»Wer A sagt, der muss nicht B sagen.«

cindyruch_140201-12

Elisabeth Hauptmann, Kurt Weill, Bertolt Brecht. Übersetzerin, Komponist, Dramatiker. Sprache, Musik, Text. Japan, Amerika, Deutschland. Osaka, Chicago, Augsburg. 8p.m., 5a.m., 12p.m.. Lehrer, Mutter, Junge. Master, mother, boy. Brecht hoch 3! Bluespots productions hoch 3! Augsburg feiert das Brechtfestival (noch bis zum 10.Februar) und das multimediale Ensemble war zum dritten Mal mit einem außergewöhnlichen, internationalen Theaterprojekt zu Der Jasager und Der Neinsager (He said yes and He said no) dabei. Drei Länder, drei Bühnen, drei Inszenierungen – eine Zeit; Das »Ensemble Brechtkeller« (Osaka) und »The Island Theater« (Chicago) – per Online-Livestream – und die bluespots – hautnah – auf der Augsburger Brechtbühne. Der Zuschauer konnte unmittelbar zwischen den Aufführungen vergleichen. In drei Worten: Japan – Kimono, Sprechgesang, Schattenspiel; Amerika – Braune Hosen, Stühle, Tuch; Augsburg – Barfuß, Leitern, Masken.

Drei verschiedene Inszenierungen, eine Geschichte: Ein Junge begibt sich mit seinem Lehrer und Studenten auf eine Reise über die Berge zu den großen Ärzten, um Medizin für seine kranke Mutter zu holen. Bevor sie die Reise antreten, fragt der Lehrer: »Bist du denn auch einverstanden mit allem, was dir auf der Reise geschehen könnte?« Der Junge bejaht. Diese Antwort wird dem Jasager später zum Verhängnis, als er unterwegs krank wird:

Studenten: »Seit alters her herrscht hier ein Brauch. Die nicht weiterkönnen, werden in das Tal hinabgeschleudert.«

Lehrer: »Es ist ein großer Brauch, ich kann mich ihm nicht wiedersetzen. Aber es gehört auch dazu, dass der, der krank geworden ist, gefragt wird, ob man seinetwegen umkehren soll. Aber der große Brauch schreibt auch vor, dass derjenige antwortet, man solle nicht umkehren.«

Drei unterschiedliche Interpretationen und die grundliegende Frage nach dem Einverständnis:

»Many say yes and there is no agreement.«

»Wichtig zu lernen vor allem ist Einverständnis
Viele sagen ja, und doch ist da kein Einverständnis
Viele werden nicht gefragt, und viele sind einverstanden mit Falschem. Darum:
Wichtig zu lernen ist Einverständnis.«

Der Jasager und Der Neinsager basiert auf dem japanischen Theaterstück »Tanikō« aus dem 15. Jahrhundert. Weil darin nur der Jasager vorkommt (Brecht hat den Neinsager erst in einer zweiten Fassung hinzugefügt) kam bei der traditionellen Inszenierung in Osaka auch nur dessen Rolle vor, während in Chicago zweimal dasselbe Stück mit unterschiedlichem Ende (derselbe Darsteller als Jasager und als Neinsager) gezeigt wurde. In Augsburg wurde die Rollenverteilung per Spruch auf weißem Shirt  (»Ich bin Lehrer, ich vermittle Text«) und Schnick-Schnack-Schnuck entschieden; der Junge wurde von zwei Darstellern gespielt. Brecht hat aus dem ursprünglichen Text ein Lehrstück gemacht. Was lehrt es? Die Antwort ist im Ende zu finden, das die bluespots sehr eindrucksvoll durch ein Masken-Meer aus und in den Zuschauerreihen inszeniert haben: Der Neinsager schreit nein. Der Jasager sagt ja. Die Studenten stürzen ihn, wenn auch widerwillig, ins Tal (von der Leiter) hinab und rechtfertigen ihre Tat mit dem alten Brauch.

Studenten: »Wer A sagt, der muss auch B sagen.«

Neinsager: »Wer A sagt, der muss nicht B sagen. Er kann auch erkennen, dass A falsch war.«

Muss ein Mensch also damit einverstanden sein, sich für das Wohl einer Gemeinschaft zu opfern? Oder sollte die Frage vielmehr lauten: Kann eine Gemeinschaft ihr Handeln nur an altehrwürdigen (An)Weisungen festmachen, oder vielmehr den »neuen Brauch« erfinden, »in jeder neuen Lage, neu nachzudenken?« Wie sehr sind wir an Vorgaben gebunden? An Vergangenes? An Tradition? Wann sollten wir damit brechen? Brecht!

Fotos by Cindy Ruch – Danke!

Zur deutschen Inszenierung durch Bluespots Productions e.V.:

Idee, Konzept und Regie: Leonie Pichler (Galerie-Foto); Regie-Assistenz: Frederick Ford Beckley (USA), Martin de Crignis (in Japan) und Christian Weiblen; Projektmanagement: Lisa Bühler und Rebecca Gebler; Schauspiel: Guido Drell, Arno Friedrich, Vlad Chiriac, Fabio Esposito und Angela Kersten

Zu Bertolt Brecht:

Bertolt Brecht (*10.2.1898 in Augsburg † 14.8.1956 in Ost-Berlin) zählt zu den einflussreichen deutschen Dramatikern und Lyrikern des 20. Jahrhunderts. Er begründete das »Epische Theater«, das die zwei literarischen Gattungen Drama und Epik verbindet und damit die Theaterbühne mit erzählenden Formen der Literatur vereint. Brechts Werke sind auch heute noch international bekannt. Der Jasager und Der Neinsager wurde 1930 in Berlin uraufgeführt.

Advertisements