Bekenntnisse eines kostümierten Mannes

Ein Gastbeitrag von Jan Borner

Da mir der Inhalt der folgenden Mitschrift eines bevorstehenden Gespräches noch nicht bekannt ist, werde ich sie mehr aus einer Spekulation heraus bloß »Bekenntnisse eines kostümierten Mannes« nennen. Dass es nämlich Bekenntnisse sein werden, die mein Protokollant zu notieren hat, scheint mir einzig naheliegend. Denn wenn ein Mann, der sonst jede Begegnung mit der Öffentlichkeit scheut, nun mich, einen Mann der freien Presse, zu sich ruft, dann ist Erklärungsnot im Spiel. Mehr Vorrede wird das Skriptum wohl nicht bedürfen, da ich guter Hoffnung bin, dass klug gestellte Fragen und klare Fokussierung dem Gespräch die nötige Klarheit verleihen werden. Ich übergebe also nun, kurz vor dem Ende unserer langen Reise, dem Protokollant Stift und Papier.

 Trockene Begrüßungsfloskeln.

Drinnen ein geräumiges Zimmer.  Nur zwei Sitzmöglichkeiten. Protokollant muss stehen.

»Möchten Sie was trinken?«

»Kekse und Milch wären nett.«

»Finden sie das komisch?«

»Ein wenig schon.«

Gastgeber dreht den Gästen den Rücken zu. Verschwindet hinter einer Ecke.

»Rum?«

»So halten Sie sich also warm. Ich habe mich schon gefragt, wie sie hier das ganze Jahr…«

»Wollen sie oder nicht?«

»Gerne.«

Hinter der Ecke klirrt Porzellan. Er stellt zwei Tassen auf den Tisch, vor jeden Stuhl eine. Eine Flasche kubanischen Ron Mulata in die Mitte.

»Nehmen Sie sich.“

Beide gießen ein. Der Gast nippt, der Hausherr schluckt. Der Protokollant steht.

»Na das nenne ich mal guten Rum. Wo haben Sie den her? Ein Geschenk?«

»Hören sie auf!«

»Gut, Sie haben Recht, kommen wir zur Sache. Sie haben mich hergebeten, weil Sie…?«

»Weil ich die Nase voll habe.«

»Die Nase voll wovon? Von unmenschlichem Geschenkpapierverbrauch? Von der Hybris berühmt gewordener Rentiere? Von kleinen grünen Kobolden in Spielzeugfabriken, die immer wieder streiken, obwohl sie den ganzen Sommer Urlaub machen?«

»Sie nehmen das Alles nicht ernst!«

»Ich bin hier! Dazu waren nicht viele bereit.«

Schweigen. Ein Schluck Rum. Der Protokollant steht.

»Wie kamen Sie eigentlich in diese gottverlassene Gegend?«

»Das werden Sie schon noch verstehen.«

»Gut! Alles zu seiner Zeit, das ist ein schlaues Prinzip. Sie sagten, Sie haben die Nase voll?«

»Ja.«

»Von ihrem Beruf?«

»Meiner Berufung.«

»Und wer hat Sie berufen?«

»Das tut nichts zur Sache.«

»Vielleicht könnten Sie sich ja an oberster Stelle beschweren, eine Umschulung fordern oder wenigstens eine neue Uniform. Von dem Rot haben sie doch sicherlich auch die Nase voll!? Das könnt´ ich verstehen. Ich meine, ständig nur rot? Man will sich doch auch mal anders sehen, sich mal rausputzen, oder nicht?«

»Ich habe Sie nicht zum Spotten hergerufen.«

»Dann sagen Sie mir doch: Wofür haben Sie mich hergerufen?«

»Ich habe was zu klären.«

»Und was ist das, was Sie zu klären haben?«

»Meine Existenz.«

»Klingt ziemlich philosophisch.«

»Sie wissen, was ich meine.«

„Erklären Sie es mir.“

»Ich hatte die Nase voll.«

»Ja, das sagten Sie bereits.«

»Luther schlug seine Thesen an die Tür und ich entschied zu streiken.«

»Na nu!? Sie waren also Feind der Reformation?«

»Es ging mir nicht um Luther. Er schaffte nur die richtige Gelegenheit. Christliche Traditionen fingen an zu bröckeln. Nichts blieb wie es war. Ich konnte mich zurückziehen, ohne, dass es einer merkte.«

»Die Reformation war also Ihre Pension?«

»So einfach ist es nicht.«

»Was haben Sie getan, als Sie sich zurückgezogen haben? Schließlich ist das schon eine ganze Weile her.«

»Ich habe verschnauft. Tief ein und ausgeatmet.«

»400 Jahre lang?«

»Ich sagte schon: So einfach ist die Sache nicht.«

»Was hat Sie denn erschwert?«

»Vorerst nichts. Vorerst konnte ich atmen.«

»Und das konnten Sie vorher nicht?«

»Symbolisch gesprochen.«

»Ja, versteh´ schon, aber was hat Sie denn davor so eingeengt?«

»Der Alltag! Sie können ihre Witzchen reißen über kleine grüne Männchen und fliegende Rentiere, aber so lustig ist die Sache nicht.«

»Von Fliegen hab´ ich nichts gesagt.«

»Sie wissen, was ich meine.«

»Ja ja, aber wie ging die Sache weiter?«

»Die Aufklärung kam.«

»Und in der Zwischenzeit?«

»Atmen!«

„Okay. Was war mit der Aufklärung?«

»Sie war das, was die Sache erschwerte.«

»Weil die Preußen plötzlich von Pflicht und gutem Willen sprachen?«

»Nein, nein.  Mein Gewissen war rein. Es war die allgemeine Umbruchsstimmung. Es tat sich wieder was in der Welt und das gefiel mir. Ich wollte daran teilhaben.«

»Also schenkten Sie wieder?«

»Ja. Aber es sollte eine einmalige Sache bleiben. Ich wollte nicht wieder dem alten Trott verfallen.«

»Aber bei einem Mal blieb es nicht?«

»Nein, Sie wissen ja, auf einem Bein steht man nicht, alle guten Dinge sind drei und so weiter und so fort.«

»Sie waren süchtig!«

»Es war der Trott.«

»Sie hassten es und machten trotzdem weiter!«

»Ich war im Trott.«

„Schafften Sie den Ausstieg?«

»Ich wusste, irgendetwas musste geschehen, eine große Wende, irgendeine Ablenkung, die mir wieder Möglichkeit zum Rückzug gab. Ich wartete auf einen Krieg.«

»Na davon gab es doch genug!«

»Nicht groß genug.«

»Also, was haben Sie getan?«

»Erpresst!«

»Wie bitte? Wen haben Sie erpresst?«

»Eltern!«

»Warum haben Sie das getan?«

»Ich sah darin den letzten Ausweg. Ich beschenkte Eltern doppelt, dafür, dass sie ihren Kindern selbst was kauften und ihnen nichts von mir erzählten.«

»Verstehe, und mit dem Dahinsterben der Eltern sollte man Sie vergessen.«

»So war der Plan.«

»Aber man hat sie nicht vergessen!«

»Einige hielten nicht dicht. Sie übernahmen zwar das Schenken, schufen aber Legenden und Geschichten. Was blieb war eine stete Hoffnung aller Kinder auf meine Rückkehr.«

»Das macht doch nichts, sollen sie doch hoffen!«

»Offenbar kennen Sie nicht den Druck, ein Hoffnungsträger zu sein.«

»Jetzt werden Sie doch nicht persönlich!«

»Die Legenden machten den Glauben an mich nur noch stärker, geradezu unzerbrechlich.«

»Und als der große Krieg kam?«

»Der machte es nur noch schlimmer. Die Hoffnung wächst ja schließlich mit dem Leid!«

Schweigen setzt ein. Der Protokollant geht in die Küche um sich ein Glas zu holen. Er kommt wieder.

»Was ist mit den Gerüchten um die Coca-Cola-Company?«

»Coca-Cola war auf der Suche nach einem legendären Werbeträger.«

»Die Firma wusste also von Ihrer Existenz?«

»Nein, eine fixe Idee einiger Führungskräfte. Expeditionen wurden losgeschickt in der Hoffnung es könnte was dran sein, an den Geschichten. Sie wissen schon, die Sache mit Schliemann und Troja, phantastische Entdeckungen standen gerade hoch im Kurs.«

»Messner und der Yeti!«

 Hausherr schluckt. Der Protokollant hat keine Hand für das Glas, weil er schreibt.

»Jedenfalls erkannte ich die Chance.«

»Welche Chance?«

»Bevor sie mich fanden, um mich der Welt preiszugeben, machte ich den Schritt auf Coca-Cola zu. Ich warb umsonst für sie und sie nannten mich ihre Schöpfung.«

»Sie machten sich also selbst zur Werbeidee.«

»Die Legende wurde gebrochen.«

»Kein Mensch glaubte mehr an Sie.«

»Nur noch an Coca-Cola.«

Protokollant gießt sich ein und verursacht kurzes Schweigen.

»Und jetzt haben Sie mich gerufen.«

»Ja.«

»Warum?«

»Ich habe die Nase voll!«

»Aber Sie können doch atmen!«

»Bloß in meinem Versteck.«

»Das ist vielmehr ein Kontinent als ein Versteck und die Luft hier ist reiner als irgendwo sonst.«

»Mir ist stickig…symbolisch gesprochen.«

»Und was wollen Sie jetzt?«

»Die Welt soll wissen, dass ich da bin.«

»Sie haben alles daran gesetzt, dass sie es nicht weiß.«

»Und das war nicht umsonst.«

»Wie muss ich das verstehen?«

»Sie sollen der Welt nicht verkünden, dass der Weihnachtsmann existiert, sondern, dass ich existiere.«

»Aber sie sind der Weihnachtsmann.«

»…in Rente!«

»Weihnachtsmann lebt und ist in Rente. Ist das unsere Botschaft?«

»Und dass er einsam ist.«

Protokollant schluckt.

»Sie wollen eine Frau?«

»Erfahren muss sie sein.«

»Sie wollen eine erfahrene Frau?«

»Erfahren und hübsch sollte sie sein.«

»Eine hübsche erfahrene Frau?«

»Nicht zu groß.«

»Sie nehmen mich auf den Arm!«

»Nein, aber Humor sollte sie auch haben.«

»Soll ich ihnen vielleicht eine Partnerannonce schreiben?«

»Darum sind sie hier.«

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