»Wer hat ein Gespür für den eigenen Herzschlag?«

 

»Ich träume von einer langen Treppe, die hinaufführt zu einem abgeschiedenen Raum. Eintritt haben nur diejenigen, die Fehler machen, Umwege gehen, Versuche wagen. In diesem Raum steht nichts als ein langer Tisch mit hölzernen Stühlen. An ihm sitzen verhinderte Einzelgänger, abseits der Allgemeinheit […] Hier zusammenkommen heißt vor allem eines: Reibung spüren. Es ist ein Ort, an dem Blicke erwartungsvoll erwidert werden, nicht in müder Skepsis aneinander vorbeigehen. Wo die Lust am Naiven sich nicht einschüchtern lässt. Souverän ist, wer über die stärkste Phantasie verfügt, nicht über die schärfste Ratio. Ein Geheimclub für alle, die noch ans Geheimnis glauben.«

Für eine Nacht hat mich Sieben Nächte von Simon Strauss komplett eingenommen. So viele Zeilen, die ich unterstrichen habe, weil mir gefällt, wie sie geschrieben sind, wie sie dort stehen, wie sie dort stehen gelassen wurden und auch, weil ich mich ertappt gefühlt habe, und bestätigt, weil ich mich in so vielen Worten wiederfand.

»Der einzige Kampf, der jetzt noch lohnt, ist der ums Gefühl. Die einzige Sehnsucht, die trägt, ist die nach dem schlagenden Herzen […] In den staubigen Archiven der Vernunft haben wir zu oft vergeblich nach Antworten gesucht auf Fragen, die nur auf offenem Deck, unter freiem Himmel gelöst werden können.«

»Ich will wieder den Wunsch nach Wirklichkeit spüren, nicht nur den nach Verwirklichung.«

»Die Welt, die ich in mir trage, lebt vom gesprochenen Wort, von Austausch und Augenaufschlag. Ich brauche das Gespräch, Gesichter, die leuchten. Freiheit und Freundschaft […].«

»Nie geschrien zu haben, immer nur kleinlaut geblieben zu sein, davor fürchte ich mich.«

»Das hier schreibe ich aus Angst.« So beginnt der Ich-Erzähler seine Geschichte, die sich um sieben Nächte dreht, jedoch über mehrere Monate andauert, die ein ganzes Leben in Frage stellt, die einem Leben, seinem Leben einen Lauf gibt, einen anderen, einen neuen Lauf. Denn er hat Angst vor dem Älterwerden, davor, die »magische Zahl 30« zu erreichen, ohne etwas erreicht zu haben. Er hat Angst, etwas verpasst zu haben, dass das Leben bisher an ihm vorbeigezogen ist, dass er sich festlegen muss, dass er stagniert. Er hat Angst, falsche Entscheidungen zu treffen, überhaupt Entscheidungen zu treffen, und er hat Angst vor Ernüchterung, vor dem Erwachsenwerden, und davor, dass beides unmittelbar miteinander in Verbindung stehen könnte.

»Wer zu oft den Fahrstuhl nimmt, findet nicht mehr den Weg zur Hintertreppe. Der bleibt in der Bequemlichkeit stecken, verliert die Sehnsucht, den Drang.«

»Wer hat ein Gespür für den eigenen Herzschlag? […] Mut zum Überwältigt-Sein?«

Also zieht er los, schlägt sich im Auftrag eines Unbekannten sieben Nächte um die Ohren, begeht die sieben Todsünden, schafft sieben Utopien und schreibt darüber. Kapitelweise folgt dem Hochmut die Völlerei, die Faulheit, die Habgier, der Neid, die Wollust, der Jähzorn, und jedes Kapitel hat etwas für sich. Die Faulheit, Acedia, spielt sich am 23. November in seiner Wohnung ab.

»Statt rauszugehen, den Alltag auszufüllen wie ein Kreuzworträtsel, bleibe ich heute zu Hause. In dieser Wohnung, die niemand mehr mit besonderen Erwartungen betritt. Die bis oben hin zugestellt ist mit Gewohnheit.«

»Ich bin nicht oft allein zu Hause. Abends habe ich meist Besuch und tagsüber meide ich meine Wohnung eher. Nachts liege ich hinter verschlossener Tür im Bett. Ansonsten bin ich viel unterwegs, fülle mir die Tage mit Terminen, die mich beschäftigt aussehen lassen und das Fernweh ersticken.«

»Ein Tag auf dem Sofa vor der tickenden Uhr. Nichts versucht, nichts erreicht. Nur gewartet. […] Nur wer sich langweilt, kann sich auch sehnen. Ein Leben, das nie aufschiebt, wird immer nur hecheln, nie frei atmen.«

Das Kapitel gefällt mir, die Faulheit gefällt mir, weil ich sie wenig zelebriere, vielleicht zu wenig. Ich weiß sie wenig zu schätzen, gebe ihr kaum Raum, gebe ihr kaum nach. Das Buch macht mich nachdenklich. Als ich die letzte Seite umblättere, ist es längst dunkel da draußen, und ich blicke aus dem Fenster, in den Nachthimmel, und denke: Wo finde ich diese lange Treppe, die hinaufführt zu einem abgeschiedenen Raum, vor welcher Tür muss ich stehen, welches geheime Klopfzeichen muss ich geben, um in den abgeschiedenen Raum zu gelangen, mich an den langen Tisch auf einen hölzernen Stuhl zu setzen, dem Geheimclub beizutreten, und sei es nur für eine Nacht, oder für sieben Nächte…

»Denn ganz sicher kann diese Welt neue Luftschiffer und echte Träumer gebrauchen.«

 

9783351050412

Sieben Nächte / Simon Strauss / Blumenbar / 138 Seiten/ 2017.

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