»Sag mal, was spielst du dich hier eigentlich so auf?«

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Eine berechtigte Frage an einen Schriftsteller, der seit zwei Jahren nicht schreibt, sich aber für Stefan George hält! Gestellt von Luise, seiner Frau, auf der Bühne der Münchner Kammerspiele am Herd stehend, kochend, den Sonntags – SATANSBRATEN von Rainer Werner Fassbinder (Regie: Stefan Pucher). Die Frage, die sich mir zuerst stellt, ist: Wer ist der SATANSBRATEN? Da gibt es verschiedene Ansichten! Wenn es nach dem Verleger (Edmund Telgenkämper) geht, ist es Walter Kranz (Wolfgang Pregler), der den Vorschuss einkassiert, aber nichts abliefert. Aus der Sicht von Luise (Annette Paulmann) ist es Walter mit seinem aufgeblasenen Gehabe und seiner unmenschlichen Art. Und für Walter sind es alle, die den Dichter in ihm verkennen (»Ihr seid alle Frühjahrskartoffeln!«) – von seiner Frau (»Lyrik? Dass ich nicht lache!«) bis hin zu Lisa (Brigitte Hobmeier), seiner Geliebten (»Ich will´s heute nicht poetisch!«). Nur Andrée (ebenfalls Hobmeier oder »A. ,16Uhr glühend«) hängt ihm hingebungsvoll an den Lippen.

Andrée: »Ich hatte ein Gedicht. Sie hatten ein Gedicht. Und ich habe es ihnen von den Lippen geleckt.«

Walter: »Wie unappetitlich!«

Und doch ist gerade sie es, die am Ende auf ihn spuckt (urkomisch versucht zu spucken, »die Kleine vom Land«!). Um was geht es hier eigentlich? In Fassbinders Worten:

»Das ist ´ne Komödie. Das ist die Geschichte eines heutigen Künstlers, hier und jetzt, der heißt Walter Kranz. Früher hat er einmal sehr schöne Gedichte geschrieben […] und der kann nun seit zwei Jahren nicht mehr schreiben und weiß nicht mehr, was er von alledem halten soll […].“

Nicht nur Walter, sondern sein gesamtes Umfeld weiß nicht, wie mit seiner Schreibblockade umzugehen ist.

Andrée: »Er hat eine schöpferische Pause, das braucht jedes Genie.«

Luise: »Ewig hat man Scherereien mit dir!«

Walter: »Weil ich ein fantasievoller Mensch bin!«

SATANSRATEN steckt voller Absurdität, voller Wahnsinn – der nicht in Persona, sondern in Personen auf der Bühne steht. Jede Rolle hat einen absoluten Knacks (der von jedem Darsteller/ jeder Darstellerin hemmungslos gespielt wird!) und Walters Bruder Ernst (Thomas Schmauser) erscheint dabei noch am harmlosesten, obwohl er unentwegt tote Fliegen sammelt und Frauen in die Brustwarzen kneift.

Walter: »Entschuldigen Sie meinen Bruder, der wirklich nicht in der Lage ist, sein Verhalten ernsthaft zu begründen.«

Diese Aussage kann auf jede einzelne Charaktere übertragen werden. Es wird beschimpft was das Zeug hält, ausgerastet, hysterisch gelacht, dazwischen gesungen, und vor allem: geschrien – in den höchsten Tönen und aus tiefster Seele. SATANSBRATEN ist schrill, laut, frech und fies, so richtig fies! Und das Bühnenbild trägt zur hektischen Verwirrung bei. Es fährt hinein- und hinaus, kommt von oben, von hinten, von rechts und von links; die Schauspieler gehen darin ständig ein und aus; Szenen werden per Live-Video ins Bühnenbild übertragen und der Kameramann taucht wie selbstverständlich darin auf.

Fassbinder: »Es passiert unheimlich viel, unheimlich viel passiert da merke ich gerade […].«

Es geht um Geld, Geld, Geld! Um Sex. Um Machtspielchen. Um »Starke und Schwache«. Vor allem aber geht es um Walter und sein Schreiben. Er glaubt, dass ihm nach zwei Jahren endlich wieder ein Gedicht gelungen ist (»Gestern noch depressiv und heute – genial.«)  – Der Albatros – ein Höhenflug der schnell endet, als er erkennen muss, dass diese Flügel schon jemand anders gewachsen sind: Stefan George. Eine Identitätskrise entsteht, die darin endet, dass Walter zu George wird. Eine Perücke wird aufgesetzt, ein Blick in den Spiegel geworfen.

Walter: »Ich liebe mich nicht mehr. Ich liebe Stefan George. Also bin ich Stefan George!«

Aber Walter ist alles andere als George. Auch wenn er noch so gerne dessen Sprache, die »kristallklarstes Deutsch, allenfalls vergleichbar mit Nietzsche« ist, als die seine ausgeben will.

Walter: »Das ist mein Gedicht!«

Luise: »Ne Walter, das ist Stefan George!«

Nietzsche (im Laufe des Stücks von verschiedenen Darstellern): »Die Welt vermenschlichen, das heißt, immer mehr uns in ihr als Herren fühlen.« 

Walters Inszenierung sprengt jeden Grad der Lächerlichkeit und Selbstverherrlichung und doch bleibt er einfach Walter.

»Walter Kranz ist jemand: Der ist toll für sich selber; scheißegal, was er macht. Er stilisiert das, was er macht, zur Poesie des Untergangs. Das ist ja etwas, was Künstler immer können. All das, was sie an Fehlern oder an Defiziten haben, können sie positiv verarbeiten.«

Er ist Sadist und Masochist zugleich. Er behandelt die Menschen in seinem Umfeld wie den letzten Dreck, liegt am Ende selbst am Boden – und findet darin plötzlich sein eigenes Schreiben wieder. Er schmort – erst scharf angebraten, dann gegart. SATANSBRATEN ist eine Künstlerbiographie. Die eines zornigen, herrschsüchtigen, selbstverliebten und zugleich sich selbst verachtenenden Dichters, der eigentlich ein trauriger Wurm ist und es am Ende doch schafft, einen Roman zu schreiben, der seinen Verleger überzeugt. (»Ein Epos aus den Niederungen und Kloaken des Menschsein.«) Er hinterlässt dabei keinen guten Eindruck! Aber einen bleibenden! Die Inszenierung ebenfalls.

Rainer Werner Fassbinder – der SATANSBRATEN?

Als Filmproduzent, Schauspieler und Autor war und ist Rainer Werner Fassbinder (* 31. Mai 1945; † 10. Juni 1982) eine umstrittene Persönlichkeit in München, Deutschland und darüber hinaus.

»Satansbraten war für die Kulturfunktionäre wieder ein Schlag ins Gesicht. Man hatte ja schon angenommen, der Ungebärdige habe sich in den Kulturbetrieb eingeordnet, wäre ein Etablierter geworden […] Mit SATANSBRATEN hat er ihnen dann wieder einmal deutlich gemacht, dass niemand ihn irgendwo einordnen konnte und das merkten die Zuständigen auch. Sie fühlten sich zwar betroffen, lehnten aber den Film in ganzer Länge ab. So wurde einer seiner schönsten, ehrlichsten und radikalsten Filme aus der Öffentlichkeit gedrängt, abgewehrt und unterdrückt.« (Kurt Raab – Walter Kranz im Film)

SATANSBRATEN wurde im Oktober 1975 und Januar/Februar 1976 in München gedreht. Die Uraufführung fand am 7. Oktober 1976 auf der Filmwoche Mannheim statt; der Kinostart war im November 1976. Die Geschichte weist, wie Fassbinder in einem Interview äußerte, biographische Züge auf:

»Ich habe eine ganz konkrete Erfahrung gemacht mit einer Geschichte, die ich erfunden habe und von der sich herausgestellt hat, dass es sie schon gab. […] Meine Art zu arbeiten ist für mich auch so was wie eine Selbsttherapie […] So habe ich halt versucht, über mich von außen, von einer negativen Haltung her, die Komödie zu machen, die Komödie über mich, wenn ich so wäre, wie ich vielleicht bin, aber nicht glaube, dass ich´s bin.«

 

Der Albatros

Oft kommt es dass das Schiffsvolk zum Vergnügen

Die Albatros – die großen Vögel – fängt

Die sorglos folgen wenn auf seinen Zügen

Das Schiff sich durch die schlimmen Klippen zwängt

Kaum sind sie unten auf des Deckes Gängen

Als sie – die Herrn in Azur – ungeschickt

Die grossen weissen Flügel traurig hängen

Und an der Seite schleifen wie geknickt.

Er sonst so flink ist nun der matte Steife.

Der Lüfte König duldet Spott und Schmach:

Der eine neckt ihn mit der Tabakpfeife –

Ein Anderer ahmt den Flug des Armen nach.

Der Dichter ist wie jener Fürst der Wolke –

Er haust im Sturm – er lacht dem Bodenstrang.

Doch hindern drunten zwischen frechem Volke

Die riesenhaften Flügel ihn am Gang.

Info: SATANSBRATEN läuft das nächste Mal am 9. März um 19Uhr (Einführung 18:15) in den Kammerspielen München.

Schriftzug: Münchner Kammerspiele

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