BOOK FAIRytale II

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Zugegeben: Das Frankfurter Buchmessenmärchen klingt (im Vergleich zu Leipzig) vor allem lyrisch. Und: es hat einen nordischen Touch. Unbeabsichtigterweise. Eben nicht vorhersehbar, wie das Messegeschehen so ist. Denn: Die Vorbereitungen haben nie so ganz Hand und Fuß, auch wenn ich mir drei Seiten voll Hallen- und Standnummern, Namen und Buchtitel notiere. Ich kann doch nicht einschätzen, was mich erwartet; an welchen Ständen ich stehen bleibe, wen ich treffe, welche Gespräche entstehen, welche Wörter mich einfangen – und das ist ja das Schöne daran. Es erinnert mich ans Twister spielen: Je nachdem, in welche Richtung ich (in diesem Fall die Drehscheibe) mich drehe und auf welchem Feld ich stehen bleibe (ob rot, ob grün, ob gelb, ob blau), greift meine linke Hand zum nächsten Buch, schüttelt meine rechte Hand eine nächste Hand, bleibt mein linker Fuß in Reihe A stehen, während mein rechter Fuß schon zu Reihe B schlendert. Auch zugegeben: Mit Finnland als Gastland war der nordische Einfluss vorprogrammiert. Allerdings war mir nicht klar, wie programmiert der Fluss werden sollte. Das Programm: Lyrik. Der Fluss: meine Gehirnströme. Das Projekt »Brain Poetry« des finnischen Kunstkollektivs »Brains on Art« formulierte per Gehirnstrommessgerät ein Gedicht direkt aus meinem Kopf auf die Wand, das ich mit meinem Namen in eckigen Klammern unterschrieb und schwarz auf weiß mitnehmen konnte. »Neues Gedicht auf Deutsch. Suche nach Gehirn. Die Alphaspitze wird geortet. Versuch nachzuempfinden« und dann das:

Selig verwand

Deine Hände

Schmelzend ein Asyl

Haare golden

betet heiser

[rena]

Ich hinterließ Finnland also (oder Finnland hinterließ mich) mit meiner Kopflyrik auf einem Kassenzettelformat und der Frage: Wo kam das denn her? Oder »Warum denn das?«, wie das Gedicht eines Freundes passenderweise endete. Weitere unerwartete Fragen hielt das Postkarten-Set »Wem würden sie nie im Leben eine Postkarte schicken?« des Schweizer Autors Thomas Meyer (Bestseller: Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse; aktueller Roman: Rechnung über meine Dukaten) für mich bereit. Mit den Worten »Einer Frage kann sich niemand entziehen…Oder sehen sie das etwa anders?« wurden 48 Karten (in rot und grün und gelb und blau) zusammengepackt, die aus dem Projekt Aktion für ein kluges Zürich entstanden sind, das die Heimatstadt des Autors zu sich selbst befragen sollte – durch Aufkleber an allen Ecken und Enden. Die Fragen sind ungewöhnlich gut. Viele würde man sich nie selbst stellen. Es ist oft schwierig, auch unangenehm, sie zu beantworten.

»Wie gehen Sie mir ihrer Seele um?«

»Womit lenken sie sich von sich selbst ab?«

»Mit welchem Trick haben sie sich ihre letzte Schlechtigkeit schöngeredet?«

»Sind sie ein guter Mensch? Seit wann?«

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»Die Lösung liegt in der Poesie«? So lautet zumindest der Untertitel des Buches, das mir am Stand des deutschen Lyrik Verlages als erstes aufgefallen ist. Wenn das Wort zu Wort kommt von Margo Fuchs Knill, publiziert beim Karin Fischer Verlag. Neben meinem Kassenzettelgedicht riss ich mir weitere Lyrik in Kleinformat auf der Hotlist-Party der unabhängigen Verlage im Literaturhaus (Gewinner: Lars Müller Publishers aus Zürich mit dem Bildband Menschen am Cern von Andri Pol) von der Wand: das fischgedicht (»kleingeschrieben, weil keine große liebe«) von Arezu Weitholz aus dem Gedichtband Mein lieber Fisch, erschienen bei Weissbooks. Prosa in kurz und klein fand ich beim Literatur Quickie Verlag, der Kurzgeschichten im Pixiebücher-Format verlegt (»Geschichten to Go, Krimis auf dem Kopfkissen, Worte zum Wein oder im Wartezimmer, das Buch zum Bier, in der Bahn oder im Bus, Kafka zum Kaffee…«). Lyrik in Großformat wiederum hat sich mir in Form des Poetryletter gezeigt, einem wunderbaren Zusammenspiel aus Gedichten und Illustrationen von Fixpoetry. Und wiederum Prosa in Schönformat fand ich zum einen beim kladde buchverlag, einem Crowdfounding-Verlag, der die Leserinnen und Leser entscheiden lässt, welches Buch mit auffallend hübschem Layout herausgebracht wird und zum anderen im Danish Literary Magazine. Weitere Bücher, die ich für mich entdeckt habe (um die sich die schreibstation in den nächsten Wochen drehen wird) :

Helle Helle – This should be written in Present Tense (Harvill Secker)

Petur Gunnarsson – Die Rollen und ihre Darsteller (Weidle Verlag)

Christian Sepp – Sophie Charlotte (August Dreesbach Verlag)

Johann Bargum – Septembernovelle (mareverlag)

Gertrud Leutenegger – Panischer Frühling (Suhrkamp Verlag)

Tanja Schlie – Wo Frauen ihre Bücher schreiben (Thiele Verlag)

Arne Nielsen – Der Elefantenbäcker (Salisverlag)

Der Salisverlag, an dessen Stand ich ganz zufällig gerne lange stehen geblieben bin, verlegt wiederum Thomas Meyer. Mein Messebesuch: Von Anfang bis Ende eine zufällig abgerundete Sache. Oder um es mit den Worten der Drehscheibe zu sagen: Let´s twist again and again and again!

Bild: Das offizielle Plakat der Frankfurter Buchmesse 2014. Oder ein Teil davon. Jedenfalls ein typischer Teil von Finnland.

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