Leben auf dem Low-Level

 

»Ich denke an Moritz […] aber sofort entgleitet mir die Erinnerung wieder, wie sehr feiner Stoff, an dem man sich festhalten will, und dann ist es schon zu spät und man greift ins Leere und fällt und fällt ohne aufzuschlagen am Boden, denn unter dem tut sich immer schon ein weiterer auf und unter diesem noch einer, bis man merkt, dass es nur ein Traum ist, aber das ist es ja, glaube ich, nicht, denn dann müsste ich jetzt wirklich schon sehr lange schlafen.«

Eine große Leere ist zwischen den Zeilen von Boris Pofallas Low zu spüren, denn Moritz, der beste Freund des namenlosen Ich-Erzählers, ist verschwunden, und ohne Moritz kommt er sich in Berlin nur verloren vor.

»Du bist jetzt allein, sage ich zu dem Spiegel. Okay? Komm damit klar.«

Er ist einfach nicht mehr aufgetaucht, vom einen auf den anderen Tag. Und die Suche nach ihm zieht sich von Seite zu Seite, durch einen langatmigen Alltag. Der Ich-Erzähler hangelt sich von Ort zu Ort, er geht dorthin, wo er Spuren von Moritz vermutet, doch niemand hat ihn gesehen, niemand weiß von seinem Verschwinden und niemand interessiert sich wirklich dafür.

»Mittlerweile glaube ich, er ist einfach nur weg.« »Ohne dir was zu sagen? Einfach so?« »Als wir uns das letzte Mal gesehen haben, wollte er mir was sagen, aber dann … hat er es doch nicht gemacht. Als wäre das zu schwer für ihn. Oder für mich.«

Es ist eine Geschichte über Momente, die nicht wiederkehren, über Worte, die nie ausgesprochen wurden, über Augenblicke der Wahrheit, über das Leben, das einfach gelebt werden will. Und über das, was man hinterlässt. Was von Moritz bleibt sind Sätze, die nachhallen.

»Wenn man was will, dann muss man vor allem erst mal brennen. Wie ein Streichholz. Reibung, sagte er. Hitze. Und dann verglüht man, irgendwann. Ist doch klar. Aber die meisten brennen nicht. Weil sie Angst haben.«

Doch der Ich-Erzähler brennt nicht, er erlischt. Er führt ein eintöniges Dasein zwischen Underground-Partys, Drogen und einer bedeutungslosen Liebschaft zu Anna, die ihn für einen verlässt, der es besser auf die Reihe bekommt. Es ist ein Leben auf dem Low-Level, voll Ernüchterung und Nichtigkeiten.

»Der Himmel wirkt irrsinnig tief, wie ein Meer, das sich nach oben erstreckt […] meine Hände krallen sich in den Sand; ich habe Angst, in dieses Blau hineinzufallen, so als stünde ich am Rand eines Pools, der keinen Boden hat […] ich mache die Augen zu und überlege, ob das was mit dem Klima zu tun hat, dass es hier so oft einen leeren Himmel gibt, während am Meer eigentlich immer Wolken sind […] als verginge die Zeit überhaupt nicht, wenn nichts passiert, und dann werden die Dinge eben durchsichtig.«

Und so verläuft sich die Geschichte im Nichts. Sie verliert sich einfach, so wie Moritz einfach verschwunden ist. Und genau das gibt dem Roman seine schön-melancholische Stimmung.

»Ich fühle mich immer noch schwach, aber auf eine angenehmere Art als vorher […] zuerst weiß ich nicht, was das ist, woher es kommt und ob es wohl anhalten wird, aber dann wird mir klar, warum ich auf einmal auch erleichtert bin, dass Moritz weggegangen ist: weil er mich mitgenommen hat.«

Und aus der Suche nach jemand anders wird eine leise und langsame Suche nach dem eigenen Selbst…

»[…] und vielleicht ist es ja diese große, stille schöne Leere um Berlin, die einem vorgaukelt, dass man dort, im Zentrum des Nichts, alles werden kann. Oder wenigstens ein Anderer.«

 

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Titel: Low, Autor: Boris Pofalla; Metrolit Verlag; 222 Seiten; ET: März 2015.

 

»Warum sollte sich irgendjemand noch irgendwas ausdenken, wenn die Realität schon so verrückt ist?«

 


BOOK FAIRytale V

Letzte Woche um diese Zeit steckte ich noch mittendrin, im Buchmessen-Rummel in Leipzig. Buchmesse, das ist die Zeit des Hotelschlüssels, des Ausstellerausweises, der Wert- und Pfand- und Garderobenmarken, und der Blasenpflaster. Es ist die Zeit der endlosen Schlangen, der Rund um die Uhr am Stand-Schichten, des durch die Menge-Drängens. Es ist die Zeit der alten und der neuen Begegnungen, des immer selben und stets neuen. Es ist die Zeit des Bücherstöberns. Vor allem des Bücherstöberns. Gesucht und gefunden habe ich:

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Das Buch der Wunder von Stefan Beuse; mairisch Verlag 224 Seiten.

»Die andere Welt.« Ihre Augen funkelten. »Lass uns da rein.«

Tom legte seinen Kopf zurück aufs Kissen und strich mit der Hand die Bettdeckenhügel glatt.

»Wie stellst du dir das denn vor?«

»Habt ihr das nicht gelernt, in Bio? Wie das geht?«

»Du kannst nicht einfach die Frequenzen der Welt ändern, Penny.«

Seine Schwester lag wieder vollkommen ruhig.  Tom hörte nicht mal ihren Atem.

»Nein«, sagte sie. »Aber unsere.«

 

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Mehr Schwarz als Lila von Lena Gorelik; rowohlt Berlin 256 Seiten.

»Diese Geschichte ist lang, und sie ist kurz, sie ist verwirrend und vertrackt, verworren ist sie auch, und manch einer würde vielleicht sagen, sie ist verrückt, aber ich nicht.«

 

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Das Umgehen der Orte von Fabian Hischmann; berlin Verlag 208 Seiten.

»Wir waren lange genug still, findest du nicht? Lass uns reden!«

 

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Dinge, die vom Himmel fallen von Selja Ahava; mare Verlag 208 Seiten.

»Der Wind rauschte in den Ohren, plötzlich verschwand jegliche Farbe, und das Meer versank in Finsternis, obwohl es erst sechs Uhr war. Der erste Blitz erleuchtete den Meeresrücken. Im Licht des Blitzes konnte Hamish sehen, wie auf der Wasseroberfläche kleine, scharfe Wellen im Zickzack zuckten […] der Wind nahm so rasant zu, dass nicht einmal die Wellen mitkamen.«

 

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Ein Gott ein Tier von Jérôme Ferrari; secession Verlag 110 Seiten.

»Gewiss die Dinge enden schlecht, und doch, du wärest fortgegangen und du wärest,  sobald die Umarmung der Welt zu drückend geworden wäre, zurückgekehrt zu dir nach Hause. Aber so ist es eben nicht gelaufen, denn die Dinge enden auf ihre rätselhafte und grausame Weise schlecht und lassen sämtliche Illusionen der Hellsichtigkeit an sich zerschellen. Du bist fortgegangen, die Welt hat dich nicht umarmt, und als du zurückkehrtest, da war dies nicht mehr dein Zuhause.«

 

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Reisen ohne Ziel von Harry Martinson, Guggolz Verlag 408 Seiten.

»So flattert man mit einer Sehnsucht um die Erde, und die ungeschriebenen Reiseschilderungen stapeln sich in der Seele.«

»Der Inhalt meines Ichs war eigentlich nur Sehnsucht; eine formlose, wortlose Sehnsucht […].«

»Uns selbst und die Welt müssen wir kennenlernen. Der Weg dahin führt durch guten Willen, guten Willen und nochmals guten Willen.«


BOOK FAIRytale IV/ II

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Fünf buchreiche Tage, elf Bücher haben sich angesammelt, ergänzen meinen Bücherstapel, bis er mir über den Kopf, bis unter die Decke wächst und darüber hinaus. Ich gebe sie gerne an Euch weiter – Leseeindrücke in ein oder zwei oder mehr Sätzen.

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Land spielen von Daniel Mezger

»Wir spielen Land. Sind hierhergezogen in dieses Haus, das eigentlich zu alt ist, um ernst genommen zu werden, wir reißen die alten Böden raus, ohne Geld für neue zu haben, es kommen Spanplatten rein, Spannteppiche drauf […] Unser Reich ist nun verkleinert, aber ist unser Reich, ist immer noch groß genug, um Land zu spielen.«

320 Seiten, Salis Verlag

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Nacht von Etel Adnan

»Ich denke oft darüber nach, wie die Menschheit wohl wäre, wenn sie bei Nacht gelebt hätte. Wenn sie das blendende Licht unserer Tage durchschlafen hätte. Vielleicht wären wir der Liebe gegenüber sensibler gewesen.«

96 Seiten, Edition Nautilus

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M Train von Patti Smith

»Das ist ein Gedicht. Ein Gedicht ohne jegliche Poesie. Ich war verblüfft. War das gut oder nicht? Sie ließ meine Seiten auf den Boden gleiten. Ich stand auf und folgte ihr ans Fenster.«

336 Seiten, Kiepenheuer & Witsch

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Balco Atlantico von Jérôme Ferrari

»Erstaunlicherweise fühlte er sich, einmal seiner Illusionen und Überseeträume entledigt, besser. Er war glücklich, das Dorf wiedergefunden zu haben, dem er so leidenschaftlich entflohen war. Er war bereit zu akzeptieren, das, was er war, zu sein.«

174 Seiten; secession Verlag

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Zweiundzwanzig von Jean-Philippe Blondel

» Ich sehe mich auf der Rückbank eines Autos, mit ausgebreiteten Armen, den Kopf zurückgelegt, mit Blick auf die Welt da draußen, den strahlend blauen Himmel, die vorbeifliegenden, ausgefransten Wolken, manchmal Vögel, die Wipfel der Pinien, der Ozean kann nicht weit sein, bald, bald werde ich oben auf der Düne stehen, werde meine Sandalen ausziehen und mich hinunterrollen lassen.«

160 Seiten, mare Verlag

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Meine geniale Freundin von Elena Ferrante

» Als Lila und ich uns entschlossen, die dunkle Treppe nach oben zu steigen, die, Stufe für Stufe, Absatz für Absatz, zu Don Achilles Wohnungstür führte, begann unsere Freundschaft.«

422 Seiten, Suhrkamp Verlag

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Realitätsgewitter von Julia Zange

» Es ist unfassbar beängstigend, niemanden mehr zu brauchen. Es fühlt sich zwar frei, aber gleichzeitig unendlich einsam an. Mir fällt ein, dass meine Mutter eigentlich immer ans Meer ziehen wollte. Aber der Gedanke verzieht sich mit dem Nachtwind.«

157 Seiten, Aufbau Verlag

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Väter von Babet Mader

Als Papa noch da war, seid ihr in den Ferien immer in die Berge gefahren. Ihr habt im Rhythmus eures Laufschritts geatmet, gesungen und seid die Berge hoch zum Gipfel geschnauft wie eine vierköpfige Eisenbahn.«

176 Seiten, Open House Verlag

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Konzert ohne Dichter von Klaus Modick

»Nirgends öffnet sich ein Horizont, nirgends ein Durchblick, nirgends eine neue Perspektive. Nirgends Freiheit. Ein schöner Vorhang, der die Wirklichkeit verbirgt, eine Mauer, die das Leben ausschließt.«

240 Seiten, Kiepenhauer & Witsch

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Philosophie des Meeres von Gunter Scholtz

» Die Wiege der Philosophie stand am Meer und ihr Grundprinzip war das Wasser […] Auch unsere Ausdrucksweisen für Veränderungen in der menschlichen Welt – der Fluss der Zeit, die geistige Strömung, die Welle der Mode, der politische Dammbruch, die Flut der Migranten usw. – sind fast sämtlich Wasser- und Meeres-Metaphern.«

288 Seiten, mare Verlag

 

Und dann noch dieser unfassbar schöne Bildband vom gestalten Verlag:

Surf Odyssey – The Culture of Wave Riding

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Bücher.

Dit is wat we delen – This is what we share – Dies ist, was wir teilen.

Motto des diesjährigen Gastlandes Flandern & Die Niederlande.

 Wie wahr.


book fairyTALE IV / I: Das mit den roten Haaren

Dieses Jahr schöpfe ich die Frankfurter Buchmesse so richtig aus. Fünf Tage bin ich dort und das verlangt nach mehr als einem Blog Post. Es gibt Geschichten zu erzählen, reichlich. Nicht nur jene, die zwischen den unzähligen Buchseiten warten, sondern auch die aus den Gängen der Messehallen. Und diese hier hat damit zu tun, dass es mir neben den unabhängigen Verlage auch die unabhängigen Magazine besonders angetan haben. Daheim stapeln sich die Magazine mit den Büchern um die Wette. Dem Berliner Magazin-Laden do you read me? statte ich regelmäßig einen Besuch ab. Kein Wunder also, dass es mich auf der Buchmesse zur »Indiecon Island« (von den Machern des Indiecon Festivals) verschlägt. Ein wenig schwelge ich bei diesem Thema stets in den Erinnerungen an [Lautschrift], das Magazin, an dem ich selbst einmal beteiligt war. Es ist ein Teil meiner Literaturlaufbahn, ebenso wie meine roten Haare ein Teil von mir sind. Was hast das eine mit dem anderen zu tun? Wo ich schon beim schöpfen war, komme ich nun zum Schopf – dem Haarschopf. Denn als ich mitten im Magazinvergnügen stehe und staune, tippt mir jemand auf die Schulter. »Hey, du hast ja rote Haare!« Ich drehe mich um. »Gut erkannt!« Mir stehen ebenfalls rote Haare gegenüber. Sie gehören zu Tristan, dem Herausgeber des weltweit einzigen Magazins für Rothaarige. Er drückt mir die neueste Ausgabe vom MC1R in die Hand. Eigenartig, denke ich erst. Was für ein passender Titel, denke ich später, als ich mich schlau mache: MC1R ist die Abkürzung für den Melanocortinrezeptor 1, der zum Chromosom 16 gehört, das die Haarfarbe beeinflusst. Bei Rothaarigen ist das verändert. Grund genug ein Magazin daraus zu machen? Eindeutig! Das MC1R erscheint bereit zum fünften Mal, Anklang findet es also, auch von mir (natürlich bin ich da befangen). Why do I have freckles? fragt ein Artikel. Being a Ginger in New Zealand erzählt ein anderer. Redheads of the World zeigt eine Karte. Das Magazin ist in die Rubriken Culture, People, Design und Photography unterteilt. Ich blättere neugierig, mit hochrotem Kopf – im wahrsten Sinne.

Auf der unabhängigen Insel gibt es auch Das Wetter – Magazin für Text und Musik. Ebenfalls ein hübsches Stück! Und meine roten Haare haben sich in ein Magazin geschlichen, das sich dort ebenfalls einreiht: das Blog-to-Print Magazin archiv/e. Der Reise- und Fotoblog von Cindy, cake + camera,  wird darin vorgestellt, mit dabei ist folgendes Foto.

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So schließt sich der Kreis. Die Freude an den unabhängigen Magazinen bleibt und die roten Haare, die wachsen und gedeihen. Und was die Buchmesse angeht: Ich entdecke weiter und berichte, so wie in den letzten Jahren auch.

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Info: MC1R – The magazine for redheads; 160 Seiten, auf Englisch, lieferbar in die ganze Welt und darüber hinaus; 16 Euro.

Bild: MC1R


Vom Schreiben und der Einsamkeit

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» […] das Gegengift zu Einsamkeit ist nicht das wahllose Zusammensein mit irgendwelchen Leuten. «

Nur ein Satz und ich habe aufgehorcht. Abgespeichert und aufgehoben. Immer wieder an ihn gedacht. Er stammt von Benedict Wells, aus seinem neuen Roman Vom Ende der Einsamkeit. Beim internationalen literaturfestival berlin hat er daraus gelesen – aus drei Stellen; eine dauerte 15 Minuten, eine sieben Minuten und eine 40 Sekunden. Die schleichendschnelle Zeit der Einsamkeit.

Nun lese ich die Seiten zwischen den Ausschnitten; viele sind es nicht mehr. Ich hatte es eilig. Wollte dem Ende der Einsamkeit nachspüren. Nicht etwa, weil ich einsam bin. Weil mich neugierig macht, wie Einsamkeit entsteht. Wie sie gelebt wird. Wie sie bleibt und wie sie geht. Ob sie ein Ende findet. Und: Wie sie beschrieben werden kann und auch, wie sie zum Schreiben führt.

Drei Geschwister, ein Schicksalsschlag. Die Eltern sterben bei einem Unfall, die behütete Kindheit ist mit einem Schlag vorbei. Jules, Liz und Marty wachsen im Internat auf. Jeder kämpft auf eigene Faust. Sie gehen in verschiedene Richtungen und begegnen sich doch immer wieder – denn auch als Erwachsene holt sie die Vergangenheit ein…

Ich mag die Geschichte, es steckt viel drin. Einiges hat mich überrumpelt, meine Neugier ist hellwach. Die letzten Seiten kann ich mir kaum aufheben.

» Man schreibt manchmal, um die Welt einen Tick zu korrigieren «, meinte Benedict an diesem Abend im Heimathafen Neukölln. Was er über das Schreiben sagte, ging mir nahe. Man schreibt manchmal, um die eigene Welt einen Tick zu korrigieren, dachte ich. Um sie für sich geradezurücken.

Bald möchte ich mehr von ihm wissen. Benedict bekommt ein paar Fragen von mir. Und ihr bekommt das Interview. Bis dahin lese ich Vom Ende der Einsamkeit zu Ende.

 

Benedict Wells – Vom Ende der Einsamkeit; Diogenes Verlag, 368 Seiten.


Sommerlang im Garten mit Mercè Rodoreda

Ich war im Garten, den Sommer über. Ich saß  unter den Magnolienbäumen, bei den Gladiolen, den Wildrosen und ich konnte es spüren, das sanfte Gras unter meinen Füßen, die Sträucher, die mich an den Beinen kitzelten. Ich konnte sie riechen, die vielen Blumen. Und ich konnte es sehen, das Meer, unter mir. Ich war nicht allein. Senyore Francesc und Senyoreta Rosamaria gehörte das Herrenhaus. Ihre Freundinnen Eulália und Maragda waren da. Auch die Köchin Quima, Miranda das Dienstmädchen und immer neue Gäste. Und Feliu, der wieder und wieder das Meer malte. Seestücke nannte er seine Bilder. Wir alle waren dort, auf diesem Anwesen in Spanien, unweit von Barcelona in den späten Zwanzigerjahren. Wir tranken Wein und Kognak und Wermut. Vor allem Wermut. Wir feierten Partys, jagten ein Äffchen, streichelten einen kleinen Löwen, ritten aus. Wir sprangen ins Wasser, sonnten uns. Und der Gärtner sah uns dabei zu, auch wenn er so tat, als würde er arbeiten. Er sah einfach alles. Kein Wunder, dass diese Geschichte nur aus seiner Sicht erzählt werden konnte. Seit Jahrzehnten wohnte er dort, inmitten seiner Blumenzwiebeln und Samen und erlebte, wie Francesc und Rosamaria Sommer für Sommer wiederkehren und wie sich ihre Geschichten und die ihrer Begleiter ineinander verstrickten. Er war unser aller Verbündeter. Auch dann, als wir keine Verbündeten mehr waren.

» Ich habe schon immer gerne erfahren, was den Leuten so alles passiert, und das nicht etwa, weil ich neugierig wäre…Eher, weil ich Menschen mag […]. «

Eine Villa wurde auf dem Grundstück nebenan gebaut, eine große mit einem noch größeren Garten. Niemand aber konnte unserem Garten über dem Meer das Wasser reichen.

» Der Garten ist ein bisschen verrückt «, sagte sie. » Alles wächst durcheinander. Lilien, Malven und Bohnenranken. «

Doch wie der Garten, wuchsen auch wir wild ineinander und voneinander weg. Senyore Bellom wurde unser Nachbar und mit ihm zogen seine Tochter Maribel und deren Mann Eugeni ein. Er war die Jugendliebe von Senyora Rosamaria. Als er über die Buchsbaumhecke kletterte, geriet unser Idyll aus den Fugen. Was blieb, waren ungeschminkte Wahrheiten. Und ein Blumenstrauß, der auf der Rückbank eines Autos landete. Und das Meer, das mit uns spielte, immerzu.

» Die Wellen wischten über den Sand, auf und ab, auf und ab…wusch! Gischt und Rückzug, und wieder nach vorn und wusch! […] immer wieder kehren die Wellen zu ihrem Wasser zurück, das sie loslässt und doch nicht hergibt, immer tun sie so, als kämen sie zu einem, sommers wie winters, hier habt ihr zwei Muscheln, seht doch zu, ob ihr uns fangt…«

Schon La plaça del Diamant von der katalanischen Schriftstellerin Mercè Rodoreda (1908-1983) hat mich beeindruckt. Ich wollte weitere ihrer Romane lesen. Der Garten über dem Meer ließ mich flanieren, ausgiebig, in meinen Gedanken. Dort, wo der Mond das Meer einschläfert. Sommerlang im Garten, Geschichten lauschend.

» Sehen Sie sich den Garten an […] Sehen Sie, wie die Blätter zittern und uns lauschen? Sie lachen…Wenn Sie eines Nachts unter den Bäumen spazieren gehen, werden Sie schon hören, was Ihnen dieser Garten alles zu erzählen hat…«

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» […] denn jetzt war alles wieder dunkel, und man konnte nichts erkennen: nur die weite, tintenschwarze Fläche und das Kommen und Gehen der Wellen. Auf, auf…wir kommen, wir gehen…«

 

Mercè Rodoreda – Der Garten über dem Meer; mareverlag; aus dem Katalanischen von Kirsten Brandt; 239 Seiten mit einem Nachwort von Roger Willemsen.

 


»So meerisch« Mein Hiddensee von Ulrike Draesner

»Wiesenland, wegeloses Grasmeer. Der feine scharfe Strahl des Glückes, hier anzukommen, schießt durch sie hinduch, links oben zwischen Schulter und Herz. Sie fühlt sich noch benommen von der Reise; die Gerüche und die Seeluft ziehen an ihr, sie kennt das und vergisst es von Mal zu Mal.«

Ein Buch, so luftig leicht und dennoch konzentriert zu lesen, ist, was mir zu Ulrike Draesners Mein Hiddensee auf Anhieb einfällt, was mir auffällt, mit Staunen und mit Sehnen. Mit Se(e)hnsucht. So viele Sätze kommen mir entgegen, und ein Gefühl, das mich letzten Sommer schon entführt hat. Zur See gebannt. Das Wandeln im Wind, das Stapfen auf Sanddünen, hinauf und hinab, das wilde Meer in den widerspenstigen Haaren.

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Nun träume ich wieder. See. Ostsee. Hiddensee. Sämtliche Insellebenswelt eröffnet sich im Buch. Nie zuvor habe ich gelesen, dass ein Stück Land, inmitten der Fluten – »So schmal, so meerisch, so entfernt von alltäglichen Abläufen und Verrichtungen, von Geschwindigkeit« – derart feinbefühlt bedacht, beschrieben werden kann. In alle Einzelheiten zerlegt, bis auf den letzten Sandkorn, den kleinsten Grashalm ergründet. Wundersame Wortspalterei. Mein Bleistift fährt behutsam über das Papier. Ich komme nicht umher, anzustreichen, herauszuschreiben. Vom ersten Absatz an:

»Die Feldlerchen schreien, lassen sich fallen, die dünne Haut der Welt bekommt einen Riss – hinter ihm steht ein großes elektrisches Strahlen. Hart fasst der Wind zu, drückt, Regenwolken hängen am Himmel, alles zeigt sich in sich unterschieden, klar und einzeln geformt. Gräser, den Hang hinauf gepresst, kleeähnlich, doch stattlicher als Klee, helllila strahlende Bergjasionen, weit gebreitet die Fächer der Staubblätter, neben kleinblütigem, duftendem Kraut. Gebeugte Rispen. Zwergenwuchs.«

Ein Spiel mit Formulierungen. Eines, das der Autorin gut liegt und mir gefällt. Die Geschichte, ein Hauch der Vergangenheit, vermischt mit dem Hier, dem Jetzt, zusammenhangslos und doch verbunden – stets auf der Insel. Eine Frau, ein Mann und ein Kind. Inselbesuche, Jahre über. »Bei jeder Ankunft ist die Insel anders als erinnert.« Ich hänge ihr noch nach, ein paar Kapitel habe ich noch zu lesen. Glücklicherweise. Doch wollte ich schon jetzt darüber schreiben. Über Stellen wie diese:

»Der Wald steht da und schläft…Dann wieder Stille – eingekreist von dem Rauschen der Birken und Sanddornbüsche, dem Rascheln der Gräser, den vereinzelten dlr-dlr-dlr-Rufen eines Vogels.«

»Ein Morgensatz, gedacht noch halb aus den Kissen.«

»Was sie zwischen Wasser, Sand und Wind bestens kann: Sie denkt an nichts.«

Das Buch ist »für Lucia, Inselkind«. Ich fühle mich selbst wie das Inselkind, möchte hin, dorthin. Hiddensee soll auch Mein Hiddensee werden. »Die Insel wirkt ähnlich auf sie: Sie erleichtert ihr das Eintauchen in sich selbst.“

»Hat man Glück, hängt man schon nach einem Tag selbst ein wenig so im Leben, wie das Land Richtung Meer hängt: schief, aber gehalten, leicht überspült, halb beträumt, halb tangbedeckt, in eigener Zeit.“

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Titel: Mein Hiddensee; Autorin: Ulrike Draesner; mare Verlag, 198 Seiten.

Foto oben: Cindy Ruch