»Der Münchner ist ja bekanntlich nicht so emsig…«

müchen. eine stadt in biographien

Strahlend blau ist er, der Reiseführer »München. Eine Stadt in Biographien«. So blau wie der Himmel über München, wenn der Föhn jegliches Schlechtwetter weggepustet und höchstens ein paar sachte weiße Wölkchen hinterlassen hat. Und was macht man bei so einem Wetter ? Man geht spazieren, legt sich hier und da ins Gras, schaut den Wölkchen beim Vorbeiziehen zu und überlegt sich, was sie denn wohl darstellen könnten. Ein Hase? Ein Hund? Ein Herz? Die Wölkchen auf dem Cover des Reiseführers tragen jedenfalls Namen – Oskar Maria Graf, Sophie Scholl, Richard Strauss, Rainer Werner Fassbinder oder Kurt Eisner beispielsweise. Sie alle verbindet eine Sache: Ihr Leben und Wirken in der bayerischen Hauptstadt und genau deshalb werden sie zu Reisebegleitern. »München. Eine Stadt in Biographien« erfüllt, was man von einem Reiseführer erwartet. Er zeigt die Sehenswürdigkeiten und erzählt die Geschichte der Stadt, erwähnt Übernachtsmöglichkeiten, Restaurants und Cafés und gibt Tipps für Unternehmungen. Aber das tut er nicht in gewohnter Reiseführermanier! Der Leser trifft München hier auf einer ganz persönlichen Ebene, Auge in Auge mit 20 Persönlichkeiten, deren Lebensgeschichten eine ganze Bandbreite an Facetten der Stadt vom 17. Jahrhundert bis in die heutige Zeit offenbaren. Man gibt diesen Biographien sozusagen die Hand und lässt sich von ihnen durch die Stadt geleiten – mal nostalgisch, mal enthusiastisch, mal gemütlich, mal belustigend, mal zerstreut, mal zielstrebig, mal überraschend, mal … nach Lust und Laune und Lebensphilosophie des jeweiligen Beleiters. Gema!

Die Rundreise beginnt herrschaftlich. Denn Ferdinand von Bayern schenkte seiner Frau Henriette Adelaide von Savoyen zur Geburt des ersten Sohnes in der Mitte des 17. Jahrhunderts einfach mal eine pompöse Ruheoase – Schloss Nymphenburg.

»Es lag weit außerhalb der Stadtgrenze, dort, wo die Luft rein war, nicht schwer vom Gestank des Pferdemists. Hier störte kein Getrappel der Hufe, man konnte sich ausruhen und erholen. Das ist heute noch so: Im Nymphenburger Park ist man in einer anderen Welt, weit weg von der tosenden Stadt, hier können sich Liebespaare im Flüsterton verständigen.«

Weniger ein Flüstern, sondern ein lautes »Aber hallo!« verdienen die Prachtbauten, vielmehr der Prachtboulevard, den München nur wenige Stufen weiter auf der Erbfolgeleiter den emsigen Bauanweisungen von Ludwig I. von Bayern zu verdanken hat – die Ludwigstraße: Universität und Staatsbibliothek, Glanz und Gloria. Und weil dieser Ludwig etwas für die Antike übrig hatte (wie sich unschwer an den Bauten erkennen lässt), veranstaltete er ab 1810 ein jährliches Pferderennen im Stil der antiken Olympischen Spiele, das mehr und mehr zum Volksfest wurde, zur Wiesn.

»Bald kamen Kletterbäume hinzu und Kegelbahnen. Schaukeln wurden aufgestellt und 1818 das erste Karussell.«

Was wäre München ohne seine Ludwigs? Vor allem ohne seinen heißgeliebten »Kini«? Ludwig II. von Bayern liefert noch heute allerhand verklärtes Material für Buch und Film, frei nach dem Motto »Lieben und Sterben mit dem Märchenkönig.« Doch bei all der Schwärmerei: Dass »Kini« sein München, »dieses verfluchte Nest«, gar nicht ausstehen konnte, scheint dabei nebensächlich. Aber wo der eine nur tiefe Abneigung empfand, fühlten sich andere stark zu München hingezogen – manch einer nur wegen eines einzigen Kunstwerks. Franz von Lenbach, der Münchner »Malerfürst«, lief als junger Mann in der Mitte des 19. Jahrhunderts von Schrobenhausen »unzählige Male barfuß über Stock und Stein die zehn Stunden bis nach München […] um sein Lieblingsgemälde in der Alten Pinakothek zu studieren.« Und dem Schriftsteller Thomas Mann hatte es der Münchner Dialekt angetan.

»Wann immer ich Münchner Laute höre, Münchner Tonfall, wird es mir warm ums Herz.«

Apropos warm: Franziska zu Reventlow, Schriftstellerin und Skandalgräfin, suchte das Café Luitpold um 1900 vor allem deshalb auf, weil dort geheizt wurde. Ihre Heimat Schwabing bezeichnete sie stets als »Wahnmoching«, als »eine geistige Bewegung, eine Richtung, ein Protest, ein neuer Kult«. Damit hat »Fanny« nicht nur den Freigeist der Schwabinger Bohème, sondern auch ihr eigenes ungestümes Wesen auf den Punkt gebracht.

»Zu allen Zeiten setzten Mütter alles daran, ihre Söhne vor so einer zu schützen, anmutig und sexy, nicht wirklich schön, doch gefährlich erotisch, dabei launisch und zwar besaitet, politisch unkorrekt, widerspenstig und besitzergreifend. Eine, die auf ihre Herkunft pfeift […] und die aristokratische Welt fortan durch den Kakao zieht.«

Sigi Sommer, Journalist, Schriftsteller und der »Münchner Flaneur par excellence« zog lieber durch den Englischen Garten. Mit Stift, Notizbuch und seiner Kolumne »Blasius der Spaziergänger« fing er das Bild der Münchner Gesellschaft in der Nachkriegszeit auf, das von einer gehörigen Portion bayerischer Gemütlichkeit geprägt war – und immer noch ist, wie der Komiker Gerhard Polt (*1942) zu verstehen gibt: »Ich spare keine Zeit, ich schmeiße sie zum Fenster hinaus…neulich hab´ ich eine Zeit erwischt, dann hab ich sie totgeschlagen!«

»Der Münchner ist ja bekanntlich nicht so emsig und strebsam, wie man es anderswo in der Republik ist. Er mag gern herumsitzen und herumreden oder herumgehen und herumschauen […] Ja, arbeitet man hier denn nicht?, mag der Fremde fragen. Schon, aber man lässt es sich nicht anmerken.«

Der Mann, der den Münchnern das Flanieren im Englischen Garten mitunter ermöglicht hat, wurde im Übrigen für die Erfindung einer Suppe geadelt. Benjamin Thompson, Graf von Rumford, brachte im 18. Jahrhundert nicht nur die Kartoffel nach Bayern, sondern kreierte damit ein Gericht, das die Armen in ganz Europa speiste. »Erbsen, Perlgraupen. Kartoffeln und Sauerbier« waren und sind die Bestandteile der »Rumpfordschen Suppe«, die heute gerne als »Rumfordschaumsüppchen an Parmesancroûtons« daherkommt und zusätzlich »rote Zwiebeln, Salz, Butterschmalz, Brühe, eine Stand Lauch (nur das Weiße!), eine Karotte und Streifen von Wachholderschinken« enthält.

München also. Das Stadtbild geprägt von markanten Bauten, die Einwohner bestimmt von gemütlichem Freigeist. Eine Wirkungsstätte für Regenten, Literaten, Künstler, Erfinder und Andersdenkende. Wie für den Dichter und Dramatiker Frank Wedekind, über den das Neue Münchner Tagblatts 1891 nur zu schreiben wusste: »Vielleicht lässt sich auch Herr Wedekind einmal von einem tüchtigen Psychiater untesuchen. Denn irgendwo muss da entschieden eine Schraube locker sein.« Oder für den Künstler Franz Marc, der mit der ersten Ausstellung des »Blauen Reiters« 1911 Münchnen »für einen kurzen historischen Moment […] zum Dreh- und Angelpunkt der Kunstmoderne« machte. Oder für Kurt Valentin, der sich zwischen einem Dasein als »Komiker, Regisseur, Volkssänger, Darsteller, Dadaist oder Philosoph« nie so recht entscheiden konnte und schlussendlich Kochlöffel und Nudelwalker schnitzte. Oder für jeden, der München mal nostalgisch, mal enthusiastisch, mal gemütlich, mal belustigend, mal zerstreut, mal zielstrebig, mal überraschend, mal … anders erleben will.

INFO: »München. Eine Stadt in Biographien« gehört zu der Reihe MERIANporträts. Bisher sind in der Reihe die Städte Barcelona, Berlin, Dublin, Dresden, Hamburg, London, Lissabon, München, Madrid, New York, Paris, Prag, Rio de Janeiro, Rom, San Francisco, St. Petersburg, Stockholm, Venedig, Wien und Zürich erschienen.

Titel: München. Eins Stadt in Biografien; Autorin: Franziska Speer; Verlag: TRAVEL HOUSE MEDIA/MERIAN; 174 Seiten; 16,99€

Bild: TRAVEL HOUSE MEDIA

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