Angestrichen übers Jahr

Zum Abschluss eine Auswahl! An Zeilen, Versen, Textpassagen, die ich übers Jahr gelesen und dabei den Bleistift gezückt habe, um anzustreichen, hervorzuheben, wundervoll zu finden. Ich wünsche einen guten Start ins neue Jahr!

Was tut man, wenn man sich plötzlich mitten in einem Groschenroman befindet?

Als ich mein erstes Buch geschrieben hatte, öffnete sich für mich die Welt, in der ich leben wollte.

Die Wahrheit ist, daß ich dem fürchterlichen Vergnügen daran, zu bezaubern und zu flirten, nicht wiederstehen kann, auch wenn ich nicht liebe. Was für ein Geständnis!

Naivität und Charme – und Tiefen. Erstaunliches Kind. Eine Entdeckung. Und dies und das und noch etwas.

Man glaubt das Ende des Fadens in der Hand zu haben, aber es ist wieder nur ein Knoten.

Ich bin wieder unterwegs, in meinen Gefühlen, ruhelos, denn es gibt noch Land zu entdecken, ungelebte Leben, unbekannte Menschen. Welche Tollheit! Ich will mich doch freuen. Ich will stehenbleiben und mich freuen.

Ich sehne mich danach, von diesem Buch befreit zu werden. Es frißt mich auf.

Das ist zu billig. Ich dachte wir seien über die Fragen von Gut und Böse hinaus.

Ein volles Leben lebt man unbewußt und instinktiv in allen Richtungen.

Waren Sie jemals in einem leeren Kino? Filme sind wie eine Dosis Opium; wenn man dann auf die Straße tritt, ist es wie ein Schock, man wird brutal aus dem Traum gerissen. Aber wenn man sitzen bleibt, wacht man nicht auf. Der Traum arbeitet weiter.

Man lebt so dahin, geborgen in einer Welt der Empfindsamkeit, und man glaubt zu leben. Dann liest man ein Buch, oder man macht eine Reise […] und man entdeckt, daß man nicht lebt, sondern in einem Winterschlaf versunken ist.

aus: Die Tagebücher der Anaïs Nin 1931 – 1934 (Originaltitel: The Diary of Anaïs Nin 1931 – 1934), Autorin: Anaïs Nin, aus dem Amerikanischen übersetzt von Herbert Zand, Christian Wegner Verlag; 1970; 364 Seiten.

Françoise ließ ihren Blick über die Wände ihres kleinen Arbeitsraumes gleiten, dir rosig durchhauchte Luft strahlte von Wärme und menschlicher Gegenwart. Da draußen war das seelenlose schwarze Theater mit seinen verlassenen Korridoren und der großen Höhlung mittendrin. Wollen Sie nicht noch etwas trinken? fragte sie. Da sage ich nicht nein, meinte er. Ich gehe in Pierres Gaderobe und hole noch eine Flasche. Sie verließ das Studio. Auf den Whiskey war sie gar nicht so wild, die dunklen Korridore zogen sie an. Wenn sie nicht da war, existierte alles das, der Staub, das Halbdunkel, die trostlose Öde für niemand, es existierte überhaupt nicht. Aber nun war sie da und das Rot des Teppichs drang durch das Dunkel wie ein schüchternes Nachtlicht. Solche Macht hatte sie: ihre Gegenwart riß die Dinge aus ihrem Nichtssein heraus, hab ihnen Farbe undDuft […] Sie war die einzige, für die jetzt diese verlassenen Stätten, diese verschlafenen Dinge einen Sinn besaßen; sie war da, sie gehörten ihr. Die Welt gehörte ihr.

aus: Sie kam und blieb (Originaltitel: L´Invitée); Autorin: Simone de Beauvoir; aus dem Französischen übersetzt von Eva Rechel-Mertens; Rowohlt Taschenbuch Verlag; 1972; 378 Seiten.

Die Küste zu beobachten, während sie am Schiff vorbeigleitet, ist wie über einem Rätsel zu grübeln. Sie liegt vor dir – lächelnd, grollend, einladend, prächtig, armselig, fade oder wild, und immer stumm, obwohl sie zu flüstern scheint: Komm und finde mehr heraus.

Vielleicht hing es mit dem menschenfreundlichen Wunsch zusammen, den Verbrechern etwas zu tun zu geben.

Ich ließ ich reden, diesen Papiermaché-Mephisto, und hatte dabei das Gefühl, ich hätte mit dem Zeigefinger durch ihn bohren können und nichts in ihm gefunden außer vielleicht ein bißchen lose Erde.

aus: Herz der Finsternis (Originaltitel: Heart of Darkness); Autor: Joseph Conrad; aus dem Englischen übersetzt von Sophie Zeitz; Deutscher Taschenbuch Verlag; 5. Auflage 2012; 143 Seiten.

Vorsicht, meine schöne Unbekannte! Vorsicht, aus einer Kutsche zu treten, ist keine so leichte Sache, zuweilen ein entscheidender Schritt. Ich könnte Ihnen eine Novelle von Tieck leihen, aus der Sie ersehen würden, wie eine Dame dadurch, daß sie von einem Pferd stieg, sich derart in einer Verwicklung verstrickte, daß dieser Schritt für ihr ganzes Leben definitiv wurde. Die Tritte an den Kutschen sind meist auch so verkehrt angebracht, daß man fast gezwungen ist, alle Grazie fahren zu lassen und einen verzweifelten Sprung in die Arme von Kutscher und Diener zu wagen. Ja, wie haben Kutscher und Diener es doch gut; ich glaube wirklich, ich will eine Stelle als Diener suchen, in einem Hause, wo junge Mädchen sind; ein Diener wird leicht Mitwisser in den Geheimnissen so eines kleinen Fräuleins.

[…] lassen Sie diesen zierlichen kleinen Fuß, dessen Schmalheit ich schon bewundert habe, lassen Sie ihn sich in der Welt versuchen, wagen Sie es, sich auf ihn zu verlassen, er wird schon Halt finden, und überläuft sie einen Augenblick ein Schauder, weil es ist, als suche er vergebens, worauf er ruhen kann, ja schaudert es Sie noch, nachdem er es gefunden hat, so ziehen Sie geschwind den anderen Fuß nach […]

Doch Angst ist nicht schön an sich, sie ist es nur, wenn man im selben Augenblick die Energie sieht, die sie überwindet.

aus: Entweder – Oder (Originaltitel: Enter – Eller), Teil I und II; I. Teil, Kapitel VIII – Das Tagebuch des Verführers; Autor: Sören Kierkegaard; aus dem Dänischen übersetzt von Heinrich Fauteck; Deutscher Taschenbuch Verlag;  10. Auflage 2009; 1038 Seiten.

Armande. Wie schön versteht Mama die Schicksale zu lenken, und wählt die zum Gemahl ein solches Geisteslicht…

Henriette. Wenn er dir so gefällt, warum nimmst du ihn nicht?

Armande. Für dich, und nicht für mich, ist seine Hand bestimmt.

Henriette. Ich tret ihn sofort ab, dass ihn die ältre Schwester nimmt.

Armande. Stünd mir der Kopf wie dir auf Kinder, Küche, Mann, nähm ich dein Angebot enthusiastisch an.

Henriette. Hätt ich wie du im Kopf bloß blöden Bücherkram, dann wär auch für mich der richt´ge Bräutigam.

Clitandre. Wie rießig ist der Nutzen, den die Herren stiften! Wie dringend braucht der Hof diese gelehrten Schriften! Drei Schnorrer haben da die Schnapsidee gefunden, wärn sie erst mal geruckt und kalbsledergebunden, voliá, jetzt wärn im Staat sie plötzlich Schwergewichte und steuern per Tintenfass die Weltgeschichte.

Trissotin. Poeten sind vernarrt in ihre Vers-Verbrechen.

Trissotin. Für Leute mit Geschmack ist die Ballade fade.

Trissotin. Wir sehen uns im Verlag, Mann gegen Mann, allein!

aus: Die gelehrten Frauen – Komödie in fünf Akten (Originaltitel: Les Femmes savantes), Autor: Molière; aus dem Französischen übersetzt von Rainer Kohlmayer; Reclam Verlag; 2004; 104 Seiten;Uraufführung: 11.März 1672, Theater des Palais Royal, Paris.

Advertisements


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s