die Große oder Madame de Pompadour. Carry Brachvogel starb am 20. November 1942 im KZ Theresienstadt. Ihr schriftstellerisches Erbe ist heute in Vergessenheit geraten.

»Alltagsmenschen« ist nun, ganze 118 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung, im Münchner Allitera Verlag neu verlegt worden. Ein zeitgenössisches Zitat beschreibt, warum es sich auch heute noch lohnt, nicht nur einen Blick in dieses Buch zu werfen, sondern jede Seite, jede Zeile und jedes Wort der Autorin auseinanderzupflücken und auf sich wirken zu lassen:

»Jedenfalls berechtigt dieses Erstlingswerk zu der Erwartung, dass Carry Brachvogel sich zu einer bedeutenden Kraft auf dem Gebiete ausmachen wird, das sie nach manchen Schwankungen nun wohl endgültig als das Ihre erkannt haben wird, ich meine das Gebiet der Sitten- und Charakterschilderung der so genannten guten Gesellschaft. Ihr Blick ist scharf! Nicht der kleinste Schatten, nicht die unscheinbarste Krümmung der Linie entgeht demselben, und mit der Objektivität des Naturforschers teilt sie uns mit, was sie gesehen«[1]

Titel: Alltagsmenschen; Autorin: Carry Brachvogel; Verlag: Allitera; Seiten: 176; Paperback, 12,90€

INFO: Im Allitera Verlag ist aktuell neben »Alltagsmenschen« auch die Textsammlung »Im Weiß-Blauen Land – Bayerische Bilder« erschienen, in der sich Carry Brachvogel ihrer Heimatstadt München und deren Umland widmet. Kommendes Frühjahr erweitert der Verlag die Brachvogel-Reihe um einen weiteren Titel: »Schwertzauber«.

 

Bild: Allitera Verlag


[1] Michaela Karl: Bayerische Amazonen – Zwölf Frauenporträts aus zwei Jahrhunderten, München 2008, S.20.

Advertisements

One Comment on “»Im Kampfe mit der Prosa des Lebens«”

  1. […] von der Monacensia, (Münchner Literaturarchiv und Bibliothek), erschienen ist. Da mir bereits Alltagsmenschen gefallen hat, kam ich nicht umhin, auch Schwertzauber zu lesen. Und wieder bin ich überzeugt! Vom Können der […]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s