In einer »in Ruinen liegenden Welt« – Jérôme Ferraris Balco Atlantico

»Es geschieht oft, dass mich das Welttheater niederschmettert.«

Korsika um die Jahrtausendwende, ein Dorf in den Bergen, eine Bar, die zum Mittelpunkt einer Geschichte wird, in der sich tragische Schicksale auf den Barhockern tummeln, die auf direktem Weg, oder auch zufällig, miteinander in Berührung kommen. Da sind die Untergrundkämpfer der »Fronte di Liberazione Naziunale Corsu«, allen voran Vincent Leandri, Stéphane Campana und Dominique Guerrinideren, die Seite an Seite kämpfen, bis aus Kameradschaft Feindschaft wird. Da sind ihre Frauen, die dem Lauf der Dinge ohnmächtig folgen. Da ist Marie-Angèle, die Besitzerin der Bar und ihr Ex-Mann Théodore, ein irrer Wissenschaftler, der sich nicht mit der Trennung anfreunden kann. Da ist ihre Tochter Virgine, die einer heillosen Liebe zu Stéphane verfallen ist. Und da sind die arabischen Geschwister Hayet und Khaled und ihr Freund Ryad, die von einem anderen, einem besseren Leben auf der Insel träumen.

»Wenn man frisch irgendwo ankommt, sieht man so viele Dinge. Man ist fasziniert vom Leben. […] Man hat das Gefühl, alles kreise um ein gemeinsames Werk, einen arglosen Lebenswillen, ganz erfüllt vom Wissen um das Wie und auch das Warum. Und so war ich glücklich. Zumindest für einen Augenblick.«

Doch Aufbruch wandelt sich in Stillstand, Euphorie schlägt sich in Ernüchterung nieder. Die Handlung von Jérôme Ferraris Balco Atlantico beginnt mit einem Mord und ihr weiterer Verlauf ist von Gewalt, Hass und Zerstörung gezeichnet. Es ist eine unerbittliche Geschichte, die einem Kriminalroman ähnelt, in der eine Unterscheidung zwischen Tätern und Opfern schwerfällt. Sie springt zwischen zwei Jahrzehnten, macht sich überholte Ansichten und zurückliegende Taten zu eigen. Sie schwimmt im Vergangenen und spült jenes an, was davon übrig geblieben ist. Die Melancholie weht dabei wie ein seichter Wind durch das Dorf, zu seicht um wachzurütteln. Ihr voran stürmen Rache und Wut in die Leben und Seelen der Protagonisten. Nur leicht zeichnet sich ein Hoffnungsschimmer ab, hält Menschlichkeit Einzug, ab und an. Das Scheitern überwiegt, das sich seinem Schicksal ergeben.

»Und dann begann er immer deutlicher, im Rauschen der Wellen, in der Stille der winterlichen Dörfer, in den über den Tresen hinweggebrüllten Bestellungen der Runden, in all dem hysterischen Getue die Schläge zu vernehmen eines tiefen und dunklem Herzens, eines unheilvollen Herzens, durchflutet von Strömen an Traurigkeit und Überdruss, denen jeder auf verzweifelte Weise und ohne dessen gewahr zu werden zu entkommen trachtete.«

Einzig Hayets und Khaleds Erinnerungen an den Balco Atlantico, der Strandpromenade ihrer marokkanischen Heimatstadt Larache, bilden einen Gegenpart zu der düsteren Szenerie auf Korsika – einen Sehnsuchtsort.

»Er möchte, dass wir ihm von unserer Stadt erzählen. Ich sage ihm sogleich, dass es da eine weitläufige Strandpromenade gibt entlang des Ozeans, auf der spazieren zu gehen sehr angenehm ist und die Balco Atlantico genannt wird. Ich sage ihm, dass man dort die schönsten Sonnenuntergänge der Welt zu sehen bekommt.«

»Und jetzt sind wir hier, alle beide. Wir gehen den Balco Atlantico entlang und Khaled legt seine Hand auf meine Schulter. Wir sehen der Sonne zu, wie sie über dem Ozean untergeht, und er erfindet für mich eine weitere Geschichte. Er zündet einen Joint an, an dem ich zwei, drei Züge werde machen dürfen, mehr aber nicht.«

Neben der spannungsgeladenen Handlung ist es vor allem die wunderbare Eigenheit der Sprache, die den Roman trägt, die ihn so herausragend macht, dass man auch die beiden Nachfolger der Trilogie sofort lesen möchte. Auf Balco Atlantico (2008; deutsche Übersetzung 2013) folgten Und meine Seele ließ ich zurück (2010, deutsche Übersetzung 2011) und Predigt auf den Untergang Roms (2012, deutsche Übersetzung 2013).

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Titel: Balco Atlantico; Autor: Jérôme Ferrari; aus dem Französischen von Christian Ruzicska und Paul Sourzac, secession Verlag für Literatur, 166 Seiten.

 

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