Im Kommen und Gehen

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Gestern hatte ich wieder einmal einen dieser Moment, eine dieser Begegnungen, für die ich Berlin so mag. Am Freitagnachmittag treffe ich im Trubel auf dem Türkischen Markt auf Vinski Valos, der normalerweise um diese Zeit gar nicht mehr dort ist, weil er immer dann geht, wenn das Treiben auf dem Markt zu viel wird, denn dann geht die Konzentration irgendwann flöten. Doch an diesem Nachmittag bleibt er noch ein wenig, weil das Wetter so schön ist, erzählt er, während er mitten im Gewusel auf seiner quietschgelben Schreibmaschine tippt – ein Glück, dass er noch da ist, denn so bekomme auch ich noch ein Gedicht. Denn Vinski schreibt im Kommen und Gehen, auf Märkten, in Bars, in Parks, auf den Straßen, oder wie auf seiner Webseite steht: »[…] might be out in the park clickety-clacking poems to passers-by […].«

The Sidewalk Scribe heißt sein Projekt, und The Pile of Personalities nennt er das Gedicht, das er für mich tippt, nachdem ich ihm ein paar Worte zu mir erzählt habe, während ich neben ihm in der Sonne sitze, einer Straßenmusikerin lausche, und dem Klicken der Schreibmaschine. Das sind diese Momente, das sind diese Begegnungen.

 

Rummaging through a mess of options

digging my way into a pile of people

in search of myself.

I toss away bodies

give them my friends

to breathe into life

to grow into.

I´m rummaging through a mess of options

feeling great

to get some space in my place

to hang out in sunshine

with myself.

 

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»The world´s a curlicue, and I write to coin up it´s tangles.« (Vinski Valos)

 

 

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»Wer hat ein Gespür für den eigenen Herzschlag?«

 

»Ich träume von einer langen Treppe, die hinaufführt zu einem abgeschiedenen Raum. Eintritt haben nur diejenigen, die Fehler machen, Umwege gehen, Versuche wagen. In diesem Raum steht nichts als ein langer Tisch mit hölzernen Stühlen. An ihm sitzen verhinderte Einzelgänger, abseits der Allgemeinheit […] Hier zusammenkommen heißt vor allem eines: Reibung spüren. Es ist ein Ort, an dem Blicke erwartungsvoll erwidert werden, nicht in müder Skepsis aneinander vorbeigehen. Wo die Lust am Naiven sich nicht einschüchtern lässt. Souverän ist, wer über die stärkste Phantasie verfügt, nicht über die schärfste Ratio. Ein Geheimclub für alle, die noch ans Geheimnis glauben.«

Für eine Nacht hat mich Sieben Nächte von Simon Strauss komplett eingenommen. So viele Zeilen, die ich unterstrichen habe, weil mir gefällt, wie sie geschrieben sind, wie sie dort stehen, wie sie dort stehen gelassen wurden und auch, weil ich mich ertappt gefühlt habe, und bestätigt, weil ich mich in so vielen Worten wiederfand.

»Der einzige Kampf, der jetzt noch lohnt, ist der ums Gefühl. Die einzige Sehnsucht, die trägt, ist die nach dem schlagenden Herzen […] In den staubigen Archiven der Vernunft haben wir zu oft vergeblich nach Antworten gesucht auf Fragen, die nur auf offenem Deck, unter freiem Himmel gelöst werden können.«

»Ich will wieder den Wunsch nach Wirklichkeit spüren, nicht nur den nach Verwirklichung.«

»Die Welt, die ich in mir trage, lebt vom gesprochenen Wort, von Austausch und Augenaufschlag. Ich brauche das Gespräch, Gesichter, die leuchten. Freiheit und Freundschaft […].«

»Nie geschrien zu haben, immer nur kleinlaut geblieben zu sein, davor fürchte ich mich.«

»Das hier schreibe ich aus Angst.« So beginnt der Ich-Erzähler seine Geschichte, die sich um sieben Nächte dreht, jedoch über mehrere Monate andauert, die ein ganzes Leben in Frage stellt, die einem Leben, seinem Leben einen Lauf gibt, einen anderen, einen neuen Lauf. Denn er hat Angst vor dem Älterwerden, davor, die »magische Zahl 30« zu erreichen, ohne etwas erreicht zu haben. Er hat Angst, etwas verpasst zu haben, dass das Leben bisher an ihm vorbeigezogen ist, dass er sich festlegen muss, dass er stagniert. Er hat Angst, falsche Entscheidungen zu treffen, überhaupt Entscheidungen zu treffen, und er hat Angst vor Ernüchterung, vor dem Erwachsenwerden, und davor, dass beides unmittelbar miteinander in Verbindung stehen könnte.

»Wer zu oft den Fahrstuhl nimmt, findet nicht mehr den Weg zur Hintertreppe. Der bleibt in der Bequemlichkeit stecken, verliert die Sehnsucht, den Drang.«

»Wer hat ein Gespür für den eigenen Herzschlag? […] Mut zum Überwältigt-Sein?«

Also zieht er los, schlägt sich im Auftrag eines Unbekannten sieben Nächte um die Ohren, begeht die sieben Todsünden, schafft sieben Utopien und schreibt darüber. Kapitelweise folgt dem Hochmut die Völlerei, die Faulheit, die Habgier, der Neid, die Wollust, der Jähzorn, und jedes Kapitel hat etwas für sich. Die Faulheit, Acedia, spielt sich am 23. November in seiner Wohnung ab.

»Statt rauszugehen, den Alltag auszufüllen wie ein Kreuzworträtsel, bleibe ich heute zu Hause. In dieser Wohnung, die niemand mehr mit besonderen Erwartungen betritt. Die bis oben hin zugestellt ist mit Gewohnheit.«

»Ich bin nicht oft allein zu Hause. Abends habe ich meist Besuch und tagsüber meide ich meine Wohnung eher. Nachts liege ich hinter verschlossener Tür im Bett. Ansonsten bin ich viel unterwegs, fülle mir die Tage mit Terminen, die mich beschäftigt aussehen lassen und das Fernweh ersticken.«

»Ein Tag auf dem Sofa vor der tickenden Uhr. Nichts versucht, nichts erreicht. Nur gewartet. […] Nur wer sich langweilt, kann sich auch sehnen. Ein Leben, das nie aufschiebt, wird immer nur hecheln, nie frei atmen.«

Das Kapitel gefällt mir, die Faulheit gefällt mir, weil ich sie wenig zelebriere, vielleicht zu wenig. Ich weiß sie wenig zu schätzen, gebe ihr kaum Raum, gebe ihr kaum nach. Das Buch macht mich nachdenklich. Als ich die letzte Seite umblättere, ist es längst dunkel da draußen, und ich blicke aus dem Fenster, in den Nachthimmel, und denke: Wo finde ich diese lange Treppe, die hinaufführt zu einem abgeschiedenen Raum, vor welcher Tür muss ich stehen, welches geheime Klopfzeichen muss ich geben, um in den abgeschiedenen Raum zu gelangen, mich an den langen Tisch auf einen hölzernen Stuhl zu setzen, dem Geheimclub beizutreten, und sei es nur für eine Nacht, oder für sieben Nächte…

»Denn ganz sicher kann diese Welt neue Luftschiffer und echte Träumer gebrauchen.«

 

9783351050412

Sieben Nächte / Simon Strauss / Blumenbar / 138 Seiten/ 2017.


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Wenn die Worte wieder wellen…weiter wellen…

»Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Meer und Himmel ließen sich nicht unterscheiden, nur daß das Meer leicht gefältet war wie ein zerknittertes Tuch … Die Welle hielt inne und zog sich dann wieder zurück, seufzend wie ein Schlafender, dessen Atem unbewußt kommt und geht. Allmählich wurde der dunkle Streif am Horizont klar … Dahinter klärte sich auch der Himmel … und nun breiteten sich flache Streifen von Weiß, Grün und Gelb über den Himmel aus wie die Finger eines Fächers … bis eine breite Flamme sichtbar wurde; ein Feuerbogen loderte am Rande des Horizontes, und rund um ihn her lohte das Meer golden.«

Virginia Woolf, Die Wellen

 

Gelesen in: Frauen am Meer von Tania Schlie, Thiele Verlag.

Bild: Junges Mädchen am Strand, um 1886 von Philip Wilson Steer, Musée d´Orsay, Paris.


Leben auf dem Low-Level

 

»Ich denke an Moritz […] aber sofort entgleitet mir die Erinnerung wieder, wie sehr feiner Stoff, an dem man sich festhalten will, und dann ist es schon zu spät und man greift ins Leere und fällt und fällt ohne aufzuschlagen am Boden, denn unter dem tut sich immer schon ein weiterer auf und unter diesem noch einer, bis man merkt, dass es nur ein Traum ist, aber das ist es ja, glaube ich, nicht, denn dann müsste ich jetzt wirklich schon sehr lange schlafen.«

Eine große Leere ist zwischen den Zeilen von Boris Pofallas Low zu spüren, denn Moritz, der beste Freund des namenlosen Ich-Erzählers, ist verschwunden, und ohne Moritz kommt er sich in Berlin nur verloren vor.

»Du bist jetzt allein, sage ich zu dem Spiegel. Okay? Komm damit klar.«

Er ist einfach nicht mehr aufgetaucht, vom einen auf den anderen Tag. Und die Suche nach ihm zieht sich von Seite zu Seite, durch einen langatmigen Alltag. Der Ich-Erzähler hangelt sich von Ort zu Ort, er geht dorthin, wo er Spuren von Moritz vermutet, doch niemand hat ihn gesehen, niemand weiß von seinem Verschwinden und niemand interessiert sich wirklich dafür.

»Mittlerweile glaube ich, er ist einfach nur weg.« »Ohne dir was zu sagen? Einfach so?« »Als wir uns das letzte Mal gesehen haben, wollte er mir was sagen, aber dann … hat er es doch nicht gemacht. Als wäre das zu schwer für ihn. Oder für mich.«

Es ist eine Geschichte über Momente, die nicht wiederkehren, über Worte, die nie ausgesprochen wurden, über Augenblicke der Wahrheit, über das Leben, das einfach gelebt werden will. Und über das, was man hinterlässt. Was von Moritz bleibt sind Sätze, die nachhallen.

»Wenn man was will, dann muss man vor allem erst mal brennen. Wie ein Streichholz. Reibung, sagte er. Hitze. Und dann verglüht man, irgendwann. Ist doch klar. Aber die meisten brennen nicht. Weil sie Angst haben.«

Doch der Ich-Erzähler brennt nicht, er erlischt. Er führt ein eintöniges Dasein zwischen Underground-Partys, Drogen und einer bedeutungslosen Liebschaft zu Anna, die ihn für einen verlässt, der es besser auf die Reihe bekommt. Es ist ein Leben auf dem Low-Level, voll Ernüchterung und Nichtigkeiten.

»Der Himmel wirkt irrsinnig tief, wie ein Meer, das sich nach oben erstreckt […] meine Hände krallen sich in den Sand; ich habe Angst, in dieses Blau hineinzufallen, so als stünde ich am Rand eines Pools, der keinen Boden hat […] ich mache die Augen zu und überlege, ob das was mit dem Klima zu tun hat, dass es hier so oft einen leeren Himmel gibt, während am Meer eigentlich immer Wolken sind […] als verginge die Zeit überhaupt nicht, wenn nichts passiert, und dann werden die Dinge eben durchsichtig.«

Und so verläuft sich die Geschichte im Nichts. Sie verliert sich einfach, so wie Moritz einfach verschwunden ist. Und genau das gibt dem Roman seine schön-melancholische Stimmung.

»Ich fühle mich immer noch schwach, aber auf eine angenehmere Art als vorher […] zuerst weiß ich nicht, was das ist, woher es kommt und ob es wohl anhalten wird, aber dann wird mir klar, warum ich auf einmal auch erleichtert bin, dass Moritz weggegangen ist: weil er mich mitgenommen hat.«

Und aus der Suche nach jemand anders wird eine leise und langsame Suche nach dem eigenen Selbst…

»[…] und vielleicht ist es ja diese große, stille schöne Leere um Berlin, die einem vorgaukelt, dass man dort, im Zentrum des Nichts, alles werden kann. Oder wenigstens ein Anderer.«

 

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Titel: Low, Autor: Boris Pofalla; Metrolit Verlag; 222 Seiten; ET: März 2015.

 

»Warum sollte sich irgendjemand noch irgendwas ausdenken, wenn die Realität schon so verrückt ist?«

 


In einer »in Ruinen liegenden Welt« – Jérôme Ferraris Balco Atlantico

»Es geschieht oft, dass mich das Welttheater niederschmettert.«

Korsika um die Jahrtausendwende, ein Dorf in den Bergen, eine Bar, die zum Mittelpunkt einer Geschichte wird, in der sich tragische Schicksale auf den Barhockern tummeln, die auf direktem Weg, oder auch zufällig, miteinander in Berührung kommen. Da sind die Untergrundkämpfer der »Fronte di Liberazione Naziunale Corsu«, allen voran Vincent Leandri, Stéphane Campana und Dominique Guerrinideren, die Seite an Seite kämpfen, bis aus Kameradschaft Feindschaft wird. Da sind ihre Frauen, die dem Lauf der Dinge ohnmächtig folgen. Da ist Marie-Angèle, die Besitzerin der Bar und ihr Ex-Mann Théodore, ein irrer Wissenschaftler, der sich nicht mit der Trennung anfreunden kann. Da ist ihre Tochter Virgine, die einer heillosen Liebe zu Stéphane verfallen ist. Und da sind die arabischen Geschwister Hayet und Khaled und ihr Freund Ryad, die von einem anderen, einem besseren Leben auf der Insel träumen.

»Wenn man frisch irgendwo ankommt, sieht man so viele Dinge. Man ist fasziniert vom Leben. […] Man hat das Gefühl, alles kreise um ein gemeinsames Werk, einen arglosen Lebenswillen, ganz erfüllt vom Wissen um das Wie und auch das Warum. Und so war ich glücklich. Zumindest für einen Augenblick.«

Doch Aufbruch wandelt sich in Stillstand, Euphorie schlägt sich in Ernüchterung nieder. Die Handlung von Jérôme Ferraris Balco Atlantico beginnt mit einem Mord und ihr weiterer Verlauf ist von Gewalt, Hass und Zerstörung gezeichnet. Es ist eine unerbittliche Geschichte, die einem Kriminalroman ähnelt, in der eine Unterscheidung zwischen Tätern und Opfern schwerfällt. Sie springt zwischen zwei Jahrzehnten, macht sich überholte Ansichten und zurückliegende Taten zu eigen. Sie schwimmt im Vergangenen und spült jenes an, was davon übrig geblieben ist. Die Melancholie weht dabei wie ein seichter Wind durch das Dorf, zu seicht um wachzurütteln. Ihr voran stürmen Rache und Wut in die Leben und Seelen der Protagonisten. Nur leicht zeichnet sich ein Hoffnungsschimmer ab, hält Menschlichkeit Einzug, ab und an. Das Scheitern überwiegt, das sich seinem Schicksal ergeben.

»Und dann begann er immer deutlicher, im Rauschen der Wellen, in der Stille der winterlichen Dörfer, in den über den Tresen hinweggebrüllten Bestellungen der Runden, in all dem hysterischen Getue die Schläge zu vernehmen eines tiefen und dunklem Herzens, eines unheilvollen Herzens, durchflutet von Strömen an Traurigkeit und Überdruss, denen jeder auf verzweifelte Weise und ohne dessen gewahr zu werden zu entkommen trachtete.«

Einzig Hayets und Khaleds Erinnerungen an den Balco Atlantico, der Strandpromenade ihrer marokkanischen Heimatstadt Larache, bilden einen Gegenpart zu der düsteren Szenerie auf Korsika – einen Sehnsuchtsort.

»Er möchte, dass wir ihm von unserer Stadt erzählen. Ich sage ihm sogleich, dass es da eine weitläufige Strandpromenade gibt entlang des Ozeans, auf der spazieren zu gehen sehr angenehm ist und die Balco Atlantico genannt wird. Ich sage ihm, dass man dort die schönsten Sonnenuntergänge der Welt zu sehen bekommt.«

»Und jetzt sind wir hier, alle beide. Wir gehen den Balco Atlantico entlang und Khaled legt seine Hand auf meine Schulter. Wir sehen der Sonne zu, wie sie über dem Ozean untergeht, und er erfindet für mich eine weitere Geschichte. Er zündet einen Joint an, an dem ich zwei, drei Züge werde machen dürfen, mehr aber nicht.«

Neben der spannungsgeladenen Handlung ist es vor allem die wunderbare Eigenheit der Sprache, die den Roman trägt, die ihn so herausragend macht, dass man auch die beiden Nachfolger der Trilogie sofort lesen möchte. Auf Balco Atlantico (2008; deutsche Übersetzung 2013) folgten Und meine Seele ließ ich zurück (2010, deutsche Übersetzung 2011) und Predigt auf den Untergang Roms (2012, deutsche Übersetzung 2013).

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Titel: Balco Atlantico; Autor: Jérôme Ferrari; aus dem Französischen von Christian Ruzicska und Paul Sourzac, secession Verlag für Literatur, 166 Seiten.

 


Mit dem Mond im Gespräch

Heute Abend erzählt mir der Mond, aus einem Buch, einem herausscheinenden, einem gesprächigen, einem unendlich guten Buch. ›Der Mond. Eine Phantasie‹ von Jiří Mahen. Ich blinzle durch das Fenster in die Dunkelheit, fixiere den Nachthimmel, lege meinen Fokus auf ihn, den Ewigen. Ich warte. Auf seine Geschichten. Seine sonderbar schönen, schimmernden Geschichten.

›Hallo, was machst du heute?‹

›Was, siehst du mich denn nicht? Ich stehe am Fenster und sehe, wie du langsam über den Häusergiebeln auftauchst, bedächtig und scheu die Wolken schiebst […].‹

›Ja, so gefällst du mir – sitzt schön in der Ecke eines dämmrigen Kämmerchens und wartest brav auf mich.‹

›Wer bist du und wer bin ich? Was weißt du darüber?‹

›Meine silberne Welt hat ihre Gesetze, aber soll ich sie dem Menschen verständlich machen, muss ich ein wenig gesprächig werden, gerate dann in das Knäuel meiner Phantasie, das schwer zu entwirren ist.‹

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Der Mond, wie er wandert. Wie er kommt und geht, wie er zurückkehrt. Wie er sich wiederholt. Wie er immer und immer und immer…ist.

›Gestern mitten in den arabischen Wüsten – schläfst du?‹

›Du versteckst dich schon den vierten Tag vor mir – ich döse.‹

›Umso besser! Im Halbschlummer erzählt man sich die schönsten Sachen, scheinbar ohne Inhalt und scheinbar ohne Idee, aber dafür schöner…‹

›Guten Abend!‹

›Wie geht´s dir heute?‹

›Ich glaube, schon viel besser als gestern, das war aber nicht so einfach, wie ich es mir vorgestellt hatte […] ich bin voller Gedanken, jeder von ihnen beginnt mit einer Frage und endet mit einer Frage, deshalb sitze ich hier, wo ich sitze […] sonderbar angenehm zerfließt die Zeit…‹

›Guten Abend!‹

›Endlich sehen wir uns also wieder!‹

›Endlich? Verdross es dich, am anderen Ende der Welt zu philosophieren und dir literarische Geschichten auszudenken?‹

›Was denn, ist Literatur nicht das Leben?‹

Ein ewiges Zwiegespräch mit dem Mond. Mein ewiges Zwiegespräch mit dem Mond.

Guten Abend. Guten Abend. Guten Abend.

›Guten Abend! Was schaust du mich so an?‹

 

 

›Der Mond. Eine Phantasie‹ von Jiří Mahen; Guggolz Verlag; Originaltitel (1920): Měsíc; aus dem Tschechischen und mit einem Nachwort von Eduard Schreiber; mit zwölf Zeichnungen von Valeria Gordeew; 133 Seiten; 19 Euro.


Eine Geschichte nimmt ihren Lebenslauf

 

»Agnes ist tot. Eine Geschichte hat sie getötet.«

 

Es ist unmöglich, nicht weiterzulesen, wenn ein Roman einen Anfang macht wie diesen. Es war mir unmöglich, Agnes von Peter Stamm, einmal begonnen, nicht in einem Zug zu Ende zu lesen. Die Geschichte hat mich den Sonntag lang begleitet, vom Küchentisch in ein Café in die U-Bahn auf den Dielenboden mit dem Rücken an den Heizkörper gelehnt, weil es mich ab und an fröstelte, während ich die 36 kurzen Kapitel las. Ein angenehmer Schauder. Eine zärtliche Geschichte, und eine traurige, eine heimlich unheimliche.

Sie werden in einer Bibliothek aufeinander aufmerksam, Agnes und der Erzähler des Romans. Als sie sich näher kennengelernt haben, bittet Agnes ihn, eine Geschichte über sie zu schreiben. Es wird die Geschichte zweier Menschen, die sich lieben und die sich nicht lieben. Die miteinander leben und aneinander vorbeileben. Die ihre Beziehung entlang einer Geschichte hangeln, die gemeinsam verfassen, vorlesen, verwerfen und vorwerfen, die den Zeilen vor- und nachleben. Die sich von einer Geschichte schreiben lassen.

»Ich lese nicht mehr viel«, sagte Agnes , »vielleicht deshalb. Weil ich nicht mehr wollte, daß Bücher Gewalt über mich haben. Es ist wie ein Gift. Ich habe mir eingebildet, ich sei jetzt immun. Aber man wird nicht immun. Im Gegenteil.«

»Es muss etwas passieren, damit die Geschichte interessanter wird«, sagte ich endlich zu Agnes. »Bist du nicht glücklich, so wie wir es haben?« »Doch«, sagte sie, »aber das Glück macht keine guten Geschichten. Glück läßt sich nicht beschreiben. Es ist wie Nebel, wie Rauch, durchsichtig und flüchtig. Hast du jemals einen Maler gesehen, der Rauch malen konnte?«

Die Handlung verstrickt sich in Realem und Erfundenem, sie hinterlässt ein zwiespältiges Gefühl. Es wird nacherzählt und vorweggenommen. Das Ende ist – wissentlich über Agnes´ Tod – zu erwarten, und dennoch schleicht es sich ein, es versteckt sich hinter beiläufigen Sätzen. Die Geschichte nimmt ihren Lauf, ohne Rücksicht auf das Leben. Auch das Schneetreiben vor meinem Fenster passte sich ihr unverfroren an.

»Stell dir vor, in wenigen Wochen liegt hier Schnee, und dann kommt für Monate niemand hierher, und alles ist ganz still und verlassen.«

 

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Agnes von Peter Stamm; Fischer TaschenBibliothek; 154 Seiten.