»Sehnsucht rief und Sehnsucht antwortete« – Der Zauber des Schwertes. Die Frau im Krieg.

schwertzauber

»Seit Tagen wartete Steffi Römer auf diesen Brief […] Etliche Tage vor Beginn der Theaterferien erschien der Briefträger und brachte den dicken, eingeschriebenen Brief mit der Purpurmarke und dem Poststempel „Berlin“. Steffi schenkte dem Briefträger in ihrer überströmenden Seligkeit ein Fünfmarkstück […] und entfaltete langsam, die Vorfreude voll ausgenießend, das Schriftstück, das ihre Träume solange umgaukelt hatten […] der Kontrakt zu einer Tournee durch Amerika.«

Etwas Wundervolles ist geschehen! Steffi Römer, die Protagonistin in Carry Brachvogels Schwertzauber (1917) – begnadete Schauspielerin, umworbene Ehefrau, Liebling von Allen – hält das Ziel ihrer Träume in den Händen: eine Tournee durch Amerika. Eben noch hat sie ihren Mann Rudolf davon überzeugen können, ihn und die Kinder für Wochen allein zu lassen, da bricht der Erste Weltkrieg aus. Das Schwert zerschlägt die Seifenblase, der Traum zerplatzt. Vielmehr: Er wird zum Albtraum. Die Theater schließen. Und Steffi, die in erster Linie für die Bühne lebt, fühlt sich wie ein »Luxusgegenstand von gestern« – vollkommen fehl am Platz, identitätslos und ohne Verständis aus ihrer Umwelt, für die nur noch der Krieg Thema ist.

»Steffi Römer sah mit gepreßtem Herzen und erschrockenen Augen auf eine Welt, die sie nicht mehr verstand.«

»Aber, liebe Steffi, jetzt kommt es doch wahrhaftig nicht aufs Theaterspielen an. Jetzt geht es um ganz andre Dinge, und es ist ganz gleichgültig, ob die Theater spielen oder nicht!«

Jetzt schert sich niemand mehr um die Kunst. Jetzt wird ein anderes Spiel gespielt, das »Ringelspiel der Qual«. Denn das Schwert, in dem ein »geheimer Zauber verborgen« liegt, schwebt auch über Steffis Haus: Rudolf, der sonst nur in die Geisteswissenschaft verbissen ist, meldet sich freiwillig zum Kriegsdienst.

»Jäh war die Vaterlandliebe […] erwacht und sie loderte in mystischen Verzückungen.«

»Oh, du ahnst ja nicht, wie hinreißend schön es ist […] mit den Jungen hinausziehen zu dürfen! […] Ich muß meine Pflicht tun, wie alle andern, und du mußt es tragen, wie alle andern Frauen es tragen.«

Die Männer ziehen von dannen, erfüllt von stolzem Tatendrang. Die Jungen blicken sehnsuchtsvoll zur Front. Mich erinnern diese Schilderungen des »Schwertzauber[s]« an Im Westen nichts Neues von Erich Maria Remarque. Der Roman erschien 1928 und wurde 1930 erstmals von Lewis Milestone (Produktion Carl Laemmle) verfilmt. Buch und Film habe ich vor Jahren gelesen und gesehen – bis heute erinnere ich mich an viele Zeilen und Szenen über den Ersten Weltkrieg aus der Sicht eines jungen Soldaten. Voll Euphorie zieht er mit seinen Freunden in den Krieg. Was ihnen am Ende bleibt sind Schmerz und Tod. Was Steffi bleibt sind ein leerer Schreibtisch, Tagebücher und ein Testament – ein Trauerspiel, das als Beispiel für das Dasein tausender Frauen damals steht: Ein Leben, das kein Leben ist. Bestehend aus hoffen, bangen und warten. Oder wie Carry Brachvogel es beschreibt:

»Kaum je haben wir gefragt, welche Wechselwirkungen zwischen der Frau und dem Krieg bestehen. Krieg und Frau, die beiden Worte scheinen sich ja auch so unversöhnlich gegenüberzustehen, daß man sich gar nicht vorstellen kann, welch anderen Teil die Frau vom Krieg haben sollte als Bangen, Not und Tränen.«

Schwertzauber handelt also vor allem davon, was der Krieg für die Frau bedeutet. Und die Schriftstellerin beschreibt und beurteilt auch in diesem Roman wieder ein Gesellschaftsthema ihrer Zeit anhand eines Frauenschicksals – in ebenso scharfzüngiger und eingehender Sprache – wie sie es bereits in ihrem Erstlingswerk Alltagsmenschen (1895) getan hat. Die Frau als Zurückgebliebende und Wartende. Allein die Schrift bestimmt ihren Alltag. Die Feldpost wird herbeigesehnt, als gäbe es keine Morgen mehr. Denn jeder Brief könnte genau das bedeuten. Die Nachricht von der Front wird zum unverzichtbaren Lebensinhalt. Das geschriebene Wort ist das Ventil aller Gefühle und Gegebenheiten, die der Krieg mit sich bringt. Es ist das einzige Bindeglied, der Vermittler, der Hoffnungsträger und das Richtschwert.

»Nun war er fort, und Tag für Tag wiederholte sich die Frage: „Kommt heute ein Brief?“ […] Sehnsucht rief und Sehnsucht antwortete […] Wenn ein Brief oder eine Karte kam, schien jedesmal für ein paar Stunden die Welt in Sonne getaucht […] Verging aber Tag auf Tag, ohne daß sie Nachricht hatte […] dann stand sie mit tausend und abertausend andern unter dem Schwert. […] Da wurde ihr schwarz vor Augen. Es war ihre eigene Handschrift, die sie jetzt auf dem Umschlag erkannte. Der letzte Brief, den sie an ihren Mann gerichtet hatte, kam zurück und quer über die Adresse hatte eine fremde, ungeschickte Hand geschrieben: „Ist den Heldentod gestorben“.«

»Konnte, ja mußte man da nicht eigentlich eine Falschmeldung glauben und im Herzen Hoffnung hegen [..] Steffi hoffte, und weil sie hoffen wollte, war sie immerfort auf der Suche nach einer Spur, die sie zu Rudolf hinführen konnte […] Allmählich aber […] begann für sie jene Marterzeit, die nicht einmal der ermessen kann, der um einen Toten weint, sondern nur der, dessen Herz einmal draußen, in der weiten Welt, einen Verschollenen suchte. Denn es gibt wohl Worte, die eine größere Tragik umreißen, aber keines, das so armselig, so trostlos wäre, wie das Wort „verschollen“.«

Schwertzauber ist das dritte Werk von Carry Brachvogel, das beim Münchner Allitera Verlag in der edition monacenisa, herausgegeben von der Monacensia, (Münchner Literaturarchiv und Bibliothek), erschienen ist. Da mir bereits Alltagsmenschen gefallen hat, kam ich nicht umhin, auch Schwertzauber zu lesen. Und wieder bin ich überzeugt! Vom Können der Schriftstellerin und davon, dass es höchste Zeit war, sie zu veröffentlichen. Und wie Carry Brachvogel den Zauber des Krieges einfängt, geht für mich schon immer von der Feldpost meines Urgroßvaters ein Zauber aus. Die Zeilen eines Sanitätssoldaten, der im Zweiten Weltkrieg in Russland, Stalingrad, stationiert war, strahlen einen unschätzbaren Wert aus. Denn seine Worte kreieren das Bild eines Menschen, den ich nur von einem Foto kenne und öffnen die Tür zu einer anderen Welt. Auszüge aus dem Osten vom 25. Oktober bis zum 30. Dezember 1942 – das Datum seit dem er als vermisst gilt:

»Liebe Frau u Kinder! Nun will ich dir einige Worte schreiben […] Wir hatten das Glück die heilige Kommunion zu empfangen. der Gottesdiensdt war in einem zusammengeschossenen Haus. Wir sagen einige Lieder die Orgel war das getöse der Kanonen u Bomben. Es wird Tag u Nacht geschossen ununterbrochen. Es ist die wahre Hölle hier […] Nun liebe Frau, schike u schreib mir jetzt fleißig. Ich warte mit schmerzen auf Antwort bin bis jetzt noch Gesund u am leben […] Hoffentlich darf ich euch Wiedersehen […] Es sind harte Kämpfe hier ich hätte es mir nie so vor gestellt. Aber da vergeht einem hören und sehen. Nun liebe Frau u Kinder ihr werdet wohl mich nicht vergessen […]

[…] sollte es schief gehen so bleibe bei den Kindern und auch bei mir weist schon wie ich meine […] Aber ich Hoffe dass ich euch wieder sehen darf. Also auf ein frohes Wiedersehen. Wann weiss ich auch nicht aber die Zeit wird auf einmal kommen. Ich hoffe das beste […] aber nochmals Liebe Frau muss ich dir schreiben mach dir keine Sorgen […]

[…] Vielleicht hast du schon etwas gehört von unserer Lage dann kannst du dir es schon denken warum wir keine Post bekommen […] Habt ihr auch eine warme Stube. Nun kommt bald das Weihnachtsfest da wäre es hald schön zu Hause bei euch meine Lieben. Must eben du liebe Mutter den Christbaum nachen und dabei an mich denken. Haben die Kinder auch Schuhe auf den Winter. Wir haben schon ziemlich Schnee und Kalt […] Ich weiß es ist ein schweres Weihnachten für dich aber sei zufrieden und bete mit den Kindern […] schik mir doch etwas zu Essen bei uns ist es wirklich etwas gnab. ein Stueckchen Brot im Tag […] 

[…] Es ist Abend Samstag u in 6 Tagen Weihnachten. Da kannst du dir schon denken, wo die Gedanken sind. Und bis jetzt noch kein Weihnachtspaket und einen mächtigen Hunger. Liebe Frau dieser Brief hat mir nicht so recht gefallen. In dem du schreibst warum die anderen noch […] u ich in Russland ich kann eben nichts machen. Die anderen Kameraden sind auch bei mir. Es sind auch schon einige Verwundet u gefallen. bis jetzt bin ich ja noch Gotlob verschont geblieben. Es gruesst und kuesst dich also herzlich Anton […]

[…] Liebe Frau habt ihr auch gut Weihnachten gefeiert. Ich hatte kein Weihnachten. Ich hatte dienst über alle Feiertage bei Tag u Nacht. Ich werde diese Tage nie vergessen und wenn ich einmal bei Euch zu Hause bin dann werde ich euch diese Sachen erzählen […]

[…] schreib mir alles was du mir wieder weist und was über Weihnachten alles vor sich ging. du weist ja liebe Frau dass ich imer etwas neugierig bin es würde dir auch so gehen. Ich hoffe auf ein baldiges Wiedersehen! Viele Gruesse und ein gutes Neujahr an euch alle. Gruss und Kuss führ dich und Kinder. Nochmals Gruss!«

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Titel: Schwertzauber; Autorin: Carry Brachvogel; Allitera Verlag München; Mai 2014; edition monacensia; Monacensia – Literaturarchiv und Bibliothek (Hrsg.), Paperback; 168 Seiten: 12,90 Euro.

Bild oben: Allitera Verlag

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