»Der Text ist die direkteste und härteste Form der Kunst« – Julian Heidenreich sound so.

Pressefoto-Heidenreich-2_by_Andi_Graf

Julian Heidenreich ist schon immer Münchner und schreibt bereits eine ganze Weile Songs. Damit steht er aber nicht immer alleine als Singer-Songwriter auf der Bühne. Früher war er mit seiner Band Rotamind unterwegs, 2005 hat er sein Soloprojekt gestartet. Seither arbeitet er mit vielen Musikern zusammen und schreibt als Filmkomponist und Musikproduzent auch Musik für andere. Mir saß er bei Skype vor seiner grünen Küchenwand gegenüber und wir haben uns neben seiner Musik auch über München und über Berlin unterhalten und auch darüber, dass man nie zu alt ist, um Gitarre spielen zu lernen. Sein aktuelles Album Omaha Beach, auf dem Their favorite song zu hören ist, erschien 2014; an seinem nächsten Album ist er schon dran.

schreibstation: Warum machst du die Musik, die du machst?

Julian: Gute Frage! Das hat sich ehrlich gesagt so ergeben. Ich hab als Kind schon Geige gespielt und Musik war immer mein Hobby oder ein großer Teil, über den ich mich definiert hab. Und dann habe ich mit 16 oder so angefangen Songs zu schreiben und zu singen und Gitarre zu spielen und das ist bis heute mehr oder weniger gleich geblieben. Nur dass die Songs vielleicht besser sind. (lacht) Aber ja, deshalb mache ich die Musik, die ich mache. Deshalb bin ich kein Electro-DJ, wobei ich da auch mal total Lust drauf hätte. Aber ich hab keine Ahnung, wie das funktioniert. (lacht)

schreibstation: Dann schreibst du deine Songs also selbst?

Julian: Ja. Eigentlich habe ich zuerst Songs geschrieben und dann eine Band gegründet. Das heißt, das Songwriting stand schon immer an erster Stelle. Deshalb habe ich das überhaupt gemacht, weil mir das echt Spaß gemacht hat. Auf meinem aktuellen Album ist aber auch ein Cover. Das ist das erste Mal, dass ich einen Song gecovert habe. Ansonsten ist es super wichtig für mich, die Songs selbst zu schreiben. Das ist auch der viel interessantere Prozess finde ich, als auf der Bühne zu stehen und den Song dann zu spielen. Deshalb würde es mich gar nicht so interessieren, Songs von anderen Leuten zu spielen.

schreibstation: Warum hast du dann das Cover auf deinem Album?

Julian: Ich mag diesen Song einfach total gerne. Das ist ein Radiohead-Cover, der Song heißt Exit Music. Der ist von einem Album, von OK Computer, das ist irgendwann Ende der 90er rausgekommen. Damit habe ich Radiohead lieben gelernt. Das war überhaupt mein Album. Und dann habe ich irgendwann mal versucht, diesen Song auf dem Klavier nachzuspielen. Das hat dann so ganz gut funktioniert und ich dachte, ich wage mich dran und nehm den auf, auch wenn das irgendwie echt schief gehen kann, weil es wirklich ein guter Song ist und eine sehr gute Band. Aber ich glaube im Endeffekt ist er ganz gut geworden. Und auch da muss ich sagen: der Text ist super!

schreibstation: Wie läuft denn das Song schreiben bei dir ab?

Julian: So ein Song, finde ich, besteht immer aus zwei Teilen. Der eine ist die Harmonie und die Melodie, also die musikalische Seite, und dann gibt´s natürlich den Text. Und eigentlich entstehen alle Songs bei mir so, dass ich zuerst die Melodie und die Harmonie hab und dann auf der Gitarre spiele oder auf dem Klavier und eigentlich sing ich dann irgend so ein englisches Kauderwelsch drüber. Und erst wenn die Musik wirklich fertig ist, fang ich dann an, Texte zu schreiben. Und das ist dann auch das Allerschwierigste für mich dabei. Ich muss mich da auch immer wieder überreden, mich hinzusetzen und zu schreiben. Und da kann dann auch echt lange einfach nichts passieren. Wenn ich Musik schreibe, kann das ganz schnell gehen. Wenn ich mich am Text versuche, kann es sein, dass ich zwei Stunden dasitze und es kommt einfach nichts dabei raus. Und deshalb ist es natürlich wunderbar wenn es passiert, dass aus dieser Musik und dem Text dann eine Symbiose entsteht und sich so ein Eigenleben entwickelt. Das ist das, was mich am Song schreiben so begeistert. Wenn es dann zusammenpasst und mehr wird, als es einzeln ist. Aber das ist schwierig und der Text ist wirklich das härteste daran. Das ist ein bisschen so, wie früher als Kind zum Zahnarzt gehen zu müssen. Man muss da irgendwie hin und es ist echt harte Arbeit. (lacht) Aber ich bin dann auch viel glücklicher darüber, wenn ich einen guten Text geschrieben hab, als wenn ich eine gute Melodie geschrieben hab.

schreibstation: Dann fließen die Texte also nicht einfach spontan mal?

Julian: Das kommt leider eher selten vor. Also man muss auch sagen, dass man da eigentlich ziemlich unfrei ist. Weil man sich ja in einem Metrum befindet und eine Melodie hat, die den Rhythmus vorgibt und dann in der Regel natürlich auch, was das klassische Singer-Songwriting ausmacht, dass sich Dinge irgendwie reimen sollten. Also man ist da eigentlich relativ gefangen. Was ich schon habe, ist die Idee von einem Song. Dass ich ein Thema hab, über das ich schreiben will oder ein Erlebnis, das ich reinbringen will. Aber dann wird´s schwierig, diese ganze Information in einen Text zu packen, der dann zu diesen Regeln wie Metrum, Geschwindigkeit und Reimschema passt.

schreibstation: Hast du schon mal überlegt, dir Unterstützung für die Texte zu holen?

Julian: Nein. Das gehört ja dazu. Und das meinte ich auch mit der etwas misslungenen Zahnarzt-Metapher. (lacht) Man muss es machen und wenn man es hinter sich hat, dann ist man erleichtert und froh. Und wenn der Text dann gut geworden ist, dann ist man natürlich auch stolz drauf. Also ich bin auf meine Texte oftmals stolzer, als auf meine Musik, weil ich da das Gefühl habe, dass ich wirklich hart daran gearbeitet habe. Nicht so wie bei der Musik, die fliegt mir manchmal einfach so zu. Da hab ich vielleicht einfach ein bisschen Glück. (lacht)

schreibstation: Wie lange brauchst du denn dann für einen Song?

Julian: Also was sehr schnell gehen kann, sagen wir mal, man hat nur ne Melodie und Harmonien und spielt dann ein paar Akkorde und dann kann es schon sein, dass so ein ganzer Song, also sagen wir mal eine Strophe, Bridge und Refrain an einem Abend steht. Aber dann ist natürlich erstens noch kein Text dabei und man hat auch sozusagen erst eine Art Skizze von nem Song. Und man will vielleicht auch nicht jeden Song nur mit Gitarre oder Klavier begleitet haben. Man will ne Band haben, vielleicht noch andere Instrumente und ein bisschen ausprobieren. Und dann fängt man an das Ganze auszubauen und das ist ein Prozess, der relativ lang dauert. Also dieses Grundgerüst geht schnell aber von da aus hin zu einem fertigen Song mit ausgefeilten Melodien und dann das Aufnehmen und das Produzieren, das ist dann doch immer langwierig.

schreibstation: Und wo findest du die anderen Musiker?

Julian: Ach, Musiker gibt es doch so viele. (lacht) Nein, ich hab ja früher in Bands gespielt und das ist jetzt mein Soloprojekt. Und ich hab es bei meinen letzten beiden Alben wirklich so gemacht, dass ich einfach mit diesen Skizzen ins Studio gegangen bin und dann Musiker dazu kamen und mit ihnen hab ich dann die Songs zusammen ausgearbeitet. Das war mit meiner Plattenfirma damals noch, der ein großes Studio gehört in das ich dann einfach einen Monat gehen konnte mit anderen Musikern die einfach Lust darauf hatten, was auszuprobieren. Das ist jetzt nicht mehr der Fall. Jetzt ist es so, dass ich viel Zuhause am Computer mache. Dadurch, dass ich ja auch Filmmusik mache, arbeite ich viel mit elektronischen Streichern und Orgeln und Klavier und Drum-Computer und so. Also diesen ganzen Ausbauprozess, den ich früher im Studio gemacht habe, kann ich jetzt hier machen. Also ich produzier den Song dann wirklich weitestgehend schon vor und nehm ihn so mit ins Studio. Und das hat was Positives und was Negatives. Das Positive ist natürlich, dass man mehr ausprobieren kann und nicht unter Zeitdruck steht. Also wenn Leute zusammen sitzen, die immer nur ne begrenzte Zeit haben, um richtig zusammen zu arbeiten. Aber andererseits ist der Nachteil, dass auf die Art Perspektiven verloren gehen. Und deshalb versuch ich das ein bisschen zu mischen. Also das ich die Songs relativ weit vorproduziere, aber dann zum Beispiel mit meiner Live-Band nochmal übe und frage, ob sie noch etwas ändern würden.

schreibstation: Redest du oft über deine Musik?

Julian: Eigentlich nicht so. Also das ist jetzt schon was Spezielles, diese Interview-Situation hier gerade. (lacht) Man redet natürlich schon über Musik mit anderen Musikern, aber man redet hauptsächlich über organisatorische Dinge und technische Details. Aber so ein Grundsatzgespräch über Musik hatte ich ehrlich gesagt schon lange nicht mehr. Ich kenn das schon, dass Leute nach dem Konzert herkommen und sagen, dass es ihnen gefallen hat oder dass sie zum Beispiel fragen, warum machst du nicht mehr in die Richtung oder mehr in die Richtung. Aber das ich schon mal mit jemandem über einen Song so im Detail geredet hab, da kann ich mich nicht dran erinnern. Ich glaube auch nicht, dass ein Song bei vielen Leuten auf so einer Bewusstseinsebene abläuft. Also dass man wirklich den Text versteht, drüber nachdenkt und sozusagen rational analysiert. Was ich aber schon glaube, ist, wenn im Idealfall diese Stimmung der Musik und diese Stimmung des Textes so eine Symbiose eingehen und ein Gefühl vermitteln, dass die Leute dann einfach diese Stimmung aufnehmen, auch wenn sie nur Fragmente vom Text verstehen. Der Text kommt also immer an, aber eben auf so einer Gefühlsebene und nicht auf einer Kopfebene.

schreibstation: Was für eine Geschichte steckt hinter »Their favorit song«?

Julian: Es gibt bei mir immer zwei Kategorien von Songs, wenn wir nur über den Text reden. Es gibt Songs über Dinge, die mir wirklich passiert sind und dann rein fiktionale Songs. Und dieser Song ist einfach eine Erfindung. Die Musik habe ich schon lange vorher geschrieben und da wusste ich auch schon, es passt relativ viel Text in den Song rein und deshalb sollte es halt wirklich eine Erzählung werden. Es ist eine tragische Liebesgeschichte. Also es geht um zwei Personen, die im Streit auseinander gehen. Und eine der beiden Personen kommt ums Leben, in dem Moment, in dem eigentlich beiden klar ist, dass sie, obwohl ihre Beziehung auf der Grenze war, eigentlich zusammen gehören. Und beide sind guter Dinge und dann passiert das Schreckliche. Also das Mädchen schleicht sich in der Nacht raus und rennt durch die Straßen und dann wird ihr klar, was sie eigentlich an ihm hat. Und währenddessen wacht er Zuhause auf und ist noch sauer wegen dem Streit, aber dann macht er das Radio an und hört das Lied von den beiden, also ihrer beider Song. Und in dem Moment versöhnt er sich auch wieder mit ihr, aber dann wird sie aber eben überfahren auf dem Weg nach Hause. Es muss in den Texten auch immer so ein bisschen Drama drin sein, da steh ich schon drauf.

schreibstation: Aus welcher Situation heraus ist der Song denn entstanden?

Julian: Da war das Album schon relativ fertig, also alles war schon fast fertig im Studio aufgenommen. Aber da gab´s so drei vier Songs, für die einfach noch kein Text da war. Und die Musiker, die mit mir im Studio waren, die mussten sich die ganze Zeit meinen dubiosen Gesang dazu anhören. (lacht) Und das war dann ein Moment, in dem ich mich wirklich hingesetzt habe und mir gesagt habe, du schreibst jetzt einen Text. Also wirklich mit Ansage und unter Zeitdruck.

schreibstation: Hast du eine Lieblingszeile in dem Song?

Julian: Ja, die ist an der Stelle, als sie auf der Straße ist und merkt, dass eigentlich wieder alles gut werden soll, aber das wird es dann halt nicht mehr: »But the gods decide at night who to leave and who to blight and they exercise their right« . Ich mag diese Zeile, weil sie so ein bisschen pathetisch ist und ich finde auch, der Reim ist ganz gut gelungen. Ja, das gefällt mir. Also ich bin eigentlich jemand, der lieber melancholische Sachen schreibt und weil der Song eher so ein bisschen poppig und happy klingt, musste ich da textlich so ein Gegengewicht legen, dass es nicht insgesamt zu fröhlich wird. Ja, ich steh nicht auf so Happy-Zeug. (lacht) Naja, das klingt jetzt wie so ein Klischee, weil man ja immer sagt, ach alles was melancholisch und düster ist hat irgendwie Tiefgang und alles was happy klingt, ist irgendwie flach und blöd. Also so einfach sollte man es natürlich nicht machen. Aber ich mochte immer lieber melancholische Sachen, das ist einfach so. Ich hab auch immer Angst, dass es zu einfach klingt, zu direkt. Deswegen mein ich eben auch, dass das Texte schreiben so schwierig ist, weil ich echt nen hohen Anspruch daran hab. Es gibt eigentlich nichts, was schlimmer ist, als ein Text, der sich als schlechter Text entlarvt. Musikalisch kann man immer noch was drehen, aber wenn man den Text so blank liest, also schwarz auf weiß, dann ist er, finde ich, die direkteste und härteste Form der Kunst. Und es fällt auch sofort auf, wenn es schlecht ist. Deshalb hab ich da so viel Respekt davor.

Their favorite song – reinhören und rauslesen:

once again she could not sleep, by now the fourth night in this week

so she crept out of her bed, took her coat and searched her hat – just for walk

slowly moving down the street she considered all her grief

and through the night she realized what was wrong and what was right within her life

 

after all the days of gloom, she was reaching for the moon and her eyes began to

bloom

but the gods decide at night who to leave and who to blight and they exercise their

right

 

when he woke up in his bed the sunlight dyed the ceiling red

he still was angry from the fight which they had struggled the last night – once again

but when he turned the radio on it quietly played their favorite song

he suddenly became aware of how much he still cares for her – he‘s still missing her

 

and when the news started at ten they told from the accident but he hardly noticed

them

just a small voice in his head:

you had better seized it all – you had better taken all – you had better given all – you

had better lived it all

 

In the meantime it broke dawn, and she was quickly running home

there’s so much she wants to say, that all will work and that she’ll stay

 

but the corner was to tight, in her back the raising light and the brakes where much to

old

just a second in her mind:

you had better seized it all – you had better taken all – you had better given all – you

had better lived it all

a far-off sound broke in between and so he woke up from his dream

when he turned over with a yawn he realized that she was gone – but not how long

Info: Julian spielt diesen Samstag (28.März) von 20:30 bis 21:30 anlässlich der »Earth Hour« auf dem Marienplatz in München.

Cover_OMAHA_BEACH_LP

Foto oben: Andi Graf

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