»Tausenderlei Träume« von einer, in einer »wundererfüllten Welt«

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Niels Lyhne ist ein Träumer. Und ich bin eine Träumerin. Manchmal und momentan mit ihm, wenn ich lese, wie er durch »eine Welt von wohlfeilen Phantasien« spaziert, die von dem dänischen Autor Jens Peter Jacobsen (1847-1885) in dem, nach dem Protagonisten benannten, Roman Niels Lyhne belebt wurde. Das Buch erschien 1880 und erhielt viel Aufmerksamkeit von der damaligen Literaturwelt und auch Jahrzehnte später löste es noch eine Bewunderungswelle aus – wie im Nachwort erzählt wird. Jacobsen reihte sich mit seinen Werken in die, um die Jahrhundertwende in Deutschland sehr beliebte und viel gelesene, Reihe skandinavischer Schriftsteller ein – darunter beispielsweise die Norweger Henrik Ibsen und Bjørnstjerne Martinius Bjørnson und der Schwede August Strindberg. Stefan Zweig hat Niels Lyhne als den »Werther seiner Generation« bezeichnet und Rainer Maria Rilke waren Jacobsens Werke »unentbehrlich«.

Ich habe den Roman als insel taschenbuch 44 von 1973 aus einem Berliner Antiquariat mit nach Kopenhagen genommen, wo der Autor zur Schule gegangen ist und studiert hat – Botanik. Und die Stimmung der Geschichte führt mich in einen verwunschenen Märchengarten, in dem ich mich ins Gras lege, Mythen und Fabeln lausche, den Wolken über mir Gestalt und Gesicht gebe und zusehe, wie Niels Lyhne auf ihnen dahin schwebt, »gehüllt in das Federkleid der Poesie, die Flügel ausgebreitet…bereit zum Fluge durch den Himmel aller Stimmungen und die Tiefen aller Gedanken…«. Schon in den ersten Seiten stecken »tausenderlei Träume«, »berückende Luftbilder« und eine »unbändige Verschrobenheit«. Aber auch eine Melancholie. Das Buch handelt von Kindheitsträumen und zugleich von der »wundererfüllten Welt, die sie früher gewesen war«; es geht um das Erwachsenwerden und das Erwachsensein und all die Realität, die es mit sich bringt.

»Wie die Traumgesichter, die Traumtöne einer Nacht in den wachen Tag übergehen und in Nebelformen, in Tonwolken den Gedanken anrufen können, so daß er gleichsam eine flüchtige Sekunde lauschen kann, verwundert, ob es wirklich rief, – so flüsterte die Vorstellung von jener traumgeborenen Zukunft gedämpft über Niels Lyhnes Kindheitstage hinweg und erinnerte ihn leise, aber ohne Unterlaß daran, daß dieser glücklichen Zeit eine Grenze gesetzt sei…«

Allerdings spielt das Träumen immerzu eine Rolle und die Geschichte hinterlässt  trotz eines tragischen Endes  den Eindruck, dass dem Leben immer wieder Träume gepflanzt werden müssen, auch wenn manche Träume nur dazu da sind, um einfach zu träumen. Phantasien sollen auch erwachsen noch erwachen, sie sollen feilgeboten und nicht verboten sein, die Tür zur Traumwelt muss ab und an geöffnet werden, um die Wirklichkeit wirklich leben zu können.

»…denn ein nüchtern gelebtes Leben ohne die leichte Last der Träume war kein lebenswertes Leben – das Leben besaß ja gerade nur den Wert, den ihm die Träume verliehen.«

Also blättere ich mich hin und wieder durch den Roman, lese mich von Seite zu Seite und träume mit Niels Lyhne.

»…und sie träumte tausenderlei Träume von jenen sonnenhellen Gegenden…«

Info: Niels Lyhne von Jens Peter Jacobsen; insel taschenbuch 44; 1.Auflage 1973; aus dem Dänischen von Anke Mann; mit Illustrationen von Heinrich Vogeler und einem Nachwort von Fritz Paul; 291 Seiten.

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