Gewitzt und geistreich und gesellig. »Salonfrauen«.

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»Achtung, dieses Buch ist tendenziös!« warnt die Autorin Ulrike Müller in der Einleitung zu ihrem Werk »Salonfrauen«, das 2013 im Elisabeth Sandmann Verlag in München erschienen ist. Es handelt dabei also um kein Sachbuch über die Salonkultur, sondern eher um ein Liebhaberstück – etwas zum durchblättern und genießen, wozu allein das Format (21.9 x 28.4 cm) und die Aufmachung (80 Abbildungen) einladen. Die Salonkultur ist trotz vieler wissenschaftlicher Betrachtungen immer noch ein Phänomen der weiblichen Kulturgeschichte, das genügend Spielraum zur Spekulation, und vor allem zur Faszination, bietet und gerade Letzteres (da sind die Autorin und ich uns einig) darf sie auch nicht verlieren. Viel zu groß ist der Zauber, der von der Vorstellung ausgeht! Dennoch geht »Salonfrauen“ zu Beginn in kurzen Kapiteln auf die wichtigsten Fragen ein: Was genau wird unter einem Salon verstanden? Woher stammt eigentlich seine Bezeichnung? Wie lange gibt es die Salonkultur schon? Und wie sah sie vor allem zwischen der Romantik und der Moderne in Europa aus? »Von den Anfängen der Romantik bis zum Einsetzen der Moderne boten die Salons eine Vielfalt von Formen und Themen wie in keiner anderen Epoche.« Näheres entnehmen Sie bitte der Einladung!

Meine Damen, meine Herren,

ich möchte Sie in meinen Salon einladen! Ich meine damit natürlich nicht, dass Sie sich in meinem Empangssaal einfinden sollen, schließlich besitze ich kein Schloss. Und nein, hier wird auch nicht geschossen. Hier wird gewitzt und geistreich und gesellig gesprochen, gedacht und gelacht. Lassen Sie uns an die lange Tradition der Symposien des alten Griechenlands, der Cours d´amour des frühen Mittelalters, der Musenhöfe der Renaissance, der Samedis und Mardis der franzöischen Frühaufklärung, der Pariser Bureux´d´esprit, der Lese- und Freundschaftstage, Lesekränzchen, Tischgesellschaften und literarischen Tees der deutschen Klassik und Romantik anknüpfen. Lassen Sie uns eine literarische Kaffeegesellschaft organisieren oder gar ein avantgardistisches Jour fixe, wie es Berlin, in Wien, in Paris oder in St.Petersburg gehandhabt wird. Auf jeden Fall aber: setzen wir uns an einen Runden Tisch, wie einst in der Artussage. Ja, lassen Sie uns Ritter der Tafelrunde sein. Gleichgesinnte und Gegner! Aufgetischt wird die Musik, die Kunst, die Literatur, die Philosophie und die Politik! Seien wir einander Inspiration, eine gemeinschaftlich denkende, sprechende und fühlende, europäische Einheit. Niemand muss ein Blatt vor den Mund nehmen. Und jeder Stein wird umgedreht und abgewogen. Lassen sie uns über Altbewährtes diskutiern, andere Ansätze finden, neue Leben entwerfen! Und das alles bei einer guten Tasse Tee. Oder Kaffee. Oder Kanapees. Die Sesselpolster sind aufgeschüttelt, die Stühle stehen bereit. Die Bücher liegen an Ort und Stelle, die Kunstwerke sind drapiert und die Musik erklingt, sobald der Erste unter Ihnen den Fuß über meine Schwelle setzt. Wir beginnen in der Nachmittagszeit und wenns es die Gespräche und Darbietungen verlangen, dauert es bis in die Nacht hinein.

Ihre Salonière

Salonière! Sprach- und sprechlustige Literatinnen, intelektuelle Politikerinnen und Philosophinnen, Musen, Mütter und Minnesängerinnen, Jägerinnen und Sammlerinnen der Bildenen Kunst. »Leidenschaft, Mut und geistige Freiheit“ verbindet sie, so steht es im Untertitel und im Inhaltsverzeichnis von »Salonfrauen, in dem eine Auswahl an Salonière in die vier genannten Bereiche unterteilt werden. Caroline Schlegel-Schelling, Rahel Varnhagen, Sinaida Wolkonskaja, George Sand und Natalie Clifford Barney zählen zu den Literatinnen, Marie d´Agoult, Fanny Lewald und Berta Fanta zu den Politikerinnen und Philosophinnen, Amalie Beer, Johanna Kinkel, Livia Frege, Carolyne von Sayn-Wittgenstein, Pauline Viardot-Garcia und Winnaretta Singer-Polignac sind die Musen, Mütter und Meistersängerinnen und Valtesse de La Bigne, Berta Zuckerkandl, Gertrude Stein und Marianne von Werefkin die Jägerinnen und Sammlerinnen – um einmal Namen von Salonière zwischen dem 18. und dem 20. Jahrhundert in Europa zu nennen. Allerdings muss dazu gesagt werden: Das ist nur »eine veschwindend geringe Anzahl«! Wie viele Salons es in dieser Zeitspanne in Europa gab, kann bis heute nicht genau gesagt werden. »Salonfrauen« jedenfalls hat nicht nur bekannte, sondern auch weniger bekannte Beispiele ausgewählt. Und das Buch ist in Rosa gehalten, wie der Rosafarbene Salon der russischen Malerin Marianne von Werefkin, den sie ab 1897 in München (in Schwabing in der Giselastraße 23)  geführt hat. Aus den dortigen Zusammenkünften, an denen vor allem Wegbereiter der Modernen Kunst teilnahmen, ging unter anderem später die Künstlergemeinschaft Der Blaue Reiter hervor. Der Salongast Gustav Pauli beschrieb die Atmossphäre und die Wirkung von Werefkins:

»Um ihren Teetisch sammelte sich täglich das Grüpplein der Getreuen, meist russische Künstler… und ihre Münchner Freunde, eine ziemlich bunte Gesellschaft, in der sich die Bayerische Aristokratie mit dem fahrenden Volk der internationalen Bohème begegnete. … Nie wieder habe ich eine Gesellschaft kennengelernt, die mit solchen Spannungen geladen war. Das Zentrum, gewissermaßen die Sendestelle der fast physisch spürbaren Kräftewellen, war die Baronin. Die zierlich gebaute Frau mit den großen dunklen Augen (…) beherrschfte nicht nur die Unterhaltung, sondern ihre ganze Umgebung.«

Diese Worte treffen Müllers Beschreibung des Salons als ein »wesentlich von Frauen initiierter und gestalteter Raum, einer vielseitigen Gesprächs- und Geselligkeitskulur auf der Schwelle zwischen Privatheit und Öffentlichkeit« genau. »Salonfrauen« bietet nicht nur einen gelungenen Überblick über ein so wichtiges und vielseitiges Thema der weiblichen Kulturgeschichte, es ist gleichzeitig ein wunderbarer Schmöker, der Einblick in interessante Frauenleben ermöglicht und die Faszination, die von ihnen als Salonière ausgeht, weiterträgt und aufrechterhält.

Titel: Salonfrauen – Leidenschaft, Mut und geistige Freiheit; Autorin: Ulrike Müller; Elisabeth Sandmann Verlag; 21.9 x 28.4 cm; 144 Seiten; 80 Abbildungen; Gebunden mit Schutzumschlag; 29,95 Euro.

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Bilder: Kaffeetasse mit Monogramm von Amalie Beer, 1840; Innenseite von „Salonfrauen“; „Musikalische Matinée im Hause Viardot“ – Zeichnung von Ludwig Pietsch, 1867.

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