» Es regnet noch immer. «

Also lese ich wieder einmal in Anaïs Nins Tagebuch und stöbere durch ihr Leben, damals in New York, mit Blick nach draußen, auf die untertauchende Welt und ein Zitat, aufgeschrieben von ihr am 15. Juli 1919:

» Es gibt eine Traurigkeit der Jugend […] ein Fieber des wütenden Staunens darüber, daß die Welt so banal enttäuscht und daß das Leben so schnell nach Mißerfolg aussieht. Sie ist vielleicht schwer zu erklären, aber sie beinhaltet um so mehr Erschöpfung und Sehnsucht, weil derjenige, der auf diese Weise bedrückt ist, das undeutliche Gefühl hat, daß es der Vernunft und der Natur zuwiderläuft, von der Fröhlichkeit der Freude abgeschnitten zu sein, lebensmüde zu sein, noch ehe das Leben begonnen hat. «

Henry van Dyke – The Lost World

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von wegen

 

und weil das da sein immer mehr

meins ist

als ob das weg sein mehr

meins wäre

von wegen

ausgetanztes herz

 

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»Das Wesen des Meeres ist schwarz«

 

Und wieder ist da so ein Surfroman, der mir aufgefallen ist, der den anderen Surfromanen ähnelt und doch seinen ganz eigenen Zauber hat: Im grünen Raum von Saint-Leu von Peter Lenzyn.

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Ein namenloser Ich-Erzähler, aufgewachsen auf La Réunion, mit stetigem Blick aufs Meer und ständigem Drang, sich in die Wellen zu stürzen. Nach dem Tod des Vaters zieht er mit der Mutter nach Paris, herausgerissen aus einem vom Surfen geprägten Alltag, hinein in die Großstadt, gestrandet hinter einer Schulbank, entdeckt er im Kunstunterricht die Fotografie für sich – den Blick für die kleinen besonderen Momente. Er wird also Fotograf für die Pariser Presse und das Surfen bleibt lange Zeit nur eine Erinnerung, bis ihn ein folgenschweres Ereignis zurück auf die Insel treibt. Dort spürt er seinem früheren Leben nach und nimmt es erneut mit dem grünen Raum von Saint-Leu auf…

» Das Meer ist schwarz. Alle schauten zu mir herüber, auch die Kunstlehrerin. Ich war von der ziemlichen Bestimmtheit, mit der ich das sagte, selbst ein wenig überrascht. Aber ich sagte es noch einmal. Das Meer ist schwarz. Die Kunstlehrerin nannte den Blauton. Es war Ultramarinblau. Ultramarin. Sie fühlte sich bestätigt. Was wissen Sie denn vom Meer?, fragte ich […] Sie haben ja recht, das Meer ist blau. Und es ist türkis, und es ist grün – für den, der am Strand sitzt und rausschaut, wer im Wasser plantscht, wer aus dem Flugzeug schaut […] Aber wenn Sie weit draußen auf offener See schwimmen, dort, wo die Fische nicht bunt und klein sind und wie Spielzeug aussehen, sondern grau und groß. Wenn Sie dort in den Wellen schwimmen […] dann ist das Meer schwarz, und es wird für Sie immer schwarz sein […] Das Wesen des Meeres ist schwarz, sagte ich, und wer das nicht weiß, der unterschätzt es. «

» Kannst du kurz dableiben?, sagte die Kunstlehrerin zu mir, als alle anderen den Klassenraum Richtung Pausenhof verließen […] Ich möchte, dass du mir das Meer erklärst. Das überraschte mich ein wenig. Wie soll ich das denn machen? Vielleicht beschreibst du mir, wie du am Meer aufgewachsen bist. Vielleicht schreibst du es auf. Eine Strafarbeit also? Die Kunstlehrerin lachte. Nein, es ist keine Strafarbeit. Was ist es dann? Es ist Neugier. Neugier? Ich möchte wissen, was genau du verloren hast. «

Eine Geschichte, die wie wild den Wellen hinterherjagt und den Gedanken hinterlässt, dass wir uns viel öfter fragen sollten, was wir wirklich vom Leben wollen.

Im grünen Raum von Saint-Leu; Peter Lenzyn; mitteldeutscher verlag; 172 Seiten.