Spiel mit der eigenen Geschichte!

cindyruch_140307-20-1

Wie viel AutorIn steckt in einem Text? Roman Graf setzt die Geschichte von André und Louise in Der Niedergang als Bergroman in die Schweizer Alpen, die er selbst schon oft besucht hat. »Ich kann halt nur Kleinstadt!« antwortet Martin Becker auf die Frage, warum Der Rest der Nacht in der Provinz spielt. Er ist in Plettenberg aufgewachsen, einer mittelgroßen Stadt in Nordrhein-Westfalen. Wie schon zwei seiner bisherigen Werke, findet auch Unternehmer von Matthias Nawrat im Schwarzwald statt. Er hat dort selbst einige Jahre gelebt. Und Diamanten Eddie von Sabine Kray stammt aus unmittelbarem Familienkreis. Sie erzählt darin die Lebensgeschichte ihres Großvaters.

»Dein Großvater war Juwelendieb, aber erzähl das bitte nicht in der Schule.« (Sabine Kray)

Roman Graf, Martin Becker, Matthias Nawrat, Sabine Kray – vier von sechs Autoren und Autorinnen die ihre neuesten Werke beim 14. Internationalen Festival Junger Literatur – WORTSPIELE – auf der Bühne des Muffatwerks (Club Ampere) vorgestellt haben. Vier von sechs Autoren und Autorinnen, deren Geschichten einen persönlichen Touch aufweisen – deren Geschichten ohne die eigene Geschichte überhaupt nicht existieren würden?

»Man kann einen Marmeladenmacher fragen, was alles in seiner Marmelade ist – aber man kann nie einen Dichter fragen, was in seiner Dichtung steckt.« (Moderator)

Steckt der Dichter selbst in seiner Dichtung? Schreiben wir, um unsere Vergangenheit noch einmal im Geschriebenen zu erleben? Um unsere Identität im Text einzufangen und festzuhalten? Alexander Schimmelbusch fängt in Die Murau Identität zwar nicht seine, aber die des Schriftstellers Thomas Bernhard ein – in unfassbar langen Schachtelsätzen, die ein ganzes Text-Labyrinth zeichen und ihn durch dieses Wortspiel zum Tagessieger des Festivals machen. Dorothee Elmiger schließt sich diesem irrenden Kreislauf mit Schlafgänger an. Einem Roman, der mehr aus essayistischen Texten besteht; der voller Figuren ist, deren Geschichten zu keinem Schluss kommen – die ein offenes Buch bleiben, wie das Leben selbst. Können nur vorhandene Geschichten in einen Text einfließen, dort nacherzählt werden? Wie viel Einfluss hat das, was wir selbst erlebt haben auf unser Schreiben? Kann eine Geschichte erst dann genügend Tiefgang erlangen, wenn sie mit den eigenen Erfahrungen bestückt wird?

Wie nah AutorInnen ihrem Werk stehen (stehen können), verdeutlicht schließlich Matthias Nawrat, der den Bayern 2 Wortspiele-Preis gewinnt: »Es ist gerade heute erschienen, deshalb bin ich noch ein bisschen wie ein Vati nach der Entbindung.« Sind AutorInnen also aufs Engste mit ihrem Text verwebt? Schenken sie ihm – sozusagen – das Leben aus dem eigenen Leben heraus? »Es ist nicht leicht, die Herzen von den Hüllen zu befreien.« (aus Unternehmer). Vielleicht ist aber zwischen Buchdeckeln der richtige Ort, um es zu öffnen.

»We write to taste life twice, in the moment and in retrospection. We write to be able to transcend our life, to reach beyond it.« (Anaïs Nin)

Wunderbares Bild von Matthias Nawrat: von Cindy

Advertisements


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s