»Töpfchen koche, Töpfchen steh«

2013-12-08 20.23.29

Die Weihnachtszeit steckt voller Symbolik und Tradition. Auch ich habe ein kleines Ritual, das alle Jahre wieder meine Weihnachsstimmung einleitet – ich esse Grießbrei (wahlweise Milchreis oder Pudding) und lese Märchen. Aber nicht irgendwelche, sondern – ganz traditionsbewusst – »Die schönsten Kinder- und Hausmärchen« (mit Originaltext und Original-Illustrationen von 1857) der Brüder Grimm, die 1994 im Arthur Moewig Verlag in der 10. Auflage erschienen sind. Zwei Bände mit 120 Märchen die ich als Kind geschenkt bekommen habe (vielleicht lagen sie passender Weise unterm Weihnachtsbaum) und seither wie einen kleinen Schatz hüte. Besonders gerne schlage ich Seite 51 im zweiten Band auf und lese »Der süße Brei«: ein kurzes, aber feines (im wahrsten Sinne des Wortes) Märchen, das mein Ritual so wunderbar zwischen den Buchdeckeln vereint.

Der süße Brei

Es war einmal ein armes frommes Mädchen, das lebte mit seiner Mutter allein, und sie hatten nichts mehr zu essen. Da ging das Kind hinaus in den Wald, und begegnete ihm da eine alte Frau, die wusste seinen Jammer schon und schenkte ihm ein Töpfchen, zu dem sollt es sagen: »Töpchen koche«, so kochte es guten süßen Hirsebrei, und wenn es sagte »Töpfchen steh«, so hört es wieder auf zu kochen. Das Mädchen brachte den Topf seiner Mutter heim, und nun waren sie ihrer Armut und ihres Hungers ledig und aßen süßen Brei, so oft sie wollten. Auf eine Zeit war das Mädchen ausgegangen; da sprach die Mutter: »Töpfchen koche«, da kochte es, und sie ißt sich satt; nun will sie, daß das Töpfchen wieder aufhören soll, aber sie weiß das Wort nicht. Also kocht es fort, und der Brei steigt über den Rand hinaus und kocht immerzu, die Küche und das ganze Haus voll, und das zweite Haus und dann die Straße, als wollt´s die ganze Welt satt machen, und ist die größte Not, und kein Mensch weiß sich da zu helfen. Endlich, wie nur noch ein einziges Haus übrig ist, da kommt das Kind heim und spricht nur: »Töpfchen steh«, da steht es und hört auf zu kochen; und wer wieder in die Stadt wollte, der mußte sich durchessen.

 

 

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