»Oh Herr Jesus barmherziger Sankt Nikolaus!« – Tolstois »Macht der Finsternis« im theater…und so fort

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Motorengeräusche und Hühnergegacker, tosender Wind und schauderhafte Musik  ein Bauernhof im Nirgendwo. Die Bäuerin Anisja und ihre Tochter Anjutka kommen singend hinter schrägen Holzlatten hervor: »He ho spann den Wagen an, denn der Wind treibt Regen übers Land…«  Die Macht der Finsternis fängt beim Wäsche waschen an. Und das Drama in fünf Akten, das Leo Tolstoi (Krieg und Frieden, Anna Karenina) 1886 vollendet hat, wirkt bereits ab diesem Zeitpunkt hämisch fies. In Russland war es bis 1902 verboten. Die Uraufführung fand 1888 in Paris statt und in München lässt sich das Stück in einem Hinterhof finden  auf der Bühne des theater…und so fort. Die gleichnamige Theatergruppe besteht seit 1989 und bespielt seit 2009 die ehemaligen Räumlichkeiten des Unterton Theaters in der Kurfürstenstraße 8. Eine Treppe führt hinunter in den Theaterraum mit Bar, das Publikum sitzt in schummrigem Licht auf knarzenden Holzstühlen. Ein perfekter Ort, um in die Finsternis einzutauchen; in ein durchweg grandioses Schauspiel; in eine Geschichte, die es in sich hat oder besser gesagt: die sie in sich hat die tiefsten menschlichen Abgründe. Anisja sehnt den Tod ihres tyrannischen todkranken Mannes Pëtr herbei (»Erst hat er nicht leben können, jetzt kann er nicht sterben«), denn sie will sein Geld und sie will Nikita, den Knecht des Hofes, mit dem sie seit einiger Zeit eine Affäre hat. Wenn es nach dessen Vater Akim geht, soll Nikita allerdings Marinka heiraten, ein Waisenmädchen, dem er sich scheinbar vor einiger Zeit versprochen hat. Doch Nikita will Marinka nicht. Er will eigentlich überhaupt keine Frau (»Ihr Weiber seid wirklich ein komisches Volk«), schließlich reiten sie ihn nur ins Unglück (»Die wollen mich da irgendwo hineinsziehen«), aber dennoch kann er nicht die Finger von ihnen lassen (»Wenn ich all die Weiber heiraten würde, käme ein schöner Haufen zusammen«). Er heiratet also Anisja, nachdem sie mit Hilfe seiner Mutter Matrjona den Bauern vergiftet hat (»Sieben mal ein kleines bisschen und dann wird sich bald die Freiheit auftun«). Denn Matrjona sieht wiederum nur den Reichtum, der ihrem Sohn winkt, wenn er die Bäuerin zur Frau nimmt. Mit den sittlichen Vorstellungen ihres Mannes kann sie nichts anfangen.

»Mein Alter quatscht sich da was zusammen […] Lass mich mal reden. Mein Mundwerk ist besser geschmiert.« (Matrjona)

»Ich fasel? Ich fasel? Und was ist mit Gott?« (Akim)

Überhaupt scheint Akim die gute Seele des Stücks zu sein, der Sittenrichter, der Moralapostel.

»Die Tränen der Gekränkten fallen immer auf das Haupt des Schuldigen […] An jeder Sünde klebt eine andere Sünde […] Nikita, vor den Menschen kannst du es verbergen – vor Gott nicht.«

Und am Ende behält er Recht. Nikita übernimmt den Hof, verführt Anisjas Stieftochter Akulina und verprasst das gesamte Geld mit ihr. Doch als er sie schwängert, hat der Spaß ein Ende. Anisja und Matrjona zwingen ihn, das Neugeborene zu töten, Akulina wird mit einem anderen verheiratet und Nikita bricht auf der Hochzeit unter der Last seiner Sünden zusammen. In Die Macht der Finsternis spielen sich Moral, Sitte, Eifersucht, Habgier, Herrschsucht und Neid gekonnt gegeneinander aus. Einzig der übertrieben modern inszenierte Prunk in Pelz und pinker Perücke will nicht ganz passen, als Nikita mit Akulina nach einer durchzechten Nacht in das bäuerliche Bühnenbild torkelt. Allerdings: »Der Teufel ist der größte Aufschneider!«, kommentiert der Knecht Mitric die Szene treffend. Und wer könnte sich mehr in Szene setzen? Die Musik aus dem Rekorder wird aber schnell von Anjutka durch Klänge aus einer Spieluhr ersetzt. Überhaupt scheint die Kleinste den naivsten Spaß an dem bösen Treiben zu haben. Mit herausstechend kindlicher Stimme stimmt sie die einzelnen Akte an, hüpft singend über die Bühne oder liest aus einem Gedicht. Als wären Musik und Literatur Mittel gegen die Macht. Und Frohsinn der Feind der Finsternis. Ihre Frohnatur macht die Abgebrühtheit der Anderen jedenfalls erträglicher, die vor allem Matrjona versprüht. »Ach wie froh könnte man sein, wenn man nicht sündigen müsste«, sagt sie, während sie abwartet, dass Nikita das frisch geborene Enkelkind im Keller verscharrt. Sie handelt frei nach dem Motto: »Ich seh nur, was ich sehen soll. Was ich nicht sehen soll, das seh ich nicht.« Und »Kein Hahn kräht danach!«, meint sie nach getaner Tat und im Hintergrund scheint das Gegacker immer lauter zu werden. »Die machen ne große Schweinerei«, sagt der Knecht nur dazu. Und immer wieder: »Oh Herr Jesus barmherziger Sankt Nikolaus!« Mehr fällt einem nach so einer überzeugenden Darstellung tiefster Verwerflichkeit dann aber auch nicht mehr ein.

Info: Den aktuellen Spielplan gibt es hier.

Bild: theater…und so fort

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