How do you find Copenhagen? Your new love. I mean?

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Anfang März – fünf Tage Kopenhagen. Vor meiner Abreise hat mir jemand gesagt, die Stadt fühle sich an, als wäre Einiges im Gange. Sie wäre wie ein Fluss, ständig in Bewegung. Vielleicht war das der Grund für meine Sehnsucht. Für dieses Bauchgefühl. Für das Kribbeln. Unruhig habe ich durch das fremde Schlüsselloch in den Norden gespickt, ohne zu wissen, was ich dort sehe. Als ich die Tür öffnete und diesen neuen Ort betrat, bin ich darin versunken. Schon während ich mich auf den Weg gemacht hatte. Mit der Fähre nach Dänemark einzureisen war, als ob ich in dem Schwarzweißfilm meiner Kamera eintauchen würde. Mich umgab ein nasses Grau, von unten, von oben, von allen Seiten. Es sah aus, als würde es bald regnen. In Kopenhagen sah es die meiste Zeit so aus, als würde es bald regnen. Aber es sah eben nur so aus. Für diesen Moment war es die schönste Ankunft, die ich mir vorstellen konnte.

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Eigentlich hatte ich keine Vorstellung. Vielleicht hat Kopenhagen mich deshalb in Allem überrascht. Die Stadt plätschert vor sich hin und hat mich mitgerissen. Kopenhagen ist ein ruhiger Fluss. Einer, an dessen Oberfläche es sich wunderbar in den Tag treiben lässt. Und einer, dessen Grund vor Energie strömt. Ich hatte kaum meine Zehenspitzen hinein gestreckt und schon so viel Erde aufgewirbelt. Die Stadt stößt einen nicht mit der Nase auf das, was in ihr steckt. Sie macht dezent darauf aufmerksam. Eine verhaltene Schönheit. Ich habe mich einfach von ihr leiten lassen. An meinem ersten Morgen führte sie mich, angezogen von dem Gebäude der Königlichen Bibliothek und ihrem Anbau, dem Schwarzen Diamanten (Den Sorte Diamant), in die Ausstellung des russischen Grafikkünstlers Andrey Bartenev. Sie empfing mich mit offenen Schubladen, voller dänischer Literaten und Künstler und derer, die mit ihnen zu tun hatten – in Fotos, Bildern, Manuskripten.

Johannes Jensen – The Fall oft the King; Lew Tolstoi – War and Peace; Hans Christian Andersen – The Philosopher´s Stone; Søren Kierkegaard – Works of Love  – in durchgestrichenen Sätzen und überschriebenen Wörtern. Fragmente der Weltliteratur, eine einzelne Krakelei. Vielleicht ist die Welt nur dazu da, um sie mit Zeilen zu beschmieren?

Dazwischen Kritzeleien von Romanschauplätzen, Zeichnungen der Fantasie. Und Briefe. Von Voltaire an Rousseau (verstricktes Gedankengut in so klarer Schrift), von Friedrich Schiller an Jens Baggesen (dänischer Schriftsteller und Übersetzer), von Hendrik Ilbsen (norwegischer Schriftsteller und Dramatiker) an Herman Bang (dänischer Schriftsteller und Journalist), von Friedrich Nietzsche an Georg Brandes (dänischer Literaturkritiker und Philosoph), von Henry Miller an Suzanne Brøgger (dänische Schriftstellerin):

»How do you find Denmark[…] your new love. I mean?« (22.11.1976)

Ich fragte mich, was Suzanne Brøgger darauf geantwortet hat. Was ich darauf antworten würde. Was ich an Kopenhagen finde. Farben! Kopenhagen ist ein Bunt in Grau, ein Grau in Bunt. Es sind die Häuser, die der Stadt ein warmes Gesicht geben. Erstaunlich, wie schnell sich ein Schwarweißfilm in einen Farbfilm wandeln kann. Oder ein grauer Fleck in einen Farbklecks, einen wie Christiania, dem wohl schönsten Ort in Kopenhagen. Schön in Bezug auf verrückt in allen Formen und Farben. Verrückt in Bezug auf entrückt aus der Welt. Der Freistaat wirkte friedlich, mit all den Häusschen, die sich um einen großen See trapieren. Fast idyllisch. Aber eben ein Stück entrückte Welt. Dort, wo die Sonne für zwei Stunden schien.

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Kopenhagen hat in mir eine Sehnsucht nach Geschichten geweckt. Geschichten, die ich noch hören möchte, die ich noch lesen will, die ich vielleicht selbst noch schreiben werde. Wundervoll nordische Geschichten (vor allem auch in der Gestaltung) habe ich in dem Magazin Oak (The Nordic Jounal; Erstausgabe Januar 2014; Sitz in Kopenhagen) am Abend vor meiner Abreise entdeckt. Als ob Kopenhagen mich nicht ohne Geschichten gehen lassen wollte.

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Auf der Heimreise habe ich meinen Stadtplan als Lesezeichen benutzt. Mein Kopenhagen ist voller Kreuze, Kreise und Kringel. Jedes Mal wenn ich ihn nun auseinanderfalte oder durch Oak blättere, fühle ich mich wie Hans Christian Andersens Kleine Meerjungfrau (Den lille Havfrue), die sehnsuchtsvoll zur glitzernden Meeresoberfläche schaut.

How do you find Copenhagen? Your new love. I mean?

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Weitere Literatur, die ich gefunden habe:

We, the Drowned – Carsten Jensen

Miss Smilla´s Feeling for Snow – Peter Høeg

Prolog – Christel Wiinblad

Nellies bog – Niels Frank

Ein Verlag, auf den ich oft gestoßen bin: Aarhus Universitetsforlag

Drei wunderbare Lese- und Schreiborte: Das Cafe nutid (oben), das Paludan Bogcafe (mitte) und das Sofa im Copenhagen Bagpackers.

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Galerie: Ich in Kopenhagen im Bilde; Am Wasser in Christianshavn; Tor zur Königlichen Bibliothek; Im Bahnhof; Ohne Titel; Christiania (3 x); Innenhof der Universität; Glocke & Gästebuch; Alle Weiteren: Dänisch in Kopenhagen

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4 Kommentare on “How do you find Copenhagen? Your new love. I mean?”

  1. Cindy sagt:

    Der Text, die Fotos – das fließt alles richtig richtig schön und macht große Lust auf den Norden. (Vor allem auf die Schreib- & Leseplätze). Da hat er dich gepackt, der Skandinavienvirus! Jetzt möcht ich auch hin.

  2. Magdalena sagt:

    Wow! Toller Bericht, scheinbar tolle Stadt…Jetzt möchte ich sofort meine Koffer packen!

  3. […] Reise steht bevor. Denn ich habe letztes Jahr eine Liebe gefunden, eine Landschaft. Diese eine Stadt: Kopenhagen. Ein bekanntes unbekanntes Terrain. Seeland. Dort […]


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