»Und kein Traum […] ist völlig Traum.« Arthur Schnitzlers »Traumnovelle« in Das Buch als Magazin

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Die ewigen Klassiker, die in der Schule mal gelesen wurden oder irgendwann gekauft werden, um sie wenigstens zu besitzen  um sich ewig vorzunehmen, sie einmal (nochmal) zu lesen. Wie könnte ihrem Schlummerdasein im Bücherregal ein Ende gesetzt werden? »Wie wollen wir sie denn lesen?« fragten sich Peter Wagner (V.i.S.d.P.) und Joanna Mühlbauer (Art Direction) und ihre Antwort lautet: Das Buch als Magazin. Die Idee: Vorne Literatur, hinten Journalismus – ein Klassiker wird im Originaltext in Magazinform gepackt; ihm schließen sich journalistische Beiträge an, die auf verschiedenste Weise an dessen Inhalt anknüpfen. Die aktulle Ausgabe enthält und behandelt die Traumnovelle von Arthur Schnitzler (österreichischer Schriftsteller und Dramatiker; Vertreter der Wiener Moderne; * 1862 † 1931).

»Nach Büchners Woyzeck und Kafkas Verwandlung wollten wir nicht gleich mit Faust weitermachen. Wobei das auch nicht aus der Welt ist.« (Joanna Mühlbauer)

Aus der Welt ist allerdings der Protagonist der Traumnovelle, der Arzt Fridolin, der mit Frau und Kind einen scheinbar harmonischen Alltag führt unter dessen Oberfläche es aber gewaltig brodelt. Die Entfremdung von seiner Familie führt zu einer Entfremdung seiner selbst. Er begibt sich auf die Suche nach seinem wahren Ich, in den Tiefen eines Traumes oder in der Realität. Die Literturforschung ist sich bis heute uneins, ob die Handlung in der Wirklichkeit passiert, oder ob sich das Ganze in einem Traum abspielt. Ich plädiere für den Traum.

»Er selbst erschien sich wie entronnen; nicht so sehr einem Erlebnis, als vielmehr einem schwermütigen Zauber […] Wie heimatlos, wie hinausgestoßen […] rückte er immer weiter fort aus dem gewohnten Bezirk seines Daseins in irgendeine andere, ferne, fremde Welt […] als wäre alles, was er erlebt, ein Traum […].«

Bei mir hat es nämlich wunderbar funktioniert  das Klassiker-mal-anders-lesen. Das Buch als Magazin hat mich schnell den Stift zücken lassen, um, wie damals im Deutschunterricht, Sätze zu unterstreichen und Interpretationen an den Rand zu kritzeln.

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Und wie der Traum der Inbegriff von Interpretation ist, liefert auch die Traumnovelle Interpretationsstoff in Hülle und Fülle: Die plötzliche unnatürliche Wärme einer Winternacht und die engen Gassen, durch die Fridolin geht, werden zum Symbol der Einengung (die Luft wird immer dünner!) und Unterdrückung seines Ichs durch den unbefriedigenden Alltag. Fridolin fragt sich immer wieder, ob er feige ist. Zu feige, um den eigenen Träumen nachzugehen, ein Leben zu leben, dass er wirklich möchte um den Mut zu haben, aus seinem jetzigen Dasein auszubrechen.

»Hast du Courage?“ […] „Wie meinst du?“, fragte Nachtigall wie aus einem Traum […] Ich spielle, ich spielle mit verbundenen Augen.“ „Nachtigall, Nachtigall, was singst du da für ein Lied! […] Ich weiß, daß es gefährlich ist, – vielleicht lockt mich gerade das.“«

Der laue Wind, der ihn umgibt, wird zum Zeichen des Aufbruchs. Wiederkehrend schlägt er neue Richtungen ein und tut Dinge, die ihm sonst nie in den Sinn gekommen wären. Er geht zu einer Prostituierten, trinkt nachts Kaffee in eine Kneipe, kleidet sich in einer »Maskenleihanstalt« (die Rollen, die wir im Alltag spielen?!) in »Kostüm und Larve« (Maske) und besucht einen geheimnisvollen Maskenball – auf dem er sich dann selbst entlarvt. Sein Drang danach sich selbst zu finden, riecht nach »Seide, Samt, Parfüms, Staub und trockenenen Blumen; aus schwimmendem Dunkel (verzerrte Wahrnehmung im Traum) blitzte es silbern und rot; und plötzlich glänzten eine Menge kleiner Lämpchen (Selbsterkenntnis) zwischen offenen Schränken (Wirklichkeit) eines engen, langgestreckten Gangs, der sich rückwärts in Finsternis verlor (sein Weg, sich selbst im Traum zu ergründen).« Er kleidet sich in einer schwarzen Mönchskutte, um sich ganz in seiner eigenen Dunkelheit zu verbergen, um in die Tiefe seiner Psyche – seines Traumes – vorzudringen und sich nichts mehr vorzumachen, die Maske fallen zu lassen.

»An welch einem seltsamen Roman (sein bisheriges Leben) bin ich da vorbeigestreift?«

Das Buch als Magazin interpretiert die Traumnovelle bereits im Cover (das bei Nacht übrigens leuchtet!). Die einschüchternden Studenten, die Fridolin auf der Straße anrempeln, begegnen einem in der blauen Kleidung und den finsteren Mienen der Hip-Hop-Crew N.W.A. wieder. Bei aufmerksamer Betrachtung, offenbart sich einem sogar die »bislang unentdeckte Leidenschaft der Herren für deutsches Wiegenliedgut« (LA-LE-LU-U-U). Die Studenten stoßen Fridolin unverholen in seine nächtliche Identitätssuche, N.W.A. den Leser in das Magazin.

 »Von weitem hörte er dumpfe, regelmäßige Schritte und sah […] einen kleinen Trupp von Couleurstudenten […] als die jungen Leute in den Schein einer Laterne gerieten, glaubte er die blauen Alemannen in ihnen zu erkennen […] Er mußte sich ganz nahe an die Mauer halten, um nicht mit ihnen zusammenzustoßen; – jetzt waren sie vorbei; nur der zuletzt ging, ein langer Kerl im offenen Winterrock, eine Binde über dem linken Auge, schien geradezu absichtlich ein Stückchen zurück zu bleiben und stieß mit seitlich ausgestrecktem Ellbogen an ihn an. Es konnte kein Zufall sein.«

Es ist auch kein Zufall, dass die journalistischen Beiträge einige Elemente des Textes aufgreifen. Die Parole »Dänemark« die Fridolin den Zutritt zum Maskenball ermöglicht und seine damit verbundenen insgeheimen, auch sexuellen, Wünsche offenbart, findet sich in Interviews mit dänischen Pornodarstellern und Produzenten wieder – u.a. mit Elvira Friis, die in Lars von Triers »Nymphomaniac« den Körper von Charlotte Gainsbourg doubelte. Die Tücken der Traumforschung werden untersucht. Der gewöhnliche Spielraum des Traumes, die Nacht und ihre Wirkung, wird in einem Gespräch mit einem Polizisten über seine nächtliche Streife im Bayerischen Wald und in einem Bericht über eine Betriebsbesichtigung im Rotlichtviertel von Bangkok bei Tag und bei Nacht ergründet. Verborgene Träume kommen durch Texte von Schlagerliedern ans Licht. Liebe, Treue und Eifersucht – Themen der Novelle – werden durch einen Erlebnisbericht aus einer Beziehung zwischen drei Frauen und in einem Interview mit einem Zoologen über die Romantik der Tiere thematisiert.

»Ist es gefährlich eine Beziehung zu öffnen? Wahrscheinlich ist die Liebe selbst nie ungefährlich und auch lange nicht so selbstlos, wie sie zuweilen erscheint. Und mit jeder Erfahrung die man macht, nehmen doch eigentlich nur die Fragen zu, nicht die Antworten.«

»Es gibt Tiere, die in Paarbeziehungen leben und komplett aufeinander fokussiert sind: Sie kümmern sich umeinander, sie füttern sich gegenseitig und betreiben Fellpflege.«

Der Reiz einer anderen Welt zeigt sich in den Verführungen wieder, die einem Provinz-Politiker begegnen, wenn er nach Berlin kommt. Ebenso spiegelt sich Fridolins Rückkehr zu seiner Familie in dem Bericht über ein Ehepaar wieder, das seinen Platz in der Welt genau kennt: beieinander und füreinander. Wie der Inhalt des Magazins, besteht auch die Mitarbeit aus einer bunten Mischung. An der dritten Ausgabe haben FotografInnen, ein Reporter, eine Buchhändlerin, ein Art Director, ein Textdichter, JournalistInnen, ein Designer und ein Illustrator mitgewirkt. Das Buch als Magazin überzeugt und überrascht deshalb nicht nur durch die vielfältigen redaktionellen Ideen, sondern auch in seiner Gestaltung – vor allem durch die Auswahl an Fotos.

»Die Entblößung der Gefühle ist viel anstößiger als die des Körpers.«

Ein Zitat von Arthur Schnitzler auf der ersten Seite. Auf vielen weiteren Seiten zeigt sich der entblöste Körper ganz unverfroren zwischen den Texten – der Rest ist Interpretationssache. (Traum)Deutung. Wie das Träumen im Foto interpretiert werden kann, haben Cindy und ich erst letztens in einer Ecke beim Augsburger Dom ausprobiert.

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Info: Das Buch als Magazin erscheint im Malus Verlag in München. Die vierte Ausgabe folgt im Oktober 2014. Welcher Klassiker den Inhalt füllt, steht momentan noch in den Sternen. Das Magazin kann für 12 Euro online oder in ausgewählten Buchhandlungen gekauft werden.

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