schreibnummer 27

IMG_8306

Wenn die Worte wieder wellen…weiter wellen…

»Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Meer und Himmel ließen sich nicht unterscheiden, nur daß das Meer leicht gefältet war wie ein zerknittertes Tuch … Die Welle hielt inne und zog sich dann wieder zurück, seufzend wie ein Schlafender, dessen Atem unbewußt kommt und geht. Allmählich wurde der dunkle Streif am Horizont klar … Dahinter klärte sich auch der Himmel … und nun breiteten sich flache Streifen von Weiß, Grün und Gelb über den Himmel aus wie die Finger eines Fächers … bis eine breite Flamme sichtbar wurde; ein Feuerbogen loderte am Rande des Horizontes, und rund um ihn her lohte das Meer golden.«

Virginia Woolf, Die Wellen

 

Gelesen in: Frauen am Meer von Tania Schlie, Thiele Verlag.

Bild: Junges Mädchen am Strand, um 1886 von Philip Wilson Steer, Musée d´Orsay, Paris.


Leben auf dem Low-Level

 

»Ich denke an Moritz […] aber sofort entgleitet mir die Erinnerung wieder, wie sehr feiner Stoff, an dem man sich festhalten will, und dann ist es schon zu spät und man greift ins Leere und fällt und fällt ohne aufzuschlagen am Boden, denn unter dem tut sich immer schon ein weiterer auf und unter diesem noch einer, bis man merkt, dass es nur ein Traum ist, aber das ist es ja, glaube ich, nicht, denn dann müsste ich jetzt wirklich schon sehr lange schlafen.«

Eine große Leere ist zwischen den Zeilen von Boris Pofallas Low zu spüren, denn Moritz, der beste Freund des namenlosen Ich-Erzählers, ist verschwunden, und ohne Moritz kommt er sich in Berlin nur verloren vor.

»Du bist jetzt allein, sage ich zu dem Spiegel. Okay? Komm damit klar.«

Er ist einfach nicht mehr aufgetaucht, vom einen auf den anderen Tag. Und die Suche nach ihm zieht sich von Seite zu Seite, durch einen langatmigen Alltag. Der Ich-Erzähler hangelt sich von Ort zu Ort, er geht dorthin, wo er Spuren von Moritz vermutet, doch niemand hat ihn gesehen, niemand weiß von seinem Verschwinden und niemand interessiert sich wirklich dafür.

»Mittlerweile glaube ich, er ist einfach nur weg.« »Ohne dir was zu sagen? Einfach so?« »Als wir uns das letzte Mal gesehen haben, wollte er mir was sagen, aber dann … hat er es doch nicht gemacht. Als wäre das zu schwer für ihn. Oder für mich.«

Es ist eine Geschichte über Momente, die nicht wiederkehren, über Worte, die nie ausgesprochen wurden, über Augenblicke der Wahrheit, über das Leben, das einfach gelebt werden will. Und über das, was man hinterlässt. Was von Moritz bleibt sind Sätze, die nachhallen.

»Wenn man was will, dann muss man vor allem erst mal brennen. Wie ein Streichholz. Reibung, sagte er. Hitze. Und dann verglüht man, irgendwann. Ist doch klar. Aber die meisten brennen nicht. Weil sie Angst haben.«

Doch der Ich-Erzähler brennt nicht, er erlischt. Er führt ein eintöniges Dasein zwischen Underground-Partys, Drogen und einer bedeutungslosen Liebschaft zu Anna, die ihn für einen verlässt, der es besser auf die Reihe bekommt. Es ist ein Leben auf dem Low-Level, voll Ernüchterung und Nichtigkeiten.

»Der Himmel wirkt irrsinnig tief, wie ein Meer, das sich nach oben erstreckt […] meine Hände krallen sich in den Sand; ich habe Angst, in dieses Blau hineinzufallen, so als stünde ich am Rand eines Pools, der keinen Boden hat […] ich mache die Augen zu und überlege, ob das was mit dem Klima zu tun hat, dass es hier so oft einen leeren Himmel gibt, während am Meer eigentlich immer Wolken sind […] als verginge die Zeit überhaupt nicht, wenn nichts passiert, und dann werden die Dinge eben durchsichtig.«

Und so verläuft sich die Geschichte im Nichts. Sie verliert sich einfach, so wie Moritz einfach verschwunden ist. Und genau das gibt dem Roman seine schön-melancholische Stimmung.

»Ich fühle mich immer noch schwach, aber auf eine angenehmere Art als vorher […] zuerst weiß ich nicht, was das ist, woher es kommt und ob es wohl anhalten wird, aber dann wird mir klar, warum ich auf einmal auch erleichtert bin, dass Moritz weggegangen ist: weil er mich mitgenommen hat.«

Und aus der Suche nach jemand anders wird eine leise und langsame Suche nach dem eigenen Selbst…

»[…] und vielleicht ist es ja diese große, stille schöne Leere um Berlin, die einem vorgaukelt, dass man dort, im Zentrum des Nichts, alles werden kann. Oder wenigstens ein Anderer.«

 

9783849303655

Titel: Low, Autor: Boris Pofalla; Metrolit Verlag; 222 Seiten; ET: März 2015.

 

»Warum sollte sich irgendjemand noch irgendwas ausdenken, wenn die Realität schon so verrückt ist?«

 


In einer »in Ruinen liegenden Welt« – Jérôme Ferraris Balco Atlantico

»Es geschieht oft, dass mich das Welttheater niederschmettert.«

Korsika um die Jahrtausendwende, ein Dorf in den Bergen, eine Bar, die zum Mittelpunkt einer Geschichte wird, in der sich tragische Schicksale auf den Barhockern tummeln, die auf direktem Weg, oder auch zufällig, miteinander in Berührung kommen. Da sind die Untergrundkämpfer der »Fronte di Liberazione Naziunale Corsu«, allen voran Vincent Leandri, Stéphane Campana und Dominique Guerrinideren, die Seite an Seite kämpfen, bis aus Kameradschaft Feindschaft wird. Da sind ihre Frauen, die dem Lauf der Dinge ohnmächtig folgen. Da ist Marie-Angèle, die Besitzerin der Bar und ihr Ex-Mann Théodore, ein irrer Wissenschaftler, der sich nicht mit der Trennung anfreunden kann. Da ist ihre Tochter Virgine, die einer heillosen Liebe zu Stéphane verfallen ist. Und da sind die arabischen Geschwister Hayet und Khaled und ihr Freund Ryad, die von einem anderen, einem besseren Leben auf der Insel träumen.

»Wenn man frisch irgendwo ankommt, sieht man so viele Dinge. Man ist fasziniert vom Leben. […] Man hat das Gefühl, alles kreise um ein gemeinsames Werk, einen arglosen Lebenswillen, ganz erfüllt vom Wissen um das Wie und auch das Warum. Und so war ich glücklich. Zumindest für einen Augenblick.«

Doch Aufbruch wandelt sich in Stillstand, Euphorie schlägt sich in Ernüchterung nieder. Die Handlung von Jérôme Ferraris Balco Atlantico beginnt mit einem Mord und ihr weiterer Verlauf ist von Gewalt, Hass und Zerstörung gezeichnet. Es ist eine unerbittliche Geschichte, die einem Kriminalroman ähnelt, in der eine Unterscheidung zwischen Tätern und Opfern schwerfällt. Sie springt zwischen zwei Jahrzehnten, macht sich überholte Ansichten und zurückliegende Taten zu eigen. Sie schwimmt im Vergangenen und spült jenes an, was davon übrig geblieben ist. Die Melancholie weht dabei wie ein seichter Wind durch das Dorf, zu seicht um wachzurütteln. Ihr voran stürmen Rache und Wut in die Leben und Seelen der Protagonisten. Nur leicht zeichnet sich ein Hoffnungsschimmer ab, hält Menschlichkeit Einzug, ab und an. Das Scheitern überwiegt, das sich seinem Schicksal ergeben.

»Und dann begann er immer deutlicher, im Rauschen der Wellen, in der Stille der winterlichen Dörfer, in den über den Tresen hinweggebrüllten Bestellungen der Runden, in all dem hysterischen Getue die Schläge zu vernehmen eines tiefen und dunklem Herzens, eines unheilvollen Herzens, durchflutet von Strömen an Traurigkeit und Überdruss, denen jeder auf verzweifelte Weise und ohne dessen gewahr zu werden zu entkommen trachtete.«

Einzig Hayets und Khaleds Erinnerungen an den Balco Atlantico, der Strandpromenade ihrer marokkanischen Heimatstadt Larache, bilden einen Gegenpart zu der düsteren Szenerie auf Korsika – einen Sehnsuchtsort.

»Er möchte, dass wir ihm von unserer Stadt erzählen. Ich sage ihm sogleich, dass es da eine weitläufige Strandpromenade gibt entlang des Ozeans, auf der spazieren zu gehen sehr angenehm ist und die Balco Atlantico genannt wird. Ich sage ihm, dass man dort die schönsten Sonnenuntergänge der Welt zu sehen bekommt.«

»Und jetzt sind wir hier, alle beide. Wir gehen den Balco Atlantico entlang und Khaled legt seine Hand auf meine Schulter. Wir sehen der Sonne zu, wie sie über dem Ozean untergeht, und er erfindet für mich eine weitere Geschichte. Er zündet einen Joint an, an dem ich zwei, drei Züge werde machen dürfen, mehr aber nicht.«

Neben der spannungsgeladenen Handlung ist es vor allem die wunderbare Eigenheit der Sprache, die den Roman trägt, die ihn so herausragend macht, dass man auch die beiden Nachfolger der Trilogie sofort lesen möchte. Auf Balco Atlantico (2008; deutsche Übersetzung 2013) folgten Und meine Seele ließ ich zurück (2010, deutsche Übersetzung 2011) und Predigt auf den Untergang Roms (2012, deutsche Übersetzung 2013).

unbenannt5

Titel: Balco Atlantico; Autor: Jérôme Ferrari; aus dem Französischen von Christian Ruzicska und Paul Sourzac, secession Verlag für Literatur, 166 Seiten.

 


Mit dem Mond im Gespräch

Heute Abend erzählt mir der Mond, aus einem Buch, einem herausscheinenden, einem gesprächigen, einem unendlich guten Buch. ›Der Mond. Eine Phantasie‹ von Jiří Mahen. Ich blinzle durch das Fenster in die Dunkelheit, fixiere den Nachthimmel, lege meinen Fokus auf ihn, den Ewigen. Ich warte. Auf seine Geschichten. Seine sonderbar schönen, schimmernden Geschichten.

›Hallo, was machst du heute?‹

›Was, siehst du mich denn nicht? Ich stehe am Fenster und sehe, wie du langsam über den Häusergiebeln auftauchst, bedächtig und scheu die Wolken schiebst […].‹

›Ja, so gefällst du mir – sitzt schön in der Ecke eines dämmrigen Kämmerchens und wartest brav auf mich.‹

›Wer bist du und wer bin ich? Was weißt du darüber?‹

›Meine silberne Welt hat ihre Gesetze, aber soll ich sie dem Menschen verständlich machen, muss ich ein wenig gesprächig werden, gerate dann in das Knäuel meiner Phantasie, das schwer zu entwirren ist.‹

der-mond

 

Der Mond, wie er wandert. Wie er kommt und geht, wie er zurückkehrt. Wie er sich wiederholt. Wie er immer und immer und immer…ist.

›Gestern mitten in den arabischen Wüsten – schläfst du?‹

›Du versteckst dich schon den vierten Tag vor mir – ich döse.‹

›Umso besser! Im Halbschlummer erzählt man sich die schönsten Sachen, scheinbar ohne Inhalt und scheinbar ohne Idee, aber dafür schöner…‹

›Guten Abend!‹

›Wie geht´s dir heute?‹

›Ich glaube, schon viel besser als gestern, das war aber nicht so einfach, wie ich es mir vorgestellt hatte […] ich bin voller Gedanken, jeder von ihnen beginnt mit einer Frage und endet mit einer Frage, deshalb sitze ich hier, wo ich sitze […] sonderbar angenehm zerfließt die Zeit…‹

›Guten Abend!‹

›Endlich sehen wir uns also wieder!‹

›Endlich? Verdross es dich, am anderen Ende der Welt zu philosophieren und dir literarische Geschichten auszudenken?‹

›Was denn, ist Literatur nicht das Leben?‹

Ein ewiges Zwiegespräch mit dem Mond. Mein ewiges Zwiegespräch mit dem Mond.

Guten Abend. Guten Abend. Guten Abend.

›Guten Abend! Was schaust du mich so an?‹

 

 

›Der Mond. Eine Phantasie‹ von Jiří Mahen; Guggolz Verlag; Originaltitel (1920): Měsíc; aus dem Tschechischen und mit einem Nachwort von Eduard Schreiber; mit zwölf Zeichnungen von Valeria Gordeew; 133 Seiten; 19 Euro.


Eine Geschichte nimmt ihren Lebenslauf

 

»Agnes ist tot. Eine Geschichte hat sie getötet.«

 

Es ist unmöglich, nicht weiterzulesen, wenn ein Roman einen Anfang macht wie diesen. Es war mir unmöglich, Agnes von Peter Stamm, einmal begonnen, nicht in einem Zug zu Ende zu lesen. Die Geschichte hat mich den Sonntag lang begleitet, vom Küchentisch in ein Café in die U-Bahn auf den Dielenboden mit dem Rücken an den Heizkörper gelehnt, weil es mich ab und an fröstelte, während ich die 36 kurzen Kapitel las. Ein angenehmer Schauder. Eine zärtliche Geschichte, und eine traurige, eine heimlich unheimliche.

Sie werden in einer Bibliothek aufeinander aufmerksam, Agnes und der Erzähler des Romans. Als sie sich näher kennengelernt haben, bittet Agnes ihn, eine Geschichte über sie zu schreiben. Es wird die Geschichte zweier Menschen, die sich lieben und die sich nicht lieben. Die miteinander leben und aneinander vorbeileben. Die ihre Beziehung entlang einer Geschichte hangeln, die gemeinsam verfassen, vorlesen, verwerfen und vorwerfen, die den Zeilen vor- und nachleben. Die sich von einer Geschichte schreiben lassen.

»Ich lese nicht mehr viel«, sagte Agnes , »vielleicht deshalb. Weil ich nicht mehr wollte, daß Bücher Gewalt über mich haben. Es ist wie ein Gift. Ich habe mir eingebildet, ich sei jetzt immun. Aber man wird nicht immun. Im Gegenteil.«

»Es muss etwas passieren, damit die Geschichte interessanter wird«, sagte ich endlich zu Agnes. »Bist du nicht glücklich, so wie wir es haben?« »Doch«, sagte sie, »aber das Glück macht keine guten Geschichten. Glück läßt sich nicht beschreiben. Es ist wie Nebel, wie Rauch, durchsichtig und flüchtig. Hast du jemals einen Maler gesehen, der Rauch malen konnte?«

Die Handlung verstrickt sich in Realem und Erfundenem, sie hinterlässt ein zwiespältiges Gefühl. Es wird nacherzählt und vorweggenommen. Das Ende ist – wissentlich über Agnes´ Tod – zu erwarten, und dennoch schleicht es sich ein, es versteckt sich hinter beiläufigen Sätzen. Die Geschichte nimmt ihren Lauf, ohne Rücksicht auf das Leben. Auch das Schneetreiben vor meinem Fenster passte sich ihr unverfroren an.

»Stell dir vor, in wenigen Wochen liegt hier Schnee, und dann kommt für Monate niemand hierher, und alles ist ganz still und verlassen.«

 

u1_978-3-596-51151-8_49510921

Agnes von Peter Stamm; Fischer TaschenBibliothek; 154 Seiten.

 


»Ersticke deine verrückten Träume nicht.« Anaïs Nin, ein Tagebuch

Zwischen den Jahren eine Brise Anaïs Nin. Aus einem Tagebuch, einem ihrer frühen Tagebücher, das mir in einem Berliner Antiquariat unverhofft in die Hände gefallen ist. Von Sommer 1920 bis Sommer 1921 geht es; nun ist Winter 1920. Ein halbes Jahr habe ich in den letzten Tagen eilig verinnerlicht, ein halbes Jahr liegt noch vor mir. Philosophisch ist es, sensibel, melancholisch, sarkastisch und gewitzt. Immerzu verträumt. Die richtige Stimmung, ein Jahr zu beenden, ein neues zu beginnen. Anaïs Nin ist 17 Jahre, sie klingt danach und doch älter. Sie liest und schreibt viel, sie beobachtet die Bohème ihrer Zeit, sie tanzt Tanz um Tanz. Sie widmet sich ihren Träumen, nicht jenen, die sie nachts durchlebt. Jenen, die sie in sich trägt, die sie festhält, an denen sie wächst. Ein Appell. Es ist wieder einmal eine Freude in ihre Gedanken, ihre Welt einzutauchen; Satz um Satz in das Hier und Jetzt zu streuen und einen Vorsatz daraus zu ziehen: wieder Tagebuch zu schreiben.

10.Juli

»Aber so lange, bis ich alt und weise und müde bin, werde ich nicht aufhören, mich über so vieles zu wundern.«

13.Juli

»Viele Gedanken tummeln sich in meinem törichten Kopf, und ich muß schreiben, bis zum Schlafengehen.«

19.Juli

»Auf meiner kleinen Bühne, auf der die Vorkommnisse des Tages sich abspielen, stehen viele merkwürdige und interessante Figuren […].«

20. Juli

»Nein, ich bereue diese Stunden nicht, die ich damit verbringe, diese weißen Seiten mit meiner redseligen Tinte zu füllen.«

22. Juli

»Zweifelsohne sehe ich auf dem Bild sehr intelligent aus, aber in Wirklichkeit bin ich nach wie vor ein Wirrkopf.«

3. August

»[…] das Leben, das Leben. Heute Nacht fliest mein Herz über.«

21. August

»Folgende Eigenschaften scheinen für einen zukünftigen Autor unverzichtbar: Phantasie, Fleiß, Ausdauer, Geduld.«

22. August

»Nur die unglücklichen Leute, die keine Phantasie haben, haben kein Flugzeug und müssen zu Fuß gehen.«

10. September

»Und all das ist Unsinn, weil es stimmt, daß wir den größten Teil unseres Glücks selbst in der Hand halten, und was ich jetzt mache, ist Schatten suchen, statt Sonnenschein.«

13. September

»Aber tote Träume lasten schwer.«

14. September

»Gestern Abend war ich die melodramatische, bombastische, redselige und sentimentale Närrin, nichts weiter.«

»Lieber bin ich das einsamste Mädchen auf der Welt, als daß ich Leute empfange, die ich nicht bewundere.«

19. September

»Glück ist töricht, aber Kummer ist unverzeihlich.«

»Neuer Tag, neue Hoffnungen; das ewige Geschenk des Einen, der nie schläft.«

26. September

»Ein Wort ist oft der Schlüssel zu tausend anderen Worten, die miteinander verbunden ein vollständiges Bild in uns erzeugen.«

27. September

»Solche Tage sind so selten im Leben, und meine Seele ist empfindlicher als jede andere den kleinsten Dingen gegenüber.«

»Denn ich fühle, daß ich mich selbst ständig, ununterbrochen und so streng kontrolliere, daß es wirklich wehtut, wenn ich nachts schließlich zu mir selbst sage: Tu, was du tun willst.«

»[…] mein Verstand befindet sich wirklich in einem traurigen Zustand: lauter Widersprüche, Ekstasen und Zweifel.«

»Manchmal kann ich meine Gedanken und Gefühle nicht genau ausdrücken, und ich spüre, daß sie sich in meinem Inneren streiten, lachend, mal schluchzend, mal gegen die Gefängnistür meines Kopfes pochend, laut ihre Freiheit fordernd, doch immer mit einem Ziel: […] zu fliegen?«

5. Oktober

»Ich liebe das Leben, aber das Leben liebt mich nicht. Es will mich enttäuschen, doch meine Träume und ich , wir werden uns niemals trennen.«

6. Oktober

»Was für ein seltsamer Tag! Normalerweise kehre ich die Pflicht von innen nach außen, stelle sie auf den Kopf, mische sie mit meinen Freuden, meinen Studien, meinem Gesang und meinen Meditationen, und die Pflicht läßt mit sich spielen. Heute war es die Pflicht, die mich um den Finger wickelte, unnachgiebig, unbeugsam, mit eisernem Griff […].«

7. Oktober

»Ich wache allerdings nicht weiser auf aus meinen strebsamen Träumen!

11. Oktober

»Es ist, als ob man sich an einer Wolke festhält, damit sie nicht für immer verschwindet.«

19. Oktober

»[…] ich habe den ganzen Tag gesungen, damit ich nicht zuviel denke, denn immer wenn ich denke, stelle ich mir zu viele Fragen!«

27. Oktober

»Oh, wie weit meine Gedanken wandern in einer Nacht wie dieser – wie ich es liebe, so allein zu sitzen und dabei der Geschichte meines großen Abenteuers ein Kapitel hinzuzufügen.«

28. Oktober

»Ersticke deine verrückten Träume nicht.

2. November

»[…] was ich mag – die schöpferischen, einfallsreichen, phantasievollen und poetischen Züge – die Exzentrik, die wechselhaften Stimmungen, die Launen, die komplizierte und verwirrende Seele, das Künstlerherz, das weder treu noch unbeständig ist.«

»Wohin treibt diese Welt?«

16. November

»[…] dieses glänzende lärmende Leben […]«

»Ich bin eine Mischung von unverträglichen  Elementen.«

17. November

»Vielleicht bin ich von Natur aus flatterhaft, und dabei hasse ich Flatterhaftigkeit bei anderen.«

9. Dezember

»Ich glaube, daß es eine Lektion war – einfach, um mir zu zeigen, daß wir auf dieser verwirrenden Welt sind, um sie besser zu machen und dann weiterzugehen.«

11. Dezember

»[…] und ich sitze hier, um zu schreiben, und staune, warum ich mir so oft Sorgen mache über das Leben, das doch so einfach und harmlos erscheint.«

16. Dezember

»Irgendwie habe ich durch dies und das in einen anderen kleinen Winkel der Welt geblickt und es sehr komisch gefunden.«

20. Dezember

»Wenn man seine Fehler kennt, hat man sie schon halb besiegt, sagt man.«

26. Dezember

»Oh Wunder dieses Weihnachtstages! Er begann sehr früh, um sieben Uhr, denn wir mußten zur Messe gehen. Etwa eine Stunde später waren wir alle um den Baum versammelt. Der Baum reichte bis zur Decke und war schwer von Lametta und Schnee und Kerzen – doch wer kann schon einen Weihnachtsbaum beschreiben? «

 31. Dezember

»Jahr für Jahr trage ich meine Abenteuer in die Welt […].«

 

img_0326

Anaïs Nin: Tagebücher 1920-1921, dtv, 366 Seiten.

 

 

 


umnachtet

unspecified03p85hyo

»It´s always night

otherwise we wouldn´t need

light.«

(Thelonious Monk)

 

Mit der Nacht

durch die Nacht

in die Nacht mit Etel Adnan, *1925 in Beirut, Libanon.

 

»Schlafen nicht als Abwesenheit von Wachsein, sondern als das Betreten einer anderen Welt […] Die Nacht ist das Reich der Träume, und Träume sind die größten Expansionen unseres Geistes.«

»Von allen Energien, die wir atmen, ist es am besten, jenen zu folgen, die Träumen entspringen.«

»Worten haftet eine Jenseitigkeit an.«

»[…] Bewegung auf Bewegung, Welle auf Welle, Atem für Atem, Beteuerung für Beteuerung.«

»Ich verbringe Stunden damit, auf die nächste Stunde zu warten.«

»Ein Passagier besteigt ein Schiff. Lasst uns leben, ehe wir sterben.«

»Übrigens sind wir nur ein Fenster zur Welt.«

»Keine Angst vor Widersprüchen […] heutzutage nähren sie meine Gedanken.«

»Heute Nacht habe ich meinen Schatten eingeladen.«

»Nacht ist eine samtene Erfahrung [..] Es handelt sich auch um eine Welt, in der die Sicht […] am größten ist. Dies ist das Gewebe des interstellaren Raums.«

 

Nacht

um Nacht

um Nacht. umnachtet.

 

Nacht von Etel Adnan, Edition Nautilus, 92 Seiten.