»Ich knie in einer Wolke« Whiteout

 

Die Vergangenheit sagt uns, wer wir sind, ohne sie verlieren wir unsere Identität.

(Hannas Leitgedanke von Stephen Hawking)

 

Hanna ist von eisiger Kälte umgeben, als sie erfährt, dass Fido tot ist. Sie befindet sich in der Antarktis, führt mit einer kleinen Forschergruppe eine Expedition durch, und ausgerechnet hier, umgeben von den Weiten des weißen Nichts , inmitten eines Alltags, der von Ausharren und Abwarten, von Brettspielen und Schnapstrinken, von Wind und Wetter bestimmt ist, wird sie aus der Bahn geworfen.

»Unser Herz schlägt nicht mehr. Über der eisigen Weite liegt eine Stille, glatt wie Emaille. Die Zeltwand flattert leise, doch sonst höre ich nichts. Etwas ist schiefgegangen.«

Während die Tage mit  »Frieren, hieven, frieren, hieven« verstreichen, verliert sich Hanna in ihren Gedanken. Etwas bohrt sich in die Tiefe, ein Abgrund tut sich auf, etwas wird an die Oberfläche geholt, etwas reißt auf, zerreißt Hannas Herz.

»Ein Loch so tief, wie der Eiffelturm hoch ist, das ist der Plan. Das ist unsere Forschung. Darum bin ich hier. Darum sind wir alle hier. Weil wir nichts mehr und dringender wollen, als dem Eis seine Geheimnisse zu entlocken.«

»Mit dir war das anders. Du warst in mir drin. Warst mir so vertraut wie das Gefühl der eigenen Zunge im Mund, so selbstverständlich wie der nächste Atemzug. Seither habe ich niemanden mehr so gut gekannt. Und jetzt bist du tot.«

Erinnerungen holen sie ein, an sie und Jan und Fido, an diese Freundschaft zwischen ihr, ihrem Bruder und ihrer besten Freundin, die für die Ewigkeit gemacht schien, die plötzlich zu Ende ging, als Fido ohne ein Wort aus ihrem Leben verschwunden ist. Hanna war damals wie benommen, wie sie auch jetzt wieder benommen ist. Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen, alles wird von dem Gedanken an Fidos Tod bedeckt.

»Ich knie in einer Wolke […] aus allen Richtungen peitschen mir die Flocken entgegen. Schwarz-Weiß-Fernsehen nach Sendeschluss […] Whiteout. […] Die Grenze zwischen Himmel und Erde ist ausradiert, oben und unten sind nicht mehr da, Linien und Farben ausgelöscht.«

Die Gegenwart wird geblendet, überstrahlt von der Kälte, mit der diese Geschichte geendet hat, und von dem eisigen Gefühl, dass es nicht mehr bereinigt werden kann. Und dabei ist das Eis das einzige, was Hanna Trost spendet, was ihr Klarheit verschafft, weil es beständig ist, unvergänglich, für die Ewigkeit gemacht.

»Das Ausmaß an Ödnis ist atemberaubend, macht mich immer wieder stumm und zugleich seltsam froh. Ich fühle mich sauber. Der Kopf gefegt bis in die Ecken.«

Whiteout kommt wie eine seichte Windböe daher, die einen eisig trifft, mit voller Wucht, von beklemmend schöner Traurigkeit begleitet.

»Benommen sinke ich auf die Knie, lege die Hände in den Schnee, der weder weich ist noch sanft. In meinen Bronchien rasselt der Atem, es klopft und wummert im ganzen Leib. Ich kann nicht anders, als zu hören, wie das Blut durch meine Adern pumpt. Höre mein Leben. Und dahinter, davor, darüber eine mächtige, gewaltige Stille. Ich atme ein. Ich atme aus. Ich bin. Allein. So ist es hier: Alles ist nichts und wenig viel. Und Einsamkeit das tröstlichste Gefühl.«

 

IMG_4359

 

Whiteout von Anne von Canal, mare Verlag, 2017, 186 Seiten

Advertisements