»Ersticke deine verrückten Träume nicht.« Anaïs Nin, ein Tagebuch

Zwischen den Jahren eine Brise Anaïs Nin. Aus einem Tagebuch, einem ihrer frühen Tagebücher, das mir in einem Berliner Antiquariat unverhofft in die Hände gefallen ist. Von Sommer 1920 bis Sommer 1921 geht es; nun ist Winter 1920. Ein halbes Jahr habe ich in den letzten Tagen eilig verinnerlicht, ein halbes Jahr liegt noch vor mir. Philosophisch ist es, sensibel, melancholisch, sarkastisch und gewitzt. Immerzu verträumt. Die richtige Stimmung, ein Jahr zu beenden, ein neues zu beginnen. Anaïs Nin ist 17 Jahre, sie klingt danach und doch älter. Sie liest und schreibt viel, sie beobachtet die Bohème ihrer Zeit, sie tanzt Tanz um Tanz. Sie widmet sich ihren Träumen, nicht jenen, die sie nachts durchlebt. Jenen, die sie in sich trägt, die sie festhält, an denen sie wächst. Ein Appell. Es ist wieder einmal eine Freude in ihre Gedanken, ihre Welt einzutauchen; Satz um Satz in das Hier und Jetzt zu streuen und einen Vorsatz daraus zu ziehen: wieder Tagebuch zu schreiben.

10.Juli

»Aber so lange, bis ich alt und weise und müde bin, werde ich nicht aufhören, mich über so vieles zu wundern.«

13.Juli

»Viele Gedanken tummeln sich in meinem törichten Kopf, und ich muß schreiben, bis zum Schlafengehen.«

19.Juli

»Auf meiner kleinen Bühne, auf der die Vorkommnisse des Tages sich abspielen, stehen viele merkwürdige und interessante Figuren […].«

20. Juli

»Nein, ich bereue diese Stunden nicht, die ich damit verbringe, diese weißen Seiten mit meiner redseligen Tinte zu füllen.«

22. Juli

»Zweifelsohne sehe ich auf dem Bild sehr intelligent aus, aber in Wirklichkeit bin ich nach wie vor ein Wirrkopf.«

3. August

»[…] das Leben, das Leben. Heute Nacht fliest mein Herz über.«

21. August

»Folgende Eigenschaften scheinen für einen zukünftigen Autor unverzichtbar: Phantasie, Fleiß, Ausdauer, Geduld.«

22. August

»Nur die unglücklichen Leute, die keine Phantasie haben, haben kein Flugzeug und müssen zu Fuß gehen.«

10. September

»Und all das ist Unsinn, weil es stimmt, daß wir den größten Teil unseres Glücks selbst in der Hand halten, und was ich jetzt mache, ist Schatten suchen, statt Sonnenschein.«

13. September

»Aber tote Träume lasten schwer.«

14. September

»Gestern Abend war ich die melodramatische, bombastische, redselige und sentimentale Närrin, nichts weiter.«

»Lieber bin ich das einsamste Mädchen auf der Welt, als daß ich Leute empfange, die ich nicht bewundere.«

19. September

»Glück ist töricht, aber Kummer ist unverzeihlich.«

»Neuer Tag, neue Hoffnungen; das ewige Geschenk des Einen, der nie schläft.«

26. September

»Ein Wort ist oft der Schlüssel zu tausend anderen Worten, die miteinander verbunden ein vollständiges Bild in uns erzeugen.«

27. September

»Solche Tage sind so selten im Leben, und meine Seele ist empfindlicher als jede andere den kleinsten Dingen gegenüber.«

»Denn ich fühle, daß ich mich selbst ständig, ununterbrochen und so streng kontrolliere, daß es wirklich wehtut, wenn ich nachts schließlich zu mir selbst sage: Tu, was du tun willst.«

»[…] mein Verstand befindet sich wirklich in einem traurigen Zustand: lauter Widersprüche, Ekstasen und Zweifel.«

»Manchmal kann ich meine Gedanken und Gefühle nicht genau ausdrücken, und ich spüre, daß sie sich in meinem Inneren streiten, lachend, mal schluchzend, mal gegen die Gefängnistür meines Kopfes pochend, laut ihre Freiheit fordernd, doch immer mit einem Ziel: […] zu fliegen?«

5. Oktober

»Ich liebe das Leben, aber das Leben liebt mich nicht. Es will mich enttäuschen, doch meine Träume und ich , wir werden uns niemals trennen.«

6. Oktober

»Was für ein seltsamer Tag! Normalerweise kehre ich die Pflicht von innen nach außen, stelle sie auf den Kopf, mische sie mit meinen Freuden, meinen Studien, meinem Gesang und meinen Meditationen, und die Pflicht läßt mit sich spielen. Heute war es die Pflicht, die mich um den Finger wickelte, unnachgiebig, unbeugsam, mit eisernem Griff […].«

7. Oktober

»Ich wache allerdings nicht weiser auf aus meinen strebsamen Träumen!

11. Oktober

»Es ist, als ob man sich an einer Wolke festhält, damit sie nicht für immer verschwindet.«

19. Oktober

»[…] ich habe den ganzen Tag gesungen, damit ich nicht zuviel denke, denn immer wenn ich denke, stelle ich mir zu viele Fragen!«

27. Oktober

»Oh, wie weit meine Gedanken wandern in einer Nacht wie dieser – wie ich es liebe, so allein zu sitzen und dabei der Geschichte meines großen Abenteuers ein Kapitel hinzuzufügen.«

28. Oktober

»Ersticke deine verrückten Träume nicht.

2. November

»[…] was ich mag – die schöpferischen, einfallsreichen, phantasievollen und poetischen Züge – die Exzentrik, die wechselhaften Stimmungen, die Launen, die komplizierte und verwirrende Seele, das Künstlerherz, das weder treu noch unbeständig ist.«

»Wohin treibt diese Welt?«

16. November

»[…] dieses glänzende lärmende Leben […]«

»Ich bin eine Mischung von unverträglichen  Elementen.«

17. November

»Vielleicht bin ich von Natur aus flatterhaft, und dabei hasse ich Flatterhaftigkeit bei anderen.«

9. Dezember

»Ich glaube, daß es eine Lektion war – einfach, um mir zu zeigen, daß wir auf dieser verwirrenden Welt sind, um sie besser zu machen und dann weiterzugehen.«

11. Dezember

»[…] und ich sitze hier, um zu schreiben, und staune, warum ich mir so oft Sorgen mache über das Leben, das doch so einfach und harmlos erscheint.«

16. Dezember

»Irgendwie habe ich durch dies und das in einen anderen kleinen Winkel der Welt geblickt und es sehr komisch gefunden.«

20. Dezember

»Wenn man seine Fehler kennt, hat man sie schon halb besiegt, sagt man.«

26. Dezember

»Oh Wunder dieses Weihnachtstages! Er begann sehr früh, um sieben Uhr, denn wir mußten zur Messe gehen. Etwa eine Stunde später waren wir alle um den Baum versammelt. Der Baum reichte bis zur Decke und war schwer von Lametta und Schnee und Kerzen – doch wer kann schon einen Weihnachtsbaum beschreiben? «

 31. Dezember

»Jahr für Jahr trage ich meine Abenteuer in die Welt […].«

 

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Anaïs Nin: Tagebücher 1920-1921, dtv, 366 Seiten.

 

 

 

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3 Kommentare on “»Ersticke deine verrückten Träume nicht.« Anaïs Nin, ein Tagebuch”

  1. Da hast Du aber sehr schöne Zitate aus dem Buch herausgesucht. Vielen Dank fürs Teilen. Eine schöne Woche für Dich. Liebe Grüße von der Beobachterin


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