Himmel über der Wüste

Heaven is a place

a place where nothing

nothing ever happens

(Simly Red)

himmelpoeten.png

Ich habe einen Himmel aufgelesen. Er ist sanft und schwer, weit und begrenzt und immer blau, dort draußen. Er klingt nach Cowboymusik und Indianergeschichten. Er riecht nach Salbeibüschen und Yuccas, nach Straßenstaub und dem billigen Parfüm der Prostituierten am Pitfall´s Point. Er ist trostlos und verträumt. Voll Sand und Zeit. Zeit zum Totschlagen. Zeit zum Schreiben. Es ist der Himmel.

»Für mich ist der Himmel über der Wüste eine Art…Trost. Hier draußen ist kein Druck auf einem, weil es so viel anspruchslose Weite gibt…«

Luca Varese arbeitet seit einiger Zeit für die Foundation for Italian Literature and Poetry Arizona und auch Thelma und ihr Sohn Al leben dort. Auch der alte Beltrametti, der Gründer der Stiftung, verlässt das Motel schon lange nicht mehr. Vier Schriftsteller hat der merkwürdige Mäzen ins Nirgendwo eingeladen: Umberto Lardelli, Francesco Bozzetto, Cesare Ferras und Leonardo Desiderio Giannini.

»Wie geht es meinen Gästen?, wollte Beltrametti wissen…Natürlich erzählte Luca dem Alten gegenüber nichts von Lardellis Wutausbrüchen, Ferras Depressionen, Bozzettos Abkapselung oder den Trinkgelagen und täglichen Streitereien unter den Autoren.«

Sie haben Schreibblockaden. Es herrscht hitzige Eiszeit in der »flirrenden Menschenleere«, der »Wüstenkoller« bestimmt den Tagesablauf und nicht einmal der Himmel lässt sich in Worte fassen.

»Sagen Sie mir ein anderes Wort für Himmel…Es kann auch eine Umschreibung sein, aus mehreren Wörtern.«

»Ich weiß nicht…Weites Blau vielleicht.«

»Der Himmel ist nicht immer blau.«

»Hier schon.«

»Dieser scheinbar öde, bis auf unsensible Floskeln attributlose Himmel, der Auge und Geist kaum lange zu beschäftigen vermag, fordert dem Dichter tausend Mal mehr ab als jede quellende Wolkenpracht und jedes purpurrote Strahlenlodern…Er macht es einem nicht leicht mit seiner blasierten Kargheit, zumindest nicht während des Tages, geizt mit Wolken und prunkt nur am Morgen und Abend mit gloriosem Farbenspiel.«

Die Dichter sind am Ende ihrer Sprache. Sie schreiben Texte, die sie nicht schreiben wollen; sie kommen nur in wenigen Zeilen voran und niemals auf den Punkt. (Ist nicht die Einsamkeit der Preis, den der Schriftsteller bezahlen muss?)

»Fast alles, was er sich abrang, zerfetzte er, kaum dass er es zu Papier gebracht hatte, und ließ es ein wenig schneien in der Wüste.«

Und dennoch plätschert die Geschichte inmitten dieser dichterischen Dürre wortreich vor sich hin.

»Aber was passierte hier draußen schon, über das zu schreiben es sich lohnte?«

Einiges. Im zweiten Teil des Buches spannt sich der Bogen: Das Geld der Stiftung wird veruntreut und das Motel von Ex-Sträflingen besetzt. Die Gäste, das Personal und der alte Mäzen geraten in Gefangenschaft. Manche reisen unverhofft ab, manche sterben, manche kommen mit einem blauen Auge davon. Und da ist dieser Hund, »Halbhund«, dem es nicht gelingen will, sich das Leben zu nehmen.

Die Dichter beginnen zu schreiben. Weil es ist nicht die unendliche Weite ist, nicht das Übermaß an Zeit. Es ist das Unerwartete und das Gefühl, keine Zeit mehr zu haben.

Vielleicht müsste man sich selbst einmal in die Wüste schicken, um zu schreiben. Und dabei nicht ganz bei sich sein. Das Nichts auf sich wirken lassen.

»Offen und dankbar sollte gerade der Dichter dieser vermeintlich unbeseelten Weite begegnen und, gerüstet mit Sprache, ihre Herausforderung annehmen.«

 

 

Titel: Der Himmel der perfekten Poeten; Autor: Rolf Lappert; dtv; 347 Seiten.

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