»Einen Koffer voll Wärme und den Mund voll überraschter Wörter«

bayerische schrifstellerinnen

Liesl Karlstadt würdigt »Die deutsche Laugenbretzel«, Grete Weil geht bis »Ans Ende der Welt«, Gisela Elsner kreiert »Die Mahlzeit«, Monika Mann zeichnet »Capri-Skizzen«, Marietta di Monaco schreibt »An Jo«, bei Annette Kolb geht es »Auf und nieder« und Maria Beig findet »Das gute Ende«  – »Bayerische Schriftstellerinnen – ein Lesebuch« vereint 26 Texte mit 26 Biografien. Für die Auswahl haben die Herausgeberinnen Dietlind Pedarnig und Edda Ziegler ihr Augenmerk vor allem auf unbekannt(er)e Autorinnen gelegt. Es sind Frauen, die die Anfänge der weiblichen Schreibkultur um 1800 mitgeprägt, ihre Entfaltung im Laufe des 19. Jahrhunderts unterstützt haben und dies bis heute tun. Alle 26 Autorinnen wurden, wie der Titel verrät, in Bayern geboren – ihre Herkunft geht oftmals über die Grenzen der Landeshauptstadt hinaus aufs Land; dorthin, wo die Texte zwischen Wiesen und Wäldern in bäuerlichen Verhältnissen entstanden – und auch genau so klingen. »Der Bua« von der Volksdichterin Emerenz Meier (1874-1928), verdeutlicht wohl am besten, was einem beim Lesen über den Weg läuft: Eine gehörige Portion Dialekt! Im Falle von Meier kommt der aus dem Mund der unverheirateten, gerade frisch gebackenen Mutter Resei:

»’A Buam hast! A Mordstrumm Buar is´s. Na, der stirbt dir g´wiß net!‘ Die junge Mutter wischte sich den Schweiß aus dem runden, erhitzten Gesicht und erhob sich ein wenig, um sich den Wunderbuben, der nicht sterben sollte, selbst anzusehen. Aber mit beiden Händen drückte die Hebamme sie die Kissen zurück. ‚Ob´st di´net stad haltst, du dumm´s Ding! Ob´st du net leig´n bleibst, heut´ und morg´n und übermorg´n! […].‘ ‚Jessas, kegl´dir doch´s Mäul net aus!‘ rief Resei mit einer Stimme, der man anhörte, daß sie gewohnt war, in den Burgwäldern zu jodeln und zu jauchzen. ‚Daß i´ mi´ebba nimmer rühr´n derf weg´n dem Buam! So zoag mir ´hn doch wenigstens her, daß i´sehg, was er für a G´sicht anmacht!’«

Die Anthologie steckt voller Heimattenor in ganz unterschiedlichen Klängen. Dabei handelt es sich keineswegs um Geschichten von Heim und Herd. Die Texte beschreiben literarisch die bayerische Landschaft, die Kultur, die Menschen – und die Politik! Ein Werk, das inhaltlich besonders heraussticht, ist »In der Redaktion der Patrioten« von Paula Schlier (1899-1977), die 1923 als Stenotypistin beim »Völkischen Beobachter« in München gearbeitet hat. Sie schildert in Form von Tagebucheinträgen unverblümt den Redaktionsalltag des größten öffentlichen Organs der nationalsozialistischen Ideologie und liefert damit geschichtsträchtige Fakten aus erster Hand und in sensibler Sprache.

»[… ] Wenn in diesem politischen Theater alle Gefühle durch übertriebene Gesten verkitscht, Krafteiereien für Stärke, Menschen durch Phrasen glücklich gemacht und Vaterlandsliebe mittels […] der ‚eisernen Diktatorenfaust‘ hergestellt und gezüchtet werden soll (dies alles aber unter der Devise der Erneuerung und Freiheit) […] wenn niemand mehr selbst denken und etwas opfern und Verantwortung tragen will, wenn keiner mehr neben dem anderen geachtet und unbeschadet in seiner Menschlichkeit bestehen kann, – wenn so ein frischer, schöner Hersttag nach dem anderen von der Wichtigtuerei dieser Spießer zerstört […] wird, wenn wir alle nur noch um unsere bloßen Existenz, um unserer Leibes willen, zu leben scheinen, – wenn die ganze Welt so völlig verloren ist und überall so wenig Liebe und solche Geistlosigkeit triumphiert […].«

Was mir am besten gefällt ist der Auszug aus dem Roman »Der Blechsoldat« von Marianne Ach (*1942) – wegen der Protagonistin Margarete und so wunderbaren Sätzen wie diesen:

»Margarete erzählt Märchen, erinnert sich, fliegt fort, hat Flügel bekommen.«

»Es gibt viel Elend auf der Welt und auch viel Schönes. Geh hinaus ins Freie. Raben sitzen im Geäst und warten wie du auf den Frühling.«

»Margarete nimmt die Strickjacke, den Mantel, ihre Schuhschachtel, in der sie ein paar Kostbarkeiten verwahrt hat, einen Koffer voll Wärme und den Mund voll überraschter Wörter.«

 »Die Nacht ist ein großer Schattenmann.«

»Margarete tastet, riecht und schmeckt die Freiheit.«

»Margarete steht auf, geht auf Wolken, ist leicht wie eine Feder, fällt, wacht auf, hat blaue Flecken auf der Stirn, Blut an den Händen. ‚Die Farbe rot ist meine Lieblingsfarbe‘, sagt sie, streicht mit der Zunge über ihre Hand, schmeckt das Blut. ‚Immer wieder aufstehen‘, sagt sie.«

Titel: Bayerische Schriftstellerinnen – Ein Lesebuch; Allitera Verlag; 263 Seiten; Paperback; 16,90 Euro.

Info: Am Donnerstag, 15. Mai um 20 Uhr, werden die »Bayerischen Schriftstellerinnen« mit einer musikalischen Lesung in der Realwirtschaft Stragula in München vorgestellt. Mitwirkende sind Michaela May (Lesung), Maria Reiter (Akkordeon) und Dietlind Pedarnig (Moderation). Karten gibt es im Vorverkauf für 8 Euro/ermäßigt 5 Euro, erhältlich unter info@allitera.de oder 089/13929046. Karten an der Abendkasse: 10 Euro/ermäßigt 7 Euro.

Bild: Allitera Verlag

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