Letzter Sommer mit Nächsten Sommer

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Noch einmal abschweifen ins weite Blau, hin und her streunen und flüchtige Spuren in der Welt hinterlassen – im Sand, am Meer, am Strand von Lido di Ostia; 30min entfernt von Rom, wo ich noch vor zwei Wochen einen letzten Sommer in diesem Jahr verbracht habe. »Rom ist das Licht« wurde mir bei meiner Ankunft gesagt. Es strotzt vor Atmosphäre, es platzt vor imposanten Bauten. Doch das scheint nur so. Sie scheinen nur so vor sich hin. Im Glanz von Ruhe und Gelassenheit. Weil sie genau dorthin gehören. Sie haben ihren Platz gefunden: Auf ewig in der ewigen Stadt. Ewig Säulen und Steine, die nach jedem Umdrehen ewige Geschichten zu erzählen haben. Ewig La Dolce Vita. Ewig auf Plätzen, ewig in Parks, ewig unter Pinien. Ewig das süße Nichtstun. Ewig gelato e caffè e cornetto. Rom ist das Licht.

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Lesend habe ich diesen letzten Sommer mit Nächsten Sommer verbracht, einem Roman von Edgar Rai, der so sommerleicht daherkommt, wie der quitschorange Bus, der auf dem Cover am Meer entlang fährt. Eine Geschichte, die so viel mehr zu sagen hat. Vier Freunde sind auf dem Weg nach Südfrankreich – on the road – auf der Suche nach dem Sinn des Lebens.

»…auf der Suche nach etwas, von dem man erst weiß, was es ist, wenn man es gefunden hat […] letztendlich geht es ums Suchen, nicht ums Finden.«

»Ist das der Sinn des Lebens, frage ich mich. Ist es das, was wir wollen sollen – mehr?«

Wofür leben sie? Da ist Bernhard, der dem Leben nichts Impulsives abgewinnen kann. Da ist Zoe, die sich ein Leben in Sicherheit wünscht: Mann, Kinder, Ferienhaus mit Pool. Da ist Marc, der nichts anders vom Leben will, als:

»Musik machen. Gitarre spielen. Die Melodie finden, die mir seit gestern im Kopf rumeiert. Und dann will ich noch […] im Meer schwimmen, von Bergen gucken, träumen und gerettet werden.«

Und da ist Felix, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird; der nichts von sich preisgibt, weil er selbst nicht weiß, wer er ist:

»Um dein Glück zu finden, müsstest du erst einmal begreifen, was dir überhaupt etwas bedeutet. Du willst immer nur loslassen. Gibt´s auch mal irgendwas, das du festhalten willst?« (Zoe)

Da sind Lilith und Jeanne, die sie unterwegs aufgabeln. Und da ist »die Sache mit Nächsten Sommer«:

»Ich glaube, es war Bernhard, der uns von seinem Vorhaben erzählte, den Marathon mitzulaufen, und zwar in unter drei Stunden dreißig. „Wann soll´n das passieren“, fragte Marc, „in deinem nächsten Leben?“ „Nein“, antwortete Bernhard entschieden, „nächsten Sommer“. Seit diesem Tag war „Nächsten Sommer“ das Synonym für „passiert sowieso nie“.«

In diesem Sommer aber passiert eine ganze Menge. Sie ertrinken fast in einem Canyon, leisten sich eine Verfolgungsjagd mit der Polizei. Sie lassen Dinge hinter sich, brechen mit alten Mustern. Sie laufen vor sich selbst davon, fangen sich gegenseitig ein. Sie fliegen, sie fallen, sie stehen wieder auf. Sie lernen sich kennen, finden sich – jeder sich selbst und sie sich gemeinsam. Und das alles im Rhythmus der Wellen und der Kurven, die das Meer und die Straße werfen. Und mit der Musik, die ihr stetiger Begleiter ist:

»In diesem Stadium höre ich ihm am liebsten zu: Wenn er schon eine Idee hat, aber noch keinen Song – wenn die Dinge bereits existieren, aber erst noch zueinanderfinden müssen […] Er teilt sich mit Bernhard die Rückbank, die Gitarre auf dem Oberschenkel und versucht, seiner Phantasie Fesseln anzulegen, ohne ihr die Flügel zu stutzen.« (Felix über Marc)

»Da muss mehr Sonne rein, der Refrain muss ein Versprechen einlösen.« (Marc)

»Unterdessen hat Jack Johnson zu singen begonnen – davon, wie es ist, wenn man wieder von dieser Melancholie überwältigt wird, von Trauer und Zweifel. Doch da ist immer auch das andere: Hoffnung, Liebe, Morgen.«

There´s still so many things

I want to say to you

But go on

Just go on

(Jack Johnson)

Eine prima Aussicht auf nächsten Sommer! Ich halte schon nach ihm Ausschau.

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Titel: Nächsten Sommer; Autor: Edgar Rai; Aufbau Verlag Berlin, 236 Seiten.

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