»Anbinden? Was für eine komische Idee!«

 

 

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Vielleicht sollte man öfters Riesenschlangen zeichnen, die wie Hüte aussehen. Oder Elefanten übereinander stellen und Affenbrotbäume ausreißen, bevor sie einen Planeten sprengen. Oder Schäfchen durch Kisten sehen, sie zählen und dabei nicht nur den Blick in den Himmel wagen, sondern den ganzen Kopf in die Wolken stecken. Vielleicht sollte man öfters in der Wüste stranden. Den heißen Sand unter den Füßen spüren und sich mit dem kleinen Prinzen unterhalten. Sich mit ihm verbünden, verbandeln, verschwören. Ihn als Freund gewinnen und die Freundschaft hegen und pflegen, wie er es mit seiner Rose tut – sie vor allen Gefahren unter einer Glasglocke schützen. Denn man kann wunderbar mit ihm gemeinsam den Kopf schütteln, über die »großen Leute«, die doch »sehr sonderbar […] entschieden sehr verwunderlich […] sehr, sehr wunderlich […] ganz ungewöhnlich« sind.

»Die großen Leute haben eine Vorliebe für Zahlen. Wenn ihr ihnen von einem neuen Freund erzählt, befragen sie euch nie über das Wesentliche. Sie fragen euch nie: Wie ist der Klang seiner Stimme? Welche Spiele liebt er am meisten? Sammelt er Schmetterlinge? Sie fragen euch: Wie alt ist er? Wie viele Brüder hat er? Wie viel wiegt er? […] Dann erst glauben sie ihn zu kennen […] Wir freilich, die wir wissen, was das Leben eigentlich ist, wir machen uns nur lustig über die albernen Zahlen.«

Und dabei kommen Geschichten raus wie diese:

»Ich kenne einen Planeten , auf dem ein puterroter Herr haust. Er hat nie den Duft einer Blume geatmet. Er hat nie einen Stern angeschaut. Er hat nie jemanden geliebt. Er hat nie etwas anderes als Additionen gemacht. Und den ganzen Tag wiederholt er […] Ich bin ein ernsthafter Mann! […] Und das macht ihn ganz geschwollen vor Hochmut. Aber das ist kein Mensch, das ist ein Schwamm. […] Die Leute […] schieben sich in Schnellzüge, aber sie wissen gar nicht, wohin sie fahren wollen. Nacher regen sie sich auf und drehen sich im Kreis […].«

Und dann kommt der Gedanke auf, dass eben nicht alles erklärbar ist. Dass nicht alles ganz einfach zusammengezählt werden kann. Dass nicht alles einen Sinn ergibt. Und dass man kein Schwamm sein möchte. Oder nur einer, der sich mit Leben vollsaugt. Der Kleinigkeiten bemerkt, sie erlebt, fühlt, verinnerlicht – eben aufsaugt. Denn: »Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar«, hat der kleine Prinz vom kühnen Fuchs gelernt. Und der hat schließlich geweint, als er sich hat zähmen lassen.

»Man läuft Gefahr, ein bisschen zu weinen, wenn man sich hat zähmen lassen…«

Zähmen lassen? Wild umherhüpfen! Denn wenn schon im Kreis drehen, dann nicht nur um die eigene Achse. Tanzen! Mit dem kleinen Prinzen an der Hand. Schaukeln und Rutschen und Wippen und Tollen. Das Leben – ein Spielplatz. Und dabei Sätze aufsagen, wie diese:

»Wenn das Geheimnis zu eindrucksvoll ist, wagt man nicht zu widerstehen.«

»Anbinden? Was für eine komische Idee!«

»Geradeaus kann man nicht sehr weit gehen…«

»Ich muss wohl zwei oder drei Raupen aushalten, wenn ich die Schmetterlinge kennen lernen will.«

»Du bist zeitlebens für das verantwortlilch, was du dir vertraut gemacht hast.«

»[…] des Nachts den Sternen zuzuhören. Sie sind wie fünfhundert Millionen Glöckchen…«

»Für euch, die ihr den kleinen Prinzen auch liebt, wie für mich, kann nichts auf der Welt unberührt bleiben […] Aber keiner von den großen Leuten wird jemals verstehen, dass das eine so große Bedeutung hat!«

 

Autor: Antoine de Saint-Exupéry; Titel: Der Kleine Prinz (Originaltitel: Le Petit Prince; Erstausgabe 1946 by Editions Gallimard Paris) ; Karl Rauch Verlag Düsseldorf; 58. Auflage 2002; 94 Seiten; aus dem Französischen übersetzt von Grete und Josef Leitgeb; mit Zeichnungen des Verfassers!

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