Sommerlang im Garten mit Mercè Rodoreda

Ich war im Garten, den Sommer über. Ich saß  unter den Magnolienbäumen, bei den Gladiolen, den Wildrosen und ich konnte es spüren, das sanfte Gras unter meinen Füßen, die Sträucher, die mich an den Beinen kitzelten. Ich konnte sie riechen, die vielen Blumen. Und ich konnte es sehen, das Meer, unter mir. Ich war nicht allein. Senyore Francesc und Senyoreta Rosamaria gehörte das Herrenhaus. Ihre Freundinnen Eulália und Maragda waren da. Auch die Köchin Quima, Miranda das Dienstmädchen und immer neue Gäste. Und Feliu, der wieder und wieder das Meer malte. Seestücke nannte er seine Bilder. Wir alle waren dort, auf diesem Anwesen in Spanien, unweit von Barcelona in den späten Zwanzigerjahren. Wir tranken Wein und Kognak und Wermut. Vor allem Wermut. Wir feierten Partys, jagten ein Äffchen, streichelten einen kleinen Löwen, ritten aus. Wir sprangen ins Wasser, sonnten uns. Und der Gärtner sah uns dabei zu, auch wenn er so tat, als würde er arbeiten. Er sah einfach alles. Kein Wunder, dass diese Geschichte nur aus seiner Sicht erzählt werden konnte. Seit Jahrzehnten wohnte er dort, inmitten seiner Blumenzwiebeln und Samen und erlebte, wie Francesc und Rosamaria Sommer für Sommer wiederkehren und wie sich ihre Geschichten und die ihrer Begleiter ineinander verstrickten. Er war unser aller Verbündeter. Auch dann, als wir keine Verbündeten mehr waren.

» Ich habe schon immer gerne erfahren, was den Leuten so alles passiert, und das nicht etwa, weil ich neugierig wäre…Eher, weil ich Menschen mag […]. «

Eine Villa wurde auf dem Grundstück nebenan gebaut, eine große mit einem noch größeren Garten. Niemand aber konnte unserem Garten über dem Meer das Wasser reichen.

» Der Garten ist ein bisschen verrückt «, sagte sie. » Alles wächst durcheinander. Lilien, Malven und Bohnenranken. «

Doch wie der Garten, wuchsen auch wir wild ineinander und voneinander weg. Senyore Bellom wurde unser Nachbar und mit ihm zogen seine Tochter Maribel und deren Mann Eugeni ein. Er war die Jugendliebe von Senyora Rosamaria. Als er über die Buchsbaumhecke kletterte, geriet unser Idyll aus den Fugen. Was blieb, waren ungeschminkte Wahrheiten. Und ein Blumenstrauß, der auf der Rückbank eines Autos landete. Und das Meer, das mit uns spielte, immerzu.

» Die Wellen wischten über den Sand, auf und ab, auf und ab…wusch! Gischt und Rückzug, und wieder nach vorn und wusch! […] immer wieder kehren die Wellen zu ihrem Wasser zurück, das sie loslässt und doch nicht hergibt, immer tun sie so, als kämen sie zu einem, sommers wie winters, hier habt ihr zwei Muscheln, seht doch zu, ob ihr uns fangt…«

Schon La plaça del Diamant von der katalanischen Schriftstellerin Mercè Rodoreda (1908-1983) hat mich beeindruckt. Ich wollte weitere ihrer Romane lesen. Der Garten über dem Meer ließ mich flanieren, ausgiebig, in meinen Gedanken. Dort, wo der Mond das Meer einschläfert. Sommerlang im Garten, Geschichten lauschend.

» Sehen Sie sich den Garten an […] Sehen Sie, wie die Blätter zittern und uns lauschen? Sie lachen…Wenn Sie eines Nachts unter den Bäumen spazieren gehen, werden Sie schon hören, was Ihnen dieser Garten alles zu erzählen hat…«

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» […] denn jetzt war alles wieder dunkel, und man konnte nichts erkennen: nur die weite, tintenschwarze Fläche und das Kommen und Gehen der Wellen. Auf, auf…wir kommen, wir gehen…«

 

Mercè Rodoreda – Der Garten über dem Meer; mareverlag; aus dem Katalanischen von Kirsten Brandt; 239 Seiten mit einem Nachwort von Roger Willemsen.

 

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One Comment on “Sommerlang im Garten mit Mercè Rodoreda”

  1. Cindy sagt:

    Du hast es gefunden, sehr schön!


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