Eine Geschichte nimmt ihren Lebenslauf

 

»Agnes ist tot. Eine Geschichte hat sie getötet.«

 

Es ist unmöglich, nicht weiterzulesen, wenn ein Roman einen Anfang macht wie diesen. Es war mir unmöglich, Agnes von Peter Stamm, einmal begonnen, nicht in einem Zug zu Ende zu lesen. Die Geschichte hat mich den Sonntag lang begleitet, vom Küchentisch in ein Café in die U-Bahn auf den Dielenboden mit dem Rücken an den Heizkörper gelehnt, weil es mich ab und an fröstelte, während ich die 36 kurzen Kapitel las. Ein angenehmer Schauder. Eine zärtliche Geschichte, und eine traurige, eine heimlich unheimliche.

Sie werden in einer Bibliothek aufeinander aufmerksam, Agnes und der Erzähler des Romans. Als sie sich näher kennengelernt haben, bittet Agnes ihn, eine Geschichte über sie zu schreiben. Es wird die Geschichte zweier Menschen, die sich lieben und die sich nicht lieben. Die miteinander leben und aneinander vorbeileben. Die ihre Beziehung entlang einer Geschichte hangeln, die gemeinsam verfassen, vorlesen, verwerfen und vorwerfen, die den Zeilen vor- und nachleben. Die sich von einer Geschichte schreiben lassen.

»Ich lese nicht mehr viel«, sagte Agnes , »vielleicht deshalb. Weil ich nicht mehr wollte, daß Bücher Gewalt über mich haben. Es ist wie ein Gift. Ich habe mir eingebildet, ich sei jetzt immun. Aber man wird nicht immun. Im Gegenteil.«

»Es muss etwas passieren, damit die Geschichte interessanter wird«, sagte ich endlich zu Agnes. »Bist du nicht glücklich, so wie wir es haben?« »Doch«, sagte sie, »aber das Glück macht keine guten Geschichten. Glück läßt sich nicht beschreiben. Es ist wie Nebel, wie Rauch, durchsichtig und flüchtig. Hast du jemals einen Maler gesehen, der Rauch malen konnte?«

Die Handlung verstrickt sich in Realem und Erfundenem, sie hinterlässt ein zwiespältiges Gefühl. Es wird nacherzählt und vorweggenommen. Das Ende ist – wissentlich über Agnes´ Tod – zu erwarten, und dennoch schleicht es sich ein, es versteckt sich hinter beiläufigen Sätzen. Die Geschichte nimmt ihren Lauf, ohne Rücksicht auf das Leben. Auch das Schneetreiben vor meinem Fenster passte sich ihr unverfroren an.

»Stell dir vor, in wenigen Wochen liegt hier Schnee, und dann kommt für Monate niemand hierher, und alles ist ganz still und verlassen.«

 

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Agnes von Peter Stamm; Fischer TaschenBibliothek; 154 Seiten.

 

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