Kurz geschrieben: gut. (und mehr)

»Wortkarg«, »kurzatmig und asthmatisch« ist es, das Schreiben des Autors, das Schreiben von Martin Felder. Und dabei hat er für sein Werk nicht gerade den kürzesten Titel gewählt: Meine Nachbarin, der Künstler, die Blumen und der Revolutionär. Die Absätze sind es dann aber doch: kurz. Keine einzige Seite ist ausgefüllt, manchmal steht dort sogar nur ein Satz. Optisch lässt das den Roman leer erscheinen, inhaltlich ist er aber voll, sehr voll, gehaltvoll. Viele Sätze sind so gut, dass die längeren Absätze fast lästig werden. Man will sich lieber von einem Satz auf die nächste Seite zum nächsten Satz hangeln, gleich dem Motto »weniger ist mehr«. Denn mit diesem einen Satz ist meist alles gesagt – und das soll etwas heißen. Mehr ist nicht nötig, um zu erfahren, warum der Autor dem Künstler seinen Roman über ein Texttelefon schickt, warum er seiner Nachbarin hinterherreist und ihr die Rosen aus ihrem eigenen Garten mitbringt, warum er mit dem Revolutionär befreundet war und es plötzlich nicht mehr ist, warum er in Berlin, in Hamburg und in Paris landet – wie er sich dabei fühlt. Und warum er bei all der Einzeilerei immer wieder ein neues Lieblingswort findet (»Mozzarella die Bufala, Stummfilm, Lavendel, Fuge«) und oft bei der Tierwelt hängenbleibt, bei Fröschen und Hasen, bei Enten und Eichhörnchen, bei Walrössern und Seehunden, bei einer Laus und einer Schildkröte. Ich jedenfalls bleibe bei Sätzen wie diesen hängen (und ich hätte noch lange so kurzatmig weiterlesen können) :

»Ich schaue in den Spiegel und spiele das Spiel, bei dem der, der zuerst lacht, verloren hat.«

»Ein unverrichtetes Ding fliegt an meinem Fenster vorbei.«

»Ich schreibe im Café meinen Roman und werde nach zwei Tagen und dreizehn Seiten hinausgeworfen.«

»Ich kaufe diesen Gedanken. Er kostet drei Sekunden.«

»Ich bin im Zoo, gehe hin und her und werfe Maiskörner aus dem Käfig.«

»Ich bin eine Qualquappe und überlege, wie ich mich richtig schreibe.«

»Ich pfeife um die Ecke und fahre dir durch dein Haar.«

»Ich nehme ein altes Notizbuch hevor und schreibe mich weiter, wo ich irgendwann mal war.«

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Titel:  Meine Nachbarin, der Künstler, die Blumen und der Revolutionär; Autor: Martin Felder; salisverlag; 272 Seiten; 24,95 Euro.

Bild: salisverlag

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