Geträumte Songs und ein altes Radio – boy miez girl sound so.

boy miez girl

Miriam Blum und Johannes Wagner aus Augsburg machen gemeinsam Folk Musik und das schon seit fünf Jahren. 100 Songtexte sind seither entstanden, manche stammen von Miez, ein paar von einer Freundin, die meisten aber von Joe, der damals eine Wette verloren hat. Ich traf sie im Café Kosmos in München – sie auf einem alten Sofa, ich im alten Sessel gegenüber. Und was im alten Sessel begann, endete auch im alten Sessel. Nur dass ich nicht mehr darin saß. Und dass ein altes Radio nicht mehr lief. Und dann war da noch diese Katze; wenn boy miez girl.

schreibstation: Wie fühlt ihr euch dabei, Texte von jemand anders zu singen?

Miez: Das ist eigentlich kein Problem. Ich meine, Joe schreibt die meisten Texte von uns und ich singe dann seine Texte und wenn ich einen schreibe, singt er auch meinen Text. Also kennen wir das ja schon. Ab und zu hat Petra einfach einen Text und wir schauen dann, was wir daraus machen.

Joe: Man hat ja auch früher schon gecovert, so fängt es ja meist an. Und wir sind eine Band, bei der das Lied auch schon steht. Es gibt viele Bands, die entwickeln gemeinsam Songs. Aber bei uns ist es so, dass der Song schon fertig ist. Ich komme mit einem fertigen Song, oder Miez kommt mit einem fertigen Song und da ändert sich dann, wenn überhaupt, nur minimal noch was.

Miez: Wie eine andere Reihenfolge, dass die Bridge zum Beispiel zuerst kommt. Aber generell lädt Joe einen Song in unsere Dropbox und wir anderen können ihn uns dann anhören oder er spielt ihn uns bei einer Bandprobe vor. Und ich hab dann den Text und singe mich rein und die anderen machen vielleicht noch einen Solopart dazu.

schreibstation: Wann habt ihr denn angefangen, Texte zu schreiben?

Miez: Also ich schon zur Schulzeit, aber mit denen war ich nicht so zufrieden. (lacht) Und dann wieder während dem Studium.

Joe: Ich tatsächlich erst mit boy miez girl. Und zwar habe ich eine Wette verloren. Christina, die Schwester von Petra, hat eine Geschichte bei einem Wettbewerb eingereicht und ich hab gemeint, wenn sie veröffentlicht wird, dann schreib ich nen Song. Davor hab ich überhaupt keine Texte geschrieben, außer Deutschaufsätze, und die musste ich ja. (lacht) Es war also eigentlich nur so ein Fun-Ding. Aber dann kannte ich die Miez und die singt ja so schön und dann wollte ich unbedingt mit ihr Musik machen. Das fiel eben gerade zufällig in die Zeit, als ich diesen ersten Song geschrieben hatte und sie hatte auch so ein, zwei eigene und dann haben wir zusammengelegt und gesagt, machen wir doch einfach damit weiter. Aber mit drei Songs kommst du ja nicht weit. Also haben wir angefangen Songs zu schreiben und haben relativ schnell, in einem viertel bis halben Jahr, einen Stock aufgebaut, damit wir Konzerte geben konnten. Und dann ist die Miez faul geworden. (lacht)

Miez: Ja, am Anfang hab ich schon mehr geschrieben. Aber Joe haut halt manchmal einen Song in einer Woche raus, manchmal noch mehr. Klar, manchmal auch weniger. Aber es ist schon eine große Produktion. Was haben wir heut erst festgestellt, wir haben 100 Songs in der Dropbox!

schreibstation: Und wie viele davon sind von Joe?

Miez: 90!

Joe: Ja, es einfach ein Teil von mir geworden. Ich sag mal ein Hobby.

schreibstation: Was entsteht dann zuerst, der Text oder die Melodie?

Joe: Es gibt so Glücksmomente sag ich mal, wo du dich hinsetzt und es funktioniert relativ schnell mit dem Text. Aber bei mir ist es nicht so, dass ich einen Text schreibe und mir dann eine Melodie überlege. Es ist aber auch nicht so, dass ich mir die Melodie überlege und dann den Text schreibe. Das entsteht so beides gleichzeitig. Was ich essentiell finde, ist, dass du eine Kernzeile hast. Das kann mal die erste Zeile sein, das kann mal mittendrin sein. Irgendeine Zeile, die eben interessant ist. Die du dann zum Song aufblasen kannst. Wie ist das bei dir eigentlich, Miez?

Miez: Ich habe erst den Text oder eher eine Textidee, so ein Grundgefühl für eine Story. Dann fang ich an ein, zwei Strophen zu schreiben und überlege mir eine Melodie dazu. Und dann die restlichen Strophen und den Refrain. Aber es ist nicht so, dass ich den kompletten Text schreibe und im Nachhinein kommt die Melodie.

Joe: Wobei das auch funktioniert. Wenn uns Petra zum Beispiel einen fertigen Text vorlegt, kann ich mir auch erst dann die Melodie überlegen. Wobei dann auch oft etwas am Text geändert werden muss. Du musst immer irgendwas ein bisschen anpassen.

Miez: Wegen der Betonung und dem Rhythmus und so.

Joe: Und umgekehrt ist es auch so. Wenn du eine Melodie hast, passt du sie doch auch wieder dem Text an. Ich glaube, komplett trennen kannst du es nicht.

schreibstation: Und wie kommt ihr auf die Kernzeile oder die Textidee?

Miez: Also bei mir ist es so, dass mich etwas beschäftigt und daraus entsteht dann eine Geschichte. Wenn ich zum Beispiel enttäuscht wurde von einer Freundin oder von irgendeinem Typen, den ich toll fand. Dann hab ich in manchen Liedern so richtige Wutausbrüche, aber so schlimm wars dann natürlich eigentlich gar nicht. (lacht)

schreibstation: Also ist der Text dein Ventil?

Miez: Ja, das kann man schon manchmal sagen. Also meistens sind die traurigen Lieder für mich die einfacheren zu schreiben. Weil es einen beschäftigt, weil man es loswerden muss.

Joe: Ja stimmt, fröhliche Lieder schreibst du weniger. (lacht)

Miez: Doch, das neue ist fröhlich.

Joe: Nein, von der Melodie her ist es traurig.

Miez: Aber vom Text her ist es fröhlich. (lacht)

Joe: Bei mir gibt es nur ein paar Songs, die aus einem Anlass heraus entstanden sind. Aber das liegt natürlich auch an der Masse. Du kannst nicht jede Woche irgendein großartiges Erlebnis verarbeiten.

schreibstation: Du kannst nicht jede Woche mega enttäuscht werden?

Joe: Richtig! (lacht) Es ist sehr intuitiv, mein Schreiben. Wenn die Kernzeile da ist, dann geht es an den Text. Das ist irgendwie wichtig. Es muss nicht unbedingt einen konkreten Anlass geben. Unterbewusst vielleicht.

schreibstation: Was macht für euch einen guten Songtext aus?

Joe: Dass er verständlich ist. Ich mag keine kryptischen Texte. Diese späten Bob Dylan-Sachen zum Beispiel. Also ich möchts schon verstehen. Es muss jetzt nicht so sein, dass der Text ganz ohne Interpretationsspielraum ist. Aber wenn du so einen Nonsens-Teil nach dem anderen hast, dann tu ich mir schwer.

Miez: Das sehe ich ähnlich. Ich mags, wenn Texte zum Nachdenken anregen. Aber nicht so ein BlaBla und noch irgendein BlaBla und es macht gar keinen Sinn. Aber das kommt ja nicht so oft vor.

Joe: Aber viele sind doch so!

Miez: Ja ok, es gibt vielleicht schon, sagen wir mal, genug flache Texte. Manche Beatles-Texte zum Beispiel, die singst du auf Deutsch und dann denkst du dir, das hätte sich auch jemand ein bisschen besser überlegen können. Komm gib mir deine Hand…(singt)

Joe: Aber das hat die Beatles doch auch berühmt gemacht, dass die Texte so direkt und einfach sind. Und dann kam Bob Dylan auf die Idee, er macht jetzt mal einen auf große Literatur und man darf nichts mehr verstehen. Also ein guter Text muss schon auch so was Mysteriöses haben. So dass ichs nicht ganz verstehe, aber er mir das Gefühl gibt, dass ichs verstehen will. Es muss sich dazwischen bewegen. Nicht zu offensichtlich, aber auch nicht zu abgefahren.

schreibstation: Was glaubt ihr, welche Rolle spielt der Text allgemein in der Musik?

Joe: Ich glaub ganz ehrlich, dass die meisten doch mehr auf die Melodie hören, als auf den Text. Ich würde es bei mir in erster Linie auch eher so sagen. Wenn mir der Text nicht gefällt, kann ich auch mal weghören und den Song trotzdem gut finden. Und ich glaube, es gibt wenige Menschen, bei denen es umgekehrt ist.

Miez: Da variiert es einfach, wie die Leute damit umgehen. Wenn ich auf ein Konzert gehe und die Band noch nicht kenne, dann versteh ich auch nicht jedes Wort, aber ich kann es trotzdem komplett genießen. Und dann kauf ich mir die CD und hörs mir zehnmal an und dann genieß ich es auch nochmal, wenn es ein cooler Text ist. Deswegen gibt es doch überhaupt erst verschiedene Musikrichtungen. Wenn ich nur auf die Texte hören würde, könnte ich ja keine bestimmten Musikrichtungen bevorzugen.

schreibstation: Und welche Rolle spielt der Text in eurer Musik?

Miez: Er ist nicht unwichtig, sonst würden wir auch nicht singen. (lacht)

Joe: Der Text soll schon was hermachen. Also wenn ich ihn lese, soll er zumindest nicht peinlich sein. (lacht) Man will etwas Rundes abliefern. Sonst könnte man auch »Lalala« singen. Es ist ja was, das du weggibst. Selbst wenn 90 Prozent nicht auf den Text hören, dann eben für die 10 Prozent.

schreibstation: Gibt es Autoren oder Bücher, die euch beim Schreiben beeinflussen?

Miez: Also ich habe mal ein Motiv aus Shakespeare übernommen, aus Romeo und Julia die Metapher von Nachtigall und Lerche für Tag und Nacht, in unserem Song Don´t look so sad. Und einmal aus der Bibel, aus den zehn Geboten, das »Du sollst deinen Nächsten lieben«.

Joe: Also ich lese gerne andere Musiker. (lacht) Manchmal hol ich mir was aus anderen Liedern. Also es ist nicht so, dass ich mir etwas klaue, wie wenn ich mir aus dem Supermarkt was aus dem Regal klauen würde. Das passiert nicht bewusst. Es sind Stellen die ich gerne mag und die sich dann, wenn ich ein Lied schreibe, plötzlich anbieten. So zwei, drei Wörter. Manchmal auch nur ein Wort, das mir gefallen hat und das ich dann einbauen will.

Miez: Viele Zeilen oder Worte reimen sich auf andere Worte und die haben vermutlich schon hunderte andere Musiker benutzt. Die sind einfach schön formuliert und dann sollte man sie auch mehrmals sagen.

Joe: Zum Beispiel in 1959 Radio die Stelle »beauty of a polaroid«, die ist von Kashmir, aus ihrem Song The Aftermath. Die Zeile hat mir schon immer sehr gefallen. Aber ich habe den Song nicht extra wegen der Zeile geschrieben. (lacht)

schreibstation: Wenn wir schon bei 1959 Radio sind, welche Geschichte erzählt der Song?

Joe: Es ist dieses Bild von einem alten Radio, das kaputt ist. Das bringt Nostalgie. Also da singt keiner, der 15 ist, sondern einer, der schon älter ist. Es geht um die Furcht, wenn man älter wird. Dass man Chancen verpasst hat und bestimmte Dinge, die man erreichen möchte, nicht mehr schaffen kann. Ich weiß nicht, wie nennt man diese Kategorie von Song?

Miez: Midlife-Crisis-Song? (lacht)

schreibstation: Aber du bist nicht in der Midlife-Crisis?

Joe: Nein.(lacht) Also von dem Song kann ich definitiv sagen, er ist nicht autobiografisch. Aber man hat ja Empathie, man kann sich in Menschen hineinversetzen. Aber das ist so ein typisches Lied, wo diese Zeile »1959 Radio« als erstes da war und die hatte einfach genug Potential, um einen Song daraus zu machen.

schreibstation: Und wie bist du auf die Zeile gekommen?

Joe: Ich hab so eine Karte von einem Künstler, die hab ich von meiner Mama zu meinem Geburtstag bekommen. Da ist eine Katze drauf, so ganz grob gezeichnet und unten steht einfach die Jahreszahl, wann er das gemacht hat – 1959. Und ich glaube, dass ich so oft an der Karte vorbeigegangen bin, dass unterbewusst diese Jahreszahl dann wieder aus mir herauskam. Diese zwei Worte kamen dann zusammen raus. Ich glaube, dass viele Dinge unterbewusst geschehen. Ich träum zum Beispiel auch Songs. Also ich hör die und seh mich die auch spielen. Und am nächsten Tag weiß ich auch nicht mehr, wie der Song genau ging. Aber dann hast du dieses Bild und dann kannst du es zum Song ausbauen.

schreibstation: Und Miez, was interpretierst du in 1959 Radio?

Miez: Ich habs, ehrlich gesagt, ein bisschen mehr in Richtung Liebesgeschichte geschoben. Es geht schon um jemand, der nicht mit seinem Leben klarkommt. Das Radio spielt nicht mehr und er ist auch zu alt, um sich ein neues zu kaufen, weil er auch gar nicht mehr mit was Neumodischem klarkommen würde. Aber im Refrain ist doch die Zeile »And will we try, do you think we´ll ever fly « und da dachte ich dann schon an eine Liebesgeschichte, die es eben nicht geschafft hat. Aber um es nochmal neu anzufangen, reicht es eben auch nicht. Und auch wegen meiner Lieblingsstelle »will someone consider to stay«, also kommt endlich mal jemand und bleibt auch bei mir und lässt mich nicht wieder allein.

schreibstation: Und deine Lieblingsstelle, Joe?

Joe: Ich bleib beim Titel, 1959 Radio.

Daraufhin fragten sie mich, wie ich den Song sehe und ich beschrieb ihnen das Bild von einem alten Mann, das in meinem Kopf entsteht, wenn ich 1959 Radio höre. Er sitzt in seinem alten Sessel, hat das kaputte Radio neben sich auf dem Tisch und eine Katze auf dem Schoß, die er in gleichmäßigem Rhythmus streichelt – als würde das Radio doch eine Melodie spielen. »Eine Katze? Wahrscheinlich wegen boy miez girl«, meinte Miez daraufhin zwinkernd.

1959 Radio, reinhören und rauslesen:

my 1959 radio
stopped to play
and I’m too old
too old to repair it
too old to buy a new
one, that I’m not able to control
or is it just me
that I can’t get along
with my life

the natural beauty of a polaroid
still strikes me
but I’m too weak
too weak to tell you
what I really feel
what I really feel for you
or is it just me
that I can’t communicate
what I feel

and will we try
do you think we’ll ever fly
will someone come to save our soul   
and tell me the truth
will we find it, will we lose
will someone consider to stay

my 1959 radio
still doesn’t play
and now it’s too late
too late to repair it
too late to buy a new
one, that I’m not able to control
or is it just me
that I can’t get along
with my life

and will we try
do you think we’ll ever fly
will someone come to save our soul
and tell me the truth
will we find it, will we lose
will someone consider to stay

Info: Weitere Bandmitglieder sind Bernhard Sassmann (Drums), Hannes Ewald (Bass, Harmonium, Melodika) und Bernhard Spengler (Mundharmonika). Die nächsten Konzerte von boy miez girl: 04.12.14/Brechtbühne Augsburg; 12.12.14/Bob´s Augsburg; 27.12.14. Ampere München; 28.12.14 Grandhotel Augsburg; 24.01.15 Neruda Augsburg; 12.02.15 S-Planetarium Augsburg.

boy miez girl katzen

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