Gekonnt flaniert

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»Willkommen woanders!« grüßt das CORSOfolio, eine wundervolle Reisereihe des CORSO Verlags. Mein CORSOfolio lädt mich ein durch »Wonderful Copenhagen« zu spazieren. Welcome to Wonderful Copenhagen! begrüßt laut Gastgeber Ulrich Sonnenberg – jede CORSOfolio-Ausgabe hat einen Gastgeber, meiner ist Übersetzer und Herausgeber – ein Schild am Kopenhagener Flughafen die Ankömmlinge. Der Flughafen liegt im Süden der Stadt auf der Insel Amager; dort wohne auch ich. Es sind nur zwei Stationen mit dem Zug und so habe ich mich vor ein paar Tagen auf den Weg gemacht und nachgeschaut und: das Schild hat auch mich empfangen, wie das CORSOfolio mich eingefangen hat. Ein richtig schöner Reiseband ist es! Wie ich es in der Hand halte, ist es ein Buch in Großformat (22 x 30cm), die Aufmachung und der Inhalt erinnern eher an ein Magazin: Reisejournalismus in Reportagen und Interviews, literarisches Schreiben in einer Kurzgeschichte und: viele viele schöne Fotografien. Ein »Flaneur«, der »mit offenen Sinnen durch Städte und Regionen geht«, der mich mit jeder Seite galant an die Hand nimmt und mir gekonnt zeigt, was im Untertitel angepriesen wird: Kopenhagen, Kleinstadt und Königshaus, Meerjungfrau und Metropole.
In zwanzig Beiträgen erzählen Autorinnen und Autoren mit unterschiedlichem Hintergrund aus der Buch- und Medien- und Verlagswelt Spannendes über Kopenhagen. Vier an der Zahl habe ich mir herausgepickt. Der Dramatiker und Romanautor Erling Jepsen schreibt über seine Zeit als Student in den revolutionären 70er Jahren; von »Gruppensex unter roten Fahnen«, den er dann doch nie erlebt hat und über die Faszination, die Kopenhagen auf ihn als geborenen Südjütländer ausgeübt hat und nach wie vor ausübt:

»Kopenhagen hingegen war das gelobte Land. Käme ich erst einmal dorthin, würde das Leben ganz anders werden. Wie es werden würde, wusste ich nicht, aber in den Fernsehnachrichten sah ich Bilder der Stadt, den Rest reimte ich mir zusammen. Soweit ich sehen konnte, war jedes zweite Haus von Hausbesetzern okkupiert. Die Männer trugen alle lange Haare und die Frauen liefen auf der Straße oben ohne herum. Ständig gab es Demonstrationen vor Christiansborg, die rote Fahne wehte, es wurden Parolen gerufen, sogar die Universität war besetzt. Und mittendrin blieb noch Zeit, Hasch zu rauchen und der freien Liebe zu frönen. Mit anderen Worten, es war genau der richtige Ort für mich.«

Der Autor und Moderator Ulrich Sonnenschein beschreibt die einzigartige Atmosphäre von Christiania und berichtet, wie und ob sich der Freitstaat in den letzten 40 Jahren verändert hat:

»Diese lebendige Gemeinschaft von Künstlern, Musikern, linken Intellektuellen, reichen Idealisten, Haschisch-Dealern, Drop-outs, Obdachlosen und Verrückten…«

»Die meisten Christianiter leben nur unter ihrem Vornamen hier, manche, weil sie einer Strafverfolgung entgehen wollen, andere, weil sie kein Visum haben, und wieder andere, weil Namen nicht mehr sein sollen als ihr Gebrauch.«

Die Redakteurin Elsemarie Maletzke deckt die wenigen aber wichtigen Spuren auf, die Karen Blixen (u.a. Babettes Fest) in Kopenhagen hinterlassen hat. Das einstige Wohnhaus der Autorin auf Rungstedlund ist nun ein Museum und noch heute steht auf ihrem Schreibtisch – wie sie es selbst gerne hatte – immer eine frische rote Rose. An dieser Stelle wird nicht allzu viel verraten; Karen Blixen erhält noch einen ausführlicheren Beitrag auf der schreibstation. Was allerdings durch den Journalisten Elmar Jung verraten, aufgedeckt und entlarvt wird, ist die dunkle Seite der Stadt:

»Ich war erstaunt, dass selbst der Nyhavn – einst Sündenpfuhl der Stadt mit üblen Spelunken und Huren, die sich keinesfalls die Füße platt standen, weil sie so viel zu tun hatten –  dass selbst dieser Nyhavn den Eindruck machte, als könnte er mit seinen bunten Giebelhäusern und den hübschen Kellnerinnen mit ihren züchtigen nach hinten gebundenen blonden Haaren kein Wässerchen trüben.«

Und dann ist da noch dieses Wort, das in Kopenhagen ständig auftaucht und deshalb auch in einem Buch über Kopenhagen nicht fehlen darf: hygge.

»Hygge ist das vielleicht wichtigste Wort der Dänen. Es beschreibt die Kunst, Intimität zu schaffen, ein Gefühl von Heiterkeit und Zufriedenheit. Die ausschließlich mit positiven Konnotationen besetzte Bandbreite dieses Begriffs ist schier unendlich…«

»Hygge ist Idylle, dir durch nichts und niemand gestört werden kann. Und Kopenhagen ist Hort dieser Hygge.«

Auf den letzten Seiten im CORSOfolio steht Das Journal – Ein literarisches Kaleidoskop, das Kopenhagen von A-Z zusammenfasst: von Buch- über Film- bis hin zu Wirtshaus-Empfehlungen; in Meinungen und Äußerungen über die Stadt von gestern bis heute bis morgen; passend zu einem Zitat des deutschen Journalisten und Schriftstellers Kurt Tucholsky, das Ulrich Sonnenberg in den letzten Sätzen seiner Einleitung erwähnt: »…die ist noch, und die ist schon. Kopenhagen ist Gestern, Heute und Morgen.«

»Haben Sie Kopenhagen gesehen? Da ich diese Frage ebenfalls verneinte und eine Schilderung dieser Stadt von ihm begehrte, lächelte er gar pfiffig und wiegte das Köpfchen recht vergnügt hin und her und versicherte mir auf Ehre, ich könne mir keine Vorstellung davon machen, wenn ich nicht selbst dort gewesen sei.« (Heinreich Heine, 1828)

»..Eine Stadt ohnesgleichen, seltsam unaussprechlich, ganz in Nuancen vergehend, alt und neu, leichtsinnig und geheimnisvoll, überall und nirgends zu fassen.« (Rainer Maria Rilke, 1922)

»Wonderful, wonderful Copenhagen Friendly old girl of a town … To wonderful, wonderful Copenhagen Salty old queen of the sea…« (Danny Kaye, 1952)

Titel: Kopenhagen, Kleinstadt und Königshaus, Meerjungfrau und Metropole; CORSO Verlag; 160 Seiten; Fadenheftung; Hardcover; 26,95 EURO; mit Fotografien von Helmer Lund-Hansen.

Info: CORSOfolio erscheint sechsmal im Jahr. Derzeit gibt es Ausgaben zu Rom, Paris, London, Wien, Barcelona, Kopenhagen, Istanbul und Venedig; als nächstes erscheinen St.Petersburg und Zürich.

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