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wir sind doch, wir sind doch alle gleich, irgendwie. oder nicht? ich meine, was soll das denn? also hör mal! sei´s drum. es ist eh, wie es ist. was nützt es uns, die großartigen unterschiede hervorzuheben, wenn wir am ende doch denselben gedanken teilen. was ein glück. was ein bullshit. was wir nicht alles wissen. was wir alles nicht wissen. blödsinn. uns rennt eh die zeit davon. es fängt doch gerade erst an. sei´s drum. wen kümmert das schon. wirklich, wen kümmerts. das ist doch alles nicht konkret. was ist schon konkret. nichts ist konkret. korrekt. ist doch egal. ist doch alles egal. klartext. nun warten wir mal ab. hauptsache es tut sich was. punktuell. stillschweigend. subtil. ja, mit feingefühl. mit sprache.

wo setzt du den stift an?

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»Ich knie in einer Wolke« Whiteout

 

Die Vergangenheit sagt uns, wer wir sind, ohne sie verlieren wir unsere Identität.

(Hannas Leitgedanke von Stephen Hawking)

 

Hanna ist von eisiger Kälte umgeben, als sie erfährt, dass Fido tot ist. Sie befindet sich in der Antarktis, führt mit einer kleinen Forschergruppe eine Expedition durch, und ausgerechnet hier, umgeben von den Weiten des weißen Nichts , inmitten eines Alltags, der von Ausharren und Abwarten, von Brettspielen und Schnapstrinken, von Wind und Wetter bestimmt ist, wird sie aus der Bahn geworfen.

»Unser Herz schlägt nicht mehr. Über der eisigen Weite liegt eine Stille, glatt wie Emaille. Die Zeltwand flattert leise, doch sonst höre ich nichts. Etwas ist schiefgegangen.«

Während die Tage mit  »Frieren, hieven, frieren, hieven« verstreichen, verliert sich Hanna in ihren Gedanken. Etwas bohrt sich in die Tiefe, ein Abgrund tut sich auf, etwas wird an die Oberfläche geholt, etwas reißt auf, zerreißt Hannas Herz.

»Ein Loch so tief, wie der Eiffelturm hoch ist, das ist der Plan. Das ist unsere Forschung. Darum bin ich hier. Darum sind wir alle hier. Weil wir nichts mehr und dringender wollen, als dem Eis seine Geheimnisse zu entlocken.«

»Mit dir war das anders. Du warst in mir drin. Warst mir so vertraut wie das Gefühl der eigenen Zunge im Mund, so selbstverständlich wie der nächste Atemzug. Seither habe ich niemanden mehr so gut gekannt. Und jetzt bist du tot.«

Erinnerungen holen sie ein, an sie und Jan und Fido, an diese Freundschaft zwischen ihr, ihrem Bruder und ihrer besten Freundin, die für die Ewigkeit gemacht schien, die plötzlich zu Ende ging, als Fido ohne ein Wort aus ihrem Leben verschwunden ist. Hanna war damals wie benommen, wie sie auch jetzt wieder benommen ist. Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen, alles wird von dem Gedanken an Fidos Tod bedeckt.

»Ich knie in einer Wolke […] aus allen Richtungen peitschen mir die Flocken entgegen. Schwarz-Weiß-Fernsehen nach Sendeschluss […] Whiteout. […] Die Grenze zwischen Himmel und Erde ist ausradiert, oben und unten sind nicht mehr da, Linien und Farben ausgelöscht.«

Die Gegenwart wird geblendet, überstrahlt von der Kälte, mit der diese Geschichte geendet hat, und von dem eisigen Gefühl, dass es nicht mehr bereinigt werden kann. Und dabei ist das Eis das einzige, was Hanna Trost spendet, was ihr Klarheit verschafft, weil es beständig ist, unvergänglich, für die Ewigkeit gemacht.

»Das Ausmaß an Ödnis ist atemberaubend, macht mich immer wieder stumm und zugleich seltsam froh. Ich fühle mich sauber. Der Kopf gefegt bis in die Ecken.«

Whiteout kommt wie eine seichte Windböe daher, die einen eisig trifft, mit voller Wucht, von beklemmend schöner Traurigkeit begleitet.

»Benommen sinke ich auf die Knie, lege die Hände in den Schnee, der weder weich ist noch sanft. In meinen Bronchien rasselt der Atem, es klopft und wummert im ganzen Leib. Ich kann nicht anders, als zu hören, wie das Blut durch meine Adern pumpt. Höre mein Leben. Und dahinter, davor, darüber eine mächtige, gewaltige Stille. Ich atme ein. Ich atme aus. Ich bin. Allein. So ist es hier: Alles ist nichts und wenig viel. Und Einsamkeit das tröstlichste Gefühl.«

 

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Whiteout von Anne von Canal, mare Verlag, 2017, 186 Seiten


Neulich in der Nische

Freitagnachmittag-Simmung in Berlin-Schöneberg: Ich steige an der Hohenfriedbergstraße aus dem Bus 104, denn hier in der Nähe bin ich verabredet. Ich steuere die Gustav-Müller-Straße an und gehe nur ein paar Minuten an hübschen Häuserreihen entlang, und ehe ich mich versehe, stehe ich vor einem Schaufenster und sehe Sebastian Guggolz an seinem Schreibtisch sitzen. Kurz überkommt mich das Gefühl, dass ich ihn nicht stören will, weil er so konzentriert aussieht, doch die Neugier lässt mich nicht lange zögern, also öffne ich die Tür und erwarte fast, dass es beim Eintreten klingelt, denn das alles erinnert mich an eine Kleinladen-Atmosphäre, nur dass es kein Laden ist, sondern ein Verlag, der Guggolz Verlag.

Vor vier Jahren hat Sebastian Guggolz seinen Verlag gegründet, und ich verfolge schon lange das Programm – es war es also mal Zeit für einen Kaffee. Wir machen uns auf ins Taubenschlag, sein Lieblingscafé auf der Roten Insel, wie diese Gegend so schön genannt wird, und ich muss ihm zustimmen: auch ich fühle mich dort gleich wohl. Wir kommen schnell ins Gespräch, reden über Gott und die Welt, wobei Gott dabei weniger eine Rolle spielt, vielmehr aber die Verlagswelt, und vor allem: die kleine Nische, die er sich mit seinem Verlag geschaffen hat, die bewusst klein ist, die er bewusst klein halten möchte, weil er nichts Großes verfolgt und in meinen Augen doch Großes tut: er belebt Literatur wieder.

Der Guggolz Verlag ist eine Gegenbewegung zum großen Rest der Verlagsbranche. Er reitet nicht auf derselben Welle, schwemmt nicht eine Neuerscheinung nach der nächsten an – er schafft Neuauflagen, Neuübersetzungen von zeitloser Literatur. Er macht sie neu zugänglich, mit Nachworten und Ergänzungen aus historischem, kulturellem, politischem und sprachlichem Kontext. Aus dem Verlagsprofil:

Die Flut an neuen Veröffentlichungen führt dazu, dass die Halbwertszeit der Bücher immer kürzer wird. Die Neuerscheinungen, die sich nicht innerhalb weniger Monate durchsetzen, werden kurzerhand wieder aus den Regalen geräumt, sie verschwinden aus den Buchläden und werden dadurch dem Vergessen preisgegeben.

Das Ziel ist es, diese Literatur auf dem deutschen Buchmarkt breiter und vielgestaltiger verfügbar zu machen. Ziel ist es aber auch, Regionen auf der literarischen Landkarte sichtbar zu machen, die häufig nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen.

Die Inspiration für die Bücher, die er in sein Programm aufnimmt, holt sich Sebastian Guggolz von Reisen, von zufälligen oder gezielten Recherchen, von Vorschlägen, die ihm zugespielt werden. Je Programm im Frühjahr und im Herbst bringt er zwei Titel heraus, manchmal auch drei. Der Guggolz Verlag ist also ein Wiederentdecker, ein Sichtbarmacher, ein Bewahrer, ein Literatur(be)lebender und schlicht und einfach ein Literaturliebender – und viel mehr ist es auch gar nicht, und das ist mehr als genug.

Und ich freue mich wieder einmal auf das neue Frühjahrsprogramm, vor allem auf einen weiteren Titel von dem schottischen Autor James Leslie Mitchell, dessen »Szenen aus Schottland« ich sehr gerne gelesen habe. Nun folgt »Lied vom Abendrot« (Originaltitel: Sunset Song, 1932; erscheint im Februar 2018, aus dem Englischen von Esther Kinsky), das er unter seinem Pseudonym Lewis Grassic Gibbon veröffentlicht hat. Ein Auszug:

»Im Osten gegen das Kobaltblau des Himmels lag das Glitzern der Nordsee, das war hinter Bervie, und in einer Stunde vielleicht mochte sich der Wind dort drehen, und dann würde man schon spüren, wie sich was wandelte in ihm, lebhaft und bockig würde und einen Strom Kühle mitführte von der See.«

 

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Ich werde mir das Buch abholen, werde wieder in den Bus 104 steigen, zur Hohenfriedbergstraße fahren, die Gustav-Müller-Straße entlanggehen, Sebastian Guggolz durch das Schaufenster sehen, bevor ich eintrete in diese kleine Nische für große Literatur. Und vielleicht ist zwischen all der Literaturbelebung wieder Zeit für einen Kaffee im Taubenschlag.

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Ebenfalls sehr zu empfehlen aus dem Guggolz-Programm: Der Mond von Jiří Mahen!

 

Foto: Sebastian Guggolz, Credit: Jonas Holthaus.

 

 


Im Kommen und Gehen

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Gestern hatte ich wieder einmal einen dieser Moment, eine dieser Begegnungen, für die ich Berlin so mag. Am Freitagnachmittag treffe ich im Trubel auf dem Türkischen Markt auf Vinski Valos, der normalerweise um diese Zeit gar nicht mehr dort ist, weil er immer dann geht, wenn das Treiben auf dem Markt zu viel wird, denn dann geht die Konzentration irgendwann flöten. Doch an diesem Nachmittag bleibt er noch ein wenig, weil das Wetter so schön ist, erzählt er, während er mitten im Gewusel auf seiner quietschgelben Schreibmaschine tippt – ein Glück, dass er noch da ist, denn so bekomme auch ich noch ein Gedicht. Denn Vinski schreibt im Kommen und Gehen, auf Märkten, in Bars, in Parks, auf den Straßen, oder wie auf seiner Webseite steht: »[…] might be out in the park clickety-clacking poems to passers-by […].«

The Sidewalk Scribe heißt sein Projekt, und The Pile of Personalities nennt er das Gedicht, das er für mich tippt, nachdem ich ihm ein paar Worte zu mir erzählt habe, während ich neben ihm in der Sonne sitze, einer Straßenmusikerin lausche, und dem Klicken der Schreibmaschine. Das sind diese Momente, das sind diese Begegnungen.

 

Rummaging through a mess of options

digging my way into a pile of people

in search of myself.

I toss away bodies

give them my friends

to breathe into life

to grow into.

I´m rummaging through a mess of options

feeling great

to get some space in my place

to hang out in sunshine

with myself.

 

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»The world´s a curlicue, and I write to coin up it´s tangles.« (Vinski Valos)

 

 


»Wer hat ein Gespür für den eigenen Herzschlag?«

 

»Ich träume von einer langen Treppe, die hinaufführt zu einem abgeschiedenen Raum. Eintritt haben nur diejenigen, die Fehler machen, Umwege gehen, Versuche wagen. In diesem Raum steht nichts als ein langer Tisch mit hölzernen Stühlen. An ihm sitzen verhinderte Einzelgänger, abseits der Allgemeinheit […] Hier zusammenkommen heißt vor allem eines: Reibung spüren. Es ist ein Ort, an dem Blicke erwartungsvoll erwidert werden, nicht in müder Skepsis aneinander vorbeigehen. Wo die Lust am Naiven sich nicht einschüchtern lässt. Souverän ist, wer über die stärkste Phantasie verfügt, nicht über die schärfste Ratio. Ein Geheimclub für alle, die noch ans Geheimnis glauben.«

Für eine Nacht hat mich Sieben Nächte von Simon Strauss komplett eingenommen. So viele Zeilen, die ich unterstrichen habe, weil mir gefällt, wie sie geschrieben sind, wie sie dort stehen, wie sie dort stehen gelassen wurden und auch, weil ich mich ertappt gefühlt habe, und bestätigt, weil ich mich in so vielen Worten wiederfand.

»Der einzige Kampf, der jetzt noch lohnt, ist der ums Gefühl. Die einzige Sehnsucht, die trägt, ist die nach dem schlagenden Herzen […] In den staubigen Archiven der Vernunft haben wir zu oft vergeblich nach Antworten gesucht auf Fragen, die nur auf offenem Deck, unter freiem Himmel gelöst werden können.«

»Ich will wieder den Wunsch nach Wirklichkeit spüren, nicht nur den nach Verwirklichung.«

»Die Welt, die ich in mir trage, lebt vom gesprochenen Wort, von Austausch und Augenaufschlag. Ich brauche das Gespräch, Gesichter, die leuchten. Freiheit und Freundschaft […].«

»Nie geschrien zu haben, immer nur kleinlaut geblieben zu sein, davor fürchte ich mich.«

»Das hier schreibe ich aus Angst.« So beginnt der Ich-Erzähler seine Geschichte, die sich um sieben Nächte dreht, jedoch über mehrere Monate andauert, die ein ganzes Leben in Frage stellt, die einem Leben, seinem Leben einen Lauf gibt, einen anderen, einen neuen Lauf. Denn er hat Angst vor dem Älterwerden, davor, die »magische Zahl 30« zu erreichen, ohne etwas erreicht zu haben. Er hat Angst, etwas verpasst zu haben, dass das Leben bisher an ihm vorbeigezogen ist, dass er sich festlegen muss, dass er stagniert. Er hat Angst, falsche Entscheidungen zu treffen, überhaupt Entscheidungen zu treffen, und er hat Angst vor Ernüchterung, vor dem Erwachsenwerden, und davor, dass beides unmittelbar miteinander in Verbindung stehen könnte.

»Wer zu oft den Fahrstuhl nimmt, findet nicht mehr den Weg zur Hintertreppe. Der bleibt in der Bequemlichkeit stecken, verliert die Sehnsucht, den Drang.«

»Wer hat ein Gespür für den eigenen Herzschlag? […] Mut zum Überwältigt-Sein?«

Also zieht er los, schlägt sich im Auftrag eines Unbekannten sieben Nächte um die Ohren, begeht die sieben Todsünden, schafft sieben Utopien und schreibt darüber. Kapitelweise folgt dem Hochmut die Völlerei, die Faulheit, die Habgier, der Neid, die Wollust, der Jähzorn, und jedes Kapitel hat etwas für sich. Die Faulheit, Acedia, spielt sich am 23. November in seiner Wohnung ab.

»Statt rauszugehen, den Alltag auszufüllen wie ein Kreuzworträtsel, bleibe ich heute zu Hause. In dieser Wohnung, die niemand mehr mit besonderen Erwartungen betritt. Die bis oben hin zugestellt ist mit Gewohnheit.«

»Ich bin nicht oft allein zu Hause. Abends habe ich meist Besuch und tagsüber meide ich meine Wohnung eher. Nachts liege ich hinter verschlossener Tür im Bett. Ansonsten bin ich viel unterwegs, fülle mir die Tage mit Terminen, die mich beschäftigt aussehen lassen und das Fernweh ersticken.«

»Ein Tag auf dem Sofa vor der tickenden Uhr. Nichts versucht, nichts erreicht. Nur gewartet. […] Nur wer sich langweilt, kann sich auch sehnen. Ein Leben, das nie aufschiebt, wird immer nur hecheln, nie frei atmen.«

Das Kapitel gefällt mir, die Faulheit gefällt mir, weil ich sie wenig zelebriere, vielleicht zu wenig. Ich weiß sie wenig zu schätzen, gebe ihr kaum Raum, gebe ihr kaum nach. Das Buch macht mich nachdenklich. Als ich die letzte Seite umblättere, ist es längst dunkel da draußen, und ich blicke aus dem Fenster, in den Nachthimmel, und denke: Wo finde ich diese lange Treppe, die hinaufführt zu einem abgeschiedenen Raum, vor welcher Tür muss ich stehen, welches geheime Klopfzeichen muss ich geben, um in den abgeschiedenen Raum zu gelangen, mich an den langen Tisch auf einen hölzernen Stuhl zu setzen, dem Geheimclub beizutreten, und sei es nur für eine Nacht, oder für sieben Nächte…

»Denn ganz sicher kann diese Welt neue Luftschiffer und echte Träumer gebrauchen.«

 

9783351050412

Sieben Nächte / Simon Strauss / Blumenbar / 138 Seiten/ 2017.


schreibnummer 27

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Wenn die Worte wieder wellen…weiter wellen…

»Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Meer und Himmel ließen sich nicht unterscheiden, nur daß das Meer leicht gefältet war wie ein zerknittertes Tuch … Die Welle hielt inne und zog sich dann wieder zurück, seufzend wie ein Schlafender, dessen Atem unbewußt kommt und geht. Allmählich wurde der dunkle Streif am Horizont klar … Dahinter klärte sich auch der Himmel … und nun breiteten sich flache Streifen von Weiß, Grün und Gelb über den Himmel aus wie die Finger eines Fächers … bis eine breite Flamme sichtbar wurde; ein Feuerbogen loderte am Rande des Horizontes, und rund um ihn her lohte das Meer golden.«

Virginia Woolf, Die Wellen

 

Gelesen in: Frauen am Meer von Tania Schlie, Thiele Verlag.

Bild: Junges Mädchen am Strand, um 1886 von Philip Wilson Steer, Musée d´Orsay, Paris.


Leben auf dem Low-Level

 

»Ich denke an Moritz […] aber sofort entgleitet mir die Erinnerung wieder, wie sehr feiner Stoff, an dem man sich festhalten will, und dann ist es schon zu spät und man greift ins Leere und fällt und fällt ohne aufzuschlagen am Boden, denn unter dem tut sich immer schon ein weiterer auf und unter diesem noch einer, bis man merkt, dass es nur ein Traum ist, aber das ist es ja, glaube ich, nicht, denn dann müsste ich jetzt wirklich schon sehr lange schlafen.«

Eine große Leere ist zwischen den Zeilen von Boris Pofallas Low zu spüren, denn Moritz, der beste Freund des namenlosen Ich-Erzählers, ist verschwunden, und ohne Moritz kommt er sich in Berlin nur verloren vor.

»Du bist jetzt allein, sage ich zu dem Spiegel. Okay? Komm damit klar.«

Er ist einfach nicht mehr aufgetaucht, vom einen auf den anderen Tag. Und die Suche nach ihm zieht sich von Seite zu Seite, durch einen langatmigen Alltag. Der Ich-Erzähler hangelt sich von Ort zu Ort, er geht dorthin, wo er Spuren von Moritz vermutet, doch niemand hat ihn gesehen, niemand weiß von seinem Verschwinden und niemand interessiert sich wirklich dafür.

»Mittlerweile glaube ich, er ist einfach nur weg.« »Ohne dir was zu sagen? Einfach so?« »Als wir uns das letzte Mal gesehen haben, wollte er mir was sagen, aber dann … hat er es doch nicht gemacht. Als wäre das zu schwer für ihn. Oder für mich.«

Es ist eine Geschichte über Momente, die nicht wiederkehren, über Worte, die nie ausgesprochen wurden, über Augenblicke der Wahrheit, über das Leben, das einfach gelebt werden will. Und über das, was man hinterlässt. Was von Moritz bleibt sind Sätze, die nachhallen.

»Wenn man was will, dann muss man vor allem erst mal brennen. Wie ein Streichholz. Reibung, sagte er. Hitze. Und dann verglüht man, irgendwann. Ist doch klar. Aber die meisten brennen nicht. Weil sie Angst haben.«

Doch der Ich-Erzähler brennt nicht, er erlischt. Er führt ein eintöniges Dasein zwischen Underground-Partys, Drogen und einer bedeutungslosen Liebschaft zu Anna, die ihn für einen verlässt, der es besser auf die Reihe bekommt. Es ist ein Leben auf dem Low-Level, voll Ernüchterung und Nichtigkeiten.

»Der Himmel wirkt irrsinnig tief, wie ein Meer, das sich nach oben erstreckt […] meine Hände krallen sich in den Sand; ich habe Angst, in dieses Blau hineinzufallen, so als stünde ich am Rand eines Pools, der keinen Boden hat […] ich mache die Augen zu und überlege, ob das was mit dem Klima zu tun hat, dass es hier so oft einen leeren Himmel gibt, während am Meer eigentlich immer Wolken sind […] als verginge die Zeit überhaupt nicht, wenn nichts passiert, und dann werden die Dinge eben durchsichtig.«

Und so verläuft sich die Geschichte im Nichts. Sie verliert sich einfach, so wie Moritz einfach verschwunden ist. Und genau das gibt dem Roman seine schön-melancholische Stimmung.

»Ich fühle mich immer noch schwach, aber auf eine angenehmere Art als vorher […] zuerst weiß ich nicht, was das ist, woher es kommt und ob es wohl anhalten wird, aber dann wird mir klar, warum ich auf einmal auch erleichtert bin, dass Moritz weggegangen ist: weil er mich mitgenommen hat.«

Und aus der Suche nach jemand anders wird eine leise und langsame Suche nach dem eigenen Selbst…

»[…] und vielleicht ist es ja diese große, stille schöne Leere um Berlin, die einem vorgaukelt, dass man dort, im Zentrum des Nichts, alles werden kann. Oder wenigstens ein Anderer.«

 

9783849303655

Titel: Low, Autor: Boris Pofalla; Metrolit Verlag; 222 Seiten; ET: März 2015.

 

»Warum sollte sich irgendjemand noch irgendwas ausdenken, wenn die Realität schon so verrückt ist?«