Vom Leben überwältigt. Jean-Philippe Blondels Roman Zweiundzwanzig

Noch bin ich etwas sprachlos über eine Sprache wie diese. Über diese Zeilen, mit welchen ich gereist bin, von Frankreich nach Amerika, auf unzähligen Wegen und Umwegen, bis nach Mexiko über Kalifornien, dann Morro Bay. Und danach ging das Leben weiter, wo es doch für den Erzähler in Jean-Philippe Blondels Roman Zweiundzwanzig vorbei zu sein schien.

»Ich bin zweiundzwanzig […] Ich könnte das Leben noch vor mir haben. Das Problem ist, dass ich es schon hinter mir habe. «

Er ist alles andere als normal, denn er hat so gut wie alles verloren. Da ist dieses Wunschkonzert, das seinen Kopf bespielt (»Ich bin normal. Ich bin stinknormal. Ich bin so was von normal.«), das jedoch in dem leeren Raum verhallt, den seine Familie hinterlassen hat: Seine Mutter, sein Bruder und sein Vater starben bei Autounfällen. Nun ist er auf sich allein gestellt, auch wenn da noch Laure und Samuel sind, und dieser gemeinsame Weg ins Ungewisse.

»[…] dass es ganz bestimmt vollkommen normal und gesellschaftlich akzeptiert ist, Tausende Kilometer von zu Hause ziellos herumzureisen in Begleitung der zwei Menschen, die einem am meisten bedeuten, einer Exfreundin, die vielleicht gar nicht mal so Ex ist, eines besten Freundes, der vielleicht mehr ist als das […]. «

Die Welt steht ihm offen, doch er will sie nicht haben. Weil es niemanden mehr interessiert, was er tut. Da ist nur noch dieser Song, der ihn antreibt: Rich von Lloyd Cole. Der ihm einen einzigen Anhaltspunkt gibt: Morro Bay.

So waste away to Morro Bay

You never got around to yesterday

»Dieses Stück, mit seinem Ungestüm, seiner Bissigkeit und auch seinem Mitgefühl, dieses Stück war mein Rettungsanker.«

Er schwimmt zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart und einer Zukunft, die er sich kaum vorstellen kann. Er droht, zu ertrinken. Der Roman ist von Zerrissenheit durchdrängt, er erzählt vom Aufgeben und Dranbleiben, auch wenn es »so Dinge gibt, die man nie durchzieht

Ein einziges Schleudertrauma.

» Da gibt es einen Zustand der Lähmung – und anschließend einen wilden Wiederaufbauwahn – bis zum nächsten Tsunami.«

Ein Ankommen, wenn auch im Widerspruch.

»Wir sind am Ende der Welt angekommen. Da ist eine Teerstraße, die in einen Weg übergeht, der zu einem Strand führt – und danach nichts als Wasser. Ruhiges, warmes Wasser. Dann gibt es noch eine löchrige Schotterpiste, die sich allmählich auflöst und in eine von Felsen gesäumte kleine Bucht mündet – und danach nichts als Wasser. Wildes Wasser. «

Ein Weitermachen, auch wenn nicht klar ist, für was.

»Ich bin mit aller Macht ans Leben gefesselt. […] Das will ich jetzt. Eine Bejahung des Daseins.«

Er bezeichnet seine Geschichte schlussendlich als Hommage – an jene, die gegangen sind, aber mehr noch an die, die es [ihm] ermöglicht haben, zu bleiben. Und ich denke mir, wenn das Ende der Welt so aussieht, dann mache ich mich auf den Weg. Ich folge ihm und Laure und Samuel. Ich geselle mich zu ihnen, am Strand von Morro Bay, den Sound von Lloyd Cole im Nacken, das Leben vor mir.

 

 

Zweiundzwanzig von Jean-Philippe Blondel; aus dem Französischen von Sophia Hungerhoff; mare Verlag; 160 Seiten.

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