Flohmarktworte

IMG_20140615_102740

Kein Frühling ohne Flohmarkt. Und kein Flohmarkt ohne Bücher. Warum diese vergilbten, verplassten, verstaubten Überbleibsel? Weil sie so aussehen, wie sie aussehen. Weil sie so riechen, wie sie riechen. Weil sie sich so anfühlen, wie sie sich anfühlen. Weil in ihnen steckt, was in ihnen steckt: Altbekanntes, Neuentdecktes. Worte über Worte. Aus meinen diesjährigen, bisherigen Errungenschaften – der Sommer kommt erst noch.

1. Künstlerbriefe über Kunst – Bekenntnisse von Malern, Architekten und Bildhauern aus fünf Jahrhunderten. Herausgegeben von Hermann Uhde-Bernays, Nymphenburger Verlagshandlung in München, zweite veränderte und ergänzte Auflage von 1956 (Erstauflage 1923, Wolfgang Jess Verlag Dresden), 983 Seiten voll künstlerischer Briefworte vom 15. bis ins 20. Jahrhundert. Ein herrlich oranger Einband mit golden-verschnörkelten Motiven.

»Man bezeichnet mich als einen Sucher. ich suche nicht, ich finde […] Wir wissen heute, daß die Malerei nicht die Wahrheit ist. Die Kunst ist Dichtung, die uns erlaubt, an die Wahrheit heranzukommen; wenigstens an die Wahrheit, die uns erkennbar ist. Der Künstler muß es verstehen, die anderen von der vollkommenen Wahrheit seiner Dichtung zu überzeugen. Ich begreife schwer die Wichtigkeit, die man dem Worte „Suchen“ gibt. Ich glaube nicht, daß das etwas bedeutet. Niemanden kann es interessieren, einem Menschen zu folgen, der, die Augen zu Boden gerichtet, aufpaßt, ob das Glück ihm nicht eine Geldbörse auf den Weg wirft. […] Ich trachte zu malen, was ich gefunden habe, nicht, was ich suche. In der Kunst gilt das bloße Streben wenig. Ein spanisches Sprichwort sagt: „Die Liebe zeigt sich in Taten, nicht in Redensarten.“«

(Pablo Picasso an einen unbekannten Adressaten)

2. Meeresstille – Roman eines deutschen Prinzen. Von Emil Ludwig, Grethlein & Co. Verlag, Leipzig, Zürich 1925, 332 Seiten in wundervoll grünem Einband mit braunen Blumenranken.

»Sie sah ihn zwei Gestunden lang nicht, und er zögerte […], das Bild der Unbewußten aufzuwecken. Wie sie da vor seinem Blicke saß, unberührt von Aufbruch. Licht und Brausen ringsum, noch zurückgelehnt, den Arm noch auf dem Sesselrand begreitet, noch halb die Hand an Ohr und Stirne, schien sie plötzlich einer lauschenden Nymphe ähnlich, denn was von ihr nun im Lichte des Saales lag, Hals, Schulter, Arm und dies Profil, vorhin so kühn, nun so demutsvoll und mit geschlossenen Augen die Töne nachsaugend: all dies schien dieser Zeit, diesem Saal nicht zu gehören, und so stand er, schweigend, wartend. Aber da war der Augenblick des ersten Nachgenusses, feinste Schwingungen der Luft, in ihr vorüber, sie erwachte, blickte auf und sah den Prinzen plötzlich vor sich stehn, dem sie vor einem Jahre das herzklopfende Adieu der Flüchtenden zugeworfen […].«

3. Briefe an eine junge Frau. Von Rainer Maria Rilke, Insel-Verlag Leipzig 1930, Insel-Bücherei Nr.409, 60 Seiten mit einer handgeschriebenen Widmung aus München vom 16. Januar 1934.

»Meinem Freund als Ergänzung eines unvolkommenen Gesprächs am 14. Januar 1934 und hoffentlich zur endgültigen Klärung eines Missverständnisses. A.«

4. Die Jungfrau von Orleans – Eine romantische Tragödie. Von Friedich von Schiller, Verlag und Druck Fredebeul & Koenen Essen vermutlich von 1896/1897, 147 Seiten mit einer Homage an Schiller im Vorwort:

»Über ein Jahrhundert hin reißt das Wek dieses edlen Dichters die Leser zur Begeisterung. […] Und es stirbt hoffentlich nie […] in jungen Herzen die Kraft, die sich am Worte Schillers entzünden. Nicht immer aber ist das, was die Menschen lieben, auch liebenswert. Oft klafft ein großes Missverständnis zwischen Worten und Taten, zwischen Dichtung und Dichter. Bei unserem Schiller ist das nicht so.«

5. Faust Teil 1 und Teil 2. Von Johann Wolfgang von Goethe in Kleinstformat (Miniaturbücher, 9,5 x 6,5 x 1,5cm), Hyperion-Verlag in Freiburg um 1950, insgesamt 520 Seiten und wieder einmal Fausts erste Worte:

»Habe nun, ach! Philosophie,

Juristerei und Medizin

Und leider auch Theologie

Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.

Da steh ich nun, ich armer Tor,

Und bin so klug als wie zuvor!«

 

Advertisements


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s