Sommerszenario in sieben Kapiteln oder Süden. Sonne. Spanien.

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Ein Griff in ein befreundetes Frankfurter Bücherregal und da ist er: mein Reiseroman: Helena oder das Meer des Sommers (Originaltitel: Helena o el mar del verano) von Julián Ayesta. Er klingt so leicht und süß und luftig, wie eine Wolke aus Zuckerwatte, die über mir dahinschwebt, während ich am spanischen Meer liege. Ja, eine klingende Wolke. Die 111 Seiten finden vom Sommer über den Winter in den Sommer zurück und werfen dabei alle Sinne durcheinander. Worte werden getrunken und geatmet, Farben gerochen und dabei sind es vor allem die farbenfrohen Formulierungen, die dem Roman trotz seiner Leichtigkeit viel Intensität – das Gefühl des Miterlebens – verleihen; sei es durch »das Schnurren der Sonne auf den grüngelben Wiesen« (und auf meiner Haut), den »blaue[n], salzige[n] Windstoß vom Meer« (der meine Haare zerzaust), oder den »Kaffee, tiefschwarz« (den ich nur zu gerne trinke), der eben nicht nur Kaffee, sondern »tiefschwarz« ist. Und auch die Sonne scheint nicht einfach: »Sonnenflecken [laufen] über das Moos und das junge, feuchte Gras« (und ich laufe barfuß hinterher). Alles glänzt und funkelt in Licht und Farben und die Geschichte einer junge Liebe wirkt dabei so leichtfüßig, dass man gemeinsam mit dem männlichen Erzähler hinter Helena »schreiend ins Tal und zu den Mohnfeldern« hüpfen möchte, um sie einzufangen.

»Wie sich mit einem Mädchen an deiner Seite die Stille dehnt! Und besonders mit Helena. Denn Helena kann reden, ohne den Mund zu öffnen, und einen mit einem unerträglich schiefen Lächeln provozieren. […] „Fang mich doch, fang mich doch!“, rief sie. Und ich jagte ebenfalls schreiend hinter ihr her und schwenke fröhlich den […] Kescher im Wind. Denn natürlich sammle ich Schmetterlinge.«

Das schönste Sommerszenario in sieben Kapiteln. Allerdings sind nicht alle Texte harmonisch miteinander verwoben; an manchen Stellen fällt die Zeitspanne auf, die zwischen ihrer Entstehung liegt – Ayesta hat zehn Jahre daran geschrieben, wie das Nachwort verrät. Auch waren die Kapitel ursprünglich gar nicht füreinander gedacht. Umso erstaunlicher, wie es dem Autor gelungen ist, im Einzelnen ein Ganzes zu sehen; ganz so, wie es seine jungen Protagonisten mit den Wolken tun:

 »Helena tauchte ihre nackten Arme ins frische Laub, hatte ihren Kopf auf meine Brust gelegt und sprach von den Wolken und meinem Herzen. „Dein Herz klopft so wild […] ich hab richtig Angst, dass es davon springt.“ Ich schwieg stolz, als wollte ich damit sagen: „Könnte schon sein.“ Dann sprach Helena über die Wolken. „Die große da, die sieht ganz genau wie Afrika aus…“ Ich war empört. „Seit wann endet die Südafrikanische Union so spitz? Die Wolke könnte allenfalls Südamerika sein.“ […] „Du bist vielleicht ein Erdkunde-As. Glaubst du im Ernst, daß diese Beule links Peru sein könnte?“ […] Madagaskar, mit seinen Kaffee-, Vanille- und Gewürzexporten, kam von Osten über den Himmel gesegelt.«

Der Roman zieht mich in den Sommer. Mit all seinen leichten, unendlichen Farben; seiner intensiven Sprache. Und vor allem deshalb, weil er aus meinem Meer des Sommers stammt und davon erzählt – von Santander, von Bilbao, von San Sebastián. Süden. Sonne. Spanien.

Titel: Helena oder das Meer des Sommers; Autor: Julián Ayesta; aus dem Spanischen übersetzt von Dagmar Ploetz; mit einem Nachwort von Antonio Pau; C.H. Beck Verlag München; 2004; 111 Seiten.

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