Von Feen der Literatur und angebräunten Briefen – Eudora Weltys Wagnis, die Welt in Worte zu fassen

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Eudora möchte Schriftstellerin werden. Der Vater sorgt sich um ihre finanzielle Sicherheit, die Mutter aber ist beruhigt, denn die Schriftstellerei scheint ihr ein harmloser Beruf zu sein. Und da die Tochter ein glückliches Leben haben soll, schenken die Eltern ihr zu Beginn des College eine Schreibmaschine, eine kleine rote Royal Portable. Von Kindheitshelden wie Tom Sawyer und Prinzessin Labam geht sie über zu Humoristen wie S.J.Perelman und Corey Ford und anderen Autoren der Zeitschrift Judge. Sie tippt ihre ersten Artikel für den Spectator, die Collegezeitung. Und sie tippt Kurzgeschichten und Essays, die sie Zeitungen wie der Saturday Evening Post anbietet. Sie, Eudora Welty. Geboren 1909 in Jackson, Mississippi. Eine Schriftstellerin des Südens, wie sie sich selbst nennt – eine Schriftstellerin durch Hören, Sehen und Sagen. So lauten die drei Essays, in denen Eudora Welty ihren Weg in die Schriftstellerei beschreibt, zusammengefasst in einem Essayband, der als Neuübersetzung bei edition fünf erschienen ist. Der Titel lautet Vom Wagnis die Welt in Worte zu fassen und die Schriftstellerei erscheint dadurch doch nicht so harmlos, wie die Mutter meint. Dabei müsste doch gerade sie über die Magie Bescheid wissen, die von Literatur ausgeht. Schließlich ist sie es, die ins brennende Haus zurückrennt, um ihren heißgeliebten Charles Dickens zu retten.

»Sie las Dickens mit solcher Inbrunst, als wollte sie mit ihm durchbrennen.«

Die Mutter ist es, die der Tochter die Welt der Geschichten eröffnet. Sie liest in jeder freien Minute und in jeder Ecke des Hauses. Und Eudora eifert nach jeder Geschichte, die ihr zu Ohren kommt – ob vorgelesen oder erzählt.

»Lange bevor ich Geschichten schrieb, horchte ich nach Geschichten. Nach ihnen zu horchen ist intensiver als schlichtes Zuhören. […] Kinder, die lauschen, wissen, dass es Geschichten gibt […] Wenn Erwachsene sich hinsetzen und anfangen zu reden, warten Kinder einfach und hoffen,  dass eine herauskommt – wie eine Maus aus einem Loch.«

Die Mutter ist es ebenfalls, die der Tochter früh das Lesen und das Schreiben beibringt, was Eudora anfangs dazu nutzt, um ihren zwei Brüdern angebräunte Briefe von Zimmer zu Zimmer zu schicken.

»Wenn einer von uns […] oben allein das Bett hüten musste, schrieben wir uns wohl stündlich Briefe […] unsere treue Mutter überbrachte sie für uns, aber vorher mussten sie einen Augenblick in den heißen Ofen, um die Bazillen abzutöten. Wenn sie uns ausgehändigt wurden, waren sie warm und wellig und manchmal angebräunt wie Toast.«

Mit fünf Jahren schickt ihre Mutter sie zur Schule. Mit fünfzehn Jahren erhält sie von ihr den ersten Bibliotheksausweis. Eudora Weltys Weg in die Schriftstellerei klingt wie ein magisches Rezept. Ihre Mutter gibt ihr die grundlegenden Zutaten zur Hand und die guten Feen der Literatur verstreuen ihren Zauberstaub darauf, um ihrem Schreiben eine eigene Note zu geben. Es ist eine Mischung aus

Neugier,

»Ich war von klein auf lernbegierig. Was ich wissen wollte und wonach ich unablässig fragte, war nicht so sehr was, wie, warum oder wo als vielmehr wann. Wie lange noch? […] Meine unbändige Neugier schuf im Wesentlichen Spannung und damit ein ganz eigenes heimliches Vergnügen. Und so nahm ich bereits eine der guten Feen der Literatur meiner an.«

Fantasie,

  »Meine Fantasie bezieht ihre Kraft und ihre Leitlinien aus dem, wass ich in meiner Lebenswelt sehe und höre und erfahre und empfinde und erinnere.«

und Distanz:

 »Wenn ich eine neue Arbeit beginne, muss ich immer erst eine Distanz gewinnen, als Voraussetzung für mein Verstehen menschlicher Gegebenheiten.«

Angereichert aus den Reisen, die sie in ihrer Jugendzeit mit ihrer Familie unternimmt. Die sie meist zu den Großeltern aufs Land führen.

»Heute denke ich im Rückblick auf diese Sommerreisen […] sie waren Geschichten […] weil sie Richtung, Bewegung, Entwicklung, Veränderung enthielten. […] Was Schriftsteller wie Reisende in den Bann zieht, ist das Wissen um ihr Ziel […] wie Menschen besaßen Orte eigene Persönlichkeiten, mit denen man sich in seiner Fantasie beschäftigen konnte. […] Das Reisen weckte mein Bewusstsein für die Außenwelt.«

Und zum Umrühren, nimmt sie die Fotografie zur Hand.

»Die Kamera war ein handliches Hilfsgerät für das Genauer-Wissenwollen. […] Durch die praktische Arbeit lernte ich, wie wichtig es ist, parat zu sein […] Vergängliches einzufangen […] dass ich darauf vorbrereitet sein musste, diesen Moment zu erkennen, wenn ich ihn sah […] mein Bedürfnis, flüchtiges Leben in Worte zu fassen […] das literarische Auge sieht die tatsächlich vorhandenen Dinge , sieht in sie hinein, hindurch und drumherum.«

Eudora Welty mischt die Rezeptur mit Bedacht zusammen. Vorsichtig hebt sie die Zutaten untereinander und probiert erst selbst, bevor sie im richtigen Moment das Wagnis eingeht, auch andere davon kosten zu lassen.

»Nach außen hin bin ich mein Leben lang schüchtern gewesen. […] Ich nahm Dinge wahr und stellte Mutmaßungen an, entwicklete Befürchtungen und Hoffnungen, zog, dem eigenen Herzen folgend, nach und nach Schlüsse und kam auf diese Weise meinem Ziel tatsächlich näher. Erst wenn die Zeit und meine Fantasie mich weit genug geführt hatten, wagte ich den Sprung.«

Es ist das Wagnis aufzuschreiben, was im Inneren vorgeht. Das Wagnis, die Stimme der eigenen Geschichte nach Außen sprechen zu lassen.

 »Genau wie beim ersten Vorlesen gab es auch später bein Selberlesen niemals eine Zeile, die ich nicht hörte. Während meine Augen dem Satz folgten, sprach eine Stimme ihn mir leise vor […] sie ist menschlich aber in mir, und ich lausche nach innen, wenn ich sie höre. Für mich ist es die Stimme der Geschichte oder des Gedichts selbst.«

Vom Wagnis die Welt in Worte zu fassen ist eine wunderbare Reise in das Leben einer Schriftstellerin, angefangen bei ihrer Kindheit im ersten Essay Hören, über ihre Jugend im zweiten Essay Sehen, hin zu ihrer Zeit auf dem College im Essay Sagen. Alle drei Essays gefallen mir vor allem in ihre Sprache (ins Deutsche übersetzt von Karen Nölle), wobei ich den ersten Essay am liebsten gelesen habe. Allein wie Eudora Welty durch ihr kindliches Auge beschreibt, was Bücher für sie bedeuten, lässt in die Magie eintauchen, die von jeder einzelnen Geschichten ausgeht – ob sie nun gehorcht oder gesehen oder in eigenen Worten auf Papier gebracht wird. Und in diesen zauberhaften Worten formuliert sie die wohl wichtigste Zutat für das Schreiben: die Augen und Ohren in alle Richtungen offen zu halten, um die Welt in Worte fassen zu können.

 »Zu erfahren, dass Bücher von Menschen geschrieben wurden und keine Naturwunder waren, die von selbst sprossen wie Gras, war für mich überraschend und enttäuschend. […] ihren Geruch und ihr Gewicht und das Gefühl, sie in den Armen zu halten […] meine einzige Angst war die davor, dass Bücher zu Ende gingen.«

Titel: Vom Wagnis die Welt in Worte zu fassen; Autorin: Eudora Welty; aus dem Englischen übersetzt von Karen Nölle; Band 8 von edition fünf; 160 Seiten; Leinenband mit Banderole und Lesebändchen; 17,90€.

Veranstaltungstipp: edition fünf nimmt an diesem Sonntag, 14. September 2014, mit einem Büchertisch am 14. Münchner LiteraturBrunch der BücherFrauen im Stragula (Bergmannstraße 66) in München teil. Der Brunch beginnt um 10:30, ab 12:00 werden drei literarische Debüts zum Thema Reise, Reise! vorgestellt. Jenny Bünnig liest aus ihrem Roman Es muss dunkel sein, damit man die Sterne sieht (Langenmüller 2014), Katharina Hartwell aus Das Fremde Meer (Berlin Verlag 2013) und Nora Wicke aus Vierstromland (Müry Salzmann 2014). Die Veranstaltung wird von Katrin Schuster moderiert, die unter anderem das Münchner Online-Literaturmagazin KLAPPENTEXT herausgibt, über das ich vor einiger Zeit bereits berichtet habe.

Bild: edition fünf

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