»Das Leben ist ein Riesending« auf einem Schiff: Alessandro Bariccos Ozeanpianist

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Letztens an der Ostsee haben mich die Märchen vom Wesen des Meeres (Oceano Mare) zu der Legende vom Ozeanpianisten geführt. Seeaufwärts wurde ich getrieben, über die Strandpromenade hin zu einem Bücherstand, an dem ich auf Novecento gestoßen bin – ein weiterers Werk des italienischen Autors Alessandro Baricco; ein Theaterstück. Eine Geschichte nicht über das Meer, eine Geschichte auf dem Meer: das Stück spielt auf dem Schiff Virginian. 1900 wird dort ein Neugeborenes gefunden, der Matrose Danny Boodmann nimmt den Jungen an sich und nennt ihn nach dem Jahrhundert, in das er hineingeboren wurde. Genau genommen heißt der Kleine fortan: Danny Boodmann T.D. Lemon Novecento; T.D.Limoni stand auf dem Pappkarton, in dem er lag. So beginnt die Geschichte vom Ozeanpianisten, erzählt von dem Trompeter Tim Tooney, einem Musikerfreund von Novecento:

»Ladies und Gentleman, meine Damen und Herren, Signore e Signori…Mesdames et Messieurs, willkommen auf diesem Schiff, in dieser schwimmenden Stadt…willkommen auf dem Ozean, à propos, was machen Sie eigentlich hier?«

»Glauben Sie mir, so ein Schiff werden Sie nie mehr finden…ein Schiff ohne Küche mit einem klaustrophobischen Kapitän, einem blinden Steuermann, einem stotternden Funker und einem Doktor mit einem unaussprechlichen Namen…was Ihnen nie wieder passieren wird…ist, mit dem Hintern auf zehn Zentimetern Sessel und Hunderten von Metern Wasser zu sitzen, inmitten des Ozeans, vor den Augen das Wunder, in den Ohren das Unglaubliche, in den Füßen den Rhythmus und im Herzen den Sound der einzigen, unnachahmlichen, unendlichen Atlantik Jazz Baaaand!!!!!«

Dutzende Male legt Novecento auf dem Schiff von Amerika nach Europa und von Europa nach Amerika ab, meist verbringt er die Überfahrt an dem Ort, an dem er selbst abgelegt wurde: dem Klavier. Er verzaubert mit seiner Musik, er wird legendär, der Ozeanpianist.

»Solange du eine gute Geschichte auf Lager hast und jemanden, dem du sie erzählen kannst, bist du noch nicht am Ende. Er hatte eine…eine gute Geschichte. Es war seine eigene Geschichte.«

»Mein Gott, du kannst doch nicht dein ganzes Leben lang hin und her schippern wie ein Idiot …du bist doch nicht dumm, du bist ein ganz Großer, und da liegt sie vor dir, die Welt, du brauchst nur diese verdammte Treppe runterzugehen, was gehört schon dazu, ein paar Stufen bloß, du lieber Himmel, und dann hast du das alles. Alles. Warum machst du nicht endlich Schluß hier und haust ab? Wenigstens ein einiziges Mal. Novecento, warum tust du es nicht? Warum? Warum?«

Er geht nicht an Land, er spielt nicht einmal, wenn das Schiff am Hafen liegt; er macht Musik nur auf dem Meer, er reist durch sie. Seine Musik bringt ihn an jeden Ort, den er sich vorstellen kann; den er sich durch die Erzählungen der Passagiere erspielt. Er macht Melodien aus ihren Geschichten, er spielt die ganze Welt auf einem Schiff.

»Dann begann er, ganz leicht die Tasten zu berühren…und nach und nach wurde eine Melodie daraus, aus dem schwarzen Klavier kamen Töne, die aus einer anderen Welt herrührten. Alles lag darin: alle Musik der Welt. Man musste geradezu erstarren davon.«

Eines Tages erzählt ihm ein Bauer vom Leben, vom Leben, das er durch das Meer wieder gefunden hat; durch das Meer, wie es vom Festland aus zu sehen ist: lebendig, groß, »ein Riesending«:

»Es ist wie ein gigantischer Schrei, es brüllt und brüllt und brüllt.«

Und Novecento hört es plötzlich nach sich rufen. Er beschließt von Bord zu gehen.

»Ich muß mir was ansehen, von da unten«, erklärte er mir.

»Was ansehen?«

»Das Meer.« »Das Meer?« »Das Meer.«

»Du siehst das Meer seit zweiunddreißig Jahren, Novecento.«

»Von hier aus. Ich will´s von da aus sehen. Das ist was anderes…Ich kann natürlich auch hier oben bleiben, aber das Meer wird mir nie so etwas zuschreien…ich lebe ein paar Jahre auf dem Land…und eines Tages ziehe ich los, komme an irgendeine Küste, erblicke das Meer: und dann werde ich es brüllen hören.«

»Nach zweiunddreißig Jahren, die er auf dem Meer verbracht hatte, würde er an Land gehen, um das Meer zu sehen.«

»Stufe um Stufe. Und jede Stufe bedeutete eine Sehnsucht.«

»…und bumm, Ende!«

»Novecento, warum tust du es nicht? Warum? Warum?«

Titel: Novecento. Die Legende vom Ozeanpianisten;  Autor: Alessandro Baricco; aus dem Italienischen von Erika Cristiani: Verlag: Piper, 83 Seiten.

Bild: Ausschnitt des Buchcovers

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2 Kommentare on “»Das Leben ist ein Riesending« auf einem Schiff: Alessandro Bariccos Ozeanpianist”

  1. saetzebirgit sagt:

    Ein traumhaftes Stück. Sehr empfehlen kann ich Dir auch die wundervolle Verfilmung: https://www.youtube.com/watch?v=3L0TsYNI5ns


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