»Ersticke deine verrückten Träume nicht.« Anaïs Nin, ein Tagebuch

Zwischen den Jahren eine Brise Anaïs Nin. Aus einem Tagebuch, einem ihrer frühen Tagebücher, das mir in einem Berliner Antiquariat unverhofft in die Hände gefallen ist. Von Sommer 1920 bis Sommer 1921 geht es; nun ist Winter 1920. Ein halbes Jahr habe ich in den letzten Tagen eilig verinnerlicht, ein halbes Jahr liegt noch vor mir. Philosophisch ist es, sensibel, melancholisch, sarkastisch und gewitzt. Immerzu verträumt. Die richtige Stimmung, ein Jahr zu beenden, ein neues zu beginnen. Anaïs Nin ist 17 Jahre, sie klingt danach und doch älter. Sie liest und schreibt viel, sie beobachtet die Bohème ihrer Zeit, sie tanzt Tanz um Tanz. Sie widmet sich ihren Träumen, nicht jenen, die sie nachts durchlebt. Jenen, die sie in sich trägt, die sie festhält, an denen sie wächst. Ein Appell. Es ist wieder einmal eine Freude in ihre Gedanken, ihre Welt einzutauchen; Satz um Satz in das Hier und Jetzt zu streuen und einen Vorsatz daraus zu ziehen: wieder Tagebuch zu schreiben.

10.Juli

»Aber so lange, bis ich alt und weise und müde bin, werde ich nicht aufhören, mich über so vieles zu wundern.«

13.Juli

»Viele Gedanken tummeln sich in meinem törichten Kopf, und ich muß schreiben, bis zum Schlafengehen.«

19.Juli

»Auf meiner kleinen Bühne, auf der die Vorkommnisse des Tages sich abspielen, stehen viele merkwürdige und interessante Figuren […].«

20. Juli

»Nein, ich bereue diese Stunden nicht, die ich damit verbringe, diese weißen Seiten mit meiner redseligen Tinte zu füllen.«

22. Juli

»Zweifelsohne sehe ich auf dem Bild sehr intelligent aus, aber in Wirklichkeit bin ich nach wie vor ein Wirrkopf.«

3. August

»[…] das Leben, das Leben. Heute Nacht fliest mein Herz über.«

21. August

»Folgende Eigenschaften scheinen für einen zukünftigen Autor unverzichtbar: Phantasie, Fleiß, Ausdauer, Geduld.«

22. August

»Nur die unglücklichen Leute, die keine Phantasie haben, haben kein Flugzeug und müssen zu Fuß gehen.«

10. September

»Und all das ist Unsinn, weil es stimmt, daß wir den größten Teil unseres Glücks selbst in der Hand halten, und was ich jetzt mache, ist Schatten suchen, statt Sonnenschein.«

13. September

»Aber tote Träume lasten schwer.«

14. September

»Gestern Abend war ich die melodramatische, bombastische, redselige und sentimentale Närrin, nichts weiter.«

»Lieber bin ich das einsamste Mädchen auf der Welt, als daß ich Leute empfange, die ich nicht bewundere.«

19. September

»Glück ist töricht, aber Kummer ist unverzeihlich.«

»Neuer Tag, neue Hoffnungen; das ewige Geschenk des Einen, der nie schläft.«

26. September

»Ein Wort ist oft der Schlüssel zu tausend anderen Worten, die miteinander verbunden ein vollständiges Bild in uns erzeugen.«

27. September

»Solche Tage sind so selten im Leben, und meine Seele ist empfindlicher als jede andere den kleinsten Dingen gegenüber.«

»Denn ich fühle, daß ich mich selbst ständig, ununterbrochen und so streng kontrolliere, daß es wirklich wehtut, wenn ich nachts schließlich zu mir selbst sage: Tu, was du tun willst.«

»[…] mein Verstand befindet sich wirklich in einem traurigen Zustand: lauter Widersprüche, Ekstasen und Zweifel.«

»Manchmal kann ich meine Gedanken und Gefühle nicht genau ausdrücken, und ich spüre, daß sie sich in meinem Inneren streiten, lachend, mal schluchzend, mal gegen die Gefängnistür meines Kopfes pochend, laut ihre Freiheit fordernd, doch immer mit einem Ziel: […] zu fliegen?«

5. Oktober

»Ich liebe das Leben, aber das Leben liebt mich nicht. Es will mich enttäuschen, doch meine Träume und ich , wir werden uns niemals trennen.«

6. Oktober

»Was für ein seltsamer Tag! Normalerweise kehre ich die Pflicht von innen nach außen, stelle sie auf den Kopf, mische sie mit meinen Freuden, meinen Studien, meinem Gesang und meinen Meditationen, und die Pflicht läßt mit sich spielen. Heute war es die Pflicht, die mich um den Finger wickelte, unnachgiebig, unbeugsam, mit eisernem Griff […].«

7. Oktober

»Ich wache allerdings nicht weiser auf aus meinen strebsamen Träumen!

11. Oktober

»Es ist, als ob man sich an einer Wolke festhält, damit sie nicht für immer verschwindet.«

19. Oktober

»[…] ich habe den ganzen Tag gesungen, damit ich nicht zuviel denke, denn immer wenn ich denke, stelle ich mir zu viele Fragen!«

27. Oktober

»Oh, wie weit meine Gedanken wandern in einer Nacht wie dieser – wie ich es liebe, so allein zu sitzen und dabei der Geschichte meines großen Abenteuers ein Kapitel hinzuzufügen.«

28. Oktober

»Ersticke deine verrückten Träume nicht.

2. November

»[…] was ich mag – die schöpferischen, einfallsreichen, phantasievollen und poetischen Züge – die Exzentrik, die wechselhaften Stimmungen, die Launen, die komplizierte und verwirrende Seele, das Künstlerherz, das weder treu noch unbeständig ist.«

»Wohin treibt diese Welt?«

16. November

»[…] dieses glänzende lärmende Leben […]«

»Ich bin eine Mischung von unverträglichen  Elementen.«

17. November

»Vielleicht bin ich von Natur aus flatterhaft, und dabei hasse ich Flatterhaftigkeit bei anderen.«

9. Dezember

»Ich glaube, daß es eine Lektion war – einfach, um mir zu zeigen, daß wir auf dieser verwirrenden Welt sind, um sie besser zu machen und dann weiterzugehen.«

11. Dezember

»[…] und ich sitze hier, um zu schreiben, und staune, warum ich mir so oft Sorgen mache über das Leben, das doch so einfach und harmlos erscheint.«

16. Dezember

»Irgendwie habe ich durch dies und das in einen anderen kleinen Winkel der Welt geblickt und es sehr komisch gefunden.«

20. Dezember

»Wenn man seine Fehler kennt, hat man sie schon halb besiegt, sagt man.«

26. Dezember

»Oh Wunder dieses Weihnachtstages! Er begann sehr früh, um sieben Uhr, denn wir mußten zur Messe gehen. Etwa eine Stunde später waren wir alle um den Baum versammelt. Der Baum reichte bis zur Decke und war schwer von Lametta und Schnee und Kerzen – doch wer kann schon einen Weihnachtsbaum beschreiben? «

 31. Dezember

»Jahr für Jahr trage ich meine Abenteuer in die Welt […].«

 

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Anaïs Nin: Tagebücher 1920-1921, dtv, 366 Seiten.

 

 

 


auskunft von may ayim

Biografie und Identität – Lebensgeschichte im interkulturellen Kontext hieß ein Seminar, an dem ich in meinem Bachelor-Studium teilgenommen habe. Ich hielt ein Referat über May Ayim, eine afrodeutsche Dichterin aus Berlin. Warum ich sie ausgewählt hatte, weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich aber, dass es schwer war, an ihre Gedichte zu kommen; die Bände waren vergriffen und wurden nicht mehr nachgedruckt. Mittlerweile gibt es sie wieder beim Orlanda Verlag. Ich habe Nachtgesang damals bei einem Antiquariat gefunden. Seither ist der Gedichtband ein fester Bestandteil in meinem Bücherregal – weil ich schön finde, wie er sich dort einreiht; weil mir ihre Gedichte gefallen. Eines vor allem ist mir im Kopf geblieben: auskunft. Von Zeit zu Zeit lese ich es wieder, auch heute Morgen. Es ist das Gedicht, das ich im Seminarraum an die Wand projiziert habe. Ein Gedicht, das damals wie heute gilt. Hinter die zweite Zeile setze ich gedanklich immer einen Punkt.

meine heimat

ist heute

der raum zwischen

gestern und morgen

die stille

vor und hinter

den worten

das leben

zwischen den stühlen

In Berlin gibt es das May-Ayim-Ufer; direkt an der Spree, gleich beim Schlesischen Tor. Ich werde es bei meinem nächsten Besuch auskunftschaften.

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Titel: Nachtgesang; Dichterin: May Ayim; Orlanda Verlag; 116 Seiten.


Gewitzt und geistreich und gesellig. »Salonfrauen«.

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»Achtung, dieses Buch ist tendenziös!« warnt die Autorin Ulrike Müller in der Einleitung zu ihrem Werk »Salonfrauen«, das 2013 im Elisabeth Sandmann Verlag in München erschienen ist. Es handelt dabei also um kein Sachbuch über die Salonkultur, sondern eher um ein Liebhaberstück – etwas zum durchblättern und genießen, wozu allein das Format (21.9 x 28.4 cm) und die Aufmachung (80 Abbildungen) einladen. Die Salonkultur ist trotz vieler wissenschaftlicher Betrachtungen immer noch ein Phänomen der weiblichen Kulturgeschichte, das genügend Spielraum zur Spekulation, und vor allem zur Faszination, bietet und gerade Letzteres (da sind die Autorin und ich uns einig) darf sie auch nicht verlieren. Viel zu groß ist der Zauber, der von der Vorstellung ausgeht! Dennoch geht »Salonfrauen“ zu Beginn in kurzen Kapiteln auf die wichtigsten Fragen ein: Was genau wird unter einem Salon verstanden? Woher stammt eigentlich seine Bezeichnung? Wie lange gibt es die Salonkultur schon? Und wie sah sie vor allem zwischen der Romantik und der Moderne in Europa aus? »Von den Anfängen der Romantik bis zum Einsetzen der Moderne boten die Salons eine Vielfalt von Formen und Themen wie in keiner anderen Epoche.« Näheres entnehmen Sie bitte der Einladung!

Meine Damen, meine Herren,

ich möchte Sie in meinen Salon einladen! Ich meine damit natürlich nicht, dass Sie sich in meinem Empangssaal einfinden sollen, schließlich besitze ich kein Schloss. Und nein, hier wird auch nicht geschossen. Hier wird gewitzt und geistreich und gesellig gesprochen, gedacht und gelacht. Lassen Sie uns an die lange Tradition der Symposien des alten Griechenlands, der Cours d´amour des frühen Mittelalters, der Musenhöfe der Renaissance, der Samedis und Mardis der franzöischen Frühaufklärung, der Pariser Bureux´d´esprit, der Lese- und Freundschaftstage, Lesekränzchen, Tischgesellschaften und literarischen Tees der deutschen Klassik und Romantik anknüpfen. Lassen Sie uns eine literarische Kaffeegesellschaft organisieren oder gar ein avantgardistisches Jour fixe, wie es Berlin, in Wien, in Paris oder in St.Petersburg gehandhabt wird. Auf jeden Fall aber: setzen wir uns an einen Runden Tisch, wie einst in der Artussage. Ja, lassen Sie uns Ritter der Tafelrunde sein. Gleichgesinnte und Gegner! Aufgetischt wird die Musik, die Kunst, die Literatur, die Philosophie und die Politik! Seien wir einander Inspiration, eine gemeinschaftlich denkende, sprechende und fühlende, europäische Einheit. Niemand muss ein Blatt vor den Mund nehmen. Und jeder Stein wird umgedreht und abgewogen. Lassen sie uns über Altbewährtes diskutiern, andere Ansätze finden, neue Leben entwerfen! Und das alles bei einer guten Tasse Tee. Oder Kaffee. Oder Kanapees. Die Sesselpolster sind aufgeschüttelt, die Stühle stehen bereit. Die Bücher liegen an Ort und Stelle, die Kunstwerke sind drapiert und die Musik erklingt, sobald der Erste unter Ihnen den Fuß über meine Schwelle setzt. Wir beginnen in der Nachmittagszeit und wenns es die Gespräche und Darbietungen verlangen, dauert es bis in die Nacht hinein.

Ihre Salonière

Salonière! Sprach- und sprechlustige Literatinnen, intelektuelle Politikerinnen und Philosophinnen, Musen, Mütter und Minnesängerinnen, Jägerinnen und Sammlerinnen der Bildenen Kunst. »Leidenschaft, Mut und geistige Freiheit“ verbindet sie, so steht es im Untertitel und im Inhaltsverzeichnis von »Salonfrauen, in dem eine Auswahl an Salonière in die vier genannten Bereiche unterteilt werden. Caroline Schlegel-Schelling, Rahel Varnhagen, Sinaida Wolkonskaja, George Sand und Natalie Clifford Barney zählen zu den Literatinnen, Marie d´Agoult, Fanny Lewald und Berta Fanta zu den Politikerinnen und Philosophinnen, Amalie Beer, Johanna Kinkel, Livia Frege, Carolyne von Sayn-Wittgenstein, Pauline Viardot-Garcia und Winnaretta Singer-Polignac sind die Musen, Mütter und Meistersängerinnen und Valtesse de La Bigne, Berta Zuckerkandl, Gertrude Stein und Marianne von Werefkin die Jägerinnen und Sammlerinnen – um einmal Namen von Salonière zwischen dem 18. und dem 20. Jahrhundert in Europa zu nennen. Allerdings muss dazu gesagt werden: Das ist nur »eine veschwindend geringe Anzahl«! Wie viele Salons es in dieser Zeitspanne in Europa gab, kann bis heute nicht genau gesagt werden. »Salonfrauen« jedenfalls hat nicht nur bekannte, sondern auch weniger bekannte Beispiele ausgewählt. Und das Buch ist in Rosa gehalten, wie der Rosafarbene Salon der russischen Malerin Marianne von Werefkin, den sie ab 1897 in München (in Schwabing in der Giselastraße 23)  geführt hat. Aus den dortigen Zusammenkünften, an denen vor allem Wegbereiter der Modernen Kunst teilnahmen, ging unter anderem später die Künstlergemeinschaft Der Blaue Reiter hervor. Der Salongast Gustav Pauli beschrieb die Atmossphäre und die Wirkung von Werefkins:

»Um ihren Teetisch sammelte sich täglich das Grüpplein der Getreuen, meist russische Künstler… und ihre Münchner Freunde, eine ziemlich bunte Gesellschaft, in der sich die Bayerische Aristokratie mit dem fahrenden Volk der internationalen Bohème begegnete. … Nie wieder habe ich eine Gesellschaft kennengelernt, die mit solchen Spannungen geladen war. Das Zentrum, gewissermaßen die Sendestelle der fast physisch spürbaren Kräftewellen, war die Baronin. Die zierlich gebaute Frau mit den großen dunklen Augen (…) beherrschfte nicht nur die Unterhaltung, sondern ihre ganze Umgebung.«

Diese Worte treffen Müllers Beschreibung des Salons als ein »wesentlich von Frauen initiierter und gestalteter Raum, einer vielseitigen Gesprächs- und Geselligkeitskulur auf der Schwelle zwischen Privatheit und Öffentlichkeit« genau. »Salonfrauen« bietet nicht nur einen gelungenen Überblick über ein so wichtiges und vielseitiges Thema der weiblichen Kulturgeschichte, es ist gleichzeitig ein wunderbarer Schmöker, der Einblick in interessante Frauenleben ermöglicht und die Faszination, die von ihnen als Salonière ausgeht, weiterträgt und aufrechterhält.

Titel: Salonfrauen – Leidenschaft, Mut und geistige Freiheit; Autorin: Ulrike Müller; Elisabeth Sandmann Verlag; 21.9 x 28.4 cm; 144 Seiten; 80 Abbildungen; Gebunden mit Schutzumschlag; 29,95 Euro.

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Bilder: Kaffeetasse mit Monogramm von Amalie Beer, 1840; Innenseite von „Salonfrauen“; „Musikalische Matinée im Hause Viardot“ – Zeichnung von Ludwig Pietsch, 1867.


Von Feen der Literatur und angebräunten Briefen – Eudora Weltys Wagnis, die Welt in Worte zu fassen

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Eudora möchte Schriftstellerin werden. Der Vater sorgt sich um ihre finanzielle Sicherheit, die Mutter aber ist beruhigt, denn die Schriftstellerei scheint ihr ein harmloser Beruf zu sein. Und da die Tochter ein glückliches Leben haben soll, schenken die Eltern ihr zu Beginn des College eine Schreibmaschine, eine kleine rote Royal Portable. Von Kindheitshelden wie Tom Sawyer und Prinzessin Labam geht sie über zu Humoristen wie S.J.Perelman und Corey Ford und anderen Autoren der Zeitschrift Judge. Sie tippt ihre ersten Artikel für den Spectator, die Collegezeitung. Und sie tippt Kurzgeschichten und Essays, die sie Zeitungen wie der Saturday Evening Post anbietet. Sie, Eudora Welty. Geboren 1909 in Jackson, Mississippi. Eine Schriftstellerin des Südens, wie sie sich selbst nennt – eine Schriftstellerin durch Hören, Sehen und Sagen. So lauten die drei Essays, in denen Eudora Welty ihren Weg in die Schriftstellerei beschreibt, zusammengefasst in einem Essayband, der als Neuübersetzung bei edition fünf erschienen ist. Der Titel lautet Vom Wagnis die Welt in Worte zu fassen und die Schriftstellerei erscheint dadurch doch nicht so harmlos, wie die Mutter meint. Dabei müsste doch gerade sie über die Magie Bescheid wissen, die von Literatur ausgeht. Schließlich ist sie es, die ins brennende Haus zurückrennt, um ihren heißgeliebten Charles Dickens zu retten.

»Sie las Dickens mit solcher Inbrunst, als wollte sie mit ihm durchbrennen.«

Die Mutter ist es, die der Tochter die Welt der Geschichten eröffnet. Sie liest in jeder freien Minute und in jeder Ecke des Hauses. Und Eudora eifert nach jeder Geschichte, die ihr zu Ohren kommt – ob vorgelesen oder erzählt.

»Lange bevor ich Geschichten schrieb, horchte ich nach Geschichten. Nach ihnen zu horchen ist intensiver als schlichtes Zuhören. […] Kinder, die lauschen, wissen, dass es Geschichten gibt […] Wenn Erwachsene sich hinsetzen und anfangen zu reden, warten Kinder einfach und hoffen,  dass eine herauskommt – wie eine Maus aus einem Loch.«

Die Mutter ist es ebenfalls, die der Tochter früh das Lesen und das Schreiben beibringt, was Eudora anfangs dazu nutzt, um ihren zwei Brüdern angebräunte Briefe von Zimmer zu Zimmer zu schicken.

»Wenn einer von uns […] oben allein das Bett hüten musste, schrieben wir uns wohl stündlich Briefe […] unsere treue Mutter überbrachte sie für uns, aber vorher mussten sie einen Augenblick in den heißen Ofen, um die Bazillen abzutöten. Wenn sie uns ausgehändigt wurden, waren sie warm und wellig und manchmal angebräunt wie Toast.«

Mit fünf Jahren schickt ihre Mutter sie zur Schule. Mit fünfzehn Jahren erhält sie von ihr den ersten Bibliotheksausweis. Eudora Weltys Weg in die Schriftstellerei klingt wie ein magisches Rezept. Ihre Mutter gibt ihr die grundlegenden Zutaten zur Hand und die guten Feen der Literatur verstreuen ihren Zauberstaub darauf, um ihrem Schreiben eine eigene Note zu geben. Es ist eine Mischung aus

Neugier,

»Ich war von klein auf lernbegierig. Was ich wissen wollte und wonach ich unablässig fragte, war nicht so sehr was, wie, warum oder wo als vielmehr wann. Wie lange noch? […] Meine unbändige Neugier schuf im Wesentlichen Spannung und damit ein ganz eigenes heimliches Vergnügen. Und so nahm ich bereits eine der guten Feen der Literatur meiner an.«

Fantasie,

  »Meine Fantasie bezieht ihre Kraft und ihre Leitlinien aus dem, wass ich in meiner Lebenswelt sehe und höre und erfahre und empfinde und erinnere.«

und Distanz:

 »Wenn ich eine neue Arbeit beginne, muss ich immer erst eine Distanz gewinnen, als Voraussetzung für mein Verstehen menschlicher Gegebenheiten.«

Angereichert aus den Reisen, die sie in ihrer Jugendzeit mit ihrer Familie unternimmt. Die sie meist zu den Großeltern aufs Land führen.

»Heute denke ich im Rückblick auf diese Sommerreisen […] sie waren Geschichten […] weil sie Richtung, Bewegung, Entwicklung, Veränderung enthielten. […] Was Schriftsteller wie Reisende in den Bann zieht, ist das Wissen um ihr Ziel […] wie Menschen besaßen Orte eigene Persönlichkeiten, mit denen man sich in seiner Fantasie beschäftigen konnte. […] Das Reisen weckte mein Bewusstsein für die Außenwelt.«

Und zum Umrühren, nimmt sie die Fotografie zur Hand.

»Die Kamera war ein handliches Hilfsgerät für das Genauer-Wissenwollen. […] Durch die praktische Arbeit lernte ich, wie wichtig es ist, parat zu sein […] Vergängliches einzufangen […] dass ich darauf vorbrereitet sein musste, diesen Moment zu erkennen, wenn ich ihn sah […] mein Bedürfnis, flüchtiges Leben in Worte zu fassen […] das literarische Auge sieht die tatsächlich vorhandenen Dinge , sieht in sie hinein, hindurch und drumherum.«

Eudora Welty mischt die Rezeptur mit Bedacht zusammen. Vorsichtig hebt sie die Zutaten untereinander und probiert erst selbst, bevor sie im richtigen Moment das Wagnis eingeht, auch andere davon kosten zu lassen.

»Nach außen hin bin ich mein Leben lang schüchtern gewesen. […] Ich nahm Dinge wahr und stellte Mutmaßungen an, entwicklete Befürchtungen und Hoffnungen, zog, dem eigenen Herzen folgend, nach und nach Schlüsse und kam auf diese Weise meinem Ziel tatsächlich näher. Erst wenn die Zeit und meine Fantasie mich weit genug geführt hatten, wagte ich den Sprung.«

Es ist das Wagnis aufzuschreiben, was im Inneren vorgeht. Das Wagnis, die Stimme der eigenen Geschichte nach Außen sprechen zu lassen.

 »Genau wie beim ersten Vorlesen gab es auch später bein Selberlesen niemals eine Zeile, die ich nicht hörte. Während meine Augen dem Satz folgten, sprach eine Stimme ihn mir leise vor […] sie ist menschlich aber in mir, und ich lausche nach innen, wenn ich sie höre. Für mich ist es die Stimme der Geschichte oder des Gedichts selbst.«

Vom Wagnis die Welt in Worte zu fassen ist eine wunderbare Reise in das Leben einer Schriftstellerin, angefangen bei ihrer Kindheit im ersten Essay Hören, über ihre Jugend im zweiten Essay Sehen, hin zu ihrer Zeit auf dem College im Essay Sagen. Alle drei Essays gefallen mir vor allem in ihre Sprache (ins Deutsche übersetzt von Karen Nölle), wobei ich den ersten Essay am liebsten gelesen habe. Allein wie Eudora Welty durch ihr kindliches Auge beschreibt, was Bücher für sie bedeuten, lässt in die Magie eintauchen, die von jeder einzelnen Geschichten ausgeht – ob sie nun gehorcht oder gesehen oder in eigenen Worten auf Papier gebracht wird. Und in diesen zauberhaften Worten formuliert sie die wohl wichtigste Zutat für das Schreiben: die Augen und Ohren in alle Richtungen offen zu halten, um die Welt in Worte fassen zu können.

 »Zu erfahren, dass Bücher von Menschen geschrieben wurden und keine Naturwunder waren, die von selbst sprossen wie Gras, war für mich überraschend und enttäuschend. […] ihren Geruch und ihr Gewicht und das Gefühl, sie in den Armen zu halten […] meine einzige Angst war die davor, dass Bücher zu Ende gingen.«

Titel: Vom Wagnis die Welt in Worte zu fassen; Autorin: Eudora Welty; aus dem Englischen übersetzt von Karen Nölle; Band 8 von edition fünf; 160 Seiten; Leinenband mit Banderole und Lesebändchen; 17,90€.

Veranstaltungstipp: edition fünf nimmt an diesem Sonntag, 14. September 2014, mit einem Büchertisch am 14. Münchner LiteraturBrunch der BücherFrauen im Stragula (Bergmannstraße 66) in München teil. Der Brunch beginnt um 10:30, ab 12:00 werden drei literarische Debüts zum Thema Reise, Reise! vorgestellt. Jenny Bünnig liest aus ihrem Roman Es muss dunkel sein, damit man die Sterne sieht (Langenmüller 2014), Katharina Hartwell aus Das Fremde Meer (Berlin Verlag 2013) und Nora Wicke aus Vierstromland (Müry Salzmann 2014). Die Veranstaltung wird von Katrin Schuster moderiert, die unter anderem das Münchner Online-Literaturmagazin KLAPPENTEXT herausgibt, über das ich vor einiger Zeit bereits berichtet habe.

Bild: edition fünf


Im Fünferpaket

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»Ich interessiere mich für gute Literatur und für Frauenleben«, sagt Silke Weniger auf meine Frage, warum sie edition fünf gegründet hat  einen Verlag in dem einmal im Jahr, immer im Herbst, fünf Bücher erscheinen, die eines gemeinsam haben: Sie stammen von Autorinnen. Eine bemerkenswerte Sache. Denn so ein ausgewähltes Fünferpaket begegnet einem nur hier. Hier ist eigentlich Hamburg. Hier ist Silke Weniger aufgewachsen, hier findet der größte Teil der Verlagsarbeit statt. Sie hat allerdings in München studiert und lebt und arbeitet bis heute dort. Ihre Literaturagentur befindet sich in Gräfelfing. Hamburg ist aber immer ihr Herzensort geblieben, ebenso wie edition fünf ihre Herzensangelegenheit geworden ist. Gut, denke ich mir. Ich mag Wasser und Wind. Und ich mag gute Literatur und interessiere mich für Frauenleben. Also frage ich weiter  in fünf Fragen.

Hinter edition fünf steckt nicht nur das Fünferpaket, sondern auch ein fünfköpfiges Team. Wie haben Sie sich gefunden?

 »Ich habe mehrere Male im Sommer an der Textwerkstatt der BücherFrauen-Akademie in der Akademie am Meer auf Sylt teilgenommen, die von Karen Nölle geleitet wurde. Wir teilten von Anfang an die selbe Begeisterung für bestimmte Texte. Daher war klar, dass Karen die Herausgeberin von edition fünf werden musste. Unsere Gestalterin Kathleen Bernsdorf kam im Zuge der Vorbereitungen dazu. Wir haben uns mehrere Gestaltungsentwürfe angesehen und uns für sie entschieden, weil schnell offenbar wurde, wie wunderbar sie sich mit den Inhalten unserer Bücher auseinander gesetzt hat. Sophia Jungmann kam 2012 als Lektorin dazu. Und Edition Nautilus haben wir gezielt angesprochen, um sie als Kooperationspartner für den Vertrieb zu gewinnen.

Wie ist die Idee zu edition fünf entstanden?

»Während des Seminars auf Sylt fiel uns immer wieder auf, dass Texte von Autorinnen, die wir verwenden wollten – Eudora Welty, Alice Munro oder Marilynne Robinson beispielsweise – noch nicht ins Deutsche übersetzt worden waren oder nur noch antiquarisch erhältlich waren. An diesem Zustand wollten wir etwas ändern. Die Frage, wie Frauen schreiben, oder ob sie anders schreiben als Männer interessierte uns in diesem Zusammenhang nicht. Aber was sie zu erzählen haben, das interessierte uns.

Seit 2010 gibt edition fünf nun jedes Jahr ein Fünferpaket heraus. Wie werden die Werke ausgewählt?

»Wir haben uns von Anfang an eine feste Struktur auferlegt. Jedes Fünferpaket enthält ein Debüt, einen Klassiker, Kurztexte, eine Biografie oder Memoiren und einen Schmöker. Das Motto kristallisiert sich durch das erste Werk, das wir fest in das nächste Programm aufnehmen. Unser Motto im letzten Jahr, „Verstrickungen“, stand in dem Moment fest, als uns die Biografie „Du wolltest deine Sterne. Sylvia Plath und Ted Hughes“ von Diane Middlebrook angeboten wurde. Mit der Entscheidung für dieses Buch war klar, dass die vier anderen Werke ebenfalls um die Themen Liebe und Beziehung kreisen müssen. Die Auswahl der Bücher treffen wir gemeinsam, wobei Karen Nölle und Sophia Jungmann jahrelange Vorarbeit leisten, indem sie sehr viel lesen. Ich selbst schlage Werke vor, die mir in vielen Jahren meiner Arbeit als Literaturagentin aufgefallen sind und die ich auf dem aktuellen deutschen Markt vermisst habe. Einige Titel finden ihren Weg durch Vorschläge von Buchhändlerinnen, Übersetzerinnen und Lektorinnen zu uns. Inzwischen erreichen uns auch Vorschläge für Originalausgaben, die wir gerne aufgreifen. So sind beispielsweise die Bücher von Alice Pung und Susanna Alakoski zu uns gekommen.«

Wer liest edition fünf?

»Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Unsere Bücher sind – anders als die Frauenliteratur der 70er/80er Jahren – nicht inhaltlich auf ein Zielpublikum zugeschnitten. Mit der Ausstattung haben wir uns jedoch bewusst ein weibliches Gesicht gegeben. Wir wollten gezielt Frauen ansprechen, um auf den weiblichen Aspekt der erzählten Geschichten hinzuweisen. Aus der Resonanz wissen wir, dass wir auch männliche Leser haben. Insgesamt sprechen wir ein literarisch interessiertes Publikum an, das genau wie wir findet, dass gute Bücher nicht veralten. Tatsache ist jedenfalls, dass es heute sehr wichtig ist, ein Programm bereits im Vorfeld zu definieren. Einfach Bücher in die Hand zu nehmen und zu ergründen, einfach nur, weil sie schön und interessant erscheinen – diese Art von Lesereise nimmt heute leider kaum jemand mehr auf sich.«

Und was hält das neue Fünferpaket bereit?

»Das kam vor wenigen Tagen frisch aus der Druckerei Pustet in Regensburg. Das Motto lautet „Alleingänge“. Es enthält „Hanomag“ von Hella Eckert, das ich vor allem wegen seiner besonderen Hafenatmosphäre der 60er Jahre empfehle. Außerdem haben wir „Elizabeth und ihr deutscher Garten“ der Engländerin Elizabeth von Arnim neu übersetzen lassen. Der italienische Klassiker „Agnese geht in den Tod“ von Renata Viganò erscheint bei uns in überarbeiteter Übersetzung. Unsere zwei Originale sind „Wiederbelebung“ von der in Amerika hochgeschätzten Judith Barrington und „Alles absolut bestens bei mir“, eine Anthologie mit 15 Alleingängen aus Finnland, ausgewählt von Helen Moster. Mit Letzterem beziehen wir uns auf das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse und das Wort „Alleingänge“ passt, wie ich finde, hervorragend zu der Art und Weise, wie finnische Frauen im Leben stehen.«

Silke Wenigers bisheriger Favorit stammt übrigens aus der Mottoreihe »Wagnisse« von 2011: Vor ihren Augen sahen sie Gott von Zora Neale Hurston. Auch ich habe mich beim Durchstöbern der mittlerweile 25 Bände zu einem Wagnis hinreißen lassen: Vom Wagnis die Welt in Worte zu fassen von Eudora Welty. Die Autorin erzählt darin ihren Weg in die Schriftstellerei. »Denn jedes echte Wagnis geht von innen aus«, schreibt sie und mein erster Gedanke dazu war, ob nicht das Schreiben an sich das größte Wagnis überhaupt ist. Die Rezension folgt in Kürze.

Info: Alle Bände sind einzeln im normalen Buchhandel oder direkt über die Website des Verlags oder im Shop von Edition Nautilus erhältlich. Seit diesem September gibt es die Bücher auch als Ebooks. edition fünf ist auf der Frankfurter Buchmesse in Halle 4/1 am Stand D37.

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Bilder: edition fünf


»Sehnsucht rief und Sehnsucht antwortete« – Der Zauber des Schwertes. Die Frau im Krieg.

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»Seit Tagen wartete Steffi Römer auf diesen Brief […] Etliche Tage vor Beginn der Theaterferien erschien der Briefträger und brachte den dicken, eingeschriebenen Brief mit der Purpurmarke und dem Poststempel „Berlin“. Steffi schenkte dem Briefträger in ihrer überströmenden Seligkeit ein Fünfmarkstück […] und entfaltete langsam, die Vorfreude voll ausgenießend, das Schriftstück, das ihre Träume solange umgaukelt hatten […] der Kontrakt zu einer Tournee durch Amerika.«

Etwas Wundervolles ist geschehen! Steffi Römer, die Protagonistin in Carry Brachvogels Schwertzauber (1917) – begnadete Schauspielerin, umworbene Ehefrau, Liebling von Allen – hält das Ziel ihrer Träume in den Händen: eine Tournee durch Amerika. Eben noch hat sie ihren Mann Rudolf davon überzeugen können, ihn und die Kinder für Wochen allein zu lassen, da bricht der Erste Weltkrieg aus. Das Schwert zerschlägt die Seifenblase, der Traum zerplatzt. Vielmehr: Er wird zum Albtraum. Die Theater schließen. Und Steffi, die in erster Linie für die Bühne lebt, fühlt sich wie ein »Luxusgegenstand von gestern« – vollkommen fehl am Platz, identitätslos und ohne Verständis aus ihrer Umwelt, für die nur noch der Krieg Thema ist.

»Steffi Römer sah mit gepreßtem Herzen und erschrockenen Augen auf eine Welt, die sie nicht mehr verstand.«

»Aber, liebe Steffi, jetzt kommt es doch wahrhaftig nicht aufs Theaterspielen an. Jetzt geht es um ganz andre Dinge, und es ist ganz gleichgültig, ob die Theater spielen oder nicht!«

Jetzt schert sich niemand mehr um die Kunst. Jetzt wird ein anderes Spiel gespielt, das »Ringelspiel der Qual«. Denn das Schwert, in dem ein »geheimer Zauber verborgen« liegt, schwebt auch über Steffis Haus: Rudolf, der sonst nur in die Geisteswissenschaft verbissen ist, meldet sich freiwillig zum Kriegsdienst.

»Jäh war die Vaterlandliebe […] erwacht und sie loderte in mystischen Verzückungen.«

»Oh, du ahnst ja nicht, wie hinreißend schön es ist […] mit den Jungen hinausziehen zu dürfen! […] Ich muß meine Pflicht tun, wie alle andern, und du mußt es tragen, wie alle andern Frauen es tragen.«

Die Männer ziehen von dannen, erfüllt von stolzem Tatendrang. Die Jungen blicken sehnsuchtsvoll zur Front. Mich erinnern diese Schilderungen des »Schwertzauber[s]« an Im Westen nichts Neues von Erich Maria Remarque. Der Roman erschien 1928 und wurde 1930 erstmals von Lewis Milestone (Produktion Carl Laemmle) verfilmt. Buch und Film habe ich vor Jahren gelesen und gesehen – bis heute erinnere ich mich an viele Zeilen und Szenen über den Ersten Weltkrieg aus der Sicht eines jungen Soldaten. Voll Euphorie zieht er mit seinen Freunden in den Krieg. Was ihnen am Ende bleibt sind Schmerz und Tod. Was Steffi bleibt sind ein leerer Schreibtisch, Tagebücher und ein Testament – ein Trauerspiel, das als Beispiel für das Dasein tausender Frauen damals steht: Ein Leben, das kein Leben ist. Bestehend aus hoffen, bangen und warten. Oder wie Carry Brachvogel es beschreibt:

»Kaum je haben wir gefragt, welche Wechselwirkungen zwischen der Frau und dem Krieg bestehen. Krieg und Frau, die beiden Worte scheinen sich ja auch so unversöhnlich gegenüberzustehen, daß man sich gar nicht vorstellen kann, welch anderen Teil die Frau vom Krieg haben sollte als Bangen, Not und Tränen.«

Schwertzauber handelt also vor allem davon, was der Krieg für die Frau bedeutet. Und die Schriftstellerin beschreibt und beurteilt auch in diesem Roman wieder ein Gesellschaftsthema ihrer Zeit anhand eines Frauenschicksals – in ebenso scharfzüngiger und eingehender Sprache – wie sie es bereits in ihrem Erstlingswerk Alltagsmenschen (1895) getan hat. Die Frau als Zurückgebliebende und Wartende. Allein die Schrift bestimmt ihren Alltag. Die Feldpost wird herbeigesehnt, als gäbe es keine Morgen mehr. Denn jeder Brief könnte genau das bedeuten. Die Nachricht von der Front wird zum unverzichtbaren Lebensinhalt. Das geschriebene Wort ist das Ventil aller Gefühle und Gegebenheiten, die der Krieg mit sich bringt. Es ist das einzige Bindeglied, der Vermittler, der Hoffnungsträger und das Richtschwert.

»Nun war er fort, und Tag für Tag wiederholte sich die Frage: „Kommt heute ein Brief?“ […] Sehnsucht rief und Sehnsucht antwortete […] Wenn ein Brief oder eine Karte kam, schien jedesmal für ein paar Stunden die Welt in Sonne getaucht […] Verging aber Tag auf Tag, ohne daß sie Nachricht hatte […] dann stand sie mit tausend und abertausend andern unter dem Schwert. […] Da wurde ihr schwarz vor Augen. Es war ihre eigene Handschrift, die sie jetzt auf dem Umschlag erkannte. Der letzte Brief, den sie an ihren Mann gerichtet hatte, kam zurück und quer über die Adresse hatte eine fremde, ungeschickte Hand geschrieben: „Ist den Heldentod gestorben“.«

»Konnte, ja mußte man da nicht eigentlich eine Falschmeldung glauben und im Herzen Hoffnung hegen [..] Steffi hoffte, und weil sie hoffen wollte, war sie immerfort auf der Suche nach einer Spur, die sie zu Rudolf hinführen konnte […] Allmählich aber […] begann für sie jene Marterzeit, die nicht einmal der ermessen kann, der um einen Toten weint, sondern nur der, dessen Herz einmal draußen, in der weiten Welt, einen Verschollenen suchte. Denn es gibt wohl Worte, die eine größere Tragik umreißen, aber keines, das so armselig, so trostlos wäre, wie das Wort „verschollen“.«

Schwertzauber ist das dritte Werk von Carry Brachvogel, das beim Münchner Allitera Verlag in der edition monacenisa, herausgegeben von der Monacensia, (Münchner Literaturarchiv und Bibliothek), erschienen ist. Da mir bereits Alltagsmenschen gefallen hat, kam ich nicht umhin, auch Schwertzauber zu lesen. Und wieder bin ich überzeugt! Vom Können der Schriftstellerin und davon, dass es höchste Zeit war, sie zu veröffentlichen. Und wie Carry Brachvogel den Zauber des Krieges einfängt, geht für mich schon immer von der Feldpost meines Urgroßvaters ein Zauber aus. Die Zeilen eines Sanitätssoldaten, der im Zweiten Weltkrieg in Russland, Stalingrad, stationiert war, strahlen einen unschätzbaren Wert aus. Denn seine Worte kreieren das Bild eines Menschen, den ich nur von einem Foto kenne und öffnen die Tür zu einer anderen Welt. Auszüge aus dem Osten vom 25. Oktober bis zum 30. Dezember 1942 – das Datum seit dem er als vermisst gilt:

»Liebe Frau u Kinder! Nun will ich dir einige Worte schreiben […] Wir hatten das Glück die heilige Kommunion zu empfangen. der Gottesdiensdt war in einem zusammengeschossenen Haus. Wir sagen einige Lieder die Orgel war das getöse der Kanonen u Bomben. Es wird Tag u Nacht geschossen ununterbrochen. Es ist die wahre Hölle hier […] Nun liebe Frau, schike u schreib mir jetzt fleißig. Ich warte mit schmerzen auf Antwort bin bis jetzt noch Gesund u am leben […] Hoffentlich darf ich euch Wiedersehen […] Es sind harte Kämpfe hier ich hätte es mir nie so vor gestellt. Aber da vergeht einem hören und sehen. Nun liebe Frau u Kinder ihr werdet wohl mich nicht vergessen […]

[…] sollte es schief gehen so bleibe bei den Kindern und auch bei mir weist schon wie ich meine […] Aber ich Hoffe dass ich euch wieder sehen darf. Also auf ein frohes Wiedersehen. Wann weiss ich auch nicht aber die Zeit wird auf einmal kommen. Ich hoffe das beste […] aber nochmals Liebe Frau muss ich dir schreiben mach dir keine Sorgen […]

[…] Vielleicht hast du schon etwas gehört von unserer Lage dann kannst du dir es schon denken warum wir keine Post bekommen […] Habt ihr auch eine warme Stube. Nun kommt bald das Weihnachtsfest da wäre es hald schön zu Hause bei euch meine Lieben. Must eben du liebe Mutter den Christbaum nachen und dabei an mich denken. Haben die Kinder auch Schuhe auf den Winter. Wir haben schon ziemlich Schnee und Kalt […] Ich weiß es ist ein schweres Weihnachten für dich aber sei zufrieden und bete mit den Kindern […] schik mir doch etwas zu Essen bei uns ist es wirklich etwas gnab. ein Stueckchen Brot im Tag […] 

[…] Es ist Abend Samstag u in 6 Tagen Weihnachten. Da kannst du dir schon denken, wo die Gedanken sind. Und bis jetzt noch kein Weihnachtspaket und einen mächtigen Hunger. Liebe Frau dieser Brief hat mir nicht so recht gefallen. In dem du schreibst warum die anderen noch […] u ich in Russland ich kann eben nichts machen. Die anderen Kameraden sind auch bei mir. Es sind auch schon einige Verwundet u gefallen. bis jetzt bin ich ja noch Gotlob verschont geblieben. Es gruesst und kuesst dich also herzlich Anton […]

[…] Liebe Frau habt ihr auch gut Weihnachten gefeiert. Ich hatte kein Weihnachten. Ich hatte dienst über alle Feiertage bei Tag u Nacht. Ich werde diese Tage nie vergessen und wenn ich einmal bei Euch zu Hause bin dann werde ich euch diese Sachen erzählen […]

[…] schreib mir alles was du mir wieder weist und was über Weihnachten alles vor sich ging. du weist ja liebe Frau dass ich imer etwas neugierig bin es würde dir auch so gehen. Ich hoffe auf ein baldiges Wiedersehen! Viele Gruesse und ein gutes Neujahr an euch alle. Gruss und Kuss führ dich und Kinder. Nochmals Gruss!«

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Titel: Schwertzauber; Autorin: Carry Brachvogel; Allitera Verlag München; Mai 2014; edition monacensia; Monacensia – Literaturarchiv und Bibliothek (Hrsg.), Paperback; 168 Seiten: 12,90 Euro.

Bild oben: Allitera Verlag


»Einen Koffer voll Wärme und den Mund voll überraschter Wörter«

bayerische schrifstellerinnen

Liesl Karlstadt würdigt »Die deutsche Laugenbretzel«, Grete Weil geht bis »Ans Ende der Welt«, Gisela Elsner kreiert »Die Mahlzeit«, Monika Mann zeichnet »Capri-Skizzen«, Marietta di Monaco schreibt »An Jo«, bei Annette Kolb geht es »Auf und nieder« und Maria Beig findet »Das gute Ende«  – »Bayerische Schriftstellerinnen – ein Lesebuch« vereint 26 Texte mit 26 Biografien. Für die Auswahl haben die Herausgeberinnen Dietlind Pedarnig und Edda Ziegler ihr Augenmerk vor allem auf unbekannt(er)e Autorinnen gelegt. Es sind Frauen, die die Anfänge der weiblichen Schreibkultur um 1800 mitgeprägt, ihre Entfaltung im Laufe des 19. Jahrhunderts unterstützt haben und dies bis heute tun. Alle 26 Autorinnen wurden, wie der Titel verrät, in Bayern geboren – ihre Herkunft geht oftmals über die Grenzen der Landeshauptstadt hinaus aufs Land; dorthin, wo die Texte zwischen Wiesen und Wäldern in bäuerlichen Verhältnissen entstanden – und auch genau so klingen. »Der Bua« von der Volksdichterin Emerenz Meier (1874-1928), verdeutlicht wohl am besten, was einem beim Lesen über den Weg läuft: Eine gehörige Portion Dialekt! Im Falle von Meier kommt der aus dem Mund der unverheirateten, gerade frisch gebackenen Mutter Resei:

»’A Buam hast! A Mordstrumm Buar is´s. Na, der stirbt dir g´wiß net!‘ Die junge Mutter wischte sich den Schweiß aus dem runden, erhitzten Gesicht und erhob sich ein wenig, um sich den Wunderbuben, der nicht sterben sollte, selbst anzusehen. Aber mit beiden Händen drückte die Hebamme sie die Kissen zurück. ‚Ob´st di´net stad haltst, du dumm´s Ding! Ob´st du net leig´n bleibst, heut´ und morg´n und übermorg´n! […].‘ ‚Jessas, kegl´dir doch´s Mäul net aus!‘ rief Resei mit einer Stimme, der man anhörte, daß sie gewohnt war, in den Burgwäldern zu jodeln und zu jauchzen. ‚Daß i´ mi´ebba nimmer rühr´n derf weg´n dem Buam! So zoag mir ´hn doch wenigstens her, daß i´sehg, was er für a G´sicht anmacht!’«

Die Anthologie steckt voller Heimattenor in ganz unterschiedlichen Klängen. Dabei handelt es sich keineswegs um Geschichten von Heim und Herd. Die Texte beschreiben literarisch die bayerische Landschaft, die Kultur, die Menschen – und die Politik! Ein Werk, das inhaltlich besonders heraussticht, ist »In der Redaktion der Patrioten« von Paula Schlier (1899-1977), die 1923 als Stenotypistin beim »Völkischen Beobachter« in München gearbeitet hat. Sie schildert in Form von Tagebucheinträgen unverblümt den Redaktionsalltag des größten öffentlichen Organs der nationalsozialistischen Ideologie und liefert damit geschichtsträchtige Fakten aus erster Hand und in sensibler Sprache.

»[… ] Wenn in diesem politischen Theater alle Gefühle durch übertriebene Gesten verkitscht, Krafteiereien für Stärke, Menschen durch Phrasen glücklich gemacht und Vaterlandsliebe mittels […] der ‚eisernen Diktatorenfaust‘ hergestellt und gezüchtet werden soll (dies alles aber unter der Devise der Erneuerung und Freiheit) […] wenn niemand mehr selbst denken und etwas opfern und Verantwortung tragen will, wenn keiner mehr neben dem anderen geachtet und unbeschadet in seiner Menschlichkeit bestehen kann, – wenn so ein frischer, schöner Hersttag nach dem anderen von der Wichtigtuerei dieser Spießer zerstört […] wird, wenn wir alle nur noch um unsere bloßen Existenz, um unserer Leibes willen, zu leben scheinen, – wenn die ganze Welt so völlig verloren ist und überall so wenig Liebe und solche Geistlosigkeit triumphiert […].«

Was mir am besten gefällt ist der Auszug aus dem Roman »Der Blechsoldat« von Marianne Ach (*1942) – wegen der Protagonistin Margarete und so wunderbaren Sätzen wie diesen:

»Margarete erzählt Märchen, erinnert sich, fliegt fort, hat Flügel bekommen.«

»Es gibt viel Elend auf der Welt und auch viel Schönes. Geh hinaus ins Freie. Raben sitzen im Geäst und warten wie du auf den Frühling.«

»Margarete nimmt die Strickjacke, den Mantel, ihre Schuhschachtel, in der sie ein paar Kostbarkeiten verwahrt hat, einen Koffer voll Wärme und den Mund voll überraschter Wörter.«

 »Die Nacht ist ein großer Schattenmann.«

»Margarete tastet, riecht und schmeckt die Freiheit.«

»Margarete steht auf, geht auf Wolken, ist leicht wie eine Feder, fällt, wacht auf, hat blaue Flecken auf der Stirn, Blut an den Händen. ‚Die Farbe rot ist meine Lieblingsfarbe‘, sagt sie, streicht mit der Zunge über ihre Hand, schmeckt das Blut. ‚Immer wieder aufstehen‘, sagt sie.«

Titel: Bayerische Schriftstellerinnen – Ein Lesebuch; Allitera Verlag; 263 Seiten; Paperback; 16,90 Euro.

Info: Am Donnerstag, 15. Mai um 20 Uhr, werden die »Bayerischen Schriftstellerinnen« mit einer musikalischen Lesung in der Realwirtschaft Stragula in München vorgestellt. Mitwirkende sind Michaela May (Lesung), Maria Reiter (Akkordeon) und Dietlind Pedarnig (Moderation). Karten gibt es im Vorverkauf für 8 Euro/ermäßigt 5 Euro, erhältlich unter info@allitera.de oder 089/13929046. Karten an der Abendkasse: 10 Euro/ermäßigt 7 Euro.

Bild: Allitera Verlag