»Ich weiß nicht, warum ich dich will und wozu. Darüber bin ich sehr froh.«

Jahrhundertbriefe

Briefe! Dokumente einer Zeit, Zeugnisse von Ereignissen, von Erlebtem, vor allem aber Ausdruck von Verbindungen und Gefühlen zwischen zwei Menschen. In den Münchner Kammerspielen kann besonders eindrucksvollen Briefen gelauscht werden – Briefwechseln von Intellektuellen des 20. Jahrhunderts, zwischen Künstlern, Literaten und Philosophen. Die Reihe »JAHRHUNDERTBRIEFE« wurde von der Literaturwissenschaftlerin,  Journalistin und Leiterin der Literaturhandlung Dr. Rachel Salamander in Kooperation mit der Offenen Akademie der Münchner Volkshochschule konzipiert. Schauspielerinnen und Schauspieler der Kammerspiele lesen vor, während eine Persönlichkeit aus der deutschen Literatur-/ Kulturszene Hintergrundinformationen aus den Biographien und der Beziehung der Briefeschreiber einfließen lässt. Die Reihe befindet sich bereits in ihrer Fortsetzung und startete mit dem Briefwechsel zwischen der österreichischen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann und dem deutschen Lyriker Paul Celan in das neue Jahr. Sandra Hüller und Steven Scharf lasen und der Schriftsteller und Literaturkritiker Peter Hamm führte mit den Worten »Ich glaube, man darf von einem Ereignis sprechen« in eine Verbindung ein, die sich in viele Worte, zugleich aber in kein Einziges, fassen lässt.

»Ich weiß jetzt nur kein Wort dafür in dem stünde, was uns hält […] man hütet sich Fragen zu stellen bei so viel Sinnlosigkeit« (Bachmann, Juli 1958)

Irritation, Schmerz, Entfremdung, Bitterkeit, Misstrauen, Zorn, Unversöhnlichkeit, Zweifel und Niedergeschlagenheit gehören ebenso dazu wie Freundschaft – und Liebe. Und vor allem: Briefe. Von 1948 bis 1967 teilten Bachmann und Celan ihre gegenseitige Zuneigung wie auch ihre Abscheu öfters auf dem Papier, als in der Realität. Ihre Beziehung war in der damaligen Öffentlichkeit mehr ein Gerücht als eine Tatsache, ihre Liebe und ihr Hass lebte zwischen Briefumschlägen. »Wo Lust und Schrecken nahe beieinander liegen«, da trafen sich Bachmann und Celan in Zeilen, die nur ihnen gehörten. Ihnen, deren Herkunft unterschiedlicher nicht hätten sein können: Sie war die Tochter eines Nationalsozialisten, er verlor seine Eltern durch die Deportation. Parallelwelten trafen aufeinander und fanden im Schreiben ihren tiefsten Ausdruck. Ein Spiel aus kühlster Distanz und wärmster Nähe, aus dem Fremdsein und dem »stetige[n] einander ins Herz sehen«.

»Für mich bist du aus Indien […] für mich bist du Wüste und Meer und alles, was Geheimnis ist.« (Bachmann, Juni 1948)

»Vielleicht ist es so, dass wir und da ausweichen, wo wir uns gern begegnen möchten […] wie weit oder wie nah bist du?« (Celan, März 1949)

»Ich weiß nicht, warum ich dich will und wozu. Darüber bin ich sehr froh.« (Bachmann, August 1949)

»Ich bin sehr bei dir.« (Bachmann, November 1949)

Am Anfang war es Liebe, die Bachmann und Celan gemeinsam in Paris ausleben wollten. Ein kurzer Zeitraum der von Euphorie bestimmt war und – für die Liebe – im Scheitern endete. Eine Zeit auf die viele, nicht absandte, Briefe folgten.

»Ich habe ein so großes Verlangen nach Geborgenheit, dass ich Angst habe, sie bald zu finden.« (Bachmann, September 1950).

„Mein verrücktes Herz, das ab und zu noch gegen dich arbeitet. Ich liebe dich und will dich nicht lieben.«  (Bachmann, Juni 1951)

»Nur weil es mir so schwer fällt, Deinen Brief zu beantworten, schreibe ich erst heute. Dies ist nicht mein erster Brief an Dich seitdem ich eine Antwort suche, aber hoffentlich ist es diesmal der Brief, den ich auch abschicke […] Wir wissen genug voneinander, um uns bewusst zu machen, dass nur die Freundschaft zwischen uns möglich bleibt. Das Andere ist unrettbar verloren.« (Paul Celan, 16. Februar 1952)

»Wie kann ich bei dir sein, wenn du schon längst von mir gegangen bist […] aber ich will es mit dieser Freundschaft versuchen, sie wird nicht frei sein von Verwirrung.« (Ingeborg Bachmann, Juli 1952)

1957 dann der erneute Versuch ihre Liebe zu entfalten. Es gelang ihnen nur für einen Augeblick. Celan war zu diesem Zeitpunkt bereits mit der Künstlern Gisèle Lestrange verheiratet und Bachmann ging kurz darauf eine Beziehung mit Max Frisch ein. Trotzdem hielten sie aneinander fest. Bachmann versuchte zwar ab 1960 einen entgültigen Bruch herbeizuführen, dieser erfolgte allerdings erst sieben Jahre später –  als die Briefe verstummten.

»Du bist der Lebensgrund. Auch deshalb, weil du die Rechtfertigung meines Sprechens bist und bleibst.« (Celan, Oktober 1957)

 »Wir wissen es doch, dass es für uns fast unmöglich ist mein einem anderen Menschen zu leben.« (Bachmann, Oktober 1958)

»Es darf nicht sein, dass du und ich einander noch einmal verfehlen […] ich bete darum, dass wir die Worte finden.« (Bachmann, Januar 1959)

 »Nach allem was geschehen ist, glaube ich, dass es für uns kein Weiter mehr gibt« (Bachmann, 1960)

»Du sagst, du möchtest uns nicht verlieren […] ich frage mich, wer ich für dich bin – Ein Phantom, eine Wirklichkeit?« (Bachmann, September 1961 – Brief wurde nie abgesandt)

1970 beging Celan Selbstmord. Er sprang in die Seine und Bachmann schrieb nach seinem Tod : »Mein Leben ist zu Ende, denn er ist auf dem Transport im Fluß ertrunken, er war mein Leben. Ich habe ihn mehr geliebt als mein Leben.«

Was war sie also, diese Verbindung – Phantom oder Wirklichkeit? Die vollkommene Loslösung vom Anderen gelang den Beiden nie. Trotzdem konnten sie keine Liebe zueinander zulassen, nicht ihr Leben miteinander verbringen – außer auf dem Papier.

»Sind wir nur die Geträumten?« (Bachmann, Oktober 1957)

»Heute. Der Tag mit dem Brief. Zerstörung, Ingeborg? Nein, die Wahrheit!« (Celan, Oktober 1957)

Dieser Briefwechsel offenbart eine außergewöhnliche Beziehung zwischen zwei Menschen, die einander stets festhalten mussten und gleichzeitig loslassen wollten. Er zeugt von einer unbeständigen und zugleich vollkommenen Zuneigung, einer Verbindung, die durch das geschriebene Wort lebte, sich entfalten und Bestand haben konnte. Ist das ihre heimliche Magie? Vielleicht sollten auch heute noch viel mehr Briefe geschrieben werden?

Biographisches

Ingeborg Bachmann (* 25. Juni 1926 in Klagenfurt; † 17. Oktober 1973 in Rom) wuchs in Kärnten auf. Von 1945 bis 1950 studierte sie Philosophie, Psychologie, Germanistik und Rechtswissenschaften in Innsbruck, Graz und Wien. Während dieser Zeit lernte sie Paul Celan kennen. Ihre erste Veröffentlichung gelang 1946 mit der Erzählung Die Fähre. Von 1951 bis 1953 arbeitete sie als Hörfunkredakteurin beim Wiener Sender »Rot-Weiß-Rot« . 1953 erhielt sie für ihren Gedichtband Die gestundene Zeit den Literaturpreis der Gruppe 47. 1956 veröffentlichte sie ihren zweiten Gedichtband Anrufung des großen Bären, für den sie 1957 den Bremer Literaturpreis erhielt. Im selben Jahr wurde sie Dramaturgin beim Bayerischen Fernsehen und zog nach München. Von 1958 bis 1962 lebte sie mit Max Frisch in Zürich und Rom. Nach der Trennung von Frisch zog sie 1963 nach Berlin. 1964 erhielt sie den Goerg-Büchner-Preis und begann die unvollendene Romantriologie Todesarten zu schreiben. Der erste Band Malina wurde 1971 veröffentlicht. Bachmann war zu diesem Zeitpunkt bereits von Tabletten und Alkohol abhängig. Im September 1973 erlitt sie bei einem Brand in ihrer Wohnung in Rom schwere Verletzungen. Sie starb an den tödlichen Entzugserscheinungen, die der jahrelange Konsum von Beruhigungsmitteln ausgelöst hatte. Seit 1977 wird jährlich der Ingeborg-Bachmann-Preis beim Klagenfurter Literaturwettbewerb vergeben.

Paul Celan (* 23. November 1920 in Czernowitz; † vermutlich 20. April 1970 in Paris) wurde in der Hauptstadt der Bukowina (damals Rumänien, heute Ukraine) in eine deutschsprachige jüdische Familie geboren. 1939 begann er dort ein Romanistikstudium, das er ein Jahr später aufgrund der Besetzung des Gebietes durch deutsche Truppen aufgeben musste. Celans Eltern wurden 1942 in ein Lager in Transnistrien deportiert und starben dort. Von 1942 bis 1943 lebte er als Zwangsarbeiter in rumänischen Arbeitslagern. 1944 nahm er sein Studium in Czernowitz wieder auf und führte es 1945 in Bukarest fort, wo er auch als Übersetzer und Lektor tätig war. 1948 zog er nach Paris. Sein erster Gedichtband Der Sand aus den Urnen erschien in diesem Jahr in Wien, dort lernte er Ingeborg Bachmann kennen. 1952 heiratete Celan die Künstlerin Gisèle Lestrange, 1955 wurde der gemeinsame Sohn Eric geboren. 1958 erhielt Celan den Bremer Literaturpreis für seine Gedichtbände Mohn und Gedächtnis und Von Schwelle zu Schwelle, 1960 wurde er mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. In den darauffolgenden Jahren wurde er mehrmals in psychatrische Kliniken eingewiesen, unter anderem hatte er zweimal versucht, seine Frau und seinen Sohn zu ermorden. Die Umstände seines Todes sind bis heute nicht geklärt. Vermutlich sprang er am 20. April in die Seine. 1988 stiftete der Deutsche Literaturfonds den Paul-Celan-Preis für herausragende Übersetzungen.

Info:

Die Korrespondenz von Bachmann und Celan ist im Deutschen Literaturarchiv (Celan) und in der Österreichischen Nationalbibiliothek (Bachmann) archiviert. Ihr Briefwechsel erschien im August 2008 unter dem Titel Herzzeit im Suhrkamp Verlag.

Die JAHRHUNDERTBRIEFE stehen am Dienstag, den 25. Februar um 20 Uhr, wieder auf dem Programm der Münchner Kammerspiele – mit dem Briefwechsel (1961 – 1988) zwischen dem Autoren Thomas Bernhard und seinem Verleger Siegfried Unseld (Suhrkamp Verlag).

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