Falkenflug. Kebehsenuf.

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Kebechsenuef. Eine Figur aus der ägyptischen Mythologie. Einer der vier Horussöhne (Horus, Gott des Himmels) die über die Organe wachen, die den Toten bei der Mumifizierung entnommenen wurden Leber, Lunge, Magen und Unterleib. Kebechsenuef. Ein Falke. Ein Wächter und Übermittler der Seele ins Jenseits, ein Begleiter auf dem Weg in eine neue Welt, ein neues Reich, ein neues Ich. Kebehsenuf. Eine Figur aus dem gleichnamigen Erzählband von Alexander Graeff, der im Frühjahr im Berliner Verlagshaus J.Frank erschienen ist. Einer von sechs Aus-der-Welt-Entrückten.

»Adam Kardamom war tot. Der Abwegige, der Irrsinnige. Kebehsenuf. Oder: einfach ein orientierungsloser Mensch inmitten von orientierunglosen Menschen.«

Der Protagonist schreibt über sein Anderssein in Tagebüchern und Briefen, die er an seine Schwester Lili adressiert. Inmitten all des Unverständnisses, das ihm aufgrund seiner Art zu leben zuteil wird, sieht er in ihr seine einzige Verbündete.

»Adams Schädel-Hirn-Trauma war existenzbegründet. Seit seiner Geburt war er abseitig, daneben, verrückt. So nennt man das wohl. Sie fand Tagebücher und Briefe […].«

Lili versteht zunächst nicht, doch dann tragen Adams Worte Früchte. Sie taucht in sein Leben ein, schließt sich seinen Ansichten an, wird nicht nur zur »Andersdenkerin, sondern auch zur Andersmacherin.« Der Protagonist in Urlauber tut es ihr gleich. Auch er lernt eine neue Welt kennen. Auch er fühlt sich (zunächst) in ihr fremd. Und auch er schreibt Tagebücher wie Adam. Über einen Aufenthalt in Cefalù, der ihm eine unbekannte Art der Verbindung zwischen Menschen, zwischen Freunden, zwischen Liebenden eröffnet. Er wird ein Teil davon.

»Ich weiß jetzt, dass sich die vier sehr sympathisch sind. Die Frage, die sich mir aber stellt, ist die, welche Rolle ich in diesem Zirkel spiele. Denken die auch an mich? Oder bin ich außen vor? […] Warum sind die so nervös? Alles wirkte wie Theater. Wer war das Publikum? Ich?«

Adriana, die Protagonistin in Prag, wird erst dann Teil der Stadt, als sie, mithilfe eines Schriftstellers, die Sprache findet, nach der sie sucht  ihre Sprache.

»Oft sprach Eugen Lehmann in Rätseln, gab ihr merkwürdige Ratschläge. Er beherrschte zahlreiche Sprachen. Dabei war er selbst nur ein Geschöpf aus Sprache. […] Wenn die Menschen es schaffen, sich nicht mehr von ihren Behinderungen aufhalten zu lassen, dann hörten sie seine Stimme klar und deutlich. Adriana war seine Schülerin. Prag war ihre Schule. […] Sie dachte anders über sich selbst und über […] das Herausgerissenwerden aus ihrem Herausgerissensein […] weil es nicht stimmt, dass man irgendetwas anderes sein muss außer man selbst.«

In Schlaf mich weg manövriert sich der Protagonist bewusst durch Schlafentzug ins Aus. Er will seinen Körper und seine Psyche in einen Zustand versetzen, der nicht von dieser Welt ist.

»Ich krabbele durch die Wohnung. Die Hände zittern. Die Leber klopft. Ich halte an. Höre auf. Zu existieren. Schlaf mich weg. […] Ich träume. Stehe, nein, liege, bin ohnmächtig während der Fernseher Farben schießt.«

Bei einem Dialog in einem Zug nach Warschau treffen zwei grundverschiedene Charaktere aufeinander, die sich scheinbar nichts zu sagen haben und sich dennoch in ein Gespräch verstricken, in eine »Begegnung. Ohne Weil und Warum.«, aus der sie nicht mehr herausfinden (wollen).

»Es gibt nunmal kein Weil und Warum dieser Begegnung. Literatur! Es gibt nur die Begegnung.«

In Kleines Tonstück mit Fernando und Heinrich in Griechenland sind zwei Schriftsteller  einer tot, einer lebendig  gemeinsam auf der Suche nach der einen besonderen Frau.

»Wir müssen irgendwann, irgendwo, mit irgendwem anhalten.«

Ersterer tut dies nur im Geiste (»Ich suche das Sein, fürs Werden hab´ ich keine Zeit.«) , Zweiterer in der Realität.

»Rückzug und Aufdringlichkeit gepaart, kann es bessere Literatur geben?«

 »Beide: Suchende, das verbindet die, die es in sich brodeln spüren – die, die Sehnsucht kennen.«

Kebehsenuf schwingt vom Titel (wunderschön gestalteter Schriftzug in dem sich ein Falke eingenistet hat) bis zum Inhalt. Jede Erzählung schwingt Sehnsucht und Melancholie von Seite zu Seite – von ganz verschiedenen Seiten oder: auf Seiten. Denn Literatur kommt immer zur Sprache. Auch sie schwinget mit. Als Träger der Quergedanken, Ventil des Sonderbaren, Antrieb zum Anderssein. Die Protagonisten brechen Muster, leben in Ekstase, winden sich davor, in eine Welt zu passen, die nicht die ihre ist. Sie eröffnen neue Horizonte. Sie fliegen mit dem Falken. Die Literatur als Aufwind. Und ich fliege beim Lesen mit. Kebehsenuf.

Titel: Kebehsenuf; Autor: Alexander Graeff; Quartheft 49, Edition Belletristik, 1. Auflage, erschienen am 10. März 2014, Verlagshaus J.Frank. 119 Seiten mit einem Nachwort von Jan Kuhlbrodt, Softcover, 13,90 Euro.

Info: Von Alexander Graeff sind bereits Gedanken aus Schwerkraftland und Minkowskis Zitronen im Verlagshaus J.Frank erschienen. Das gesamte sehens- und lesenswerte Programm des Verlages gibt es hier!

Bild: Verlagshaus J.Frank

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