»Das Leben auf der Meereswoge, was Jungs?« Tim Wintons Surfroman

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Aloha! Der Sommer schwimmt so vor sich hin und bevor er untertaucht, lasse ich ihn noch auf einer ausgedehnten Welle reiten – mit einer Surfsession auf der schreibstation: Drei Rezensionen in drei Wochen, die allesamt das Surfen zum Thema haben. Losgepaddelt wird mit einer Geschichte, die mich im vergangenen Jahr schon mitgerissen hat: Der Roman Atem (Original: Breath) von dem australischen Autor Tim Winton. Er wurde mir ans Herz gelegt, nachdem ich den Surfern in San Sebastián und Zarautz (beides im Norden Spaniens, etwa 20km voneinander entfernt) zugesehen hatte; ich stand auf einer Klippe und beobachtete das Treiben aus der Ferne, ich ging zum Strand und sah es mir aus der Nähe an – ich konnte den Blick nur schwer abwenden. Wieder in München habe ich mich zu den Surfern am Eisbach gesellt, mit dem Roman in der Tasche, und meine Faszination wuchs in Wogen: Ich strich Zeile um Zeile an, schrieb mir Wörter heraus wie: Südwester, Swell, Gischt und Bombora, um mir das zu erlesen, was ich verfolgte. Auch wenn ich es selbst noch nicht ausprobiert habe, literarisch bricht die Surfwelle seither immer wieder über mich herein. Auch Bruce Pike, der Protagonist, wird sofort surfsüchtig, als er als Dreizehnjähriger mit seinem Freund Loonie das erste Mal zum Point fährt:

»…in all den Jahren, die Loonie und ich miteinander surften, nachdem wir uns an diesem Vormittag am Point infiziert hatten…es bestand nie ein Zweifel am grundlegenden Kitzel des Surfens – den gigantischen Kick, den wir verspürten, wenn wir, mit dem Wind in den Ohren, eine Welle entlangsausten…wie narkotisch dieses Gefühl war, wie süchtig es machte; vom ersten Tag an war ich allein schom vom Zuschauen high.«

Bruce erzählt seine Geschichte als fast Fünfzigjähriger nach und erinnert sich an das absolute Gefühl danach:

»Die selige Erleichterung des Ausgleitens auf der Schulter einer Welle in einem Dunst aus Gischt und Adrenalin. Das Überleben ist die stärkste Erinnerung, die ich habe; das Gefühl, auf Wasser gegangen zu sein.«

In Atem geht es darum, beim Surfen an jegliche Grenzen zu stoßen, alles aus seinem Körper herauszuholen, was geht vor allem aus den Lungen; dann, wenn die Wellen kommen:

»Es ist komisch, aber übers Atmen denkt man eigentlich nie so richtig nach. Bis es so ziemlich das Einzige ist, worüber man nachdenkt.«

Die beiden Jungs lernen Sando und Eva kennen, ein Paar, das abgeschieden auf einem alten Hof lebt. Sando wird ihr Vorbild. Er bringt ihnen das Surfen bei, er verhilft ihnen zum ersten Wellenritt:

»…und schon war die Welle über mir, ihre Masse überholte mich so schnell, dass ich meinte, rückwärts zu fahren. Um mich herum war nichts als brodelnder Dampf. Ich hing an dem kochenden Nest aus Schaum ganz oben auf ihrer Spitze, aufgehoben in Lärm und Ungläubigkeit, bevor ich in einer Walze blendender Gischt nach unten fiel. Das Aufrichten war ein reiner Instinkt, aber da war ich plötzlich, auf den Füßen und am Leben, ich schlitterte direkt vor diesem geifernden Chaos dahin, und mein kleines Brett ratterte unter meinen Sohlen.«

Sando ermöglicht ihnen nicht nur das Surfgefühl, er vermittelt ihnen auch die Mentalität, die sie brauchen, um auf offenem Meer zu bestehen:

»Das Leben auf der Meereswoge, was Jungs?…Nimm die nächste da, Junge, sagte er…Oder willst du hier weiter rumschwappen wie ein alter Teebeutel?…Na komm Junge, kein Mumm, kein Ruhm.«

Schnell wird aus dem Spiel mit dem Wasser ein Spiel mit dem Feuer, denn bei ihren »Verabredungen mit dem Unentdeckten« geht es nur darum, noch weiter hinaus zu paddeln und noch höhere Wellen zu bezwingen:

»Was wir taten und wonach wir strebten, so sagten wir uns, war das Außergewöhnliche.«

»Angst zu haben, sagte Sando. Das beweißt, dass du lebendig und wach bist.«

»Aha…Old Smoky, der alte Raucher. So nennt man diese Welle. Hat die schon irgendjemand gesurft?, fragte ich…ist eine große, wilde Küste da draußen…mit jeder Menge Überraschungen, Spaß und Spiel für den diskreten Gentleman.«

»…johlend schossen wir aus den Wellenschlünden hervor…«

Aus den Freunden Bruce und Loonie werden Rivalen; es geht um die beste Welle, die Welle des Tages, um die Gunst von Sando und schließlich auch um ihr Leben; dafür gehen sie Welle um Welle um Welle gegeneinander an…

»wie der Swell unter mir wuchs wie ein Körper, der Luft einholte. Wie die Welle mich vorwärtszog und ich auf die Füße sprang…ich beugte mich auf die senkrechte Wasserwand zu und das Brett kam mit mir, als wäre es ein Teil meines Körpers und meines Geistes. Der Nebenschleier der Gischt. Die Milliarden Lichtsplitter…diese wenigen Sekunden des Lebendigseins.«

»..ich hüpfte und schwirrte und schoss, halbblind und atemlos über die Untiefe….«

»Er hatte seine Welle ganz bis zum Strand geritten. Er glühte vor Stolz. Er war unangreifbar.«

Der Roman hat mich nicht nur wegen seiner Geschichte gepackt, es ist vor allem die Sprache, die ihre Wirkung hinterlässt – die mich an manchen Stellen nur schwer, an manchen ganz schnell atmen lässt. Es sind die vielen Worte, die Tim Winton findet, um die Wellen zu beschreiben, um sie vor meinen Augen tanzen zu lassen:

»…die Wellenserien des Swells,… die nun anfingen, in die Bucht zu buckeln. Nach einer Weile sahen wir sie heranwalzen, und man hätte meinen können, die ganze rollende Kolonne würde einfach am Point vorbeimahlen…bis sie schließlich küstenwärts in unsere Richtung kippten.«

»…hektischer Lärm, immense Kräfte…aber alles mit einer fast zögernden Trägheit.«

»…als die Welle anfing zu torkeln und sich aufzulösen, über einem schäumenden und gurgelnden Riff.«

»…dass Wellen nichts anderes waren als Linien der Energien von Ereignissen hinter dem Horizont.«

»…das Meer klickte und klirrte.«

Ich könnte endlos lesend weiterwellen.

»Vergiss nicht, ich schenke dir eine Welle.«

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Titel: Atem (Original: Breath); Autor: Tim Winton; aus dem Australischen von Klaus Berr; btb Verlag; 236 Seiten.

Bild oben: Surfer am Eisbach.

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