»du hasenfuß hasenmeister« Tilman Strassers Debütroman

»Felix, ich kann dich hören. Ich weiß, dass du mich hörst. Sag, wo du bist!«

»Ich bin auf dem Boden einer Übezelle des Konservatoriums, etwa neun Stunden nach Abbruch meiner akademischen Hauptfachprüfung. Ich bin am Ende einer Suche, ich bin inmitten von Eingeständnissen. Ich bin wütend, ich bin blind, ich bin halb erfroren.«

Felix Hasenmeister hat sich verschanzt. Am Abend seines Abschlusskonzertes ist er einfach von der Bühne weg verschwunden, unerhört. Er hat mich damit erstaunt und erschreckt; ich habe meine Augenbrauen nach oben gezogen und die Stirn gerunzelt, meine Lippen habe ich aufeinander gepresst, ich habe auch meine Fäuste geballt und geschmunzelt, das habe ich auch – über die Macht der Musik, die in Tilman Strassers Debütroman Hasenmeister ins Unermessliche geht. Auf 240 Seiten ist sie durchweg zum Greifen nah; die Wucht, mit der sie betrieben wird, die rohe Gewalt, die sie zum Ausdruck bringt, die Übermacht, die in ihr steckt. Selbst in der Stille kann man sie noch hören. Und genau darum geht es dem talentierten Violinisten in seiner Abgeschiedenheit: Stille.

»Die Stille kämpft. Es ist ihr anzuhören. Sie schultert die Decke, zwängt sich zwischen die Wände aus Stein, sie drückt, sie spannt den Raum auf, verbissen, starr und stumm. Ich und all die kleinen Geräusche finden Zuflucht in ihr. Sie schützt uns vor Musik aller Art, vor Schritten aller möglichen Füße, Gerede, Geschrei, Geraune, Geschwätz, dem Blubbern der Wasserrohre…Die Stille wird sich rächen. Eines Tages wird sie aufgeben, ihr Schweigen mit einem Seufzer brechen, wird entschwinden, wer weiß wohin.«

Das Musizieren scheint für ihn Segen und Fluch zugleich zu sein. Fünf Lehrer hatte Felix; allesamt eigenartig, störrisch, bizarr in ihrem Verhalten, in ihrer absoluten Fixierung auf die Musik.

»Ich spielte Dreiklänge, spielte Terzen, Oktaven, meine Lehrerin knurrte und warf Kissen durch den Raum. Mitten in der Sonate sprang sie auf, riss Vater vom Stuhl und schleifte ihn aus dem Zimmer.«

Eine »Missmutsmutter« hat er nur aus Erzählungen und keinen Vater hat er, sondern nur einen stärksten Kritiker und Widersacher (»dieser mein Vater«) im Geigenspiel. Und Carla hat er, seine Geliebte, die ihn nur dann beim Vornamen nennt, wenn sie es ernst meint. Wenn sie ihm die Welt erklärt und ihm vorschreiben will, wie er sein Leben zu leben hat. Carla ist überall. Carla mischt sich ein. Sie lädt den verhassten Vater zum Abschusskonzert, ohne Felix zu fragen. Also läuft er davon. Er macht da nicht mehr mit. Er schließt sich weg, vor einer lärmenden Abhängigkeit.

»Ich schlief kaum, obwohl ich Tag für Tag müder wurde…über Wochen schwoll Carlas Stimme an, bis sie schließlich auch in ihrer Abwesenheit den Raum ausfüllte als eine vollendende Symphonie. Sie drängte an mein Trommelfell, dass mir schwindelig wurde, Carla brachte mich aus dem Gleichgewicht. Bald gab es nichts mehr, als haltlos durch gleichförmige Tage zu taumeln bis zu ihrem nächsten Besuch.«

Doch Carla bombardiert ihn mit Nachrichten. Sie schickt einen Schwall an Worten durch die Nacht; Wuttiraden landen im selbstgewählten Exil.

»weit vor mir wird meine stimme durch die schallisolierung dringen. meine stimme durchdringt auch die doppelten holztüren mit leichtigkeit. du wirst sie hören das sage ich dir und deine stille deine geliebte stille wird sich aus dem staub machen. du solltest zusehen dass du rechtzeitig aus dieser zelle kommst mein freund…du hasenfuß hasenmeister. du kauerst hier oben in deiner stille deiner kälte deiner vornehmen weltabgewandtheit.«

Sie erreicht Felix damit aber nicht wirklich. Sie sucht ihn und sie dringt zu ihm vor, aber nur in räumlicher Hinsicht. Felix steckt tief in seinen Erinnerungen; innerlich ist er zum Bersten zerrissen, äußerlich stößt er an seine Grenzen. Auf den letzten Seiten des Romans haftet eine seltsame Stille; es ist aber keine Ruhe vor dem Sturm. Es ist eher ein Innehalten nach einem verzweifelten Kampf. Die Geige ist zertrümmert. Man könnte meinen, Felix hat sich damit abgefunden. Aber mit was? Oder er hat sich ergeben. Aber wem? Der Musik? Der Stille? Dem Leben? Ich jedenfalls habe mich mitreißen lassen.

»Die Tiefe einer Stille ist an Geräuschen zu erkennen, den wenigen, die unvermeidbar sind. Wie man die Stärke des Lichts an der Schwärze der Schatten misst, messe ich die Stille an Atemzügen, horche meinem Herzschlag nach…«

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Titel: Hasenmeister; Autor: Tilman Strasser; Salis Verlag; 240 Seiten.

Hier geht’s zur Leseprobe!

 

 

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