Jeder ist nicht seines eigenen Glückes Bäcker

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»Der Elefantenbäcker – so lautet der Debütroman des dänischen Autors Arne Nielsen. Weil ich mir so gar nicht vorstellen konnte, was für eine Geschichte hinter diesem Titel steckt, hat er mich neugierig gemacht. Und bis jetzt weiß ich nicht, ob es eine gute oder eine schlechte Geschichte ist – nicht in dem Sinne, ob sie mir gefällt, oder ob sie mir nicht gefällt. Sie gefällt! Nur einzuschätzen, ob hier etwas Gutes oder etwas Schlechtes erzählt wird, fällt nicht leicht. Man kann sich nämlich nie ganz sicher sein, ob etwas gut oder schlecht ist – oder besser gesagt: ob jemand gut oder schlecht ist. Das zumindest verdeutlicht diese Geschichte, die gleich zu Beginn einen Schlussstrich zieht:

»Zum Schluss haben wir ihn dann doch rausgeschmissen. Mein großer Bruder Johan, meine Mutter und ich. Bruder Johan zog ihn an den Haaren, meine Mutter und ich an je einem seiner Arme. Aus dem Wohnzimmer in den Flur, durch den Flur an der Küche vorbei. Und dann war er draußen.«

Allerdings ist dieser Schluss kein Schluss. Nicht für Johnny, aus dessen Sicht der Roman erzählt wird. Für Johnny ist es ein Anfang – der Anfang in ein beschwertes Leben. Es ist der Sommer 1985 und nichts soll je wieder so sein, wie es einmal war. Es ist der Sommer, in dem der alkoholkranke Vater die Familie verlässt. Oder die Familie den alkoholkranken Vater verlässt. Denn wenn er trinkt, wird er gewalttätig. Dennoch ist es der Sommer, in dem sich Johnny noch Hoffnungen macht. Es ist also der Sommer, in dem Johnny versucht, an seiner Kindheit festzuhalten. Der Sommer in dem der Kampf beginnt – zunächst für seine Familie oder mehr für den schönen Schein, der davon übrig geblieben ist. Dann gegen sich selbst. Es ist der Sommer, in dem Johnny etwas verliert. Der Sommer, der ihn verfolgen wird. Es ist nur ein Sommer. Es ist Johnnys ganzes Leben. Denn dieser Sommer wütet noch Jahre lang in ihm, auch wenn er äußerlich schnell gelernt hat, etwas »herzumachen« und das »Leben zu kaschieren«.

»Wenn jemand fragte, war es immer ein Fahrradunfall […] Bei meiner Mutter hieß es immer, sie sei gegen eine Tür gerannt, und mein Bruder beantwortete solche Fragen erst gar nicht.«

»Kaltes Wasser ins Gesicht und lächeln, als hätte man ein wertvolles Geheimnis, das war der Trick […] eine Angewohnheit, die ich heute noch habe, das frühe Festlegen meines Gesichtsausdruckes.«

Innerlich aber werfen seine schlechten Gedanken einen weitaus größeren Schatten, als jenen, den seine Familiengeschichte hinterlässt. In diesem Sommer 1985 verschwindet ein junges Mädchen, Marlene. Einige Zeit später wird sie tot aufgefunden; der Täter ist ein „normaler“ Familienvater. Johnny verknüpft eine andere Familiengeschichte mit seiner Situation. Und er verfolgt die Berichte in den Medien, bis sie ihn verfolgen.

»Von einem kranken Mann war die Rede, und es wühlte mich auf zu lesen, wie das Leben des Mannes über Jahre in den richtigen Bahnen verlaufen war und wie er nun so enden konnte. […] Es war die Tatsache, dass es etwas in ihm gab, etwas, das ihn überrumpelt hatte. […] Und wie konnte er sich so verlieren, obwohl es Leute gab, die er lieb hatte? […] Und hieß das nicht auch, dass ich, wenn ich schon jetzt vor meinen Gedanken Angst hatte, genauso auf dem Weg dorthin war, von wo es kein Zurück mehr gab?«

Fortwährend fragt er sich, ob auch er zu so etwas in der Lage wäre. Ob er auch die Kontrolle über sich verlieren könnte. Ob in ihm vielleicht sogar ein Mörder steckt. Ob er sich seiner selbst sicher sein kann.

»Es war die Was-wäre-wenn-Frage, es war die Frage des Sommers, und ich steigerte mich in sie hinein, weil niemand da war, um mich zu stoppen.«

»Wovor ich Angst hatte, war, jemand anderem wehzutun […] einem Menschen, den ich besonders lieb hatte. Die absolute Wahnsinnstat, die absolute Überraschung.«

Es geht darum, dass auch ein Mensch, der ein geregeltes Leben führt, zu schlechten Taten fähig sein kann. Und darum, dass das Leben nicht immer nach Plan verläuft:

»Die Gebrauchsanweisungen dieser Welt sind in mehrere Sprachen übersetzt […] man muss lediglich den Anweisungen folgen […] Johnny, es gibt Leute, die schauen sich die Gebrauchsanweisung gar nicht erst an. Sie beginnen ohne Vorbereitung, ohne die richtige Reihenfolge zu kennen. Und dann wundern sie sich, wenn sie irgendwann von vorne anfangen müssen […] niemals wäre ich an jenem Tag auf die Idee gekommen, dass […] da drin ein Fehler war und etwas mit dem „eins nach dem anderen“ nicht stimmte.«

Zu heiraten, Kinder zu kriegen, ein Haus zu bauen – das alles ist keine Garantie für ein glückliches, ein „normales“ Leben. Dennoch versucht es Johnny. Er gründet eine Familie und hält Abstand von seiner Vergangenheit.

»[…] und ich begann zu kapieren, dass es Kraft kostete, an die guten Dinge im Leben zu glauben, dass es etwas war, indem man geübt sein musste […]«

Doch er kann die zerrüttete Welt seiner Kindheit nie ganz abschütteln. Als er mehr als zwanzig Jahre nach diesem Sommer 1985 auf Bitten seines Bruders zurück in seine alte Heimat reist, lebt Johnny bereits in einer unglücklichen Ehe und hat ein Alkoholproblem, wie sein Vater. Und dieses teilt er sich mit seinem Bruder, der immer noch in der alten Siedlung lebt; den verhassten Vater im Wohnblock gegenüber. Und so trinken die beiden ein Glas nach dem anderen, während sie über damals sprechen und den Vater durch das Fenster beobachten…

»Es ist der Grund, warum ich noch hier bin und mit ihm die Sache zu Ende bringen werde.«

Arne Nielsen hat mit »Der Elefantenbäcker« einen ebenso spannenden, wie melancholischen Roman geschrieben. Es geht um die Frage, wie gut man einen Menschen einschätzen kann und um die Erkenntnis, dass sich Menschen ändern können, dass wir uns in Menschen täuschen können.

»Darum ging es; rechtzeitig zu erkennen, wer für einen gut war und wer nicht.«

Vielmehr geht es aber um die Frage, inwieweit man sich selbst über den Weg trauen kann. Johnny wirkt wie ein netter Kerl, irgendwie gescheitert, aber dennoch hat er die richtigen Ansichten im Kopf. Aber wer weiß schon, was in ihm schlummert? Da ist er sich selbst nicht sicher. Und auch ich habe mich das ganze Buch über gefragt, ob diese »absolute Wahnsinnstat« noch geschieht (was an dieser Stelle natürlich nicht verraten wird). Er traut sich selbst nicht über den Weg. Ich traue ihm auch nicht über den Weg. Und das lässt mich schaudern. Und ebenso macht es mich nachdenklich. Das Leben verläuft nicht nach einer Gebrauchsanweisung. Aber muss es das denn? Nichts ist nur schwarz oder nur weiß. Es ist grau. Grau wie ein Elefant. Und wie sehr man auch versucht, die Brötchen jeden Tag gleich zu backen, irgendwann kommen sie doch anders aus dem Ofen. Auch wenn man vielleicht gar nicht weiß, was man an diesem Tag anders gemacht hat. Und warum.

Titel: Der Elefantenbäcker; Autor: Arne Nielsen; Salis Verlag; Gebunden; 240 Seiten; 24,95 Euro.

Hier geht´s zur Leseprobe.

Bild: Salis Verlag

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