Fünf-Uhr-Tee mit Alice. Im Wunderland.

IMG_20140406_132352

Ein gedeckter Tisch unter einem Baum, mitten in einem »wunderschönen Garten mit seinen bunten Blumenbeeten und kühlplätschernden Springbrunnen.« Die Teegesellschaft: Der unhöfliche Schnapshase, der verrückte Hutmacher, die schläfrige Haselmaus, die mürrische Köchin, das Ferkelkind, der Lakai mit Fischgesicht und der Lakai mit Froschgesicht, die blaue Raupe (unentwegt Wasserpfeife rauchend), das hektische Kaninchen (auf der Suche nach Fächer und Glacéhandschuhen), die zornige Maus, der riesige Hund, der ungeduldige Greif, Egon die Eidechse, eine ganze Vogelschar (Brachvogel, Marabu, Weih), drei Gärtner (Nummer Zwei, Fünf und Sieben) und der Rest des Kartenspielhofstaates – der Herzbube und die Herzdame, der Herzog und die Herzogin, der König und die Königin. Es fliegen Teller und Pfannen durch die Gegend, jeder rückt alle paar Minuten einen Platz weiter, so manch einer wird dabei mal größer und mal kleiner, ohne das richtige Maß zu finden.

»Du hast hier nicht zu wachsen.« (Haselmaus)

»Rede doch kein so ein dummes Zeug […] du wächst ja selber.« (Alice)

»Aber ich wachse auf eine vernünftige Art und Weise und nicht in einem derart lächerlichen Ausmaß.« (Haselmaus)

Eine große Portion Pfeffer (»Vielleicht ist es immer nur der Pfeffer, wenn die Menschen scharfzüngig werden […]«) und ein grinsender Katzenkopf hängen in der Luft. Die Zeit ist eingeschnappt (denn eigenlich ist sie ein ER) und deshalb bei 5 Uhr stehengeblieben – deshalb ständig Teezeit. Aber mit echter Tafelbutter, die die Uhr ruiniert hat. Aber die zählt eh nur in Tagen, nicht in Stunden. Und Butterbrote gibt es trotzdem. Dazu Orangenmarmelade in leerem Glas, Fläschchen deren Inhalt »nach einer Mischung aus Kirschtörtchen, Vanillesoße, Ananas, Gänsebraten, Karamel und frischen Buttersemmeln« schmeckt, kleine Kuchen und einen großen Pilz. Und Gedichte. Einen ganzen Haufen. Alle falsch aufgesagt.

 »Wie die Wesen hier einen herumkommandiern und Gedichte aufsagen lassen! […] Da könnte man ja ebensogut gleich in der Schule sitzen!« (Alice)

Eine Kostprobe:

»Weiß du, wieviel Sternlein stehen

Auf dem weiten Kanapee?

Statt daß sie am Himmel baumeln,

Taumeln sie hier durch den Tee.

–          Taumel, baumel.« (Schnapshase)

Die Königin schreit ständig »Kopf ab mit ihm! Kopf ab mit ihr!«, Alice entgegnet »Papperlapapp!« und die Herzogin spielt den Moralapostel.

»Schnickschnack […] Alles hat seine Moral, man muß nur ein Auge dafür haben.«

»Sorge dich nur um das Was, und das Wie kommt von selbst!«

»Trau keinem Vogel, bevor er nicht singt.«

»Was du nicht willst, daß man dir tut, das füg auch keinem andern zu.«

»Scheine, was du bist, und sei, was du scheints.«

»Wenn jeder in seinen eigenen Suppentopf schauen wollte, dann könnte sich die Welt bedeutend schneller drehen.«

Die Falsche Suppenschildkröte (»Das ist das, woraus man eine Falsche Schildkrötensuppe kocht.« (Königin)) schluchzt ihre Lebensgeschichte (»Das Dingsda, das Fräulein hier […] also die will nämlich deine Geschichte wissen.« (Greif)) dahin, die mit einer Reihe seltsamer Schulfächer beginnt (»Waschen und Bügeln […] Deutsch und alle Unterarten – Schönschweigen, Rechtspeibung, Sprachelbeere und Hausversatz […] Erdbeerkunde mit und ohne Schlagrahm […] Marterhatmich [mit] Zusammenquälen, Abmühen, Kahldehnen und Bruchlächeln«) und in einem Vortanzen der »Hummer-Quadrille« endet.

»Willst du, magst du, willst du, magst du, sagst du mir das Tänzchen zu?«

Und die restlichen Unterhaltungen laufen in etwa so ab:

»Wenn man in einer Mehlmühle Mehl mahlen kann […] dann wird man in einer Karamelmühle doch auch Karamel mahlen können – eh, Dummerchen?« (Hutmacher zu Alice)

»Erklär du ihr diesen ganzen Klimbim mit dem Deswegn und Weil.« (Falsche Suppenschildkröte zu Greif)

»Das weiß doch jede Flunder.« (Greif zu Alice)

»Bei so einem dummen Fünf-Uhr-Tee bin ich mein Lebtag noch nicht gewesen!« (Alice)

»Übrigens, was ist aus dem Baby geworden? (Grinsekatze) »Es hat sich in ein Ferkel verwandelt(Alice) »Das habe ich mir gleich gedacht.« (Grinsekatze)

»Man hat hier ja eine schrecklich große Vorliebe fürs Köpfen; mich wundert bloß, daß überhaupt noch jemand am Leben ist.« (Alice)

»Was ist der Unterschied zwischen einem Raben und einem Schreibtisch?“ (Hutmacher) »Ich gebe es auf, wie heißt denn die Lösung?« (Alice) »Keine Ahnung.« (Hutmacher) »Auch nicht.« (Schnapshase)

»Wenn mir das auch nur einer von ihnen erklären kann […] dann will ich Hans heißen.« (Alice)

»Bin ich etwa verrückt geworden? (Hutmacher) »Ich fürchte, ja […] Aber soll ich dir ein Geheimnis verraten? Das macht die Besten aus.« (Alice)

 

Info zum 5-Uhr-Tee mal anders: Lewis Carroll (Charles Lutwidge Dodgson) – Alice im Wunderland (Originaltitel: Alice´s Adventures in Wonderland) ; 27. Auflage; mit zweiundvierzig Illustrationen von John Tenniel; Übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Christian Enzensberger; Insel Verlag Berlin 2013; insel taschenbuch 42; 138 Seiten; Erstveröffentlichung 1865; 1872 Veröffentlichung der Fortsetzung Alice hinter den Spiegeln (Through the Looking-Glass).

Advertisements


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s