»Ich bin keiner, der Geschichten erzählt« – The Marble Man sound so.

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Letztens, an einem lauen Sommernachmittag, habe ich mich mit Josef Wirnshofer alias The Marble Man an der Münchner Freiheit getroffen. Wir haben uns gemeinsam auf die Suche nach einem Café gemacht und während die Wespen um unsere Gläser kreisten, drehte sich unser Gespräch um seine Musik, die sich seit der ersten Platte Sugar Rails (2007) und der zweiten Platte Later, Phoenix… (2010) verändert hat. Haidhausen (2013) wurde als Bandalbum aufgenommen; mit dabei sind Jonas Übelherr, Boris Mitterwieser, Michael Zahnbrecher und Daniel Mannfeld. Die Songtexte tragen weiterhin die Handschrift von Josef, der Sound ist schwerer, sperriger – wie bei dem Song Field Study zu hören ist.

schreibstation: Du und die Musik, wie ist es dazu gekommen?

The Marble Man: Über die Beatles. Als Kind habe ich ganz klassisch Blockflöte und Akkordeon gelernt und mir danach eigentlich geschworen, nie wieder Musik zu machen, weil ich das ganz entsetzlich fand. (lacht) Als ich ungefähr zehn war, hat mir meine Tante aber eine Beatles-CD geschenkt, das hat mich ziemlich gepackt. Ich hatte Lust, Gitarre zu lernen und habe angefangen, Songs zu schreiben. Irgendwie wurde das zu einem selbstverständlichen Teil von meinem Alltag, die meiste Zeit zwischen 13 und 18 habe ich mit Aufnehmen verbracht.

schreibstation: Seit wann spielst du mit einer Band?

The Marble Man: Das hat sich nach und nach ergeben. Die ersten beiden Platten habe ich zwar alleine aufgenommen, live bin ich aber seit dem ersten Album mit Band unterwegs. Daniel, der Gitarrist, und unser Schlagzeuger Jonas waren schon 2007 bei der Sugar Rails-Tour dabei, kurz danach kam Boris am Bass dazu, 2009 dann Michael am Klavier. Ich fand es immer gut, wie die Jungs die Stücke live auf ihre Art interpretiert haben. Nach dem zweiten Album wollte ich, dass das auch im Studio passiert. Deshalb war bei der Haidhausen klar, dass es ein Band-Album wird.

schreibstation: Warum The Marble Man?

The Marble Man: Weil ich zu der Zeit, als ich einen Namen gesucht habe, sehr viel Nico gehört habe. Ihr Album The Marble Index hat mich damals stark beeindruckt. Ich wollte das aber nicht einfach übernehmen, also habe ich The Marble Man gewählt.

schreibstation: Schreibst du deine Songs nach wie vor selbst?

The Marble Man: In der Regel schreibe die Songs nach wie vor ich, die Ausarbeitung im Proberaum machen wir gemeinsam. Manchmal gibt es aber Songs, die wir zusammen schreiben. Field Study zum Beispiel, das ist von Michael und mir.

schreibstation: Und wie läuft das dann ab?

The Marble Man: Meistens nehme ich Demos auf und schicke sie den anderen. Oder ich bringe eine Grundstruktur mit in den Proberaum, an der wir dann weiter arbeiten. Früher habe ich ziemlich konstant an Songs geschrieben. Mittlerweile liegen längere Abstände dazwischen, dafür gibt es Phasen, in denen ich in kurzer Zeit relativ viel schreibe. Tatsächlich kommen mir viele Songs nicht, wenn ich Gitarre spiele, sondern wenn ich durch die Stadt laufe oder im Zug sitze.

schreibstation: Fallen dir dabei dann Texte oder Melodien ein?

The Marble Man: Beides. In erster Linie aber Melodien, die ich dann in mein Handy singe. Bei den Texten ist es eher ein Sammeln. Ich schaue immer wieder in mein Notizbuch, was ich so aufgeschrieben habe. Aber ich bin keiner, der Geschichten erzählt.

schreibstation: Was machst du dann?

The Marble Man: Natürlich ist alles irgendwo eine Geschichte, aber es geht mir nicht darum, mit der ersten Zeile bei A anzufangen und mit der letzten Zeile bei Z aufzuhören. Auf den ersten beiden Alben war das noch anders, da waren die Texte narrativer. Aber es dauert ja auch, bis man seine Sprache gefunden hat. Das entwickelt sich von Platte zu Platte und es gibt auf jedem Album Zeilen, die ich heute nicht mehr schreiben würde. Vor allem kommt es kaum mehr vor, dass ich irgendwas in meinem Alltag erlebe und dann konkret einen Text daraus mache.

schreibstation: Was für eine Rolle spielt der Text dann in deiner Musik?

The Marble Man: Eine sehr ästhetische. Ich finde es spannend, wenn in einem Stück eine bestimmte Stimmung vorherrscht, die der Text dann trägt oder auf einer anderen Ebene widerspiegelt. Ich bin kein Fan davon, wenn Songtexte mir eine Botschaft aufzwingen.

schreibstation: Beeinflusst dich Literatur beim Songwriting?

The Marble Man: Ja, aber weniger der Inhalt, mehr die Methode oder wie ein Text aufgebaut ist. Während wir die Haidhausen aufgenommen haben, habe ich viel Rainald Goetz gelesen. Ich mag das Versatzstückhafte an seinen Texten.

schreibstation: Was ist die Geschichte hinter Field Study?

The Marble Man: Eine Geschichte gibt es eigentlich nicht, es sind einzelne Szenen. Das Stück strahlt eine gewisse Kälte aus und die sollte auch im Text rüberkommen. Mir wurde zum Bespiel mal erzählt, wie einem Soldaten bei der US Army der Sergeant verliehen wird. Der Vorgesetzte ruft ihn ins Büro und brüllt scheinbar »Why are you here, Sergeant?«, der Soldat antwortet »I came to get what’s mine!« Das ist für mich eine ziemlich kalte, schroffe Kraftgeste; die wollte ich in einem Song haben. Zu Field Study hat das dann gepasst. In der zweiten Strophe spricht eine Figur, die einen humorvollen Zynismus verkörpert und sagt: Wenn sie mal alt ist und sich langweilt, will sie Tauben vergiften. Wieder so etwas Kaltes, Abgewandtes, das ich in dem Song haben wollte. Tendenziell haben die meisten Sachen, die ich schreibe, eine gewisse Schwere, etwas Sperriges. Ich weiß nicht, woher das kommt. Man wird natürlich beeinflusst von den Sachen, die man selbst hört. Während der dritten Platte waren das vor allem Nick Cave und die Einstürzenden Neubauten. Alles keine Jahrmarktsmusik.

schreibstation: Hast Du eine Lieblingszeile in dem Song?

The Marble Man: Vielleicht I think I’ll poison pigeons when I’m old and bored ich finde die Zeile zynisch, aber auf eine lustige Art.

Field Study – reinhören und rauslesen:

Dusty pleasures, sulky landscapes: always lie!

No trespassing! Patience drew a matchless eye

and cursed the day when Ymir drank his mother’s milk

You’re but a face above the ground.

‚I think I’ll poison pigeons when I’m old and bored

and market them to rats behind my garden door.

Their ghosts will wait and meet me at the cemetry

and spit upon the ashes of our century.‘

You’re but a face above the ground.

Why are you here, Sergeant?

Well, I came to get what’s mine!

Love is a business and God is a business, I’d trade my life

for a place in the quicksand, a kick on the forehead, a bed of flies

the less the more embarrassing, the more the worse

Ladies and Gentlemen, the unwelcome urge!

You’re but a face above the ground.

Why are you here, Sergeant?

Well, I came to get what’s mine!

Why are you here, Sergeant?

Well, I came to get what’s mine!

Why are you here, Sergeant? You’re but a face above the ground.

Well, I came to get what’s mine!

Why are you here, Sergeant? You’re but a face above the ground.

Well, I came to get what’s mine!

Why are you here, Sergeant? You’re but a face above the ground.

Info: The Marble Man kann diesen Donnerstag, 17.9., in der Glockenbachwerkstatt in München gelauscht werden und am 26.9. bei der Melodica Night in Wien. Die neueste Single Totem ist als limitierte, handnummerierte Vinyledition ausschließlich bei den Live-Konzerten erhältlich.

Foto: Susanne Steinmaßl

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