Tante Millas »Tannenbaumtherapie«

2013-12-25 12.59.55

Was für ein Weihnachtsbaum!  Zuckerkringel, Gebäck, Engelhaar, Marzipanfiguren und Lametta hängen im Überfluss von allen Zweigen, gläserne Zwerge lassen wie wild Korkhammer auf glockenförmige Ambosse zu ihren Füßen niedersausen und verursachen damit ein herrliches Gebimmel, ein Engel mit roten Backen trohnt in silbernem Gewand auf der Spitze, öffnet ab und an die Lippen und flüstert »Frieden«, »Frieden« in die Welt hinaus  – so beschreibt Heinrich Böll in seinem Satireband »Nicht nur zur Weihnachtszeit« (23. Auflage aus dem Jahr 1977) die alljährliche Hauptattraktion zu Weihnachten in seiner Jugend: den Baum von Tante Milla. Dieser Baum wurde zum Protagonisten einer äußerst skurilen Geschichte, denn für die Tante war er das Allerheiligste auf Erden, für den Rest der Familie ein pieksendes Übel, das jedes Jahr aufs neue starke Nerven abverlangte, bis es endlich – zur Glückseligkeit der Tante – herausgeputzt in der guten Stube platziert war.

»Und ich weiß noch, dass die sachgemäße Anbringung des vielfältigen Schmuckes erhebliche Mühe kostete, die Beteiligung aller erforderte und die ganze Familie am Weihnachtsabend vor Nervosität keinen Appetit hatte, die Stimmung dann – wie man so sagt – einfach gräßlich war.«

Dieser Baum hatte für Tante Milla einen solchen Wert, dass sie sogar den Krieg nur »als eine Macht [registrierte], die schon ab Weihnachten 1939 anfing, ihren Weihnachtsbaum zu gefährden«. Und tatsächlich blieb auch er nicht vom Krieg verschont. Mehrmals purzelten Zuckerkringel und Zwerge, Lametta und Gebäck (einmal sogar der Engel!) herunter, mehrmals hängte Tante Milla alles wieder feinsäuberlich an Ort und Stelle. Vergeblich. Und als Vetter Johannes dann um Mariä Lichtmeß den Baum – wie man es eben so macht – abbaute, fing die Tante an zu schreien und zu brüllen wie am Spieß. Sie aß nicht mehr und schlief nicht mehr. Sie tobte am laufenden Band. Die Familie dachte schon an Exorzismus, doch nicht einmal der Pfarrer konnte etwas ausrichten. Dann kam Onkel Franz auf die Idee, einfach einen neuen Tannenbaum aufzustellen. Ein guter Einfall, der allerdings schwerwiegende Folgen hatte. Und zunächst hakte es auch ein wenig an der Umsetzung. Es war nämlich nicht ganz einfach, einen respektablen Weihnachtsbaum Mitte Februar aufzutreiben.

»Es wurde schließlich eine Expedition raublustiger Enkel mit Taschengeld und einem scharfen Beil ausgerüstet: sie fuhren in den Staatsforst und kamem gegen Abend, offenbar in bester Stimmung, mit einer Edeltanne zurück.«

Doch damit war es nicht getan. Der Krieg hatte am Weihnachtsbaumschmuck erhebliche Spuren hinterlassen, soll heißen: so gut wie kein Zwerg hatte noch den Korkhammer in der Hand oder den Amboss zu Füßen, von den zerbrochenen Zuckerkringeln und dem zerkrümelten Gebäck ganz zu schweigen.

»Obwohl es an Barmitteln, auch an den nötigen Beziehungen nicht fehlte, dauerte es weitere vier Tage, bis die Ausrüstung komplett war….Telegramme an die deutschen Spielzeugzentren […] wurden durch den Äther gejagt […] von jungen erhitzten Postgehilfen wurden in der Nacht Expreßpakete an gebracht, durch Bestechung wurde kurzfristig eine Einfuhrgenehmigung aus der Tschecheslowakei durchgesetzt.«

Als dann endlich alles soweit war, versammelte sich die Familie um den Baum, die Tante wurde aus dem Krankenzimmer geholt, sogar der Pfarrer erschien. Die Zwerge bimmelten, man aß Gebäck und sang Lieder, der Engel öffnete die Lippen und hervor kam »Frieden«, »Frieden«. Die heile Welt von Tante Milla war wieder hergestellt. So machte es zumindest den Anschein, bis zum nächsten Abend.

»Die Tannenbaumtherapie…hatte die Situation gerettet. […] Meine Tante schlief ohne jedes Beruhigungsmittel. Die beiden Krankenschwestern wurden entlassen, die Ärzte zuckten die Schultern, alles schien in Ordnung zu sein. Aber am Abend darauf, als die Dämmerstunde nahte, saß mein Onkel zeitunglesend neben seiner Frau unter dem Baum, als diese plötzlich sanft seinen Arm berührte uns zu ihm sagte: „So wollen wir denn die Kinder zur Feier rufen, ich glaube, es ist Zeit.“ Mein Onkel gestand uns später, daß er erschrak, aber aufstand, um in aller Eile seine Kinder und Enkel zusammenzurufen und einen Boten zum Pfarrer zu schicken. Der Pfarrer erschien, etwas abgehetzt und erstaunt, aber man zündete die Kerzen an, ließ die Zwerge hämmern, den Engel flüstern, man sang, aß Gebäck […] mit Schrecken musste man feststellen, daß meine Tante sich wirklich in dem Wahn befand, es sei „Heiliger Abend“.«

Und so kam es, dass Familie Böll (und der Pfarrer, wenn er sich nicht drücken konnte) fortan jeden Abend unter Tante Millas Weihnachtsbaum verbrachte und dass auch im tiefsten Sommer besinnlicher Kerzenschein durch die abgedunkelten Fenster blitzte, es rund um das Haus nach frischem Gebäck roch und man von drinnen mehrstimmig selige Weihnachtslieder vernehmen konnte…O Tannebaum, O Tannenbaum!

Titel: Nicht nur zur Weihnachtszeit – Satiren; Autor: Heinrich Böll; Verlag: dtv; 1. Auflage April 1966, Seiten: 170

Bild: Weihnachtsbaum Daheim. Ganz ohne hämmernde Zwerge und flüsternden Engel, dafür mit meinem liebsten Weihnachtsbaumschmuck: Strohsternen.

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