Jeden Abend im Belle Tristik

2013-12-18 20.29.03

Vergangene Woche ist mir bei einem Bücherflohmarkt »Aussichten des Romans oder Hat Literatur Zukunft?« in die Hände gefallen – Fünf Vorträge, die der Schriftsteller Reinhard Baumgart 1967 im Rahmen der Frankfurter Vorlesungen zur Peotik, einem Forum für neue Ansätze in der Literaturwissenschaft, abgehalten hat. Sie haben mich zu folgender kleinen Geschichte inspiriert:

Jeden Abend im Belle Tristik

Roman war schon als Kind etwas mollig gewesen und das hatte sich mit den Jahren nicht geändert. Seine Haut war ledrig geworden, sein Gesicht zerknittert und er roch auch ein wenig modrig, aber das war nur der Geruch der Weisheit, der ihn umgab. Jedenfalls hatte sein Bauch einen solchen Umfang erreicht, dass sich manch einer fragte, wie er zwischen den Barhocker und den Tresen im Belle Tristik passte – der Kneipe, die Roman jeden Abend aufsuchte, nicht zum Bingo, sondern zum Erzählen. Denn Roman hatte schon als Kind gerne Geschichten erzählt und auch das hatte sich mit den Jahren nicht geändert. Es war, als würde sein Leben nur aus Texten bestehen, aus Wörtern zusammengefasst in Sätzen. Als würde seine Geschichte Seite um Seite vor sich hinblättern und nie ein Ende finden. »Damals im 19. Jahrhundert…«, ja – Roman wusste wirklich viel zu erzählen. Und damit war er im Belle Tristik keinesfalls allein. Er war eben nur der alte Schinken in der Runde und er konnte es am längsten – das Erzählen. Aber weil dort alle irgendwie zum gleichen Kreis gehörten, sozusagen eine Clique waren, war Roman und sein Erzählen dort bestens aufgehoben. Man unterhielt sich ausgiebig, schließlich sprach man die selbe Sprache. Es gab genügend Gesprächsstoff. Und weil Roman beim Erzählen unterschiedliche Gesichter machte und in verschiedene Rollen schlüpfte, wusste sein Tresennachbar nie, ob auch nur ein Fünkchen Wahrheit zu finden war, in dem, was der Alte da so von sich gab. Aber natürlich wagte auch keiner zu sagen »Erzähl mir doch keine Story!« Allein der Geruch der Weisheit hielt davon ab. Uns so war Roman mal ein gebildeter Advokat, mal ein Künstler, mal ein Briefeschreiber, mal ein Reisender, wenn nicht sogar ein Abenteurer, dabei ein Detektiv oder ein Held oder manchmal sogar ein richtiger Flegel – auf seine alten Tage. Mal erzählte er von damals, dann wieder von heute, oder gar von der Zukunft und das ganz schauderhaft, oder nüchtern, oder sehr liebevoll, oder nahezu fantastisch. Man wusste nie, welche Geschichte er auftischte, wenn man sich zu ihm an den Tresen setzte. Aber jedes Mal, wenn er einen Punk unter das Ganze gesetzt hatte, rief er laut »Prosat!« Und die Gläser klirrten und Roman fing wieder zu erzählen an. Jeden Abend im Belle Tristik.

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