Filmmusik und immer wieder November – NICK & JUNE sound so.

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Bevor Nick Wolf und June Kalass aus Nürnberg vor fast drei Jahren zum ersten Mal als NICK & JUNE auf der Bühne standen, war Nick als Singer-Songwriter unterwegs und June Mitglied in einer Alternative-Metal-Band. Ihre gemeinsame Musik ist irgendwo Singer-Songwriter, irgendwo Indie, irgendwo Folk; wie sie sagen. Neben knapp einhundert Auftritten haben sie in diesem Jahr auch den Song Home is where the heart hurts aufgenommen, der 2015 in About a girl im Kino zu hören ist. Der Film handelt von der fünfzehnjährigen Charleen, die sich nach einem Selbstmordversuch mit ihrer Familie und einem Psychiater herumschlagen muss, bis ihr die Liebe zeigt, dass das Leben auch schön sein kann. Welche Geschichte in dem Song steckt, verraten NICK & JUNE nicht; weil jeder nicht nur selbst interpretieren soll, sondern muss. Ihr zweites Album erscheint im kommenden November und der November wird darauf immer wieder vorkommen – denn die Platte hat einen roten Faden.

schreibstation: Wie seid ihr dazu gekommen, gemeinsam Musik zu machen?

Nick: Also privat kennen wir uns schon seit etwa fünf Jahren. Wir haben uns auf einer Party über Freunde kennengelernt. Zu dem Zeitpunkt haben wir auch schon unabhängig voneinander Musik gemacht und sind auch erst gar nicht auf die Idee gekommen, dass man da was zusammen machen könnte. Aber irgendwann kam es so, dass ich gesagt habe, komm doch mal mit. Ist ja auch spaßiger zu zweit. Und das haben wir dann zweimal, dreimal gemacht und dann hat sich das so entwickelt.

schreibstation: Schreibt ihr eure Songs selbst?

Nick: Wir schreiben sie komplett selbst und mittlerweile auch beide. Am Anfang war das eher so meine Aufgabe. Aber eigentlich auch nur, weil ich in diesem Singer-Songwriter-Ding schon drin war. Und dann kam June dazu und da waren viele Songs auch schon fertig oder so halb fertig. Aber das zweite Album haben wir dann gemeinsam geschrieben.

schreibstation: Wie entstehen eure Songs?

June: Wir schreiben eher jeder für sich selbst und dann feilt man noch zusammen dran. Ich schreibe öfters zuerst die Musik und dann die Texte. Also ich habe dann zwar immer wieder Textfragmente im Kopf, aber wenn ich dann eine Melodie habe, denke ich mir, das Fragment könnte dazu passen. Eher so herum.

Nick: Ja oder der eine kommt mal an und hat eine Textidee und sagt dann hey, ich komm da gerade nicht weiter. Fällt dir was dazu ein? Was kannst du dir vorstellen? Aber dass wir zusammen im Proberaum schreiben, das haben wir nicht. Das habe ich aber noch nie gemacht, weil Songs schreiben, das ist ja was sehr Persönliches. Und das passiert ja nicht auf Knopfdruck. Das passiert einfach so. Ich kann über die wenigstens Songs im Nachhinein sagen, wie die entstanden sind. Oft schreibt man ja auch nur eine Zeile auf und irgendwie entwickelt sich das dann weiter, einfach so im Fluss.

schreibstation: Aber wie habt ihr das dann für den Film gemacht? Das war ja ein Auftragssong, oder? Da hattet ihr doch sicher eine Deadline.

Nick: Naja, den Song als solchen gab es schon ein bisschen. Es war zwar eher so ein Fragment-Text, den ich mal geschrieben hatte. Aber das hat sowohl mit der Musik, als auch mit dem Text dann gut gepasst. Dann hat sich schon noch was verändert, aber im Großen und Ganzen stand der dann schon. Also es war jetzt nicht so, dass wir den Film angeschaut haben oder die Filmszene und dann erst den ganzen Song geschrieben haben.

schreibstation: Welche Rolle spielt der Text in eurer Musik?

Nick: Ich sag es mal so: In den letzten ein, zwei Jahren ist der Text mir schon wichtiger geworden. Also ich habe noch nie nen Text geschrieben, der mir egal war. Oder so dieses, man ist im Studio und sieht da fehlt noch ein Vers; ich setz mich jetzt mal ne halbe Stunde in einen anderen Raum und schreib den schnell. Das war noch nie mein Fall. Ich bin der Meinung, dass der Text wahnsinnig viel Dynamik in den Song reinbringen kann, viele Assoziationen. Der gesamte Text, aber auch nur einzelne Wörter und Sätze. Die können den Song ganz schön prägen. Das ist ein ganz wichtiges Stilmittel für die Musik. Das sieht man auch an unserem neuen Album. Bei unserem ersten Album, da stand jeder Song so für sich. Das zweite Album wird sehr konzeptlastig. Die Texte werden sich aufeinander beziehen. Es werden gleiche Themen behandelt, von unterschiedlichen Perspektiven. Und es tauchen ein paar Aspekte und Protagonisten immer wieder auf. Das wird einen roten Faden haben.

schreibstation: Wie seid ihr denn darauf gekommen?

Nick: Naja (lacht), ich habe schon die Vorstellung, dass ein Album ein Gesamtwerk ist. Also wenn ich ein neues Album entdecke, dann will ich mich da richtig reinhören und dann höre ich das auch drei- oder viermal am Tag ganz an. Und das hat sich dann so angeboten. Wir fanden die Idee spannend, bestimmte Elemente immer wieder auftauchen zu lassen. Es wird zum Beispiel viel um diesen November boy gehen, der wird immer mal wieder auftauchen. Auch dieser Aspekt November allgemein und auch diese Gegenüberstellung von Monstern und Giganten.

schreibstation: Was ja auch in den Lyrics von Home is where the heart hurts vorkommt. Wie kam es denn überhaupt dazu, dass ihr Musik für einen Film gemacht habt?

June: Die haben das ausgeschrieben beim Bayerischen Rundfunk, dass sie für eine Filmszene einen Song suchen und dass sich Bands bewerben können. Und dann hat eine Freundin von mir das gesehen uns gesagt hey, wollt ihr euch da nicht bewerben. Dann haben wir drei Songs hingeschickt und die haben sehr schnell geantwortet, dass sie uns für den Film haben wollen. Aber nicht für die Ausschreibung, sondern für eine ganz andere Filmszene.

schreibstation: Was ist das denn für eine Szene?

June: Da geht es gerade wieder bergab. Sie ist beim Psychiater und sie schweigen sich aber nur an.

Nick: Man sieht, wie sie sich gegenseitig beobachten und schauen, wie der andere so reagiert.

schreibstation: Warum passt euer Song zu dieser Szene? Was für eine Geschichte steckt in dem Song?

June: Das darf man den Poeten oder den Musiker eigentlich nicht fragen. (lacht)

Nick: Also ich interpretiere meine Songs nie vor. Da äußere ich mich eigentlich ganz bewusst nicht drüber. Weil ich ja auch nichts vorweg nehmen oder vorgeben will. Ich finde, wenn ich einen Song veröffentlicht habe, ab dem Zeitpunkt ist es dann nicht mehr mein Song. Dann ist es gar nicht mehr wichtig, dass ich den geschrieben habe. Wenn jemand meinen Text liest, ist er vollkommen der eigene Herr dabei. Er kann und darf und muss sich sogar zu einhundert Prozent seine eigenen Gedanken dazu machen. Der Autor ist tot. Roland Barthes und so. (lacht)

schreibstation: Ihr verratet mir also nicht, was ihr in dem Song seht?

Nick: Eigentlich nicht. Nein, es ist wichtig, dass man dem Zuhörer die Offenheit bewahrt. Und auch sich selbst. Denn es ist auch so, dass ich nie konkret über irgendetwas schreibe. Es sind natürlich ganz viele eigene Erfahrungen dabei und eigenes Durchleben und eigenes Durchfühlen. Aber während man den Song schreibt, verändert man trotzdem noch so viel dabei und man bringt da noch so viele Gedanken rein, die einem gerade in dem Moment kommen. Und irgendwann erkennt man vielleicht selbst nicht mehr ganz den Ausgangspunkt, den man ursprünglich hatte. Also würde ich dem Song gar nicht gerecht werden, wenn ich sagen würde: Ah ja, als ich den geschrieben habe, war ich gerade da und da und hab mich so und so gefühlt.

June: Das fand ich auch schon immer so. Und ich mag das auch nicht gern, wenn Texte zu sehr vorgegeben werden. Wenn ich genau weiß, um was es da gerade geht; das finde ich dann total langweilig. Ich finde es immer besser, wenn es etwas versteckter ist. Das war mir beim Schreiben schon immer wichtig. Nicht damit man sagen kann, ich hab die Metapher und die. Aber es kommt auch eine bestimmte Atmosphäre nur auf, wenn du es nicht zu deutlich machst, was du meinst. Und ich finde es auch immer spannend, wenn man seinen eigenen Song irgendwann nochmal liest und dann was ganz anderes rein interpretieren kann. Weil ich in einer neuen Lebenssituation bin, aber es passt jetzt immer noch.

Nick: Und das macht ja auch ganz viel aus in der Literatur. Also zum Beispiel bei Theaterstücken ist das interessant zu beobachten. Ein Theaterstück das vor zweihundert Jahren geschrieben wurde, hat damals einen ganz bestimmten Kontext gehabt. Aber es kann zweihundert Jahre später immer noch perfekt sein und wunderbar passen. Aber vor zweihundert Jahren hat das der Kollege natürlich nicht gewusst, dass es mal so ist. Aber das gerade ist ja dann Kunst.

schreibstation: Ihr meint also, dass Songtexte immer wieder neu und anders interpretiert werden müssen?

Nick: Teilweise will man ja auch ganz bewusst mehr Perspektiven einbringen. Sätze so formulieren, dass sie unterschiedlich wahrgenommen werden können. Das bringt ja eine literarische Dynamik. Sachen mal ganz konkret sagen, also konkret besetzte Wörter verwenden, die gleich bestimmte Assoziationen hervorrufen. Wörter wie »Regen«, das kann ja für was Reinigendes stehen oder für was Trauriges, was Melancholisches, für Tränen. Aber dann gibt es ja auch Wörter, wie »Stufe« zum Beispiel, das jetzt nicht so klassisch besetzt ist. Da kommt es vielmehr auf den Kontext an. Oder »Astronaut« zum Bespiel oder wenn du etwas von einem grünen Mond schreibst. Das ist dann wieder viel offener. Und das ist ja das Spannende. Wenn man damit spielt, dass man immer wieder Häppchen hinwirft, die sofort etwas hervorrufen und dann wieder Sachen, die schwieriger sind. Und das bringt dann in der Gesamtheit eine Interpretation, die jeder für sich selbst finden muss. Jeder muss sich dann überlegen, was der grüne Mond oder der Astronaut oder die Stufe für ihn gerade ist.

schreibstation: Gibt es Literatur, die euch beim Schreiben beeinflusst?

Nick: Immer. Am meisten die Songliteratur. Bei mir zurzeit auf jeden Fall The National, die liegen für mich textlich ganz weit vorn. Wir spielen immer mal wieder auf andere Songtexte an. Übrigens auch in Home is where the heart hurts; da kannst du jetzt ein bisschen suchen und dann sag ich dir das (lacht). Conor Oberst ist auch mit dabei auf dem nächsten Album. Aber auch klassische Literatur und auch Filme. Ich bin zum Beispiel ein großer Woody Allen-Fan. Ein aktueller Autor, den ich sehr gut finde, ist Daniel Kehlmann. Mein Lieblingsbuch von ihm ist »Ruhm« und ein Song bezieht sich auch darauf. Und auf dem nächsten Album ist auch sein Song, der bezieht sich auf Gatsby.

June: Ja, bewusster Einfluss auf jeden Fall von anderen Songtexten. Aber unterbewusst auch durch Literatur. Nicht so sehr der Schreibstil, aber die Atmosphäre, die dabei rüberkommt, wenn ich ein Buch lese. Oder auch, wenn ich einen Film schaue. Ich hab auch mal ein Lyrik-Seminar besucht, weil ich mir dachte, vielleicht ist es vorteilhaft fürs Songschreiben. Aber eigentlich habe ich davon nichts übernommen. Also keine Stilmittel. Aber eben die Atmosphäre der Gedichte, das kann sein, das die mich unterbewusst schon beeinflusst hat.

schreibstation: Und noch eine letzte Frage – Habt ihr eine Lieblingszeile in Home ist where the heart hurts?

June: Also eigentlich finde ich den Titel ja schon schön genug. (lacht)

Nick: Da muss ich mal kurz in mich gehen. »Pathetic stutter vs. ,see ya round´, One breaks the body, one takes the inside« den mag ich gern.

June: Also schön finde ich viele, aber »Freezing to death like a June bug in May«  die gefällt mir besonders.

NICK & JUNE gönnen sich bis März, April 2015 eine Auftrittspause  June schreibt Examen und Nick widmet sich vor allem dem Schreiben neuer Songs. Ihre Konzerte werden an dieser Stelle nachgetragen. Und ich mache mich solange auf die Suche nach den Songtexten, auf die sie in Home is where the heart hurts anspielen.

Home is where the heart hurts, reinlesen und raushören:

How the bus stop smiles at night                  

Freezing to death like a June bug in May

A drive-by-scene, an advertising ashtray

Remains longer than the cigarettes do

I guess where I am

 

Pathetic stutter vs. “see ya ‘round”

One breaks the body, one takes the inside

Hello mister, drugs not scared to die

How the bus smiles while passing me by

I guess where I am

I guess where I am

 

It’s one for the monsters and one for the giants

Here’s another dawn for November boys

And one for the bastards you`re falling asleep with

Home’s where the heart hurts

Home’s where the heart hurts

 

On a scale of one-to-one we stranded in life

Clothing, trash, souvenirs are overrated

The popcorn’s left, the credits are gone

Personal dedication, yes, anything but still unsung

I guess where I am

I guess where I am

 

It’s one for the monsters and one for the giants

Here’s another dawn for November boys

And one for the bastards you`re falling asleep with

Home’s where the heart hurts

 

Don’t want to cause you pain, but all our live’s in vain

I just quote from Tigermilk

And eager’s not that right, but I’m not scared to die

I’m just grown from Tigermilk

 

It’s one for the monsters and one for the giants

Here’s another dawn for November boys

And one for the bastards you`re falling asleep with

Home’s where the heart hurts

 

It’s one for the monsters and one for the giants

Here’s another dawn for November boys

And one for the bastards you`re falling asleep with

Home’s where the heart hurts

Home’s where the heart hurts

 

Brighton nights and Spanish steel strings

I’m too scared to fool who I was

Hello mister, drugs not scared to die

On a scale of one-to-one we spend just a life

I guess where I am

I still guess where I am

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