»Niemals zuvor hat ein Jahr auf so vielen weißen Seiten begonnen« Sevilla von Nina Jäckle

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Der Jahreswechsel nähert sich und ich lese mich nach Sevilla; ein Roman von Nina Jäckle, der schon seit über einem Jahr auf mich wartet – gewiss werde ich ihn lesen.

»Geh nur, warte nicht auf mich, aber sei gewiss.«

Und während ich von Absatz zu Absatz springe und das Jahr von Jahr zu Jahr gewiss schwindet, verschwindet auch sie. Er sagt es zu ihr. Und sie tut es. Er wird nachkommen. Sie glaubt ihm. Gewiss. Aus dem alten Leben in ein neues, von vertrauten Erinnerungen zu fremden Eindrücken, aus der Vergangenheit in eine Zukunft an einem anderen Ort: Sevilla. Für mich ist es an der Zeit, in die Geschichte einzutauchen. Für sie ist es Zeit, abzutauchen. Ganz und gar verschwinden? Geht das?

»Wenn einer andernorts verschollen ist, wenn einer weg ist, andernorts, wenn einer nicht mehr vorhanden ist, dort, dann müsste es doch möglich sein, ihn auch hier einfach verschwinden zu lassen, wo er noch nicht angekommen ist…«

An dem Ort, den sie verlässt, wurde ein Verbrechen begangen, in das sie verstrickt ist. An dem Ort, den sie aufsucht, kann sie es vertuschen, eine Weile. Es verfolgt sie. Er verfolgt sie. Er wird nachkommen. Gewiss. Leise sucht er sie. Leise erwartet sie ihn. Im Stillen hat sie ihn einmal geliebt. Im Stillen muss er gehen, nun, da sie dort ist.

»Seit Tagen spreche ich immer wieder mit ihm. Wir sitzen mir beide im Kopf, wir unterhalten uns dort, im Stillen, dort, wo man kein Wort wiederholen muss, dort sitzen wir, und wir sprechen leise.«

»Hin und wieder sehe ich auf, ich sehe mich um nach ihm, ich suche ihn in meiner Nähe, als könnte ich ihn einfach aufspüren, ihn, den Meister des stummen Vorhandenseins.«

Sie beobachtet sich in einem neuen Dasein. Ein Dasein, in dem sie nur selten ihren Name hört. In dem sie neue Bekanntschaften schließt. In dem sie sich nicht erklären muss, weil sie sich nicht erklären kann, weil sie die Sprache nicht spricht. In dem sie sich verschweigt. Es ist nicht mehr wichtig, wer sie war. Es ist nicht mehr wichtig, wer er ist. Es ist nicht mehr wichtig, was sie einmal waren. Er passt nicht mehr. Ihr vorheriges Ich passt auch nicht mehr. Alles wird austauschbar.

»So schnell geht das, denke ich, dass man seine Richtung ändert…dass man sich dreht und wendet, ganz nach Laune und Bedarf, ohne Gewissen und Gesinnung und ohne Staunen über sich selbst.

… man tauscht Leben gegen Leben und wie soll man sich denn da noch beim Wort nehmen, bei aller Verstellbarkeit, bei aller Vorstellbarkeit.

…Und es funktioniert, man kann immer gehen, in jedem nächsten Moment kann man jede Tür hinter sich schließen, man kann immer wieder alles zurücklassen, denn alles ist beliebig zusammensetzbar, jeder von uns ist das, was er vorgibt zu sein, einem plötzlichen Einfall, einem Zufall, einem Irrlicht folgend.«

Und dann ist da dieses Gefühl, und dieser Gedanke. Kein Neuanfang. Ein sich neu erfinden zwischen dem, was wir waren, dem was wir sind und dem, was wir sein wollen. Ein Weitergehen. Wieder. Ich weiß nicht, wohin. Sie tut es einfach. Gewiss.

»Niemals zuvor hat ein Jahr auf so vielen weißen Seiten begonnen…«

 

Titel: Sevilla; Autorin: Nina Jäckle; Berlin Verlag; 142 Seiten.

 

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